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Lubmin – wer schon länger hier lebt, kennt es, das alte Kernkraftwerk. Seit 1990 ist es nun abgeschaltet und die EWN GmbH kümmert sich um den Abbau und die Reinigung der Gebäude. Was es dabei alles zu beachten gilt und wie ein Kernkraftwerk aufgebaut ist, kann man hier lernen, denn das stillgelegte Kernkraftwerk bietet allen die Möglichkeit einer Führung durch Block 6.

Die Führung beginnt im Infozentrum gleich am Eingang des Komplexes. Das Besondere in Lubmin ist, dass es zwar in Betrieb war, aber der Block 6 nie in Betrieb genommen wurde. Komplett ausgestattet und eigentlich betriebsfähig, kann man sich so absolut sicher den Block und sogar den Reaktor selbst angucken, was gerade spannend ist, da dieser Bereich für Besucher normalerweise nicht zugänglich ist, durch die Radioaktivität. 

Das ganze Jahr über kann man wochentags von 9.00 bis 17:30 Uhr in das Infozentrum gehen, von Ostern bis Oktober auch am Wochenende. Führungen werden angeboten, meist eine um 10.00 und eine um 14.00 Uhr, nach Absprache ist aber auch ein anderer Zeitpunkt möglich. Die Anmeldung dafür ist nicht verpflichtend, aber erwünscht. 15–20 Personen können pro Gruppe die Führung machen. Ruft einfach mal an! 

Für das gesamte Programm mit Einleitung, Infozentrum und die Führung durch den Block 6 sollte man etwa zweieinhalb Stunden einplanen, vielleicht sogar noch etwas mehr für das Infozentrum im Nachhinein. Wie sowas abläuft, haben wir mal mitgemacht.

Nach der Einladung ließ sich das webmoritz.-Team diese Chance nicht entgehen und mit dem Auto ging es zum Industriekomplex vor den Stadttoren.

Hier sollte vorab erwähnt werden, dass man mit dem Auto am besten zum alten Kernkraftwerk in Lubmin kommt. Mit den Öffentlichen ist es leider etwas schwieriger. Parkplätze sind dafür viele da. Mit Anmeldung kann man auch das Glück haben, dass einem Plätze reserviert werden, uns wurde sogar ein Parkplatz genau vor dem Infozentrum freigehalten.

Nach der Anmeldung und dem Abholen der Besucherschildchen wurden wir gleich freundlich in Empfang genommen. Wichtig ist hier, den Personalausweis mitzubringen. Im Infozentrum standen wir erstmal vor einem Modell der gesamten Anlage.

Unsere erste Frage war natürlich, warum Block 6 nie in Betrieb ging bzw. warum das Kernkraftwerk überhaupt außer Betrieb genommen  wurde. Der Grund ist fast schon albern: Mit der Wende und dem Unfall von Tschernobyl 1986 vertraute man der russischen Technik nicht mehr. Dabei war das Kernkraftwerk Lubmin von einem anderen Typ als das in Tschernobyl. Unter anderem arbeitete das KKW in Lubmin mit einem Wasserkreislauf, denn Wasser brennt schlecht. Tschernobyl hingegen wurde mit Graphit betrieben, was wesentlich besser brennt. [EDIT (19.12.18): Sowohl die Blöcke in Lubmin als auch das Kraftwerk in Tschernobyl wurden natürlich mit Uran betrieben – das Wasser beziehungsweise Graphit diente im Betrieb als Moderator, der die Neutronen abbremst und somit die Kernspaltung erst ermöglicht. In Greifswald war das Wasser sowohl Moderator als auch Wärmeträger, in Tschernobyl nur Wärmeträger und Graphit fungierte als Moderator.]

Trotzdem war danach das Vertrauen erst einmal weg und damit war auch der Plan, Block 6 in Betrieb zu nehmen, vom Tisch.

