Die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten in Ostdeutschland hält an. Es sind meist gut ausgebildete junge Frauen, die gehen. Wer bleibt zurück? Eine Bestandsaufnahme über den heutigen Frauenmangel im Osten der Republik.

Die Anzeige für eine Reportage auf dem lokalen Onlineportal „MV-Spion.de“ spricht für sich:„Du bist männlich, Single und auf der Suche? Die jungen Frauen aus deinem Ort gehen alle in den Westen“. Vor einem halben Jahr wurde der NDR-Beitrag ausgestrahlt, mit dem 29-jährigen Martin* auf der Suche nach einer Partnerin. Er ist einer von Vielen und die Situation wird sich so schnell nicht ändern.
Die Frage nach einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis hat schon viele Menschen beschäftigt. Denn den Konsequenzen durch „zu wenig“ oder „zu viel“ Frauen und Männern will begegnet werden.

Die Entwicklung des Geschlechterverhältnisses in der Bundesrepublik zwischen 1995 und 2005. (Grafik & Quelle: "Not am Mann"-Studie - Institut für Bevölkerung und Entwicklung)

Im Osten Deutschlands, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, hat die Wirklichkeit in den letzten zwanzig Jahren harte Fakten geschaffen. Durch eine niedrige Geburtenzahl und einem hohen Wegzug aus den strukturschwachen Regionen verschärft sich ein Phänomen, was weltweit einmalig ist: Der Osten hat ein Frauendefizit. Die Bevölkerung der ländlichen Gebiete, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern (MV), sinkt seit Jahren, dies aber nicht einheitlich: Verglichen mit anderen Räumen sind überproportional junge, gut ausgebildete Frauen die flüchtende Mehrheit. Der wichtigste Grund hierfür ist die Migration in Regionen mit besseren Arbeitsangeboten.

„Es ist schon interessant, wenn Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall die ehemaligen Grenzen der DDR wieder auf Karten erscheinen, und zwar in einem Lebensbereich, der allgemein weit außerhalb der noch immer üblichen Ost-West-Statistikvergleiche liegt.“ sagt Wolfgang Weiß, Forscher und Dozent am Greifswalder Institut für Geographie und Geologie. Er zeigt eine Übersichtskarte, welche die Frauen-Männer-Quote in Europa darstellt. Nicht einmal im dünn besiedelten Norden Schwedens und Finnlands, einer männerdominierten Bergwerks- und Jagdregion, gibt es einen so hohen Männerüberschuss wie in Nordostdeutschland. „Weltweit werden unsere statistischen Werte nur in einem Land übertroffen: In China durch die Folgen der Ein-Kind-Politik und der auf dem Land verbreiteten, mittelalterlichen Einstellung, unbedingt einen männlichen Erben haben zu müssen, wodurch sehr oft weibliche Föten abgetrieben werden“, so Weiß.

Eine Studie des Berliner „Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“ nahm sich dem Thema vor zwei Jahren an. Die umfangreiche Untersuchung versucht zu ergründen, warum die Abwanderung deutlich von Frauen dominiert wird und welche Folgen sich daraus ergeben.

Vergleich zwischen Geschlechterverhältnis und NPD-Wahlergebnis bei der Bundestagswahl 2005. (Grafik & Quelle: "Not am Mann"-Studie - Institut für Bevölkerung und Entwicklung)

Ein ungleiches Geschlechterverhältnis ist deshalb kritisch, weil es sich in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und verhältnismäßig niedriger Bildungsquote entwickelt und damit die Probleme vor Ort verstärkt und beschleunigt. Der aktuelle demografische Wandel verstärkt die Situation in der Provinz. Die vorhandene Bildung und Selbstbestimmung treffen auf mangelnde Perspektiven und Mobilität. Durch den politischen Wandel mit der Auflösung des Ostblocks und der einhergehenden Unsicherheit brachen die Geburtenzahlen ein. Auch in Rumänien, Estland, Lettland, Polen und Ungarn zeigt sich diese Veränderung. Aus den neuen Bundesländern wanderten in den vergangenen 20 Jahren über 1,5 Millionen Menschen ab. Das sind über zehn Prozent der ostdeutschen Bevölkerung.

Der Großteil dieser Frauen und Männer ist zwischen 25 und 50 Jahren alt, gebildet und auch bereit, für Arbeit die Heimat zu verlassen. Ein Großteil der Männer kehrt wieder zurück – acht von zehn Abwanderern. Von zehn Frauen kommen durchschnittlich zwei zurück. Die Beweggründe der Männer heimzukehren sind meistens ein fehlender Freundeskreis, Partnerlosigkeit, Probleme mit der neuen Arbeit oder eine ungenügende Qualifizierung. Statistische Erhebungen und Gespräche vor Ort zeigen ein dramatisches Bild von überforderten jungen Menschen ohne Visionen und ein politisch-pädagogisches Flickwerk der Ämter und Hilfsangebote.

