Die Tour d´Europe in Aveiro, Trento und Novi Sad

Um Mitternacht endlich in Aveiro angekommen, das ca. 100 km nördlich von Lissabon und direkt am Atlantik liegt. Der nächste Tag beschert uns warmes Wetter und Sonnenschein – Schadenfreude versüßt mir den frühen Morgen bei dem Gedanken an das Herbstwetter in Deutschland.

Der Zeitpunkt ist genau richtig, als wir die „Universidade de Aveiro“ mit ihren Departements besuchen. Denn es ist die erste Woche der „Freshmen“. Das entspricht ungefähr unserer Erstsemesterwoche, mit dem Unterschied, dass die Erstis einen ganzen Monat lang von älteren Semestern getriezt und schikaniert und damit in das Studentenleben eingeführt werden. „Das sei Tradition“, lasse ich mir sagen und beobachte gerade, wie die Erstis mit roten Zahlen auf der Stirn gemeinsam im Chor brüllen müssen. Max aus Frankreich erzählt mir, dass solche Traditionen an seiner Uni verboten seien, seit der Aktion, eine Frau mit gelber Farbe und ein Mann mit blauer Farbe anzustreichen, beide in einen Raum zu sperren und sie erst dann wieder heraus zu lassen, wenn beide grün sind. Farbenlehre einmal anders, denke ich. Nach dem Frühstück in der Caféteria, hören wir uns den Vortrag von Tiago aus Portugal an, der Campus Europae den „Freshmen“ vorstellt. Anschließend postieren wir uns an den Ständen und präsentieren unsere Uni, wobei unser dürftiges Infomaterial Asbach uralt ist.
Der Campus entspricht übrigens allen Klischees. Palmen, wo man hinsieht, braungebrannte, stoppelbärtige Männer, Steppenlandschaft und selbst das Essen in der Mensa. Zu Parolen der „Freshmen“ im Hintergrund, essen wir Garnelen, Fisch (Haifisch?) und Muscheln mit Reis. Was sonst? Anschließend machen wir eine Fahrradtour quer durch Aveiro. 26 Fahrräder auf einem Haufen, das sieht stark nach Klassenfahrt aus und fühlt sich auch genauso an.
Nach dem Empfang im Rathaus und dem Lunch in der Mensa, gehen wir abends in einen Club – nur aus Recherchegründen, versteht sich. Die Luft ist mild, die Leute gut gelaunt und überhaupt scheint in dieser Nacht ganz Aveiro auf den Beinen zu sein. An diesem Abend ruft Zach zum ersten Mal das legendäre „Kissingtime“ und meint damit, dass jeder jeden auf die Wange küssen muss. Das erfordert Überwindung, den Rest erledigt der Gruppenzwang. Ich glaube, damit können so einige ihren Drang nach Intimität ausleben. Kurze Zeit später haben wir auch schon das erste Liebespaar.