 

Das Kernkraftwerk hätte aber auch nachgerüstet werden müssen, um weiter in Betrieb bleiben zu können, doch dafür wurde kein Investor gefunden. So wurde für den sofortigen Rückbau plädiert. Der Vorteil eines sofortigen Rückbaus ist, dass man noch das alte, erfahrene Personal vor Ort hat. Diese Arbeitskraft und diesen Erfahrungsschatz kann man für den Rückbau prima nutzen. Natürlich ist ein Großteil mittlerweile in Rente gegangen, aber die wichtigsten Dinge können dadurch an die jüngere Generation weitergegeben werden.

Sofortiger Rückbau heißt aber auch, dass alle Brennelemente sofort in Wasser gelagert werden müssen. [EDIT: Im Zwischenlager Nord auf dem Komplex selbst befindet sich kein Wasser. Bevor das ZLN in Betrieb ging, wurden die abgebrannten Brennelemente im sog. Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente (ZAB) gelagert, dieses stellte ein Nasslager mit Wasserbecken dar. Als das ZLN fertiggestellt worden war, wurden die Brennelemente dann in Castoren verbracht und im ZLN eingelagert.]

Die Blöcke sind jetzt praktisch leer, die Dampferzeuger und Druckgefäße werden auch noch zwischengelagert und gereinigt. Alle Hallen sollen komplett zerlegt werden, dafür müssen sie aber gereinigt werden, das heißt dann Gebäudedekontamination. Es darf nirgendwo mehr Strahlung sein. Und dieser Prozess dauert sehr lange. Deswegen bedeutet KKWs abschalten auch nicht, dass von heute auf morgen das Problem erledigt ist, denn diese Gebäudedekontamination ist ein Prozess, der sich über mehrere Jahre hinwegzieht, da man natürlich auch bemüht ist, soviel wie möglich zu dekontaminieren. Denn das bedeutet auch weniger kontaminiertes Material, das irgendwo gelagert werden muss. 

Der Industriekomplex wird jetzt schon von anderen Firmen genutzt und das soll auch weiter so geschehen. Lubmin soll als Industriestandort erhalten bleiben, als einer der wenigen Arbeitgeber in der Umgebung. Der EWN GmbH gehört die Fläche und sie vermieten diese dann weiter zur Nachnutzung.

Der Plan, Lubmin in ein Endlager für Atommüll zu verwandeln, der mal in der Stadt groß diskutiert wurde, ist schon lange vergessen. „Wir wollen das nicht und es war auch nie dafür gedacht!“, erklären unsere Führerinnen. „Außerdem ist das Gelände gar nicht zulässig. Atommüll in einer übererdigen Halle zu lagern, ist nicht erlaubt – und das ist auch gut so.“ Für Endlager gilt die Auflage, dass man tiefe Gesteinsschichten auswählt. Am besten eignen sich alte Bergwerke und danach wird immer noch viel gesucht in Deutschland. Welche Gesteinssorten sich dafür eignen und welche Bergwerke in Frage kommen, wird in dem Infozentrum ausführlich behandelt. Hier in Lubmin gibt es nur das Zwischenlager Nord für die Rückbaureste, die meist leicht bis mittelstark strahlen. Auch das war nicht immer so angedacht. Man wartet noch darauf, dass [EDIT: das geplante Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle im Schacht Konrad] fertig wird.

Das Zwischenlager soll aber auch hier verbessert werden, damit die Castoren, in denen die Brennstäbe gelagert werden, noch sicherer zwischengelagert werden können. Diese Castoren halten aber so schon jede Menge aus. Ein Video zeigt die Belastungstests, bei denen zum Beispiel ein Zug gegen den Castor fährt und der Zug dabei kaputt geht, nicht der Behälter. Trotzdem entwickelt sich auch die Waffenindustrie weiter und um gegen alle Eventualitäten gewappnet zu sein, muss auch das Zwischenlager aufgerüstet werden, um den entsprechenden Schutz zu bieten.