So zeigt sich auch eine Zunahme der Jugendschwangerschaften, also Frauen, welche vor ihrem zwanzigsten Geburtstag Mutter werden. Die Studie stellt hierzu fest, dass junge Frauen den „Beruf Mutter“ wählen, um nicht arbeitslos oder von Maßnahmen der Arbeitsagentur betroffen zu sein. Exemplarisch stellt eine anonymisierte 28-jährige Befragte fest: „Alle zwei Jahre ein Kind anschaffen, das bringt auch Geld.“ Im Vergleich: Eine ledige, arbeitslose Person hat Anspruch auf 359 Euro und zusätzlichen Mietzuschuss. Einer Mutter mit Kleinkind stehen bis zu 1 100 Euro in den beiden Jahren nach der Geburt zu, durch Kindergeld, Erziehungsgeld und möglichem Unterhaltsvorschuss.

Dabei hat sich das Beschäftigungsverhältnis in vielen Regionen zum Teil umgedreht, die Mehrheit der sozialversicherungspflichtigen Jobs haben Frauen. Bei den Arbeitslosenquoten dominieren die Männer, weil sie zum Teil nicht mehr vermittelbar sind aufgrund des Bildungsstands und der eigenen Motivation.

Den zurückbleibenden Männern ist der Umstand des unausgewogenen Verhältnisses meist nicht wirklich bewusst. Die Einen haben sich eingerichtet, meist noch auf lange Zeit bei den Eltern zu wohnen, die Anderen sind frustriert und kompensieren dies mit Arbeit – wenn denn welche vorhanden ist und die Voraussetzungen stimmen. Als drastisches Beispiel wird Stralsund gesehen, mit bundesweit sehr hohen Werten von Jugendarbeitslosigkeit und einer hohen Rate von jungen Männern, die nicht einmal den Hauptschulabschluss erreicht haben. Ein weiterer Konflikt liegt im steigenden rechtsextremistischen Wahlverhalten. Ob in Randgebieten in Sachsen oder hier in Vorpommern, mehrheitlich sind die Wähler jung und männlich.

Die Studie verweist auf den Zusammenhang zwischen niedrigem Bildungsniveau und steigender Ausländerfeindlichkeit. Hinzu kommt die Einschätzung der Studie, dass der aktuelle Wandel auch die „tief greifende Entwertung traditioneller männlicher Rollenvorstellung“ mit sich bringt. Durch die finanzielle Unabhängigkeit der Frau und gleichzeitigem Bedeutungsverlust der klassischen Männerberufe hat ein Teil der Männer nicht nur bei der Arbeitssuche, sondern auch bei dem Finden einer Partnerin äußerst geringe Chancen. Das birgt männliches Wählerpotential und so versuchen rechte Parteien hier durch Propagierung einer traditionellen Geschlechtertrennung mit dem Machtanspruch beim Mann zu punkten – unter anderem mit einem sogenannten „Müttergeld“, Geld fürs Daheimbleiben und Kinderhüten, also keine Veränderung zu der oben geschilderten Situation. Erhöhte Jugendarbeitslosigkeit führt nicht automatisch zu einem größeren, rechten Wählermilieu, darauf weißt die Studie hin. Wo aber Frauen fehlen, haben die rechten Parteien verstärkt Zulauf.

Droht sich in den entsprechenden Regionen eine „neue, männlich dominierte Unterschicht“ zu etablieren, wie die Berliner Studie befürchtet? Noch ist es nicht soweit, viele Möglichkeiten auf Besserung gibt es nicht. „In diesen Regionen hat rein statistisch mindestens jeder fünfte Mann nicht mehr die Möglichkeit, in bürgerlichem Sinne eine Familie zu gründen.“ stellt Wolfgang Weiß fest. Die Studentinnen zieht es nach dem Abschluss meist wieder in die Heimat oder ins Ausland. Für Zuwanderinnen sind die betroffenen Regionen wirtschaftlich unattraktiv, das mediale Bild der zu oft erfahrenen Fremdenfeindlichkeit schreckt auch Einwanderinnen ab. Die Studie sieht die Politik gefordert und noch Chancen in neuen akzeptierten Rollenbildern, besserer Motivation und der Förderung von mehr männlichem Potential in Kindergärten und Grundschulen. Aber auch die bisherige Förderung ist zu prüfen und generell darf nicht mehr weggesehen werden.

Ein Bericht von Daniel Focke.

Die Fotos aus dem Magazin sind aus  “Was tun – Frauenmangel in Ostdeutschland”, einer Fotodokumentation zum Thema von Gesche Jäger
Grafiken: “Not am Mann”-Studie – Institut für Bevölkerung und Entwicklung

* Name von Redaktion geändert

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