mm108_19_universum_Che_AntonDie deutsche Hochschullandschaft ist schwer zu überblicken. Hochschul-Rankings sollen deshalb messen, welche Universität besser, welche schlechter ist. Doch auf Seiten der Wissenschaft formiert sich Kritik an den Methoden. Wie lässt sich Qualität überhaupt messen?

Frischgebackene Abiturienten werden zumeist mit gut gemeinten Ratschlägen, welche Uni nun die beste sei, überhäuft. Wer dagegen nach objektiven Antworten sucht, stößt unweigerlich auf Hochschul-Rankings. In den letzten Jahrzehnten habe sie sich auch in Deutschland etabliert, das größte ist das Ranking des „Centrums für Hochschulentwicklung“ (CHE). „Die Zeit“ publiziert es seit 2005 jährlich in einem Studienführer und im Internet. 37 Studiengänge werden hier an nahezu allen Universitäten Deutschlands erfasst. Die Erhebung dafür ist aufwendig: Professoren schätzen die Reputation anderer Institute ein, die Verwaltung übermittelt Daten zu Forschungsgeldern, Studenten bewerten Lehrangebote und die Studiensituation. Anhand der Ergebnisse wird dann in Spitzen-, Mittel- und Schlussgruppen geschieden, eine Ampelsymbolik sorgt für eine einfache Darstellung.

In der Tat: Mit wenigen Klicks lässt sich für ein Studienfach eine Rangordnung der Universitäten erstellen, persönliche Präferenzen wie „Studierbarkeit“ oder „Bibliotheksausstattung“ können gewählt werden. Oben im Ranking tummeln sich grüne Punkte, während blaue Punkte signalisieren: Hier sollte man nicht studieren. Dazwischen streut sich eine Menge gelb. Wählt man eine Universität aus, findet man Informationen zum Profil und einzelnen Indikatoren. Hochschultage kann man sich so sparen. Obendrein kann sich die Universität selbst im nationalen Vergleich verorten. Und das CHE verschweigt auch nicht, dass das Ranking der Bildungspolitik als empirische Entscheidungsgrundlage dienen will.

Führt das Ranking in die Irre?

Ist nun also die deutsche Hochschullandschaft zum Vorteil aller geordnet und gerankt? Mitnichten – seit einigen Jahren regt sich Widerspruch von Seiten der Universitäten. Bereits 2010 empfahl der Deutsche Historikerverband, nicht mehr am Ranking teilzunehmen. Der damalige Vorsitzende warf dem CHE vor, Studenten „in die Irre“ zu führen. Im letzten Jahr stieg auch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie aus, ganze Universitäten wie Hamburg oder Köln und zahlreiche Institute verweigern sich dem Ranking.

Die Kritik ist einstimmig: Die Methoden seien unzureichend, die Ergebnisse nicht transparent. Als Beispiel wird oft die Bewertung von Forschungsleistungen anhand der Anzahl von Publikationen genannt: Je nach Seitenzahl eines Artikels werden Punkte vergeben, Monografien werden pauschal bewertet. Zur Studiensituation werden Fragebögen an Studenten verschickt, der Rücklauf jedoch ist gering. Für manche Universitäten bilden weniger als 20 Fälle ein Ergebnis, das sich mit repräsentativen Anspruch in die Bewertungen einreiht. Auf „Zeit-Online“ findet man diese Zahlen nicht. Die Webseite des CHE bietet zwar Rücklaufzahlen, aber auch keine vollständigen Datensätze. Für den Studieninteressierten stellt sich das Ranking in seriösem Gewand dar und vermittelt den Eindruck eindeutiger Bewertungen. Außerdem: Eine besondere Ausrichtung eines Instituts lässt sich kaum erkennen, kleine und spezialisierte Fächer gehen unter.

Eine geradezu exemplarische Diskussion zum CHE-Ranking ist zuletzt innerhalb der Politikwissenschaft entbrannt. Die beiden deutschen Fachvereinigungen empfahlen vor etwa einem Jahr die Nichtteilnahme an der Erhebung. Den Beschluss verstehe man aber als einen zeitlich befristeten Ausstieg, heißt es in der Pressemitteilung, „umfangreiche und differenzierte Kritik“ seien mit dem CHE geplant. Auch das Greifswalder Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft hatte daraufhin erklärt, der Empfehlung zu folgen. Nicht alle teilen diese Haltung. Wolfgang Seibel, Professor in Konstanz, griff im Mai in „Der Zeit“ seinen Fachverband an: Es läge in der Natur von Rankings, dass nur wenige gut abschneiden, folglich sei die Mehrheit von schlechten Ergebnissen betroffen und hätten im Verband ihre Interessen durchgesetzt. Eine Kritik von betroffenen Instituten aber hält er für unglaubwürdig, sie würden sich nicht dem Wettbewerb stellen. Wenige Wochen später erschien an gleicher Stelle eine Replik zweier renommierter Politikwissenschaftler, die entgegnen, dass eben nicht nur „schlechtere“ Institute gegen das Ranking seien, sondern Wissenschaftler kaum an einer Erhebung teilnehmen können, deren Methoden nicht den eigenen Ansprüchen genügen. Im Juni lenkte das CHE ein, das nächste Ranking für Politikwissenschaft  2014/15 wird ausgesetzt – zugunsten verbesserter Methoden in der folgenden Auflage. Kaum voraussehen lässt sich, ob dann fundiertere und differenzierte Bewertungen einer Universität möglich sind.

Die „bessere“ Universität

Grundsätzliche Fragen bleiben: Etwa inwieweit Universitäten überhaupt in „bessere“ und „schlechtere“ unterschieden werden können. Nützt dem Studenten ein renommierter Professor, wenn er ständig für Forschungssemester beurlaubt ist? Und dass eine kleine Universität ein überschaubares Lehrangebot hat, macht sie nicht gleich schlechter. Obendrein könnte die im Ranking verankerte Idee eines Wettbewerbs dazu führen, dass Finanzmittel bald nur noch an Institute fließen, die gute Bewertungen versprechen. Die marktwirtschaftliche Ausrichtung verwundert nicht: Das CHE gehört zur Hälfte der Bertelsmann-Stiftung. Repräsentanten verfasster Studierendenschaften sind hingegen bisher nicht befragt worden – sollten sie doch wissen, wo es an der Universität klemmt. Aller Kritik zum Trotz: Für angehende Studenten bleibt das CHE-Ranking eine wichtige Orientierungshilfe. Universitäten dürfen nicht dabei zusehen, wie Lebenswege junger Menschen mit Ampeln verbaut werden.

 

Text und Foto stammen von Anton Walsch.

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