Im Infozentrum wird viel zum Aufbau eines Kernkraftwerks erklärt, aber ein besonderes Augenmerk liegt natürlich auf dem Strahlenschutz und dem Rückbau. Denn darum geht es hier eigentlich: um das Sensibilisieren für den langwierigen Prozess des Rückbaus eines Kernkraftwerks. Auch wenn festgelegt wurde, dass Deutschland [EDIT: 2022] die Kernkraftwerke ausschaltet.

Dieser Aufwand wird einem in Block 6 besonders bewusst. Dahin geht es auch nach der Einführung im Infozentrum. 

Im Block ist es warm, denn im Winter muss dort sogar geheizt werden, da es logischerweise keine Fenster gibt, über die Feuchtigkeit entweichen kann. Am Eingang setzen wir Helme auf – warum, merken wir schnell: Die Türen sind schmal und klein, da sie als Schleusen fungieren sollten und deswegen möglichst klein sein mussten. Überall gehen Rohre entlang und es ist extra für Besucher erst wirklich Platz geschaffen worden, was man auf dem Boden sehr deutlich erkennen kann. 

Zu Beginn wird das Prinzip des 440MW-Blocks erklärt. Dann geht es durch den Block. Uns werden die Schleusen, die Schutzanzüge, das Schaltpult und vieles mehr gezeigt und erklärt. Die Kontrollschleuse, wo die Kontamination der Mitarbeiter, also ihre oberflächliche Verunreinigung, geprüft wurde und heute in Kraftwerken noch wird, dürfen wir testen. Eigentlich dürfen wir hier alles testen und uns überall umsehen.

 

„Sie dürfen alles, nur nicht abbauen. Das machen wir!“

 

Aber das Highlight kommt erst noch: einen Blick in einen echten Reaktor werfen! Es kommt einem fast schon unwirklich vor. Dass man einfach so in das Innere eines Kernreaktors gucken kann und das ganz ungefährlich, das ist fast schon absurd.

Dafür soll der Block 6 auch erstmal stehen bleiben – als fassbare Erklärung. Als Aufklärung, wie viel Arbeit ein Rückbau der Kernkraftwerke bedeutet. Die Rohre und Geräte sollen auch möglichst viel recycelt werden, deswegen muss alles besonders stark gereinigt werden. Das Ziel ist, dass nur 2% des Abfalls aus Lubmin radioaktiv bleibt und die EWN sieht dem auch positiv entgegen.

Das Bestreben der EWN GmbH ist es, das Kernkraftwerk aufzuräumen und vor allem zu erklären, warum das so lange dauert.

Ein Ausflug lohnt sich! Der Anblick eines Kernkraftwerks von innen und eines Reaktors ist unglaublich und man sieht, wie viele Einzelteile in so einem Komplex verbaut sind, die jetzt alle gereinigt werden müssen. Dieser Ausflug öffnet die Augen und macht einem den Ausstieg aus der Kernkraft gleich noch bewusster.