Die Reise geht weiter

Nach drei bis vier Stunden Schlaf, müssen wir uns von Aveiro verabschieden. Das bedeutet eigentlich nur, dass eine Gruppe von Zombies sehnsüchtig aus dem Fenster guckt, als wir zum Flughafen nach Porto fahren. Der Flug geht bis nach London, wo wir umsteigen müssen, was mit einigen Komplikationen verbunden ist. Die freundlichen Beamten bei der Passkontrolle, zögern bei den Visa der Leute, die nicht aus der EU kommen. Das frustriert und wir bemerken zum ersten Mal, wie problemlos das Reisen für EU- Bürger ist. London Stanstead ist nicht der einzige Flughafen, an dem die beiden Natasas aus Serbien und Alina und Katya aus Weißrussland Einreiseprobleme haben.
Trotzdem geht alles gut und wir landen in Venedig Treviso in Italien und fahren nach einem kurzen Aufenthalt bei MC Donald´s mit dem Zug weiter nach Trento. Wir beziehen unser Lager diesmal in einem Hotel direkt am Marktplatz, von wo aus man nur einige 100 Meter entfernt die letzten Ausläufer der Alpen sehen kann. Einfach nur fantastisch. Und endlich hat das Reisen an diesem Tag ein Ende und wir fallen totmüde in die Betten.
Sonne, blauer Himmel, Temperaturen über 20 Grad – was will man mehr? So beginnt der siebte Tag der Tour. Nach italienischer Mentalität schlendern wir ganz entspannt zur Philosophischen Fakultät und werden dann im „Rettorato“ der „Universita degli studie di Trento“ empfangen.
Danach haben wir bis zum Dinner Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens. Sprich Shoppen, italienischen Macchiato trinken und sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen.
Max aus Frankreich erzählt mir von einem deutschen Punksong aus seiner Schulzeit, der mit den Worten beginnt: „Mein Name ist Günther, ich liebe meine Mutter. Der Käse ist zu stinken, ich will eine Dusche nehmen, ich bin neidisch auf den Käse, weil ich in einem Kühlschrank wohnen möchte.“ 20 Minuten später ist auch mein Lachkrampf vorbei. Nachts gehen nur die Hartgesottenen in die „beer factory“, doch selbst unser irischer Bierliebhaber Paul (“Kiss me I’m Irish“) geht früh schlafen.
Mit 17 Stunden Zugfahrt durch Slowenien, Kroatien und Bosnien- Herzegowina nach Novi Sad in Serbien-Montenegro und nur einer Mahlzeit soll der nächste Tag nämlich der abenteuerlichste werden. Die Passkontrollen in Kroatien werden fast zur Schikane, als die Pässe und Visa von den beiden Natasas zehnmal hin und her gewendet, die Fotos verglichen und Funkgespräche geführt werden. Wir trösten uns mit „Kissingtime“. Unsere multikulturelle Gruppe wird zur Attraktion für die Kontrolleure, von denen einige klischeeentsprechend Alkohol intus haben. Kurz vor Mitternacht haben wir es tatsächlich geschafft und wir quartieren uns im „Domestere“ in Novi Sad ein und die Gruppe ist wieder ein Stückchen mehr zusammengewachsen.

Trinkkultur in Novi Sad

Nach einer eiskalten Nacht auf harten Betten, besichtigen wir zwei „Monastries“. Das Wetter lässt uns leider im Stich und so haben wir nur halb soviel Spaß. Um uns wenigstens innerlich aufzuwärmen, fahren wir zu einer Weinverköstigung nach Svenski Karlovci mitten auf dem Lande. Fotoapparate werden gezückt bei dem Anblick vorbeifahrender Ladas, Moskwitsche und Wartburgs. Für mich als Kind der DDR kein besonderer Anblick. Die Vororte von Novi Sad vermitteln das Gleiche wie die alten Autos. Hier hat sich seit 30 Jahren nichts geändert.
Die Weinverköstigung auf dem Hinterhof eines unscheinbaren Einfamilienhauses beglückt uns umso mehr. Und wir stoßen so lange mit „Bermet“ und „Gourmet“ an, bis wir keinen Trinkspruch mehr kennen.
Leicht angetrunken laufen wir zum Restaurant, wo es als Vorspeise „Fischkopf in Suppe“ gibt.
An die Fischaugen traut sich dann doch niemand ran…Anschließend führen uns die beiden Natasas durch das multikulturelle und moderne Novi Sad.
Müde kommen wir im „Domestere“ wieder an und gönnen uns ein Nickerchen für 45 Minuten. Danach geht‘s weiter in die „beerfactory“.
Helle Halogenlichter, verspiegelte Wände und verchromte Industrieprodukte stehen im Kontrast zu dem Bauernbetrieb der Weinproduktion. Dafür sponsert uns die Firma hinterher ein Abendessen mit Freibier. Der Tag ist hart, aber noch lange nicht zu Ende.

Wie man in Novi Sad feiert, warum die Angst im Zug nach Budapest mit uns fährt und wie nun eine Saunaparty in Riga aussieht, das erfahrt ihr im nächsten moritz.

Geschrieben von Katarina Sass