Bild1Von Iwan Parfentev

Seit dem 22. Oktober gibt es in Greifswald 9 neue Orte, an denen man metaphorisch über ein dunkles Kapitel der Geschichte Deutschlands und Greifswalds stolpert. In einem Gedenkzug, an dem geschätzt 50 Greifswalder und Vertreter der Presse teilnahmen, wurden 14 Stolpersteine verlegt.

Die etwa zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafeln erinnern mit einer Inschrift an jeweils ein Opfer des Nationalsozialismus. Die Gedenktafeln werden üblicherweise vor dem zuletzt bekannten Wohnhaus der Opfer in den Gehweg eingelassen, was bereits knapp 50.000 Mal in über 16 Ländern realisiert wurde. Die meisten Steine erinnern an verfolgte und ermordete Juden, können aber auch Sinti und Roma, politisch, oder religiös Verfolgten, Zwangsarbeitern, Deserteuren, Homosexuellen und geistig oder körperlich Behinderten gewidmet sein. Letztlich allen, die unter dem NS-Regime verfolgt wurden. In Greifswald gibt es nun insgesamt 27 solcher Gedenksteine. Der Initiator der Aktion „Stolpersteine“, Gunter Demnig, war persönlich vor Ort und übernahm die Verlegung.

„Menschen, die man nicht kennt, kann man nicht vermissen, aber man kann ihrer gedenken.“

Mit diesen Worten eröffnete der Sprengelbischof Hans-Jürgen Abromeit den Stolpersteinweg am vergangenen Mittwoch um 13 Uhr in der Kapaunenstraße 14, wo ein Stein für Simon Michels verlegt wurde. Im Folgenden führte der Weg entlang der Langen Straße vorbei an verschiedenen Stationen, an denen Steine verlegt wurden, wie beispielsweise vor der Brasserie Kronprinz (Lange Str. 22, Familie Walter/Weißenberg), der Buchhandlung M. Scharfe (Lange Str. 68, Dr. Gerhard Mamlok), dem H&M (Lange Straße 79, Johanna Joel) hin zum Marktplatz, wo vor dem Fritz Braugasthaus ein Stein für Hedwig und Hermann Cohn verlegt wurde. Nach einem Schwenk nach Norden über die Brüggstraße 49 (Georg Heymann) und Kuhstraße 19 (Salo und Eugenie Simon) verließ der Zug die Innenstadt nach Süden in die südliche Mühlen- und Fleischervorstadt, wo in der Rosa-Luxemburg-Straße 2 ein Gedenkstein für Henriette Meyer und in der Erich-Böhmke-Straße 32 einer für Else Wasmund eingelassen wurde.
Untermalt durch den Vortrag von Gedichten und Liedstücken von Erich Fried, Rejsl Zychlinski und Andre Heller, wurde bei jeder Verlegung das Schicksal der bedachten Personen geschildert. Nähere Informationen zu den bedachten Menschen findet man hier.

Die Verlegung neuer Stolpersteine wird geplant

Stolpersteine für Else, Helga und Fritz Walter, sowie Helene Weißenberg in der Langen Straße 22.

Stolpersteine für Else, Helga und Fritz Walter, sowie Helene Weißenberg in der Langen Straße 22.

Im Vergleich zu den bereits 2008 beziehungsweise 2013 verlegten Stolpersteinen ist ein Großteil der neuen Stolpersteine Menschen jüdischen Glaubens gewidmet, die einen Großteil ihres Lebens in Greifswald verbracht, aber vor 1939 die Stadt verlassen haben. Sei es aus privaten Gründen oder indem sie durch Gewalt und Schikane ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Ein besonderer Fall liegt bei Else Wasmund vor, der ersten Nicht-Jüdin, der mit einem Stolperstein in Greifswald gedacht wird. Aufgrund einer Affäre mit einem polnischen Arbeiter wurde sie der „Rassenschande“ bezichtigt und für knapp ein Jahr in „Schutzhaft“ genommen, mehrere Monate davon verbrachte sie im Konzentrationslager Ravensbrück. Nach ihrer Freilassung im April 1941 war sie geächtet und wurde von ihrem früheren Arbeitgeber nicht mehr eingestellt. Im November 1942 wählte sie den Freitod. Sie hinterließ drei Kinder. Während zwei davon bei Verwandten unterkamen, kam Georg Wasmund zu Pflegeeltern nach Anklam. Erst 2010 erfuhr er von seinen Geschwistern und dem Schicksal seiner Mutter. Nach zweieinhalb Jahren steter Bemühung konnte er die Verlegung eines Stolpersteines für seine Mutter, an der er mit seiner Familie gerührt teilnahm, erwirken.

Die ersten elf Stolpersteine wurden bereits 2008 verlegt. In der Nacht zum 9. November 2012 wurden diese gewaltsam herausgerissen. Die Täter wurden nie gefasst, rechtsradikale Motive wurden aber vermutet. Durch eine überaus erfolgreiche Spendenaktion der Evangelischen Studentengemeinde konnte eine Summe von 8.000 Euro zusammengetragen werden, mit der die entfernten Stolpersteine ersetzt und um zwei weitere Steine ergänzt werden konnten. Aus der Restsumme dieser Spendenaktion wurde auch die Verlegung der neuen Stolpersteine finanziert. In einer letzten Rede bemerkte Pfarrer Matthias Tuve vom Arbeitskreis „Kirche und Judentum“, dass auch die heutige Aktion die Spendensumme nicht aufgebraucht habe und er sich freuen würde, wenn noch mehr Stolpersteine verlegt werden würden. Die Finanzierung dessen wäre jedenfalls nicht der limitierende Faktor, sondern das Engagement freiwilliger Bürgerinnen und Bürger.

 

Fotos: Iwan Parfentev