 
Beitragsbild: Magnus Schult
Bildergalerie: Magnus Schult, Ole Kracht

Kommentare

  1. AG AtomErbe Neckarwestheim    

    Einseitig. Da habt Ihr Euch von der Verharmlosungs-PR einwickeln und instrumentalisieren lassen. Da gerade auch in Deutschland niemand weiß, wohin mit dem fürchterlichen radioaktiven Erbe, versuchen Atom-Betreiber und Behörden inklusive EWN pernament uns zu erzählen, sie hätten alles im Griff, nichts sei gefährlich, und vor allem, dass niedrige Strahlung gar keine Strahlung mehr sei. Diese “alternativen Fakten”, also Lügen, nutzen z.B. einen Trick aus der Strahlenschutzverordnung, die so genannte Freigabe. Diese erlaubt, noch leicht radioaktives und damit immer noch gefährliches Material verwaltungsrechtlich und juristisch wie nicht radioaktives Material zu behandeln und so aus der weiteren Überwachung zu entlassen. Das bedeutet, dass trotz restlicher Strahlung Gebäude weiter benutzt werden dürfen, dass strahlender Bauschutt recycelt und wieder verwendet werden darf, dass noch radioaktives Metall eingeschmolzen und in beliebigen Waren landen darf. Alles ganz offiziell und legal. Aber weil es letztlich doch unmoralisch ist, wird immer und immer wieder so gesprochen, als wäre “juristisch nicht radioaktives” Material auch tatsächlich physikalisch nicht mehr radioaktiv. Und das ist die Lüge, denn es strahlt doch noch und hat damit auch seine biologische Gefährlichkeit. Diese Lüge hat es dann wie berechnet auch in Euren Artikel geschafft, am deutlichsten hier: “… das heißt dann Gebäudedekontamination. Es darf nirgendwo mehr Strahlung sein.”. Es darf eben doch noch sogar messbare und aus dem Atombetrieb entstandene Strahlung dort sein, und die an die Strahlenschutzverordnung angehängten Tabellen listen seitenlang auf, wie viel (wobei KritikerInnen davon ausgehen, dass aufgrund Fehlern der Messprinzipien sogar noch deutlich mehr Radioaktivität in dem “freigegebenen” Material sein kann als offiziell gemessen.
    Leider verbreitet Ihr auch bei anderen Aspekten wie zum Beispiel der “Endlagerung” oder den Castoren die einseitige offiziell erwünschte Propaganda. Dabei gibt es auch in Lubmin und Greifswald kritische Menschen, die Ihr hättet fragen können (s. z.B. lubminnixda.blogsport.de).
    Neben der grundsätzlichen Schieflage des Textes fällt der sachliche Fehler mit der Jahresangabe “dass Deutschland 2020 die Kernkraftwerke ausschaltet” kaum noch ins Gewicht. Tatsächlich sollen nach derzeitiger Rechtslage 2020 die 6 größten AKWs Deutschlands immer noch laufen, drei davon bis zum Jahreswechsel 2021/22 und die anderen drei bis zum Jahreswechsel 2022/23. Und einflussreiche Kräfte arbeiten daran, das noch weiter aufzuweichen.
    Beim Fake-News-Zitat “Atommüll in einer übererdigen Halle zu lagern, ist nicht erlaubt – und das ist auch gut so.” frage ich mich, ob das Absicht oder Schlamperei war. Gerade Lubmin ist eines der größten oberirdischen Lager von Atommüll. Alleine an Castoren werden es in einigen Jahren ungefähr 1900 Stück sein, die oberirdisch gelagert werden. Und das wird dann noch Jahrzehnte so gehen, vielleicht bis in das nächste Jahrhundert oder sogar doch in Form stillschweigender “Enlagerung” für immer. In zwei Orten beweisen die Behörden und zuständigen Minister sogar, dass sie auch Castoren-Lagerung in Lagern ohne gültige Genehmigung dulden und sogar unterstützen.

  2. AG AtomErbe Neckarwestheim    

    Nachtrag: 1900 Castoren bundesweit. Bevor es zu Missverständnissen kommt: die im vorherigen Kommentar genannte Zahl von ungefähr 1900 Castoren gilt für die Gesamtzahl in Deutschland, nicht für Lubmin. Lubmin ist eines von zig oberirdischen Atommülllagern. Unterirdisch wird bisher nur wenig gelagert, und auch das ist recht problematisch, z.B. “freigegebenes” Material im Salzbergwerk Heilbronn/Kochendorf und die Castoren im Tunnellager in Neckarwestheim. Übrigens sollte man neben den offiziellen Lagern auch die vielen Halden und sonstigen Altlasten aus dem Uranbergbau (v.a. der Wismut) und aus Öl- und Gas-Förderung nicht vergessen.

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