Jedes, aber auch jedes Jahr nehme ich es mir von Neuem vor: Dieses Mal werde ich alle, wirklich alle Geschenke bis spätestens Ende Oktober gekauft und verpackt haben, sodass ich allem Stress entkomme und die Vorweihnachtszeit so richtig genießen kann.
Aber erstens kommt alles anders, und zweitens anders als man denkt. Soll heißen, ab Mitte November beginnt die große Panik: Oh Gott, es ist praktisch schon Weihnachten und ich habe noch keine Geschenke und auch keine Ahnung, was sich wer wünscht. Also wird der übliche Weihnachtsschlachtplan in Gang gesetzt.
Phase 1: Hektisches, stundenlanges Herumtelefonieren nach Weihnachtswünschen von Groß und Klein, wonach man nicht wirklich schlauer ist. Standardantwort: „Ach, ich weiß nicht, dir fällt schon was ein.“ Zumindest der Telekom hat man schon mal ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk zukommen lassen.
Dem folgt der Übergang zu Phase 2: Shopping extrem: man stürzt sich, idealerweise Samstag vormittags, in der stilvoll mit Kunsttannenzweigen und Lichterkettchen dekorierten Innenstadt in den Weihnachtseinkaufstrubel, auch Schlachtfeld genannt. Hier darf man sich dann mit Hunderten anderer Leute unter „Last Christmas“–Dauerbeschallung in Weihnachtskaufstimmung versetzen lassen.
Das ganze Spektakel ist definitiv nichts für Leute mit Platzangst und spätestens nach dem zweiten Laden bekommt Internetshopping einen ganz neuen Reiz. Einige Auseinandersetzungen mit freundlichem Verkaufspersonal später spaziere ich um viele Nerven und einiges Geld ärmer – hat schon mal jemand über die Einführung eines Weihnachtsgeldes für Studenten nachgedacht? – dann doch mit den ersten Einkäufen aus dem letzten Laden, nur um mich direkt in das nächste Chaos zu stürzen.
Phase 3: Geschenke verpacken und verschicken. Da bei vielen der kleinen Menschen, die ich zu Weihnachten zu beschenken habe, die Ausrede „Der Weihnachtsmann hat das Geschenk für dich bei mir abgeben, deshalb bekommst du es etwas später“ nicht zählt, mache ich auch der Post zu Weihnachten eine Freude, indem ich, nach stundenlangem Schlangestehen, exorbitante Beträge dafür hinblättere, Kinderschokolade nach Übersee und Barbieklamotten nach Belgien zu verschiffen.
Habe ich den ganzen Stress hinter mir und tatsächlich alle Geschenke beisammen, beginne ich regelmäßig ernsthaft darüber nachzudenken, den Glauben zu wechseln, um im nächsten Jahr dem Chaos zu entkommen. Aber, so verrät mir ein kurzer Blick ins Lexikon, auch andere Religionen haben Feste, zu denen man sich Dinge schenken muss.
Also tröste ich mich damit, dass Weihnachten ja nur ein Mal im Jahr ist und dass ich nächstes Jahr ganz bestimmt früher mit dem Geschenkekaufen anfangen werde.
Geschrieben von Sarah Riesner



