Die Universität begnügt sich mit Verboten von Vorträgen rechter Theoretiker
Am Abend des 24. Novembers räumten Verwaltungsmitarbeiter das Hörsaal-gebäude in der Rubenowstraße. Ab 19 Uhr kam niemand mehr in das Haus hinein. Anlass der Schließung war ein von der Burschenschaft Rugia geplanter Vortrag, zu dem der streitbare Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof eingeladen war. In letzter Minute wurde die Veranstaltung von Rektor Rainer Westermann verboten.
Schultze-Rhonhof ist umstritten. Während die rechte Szene ihn als Geschichtsinterpretator in eigener Sache feiert, sieht ihn die Mehrzahl seiner Kritiker als Revisionisten, teilweise auch als Rechtsaußen. Für die Rugia sollte er an dem Donnerstag zum Thema „Der Krieg, der viele Väter hatte“ referieren.
Nachdem Unikanzler Thomas Behrens die Veranstaltung mit Verweis auf die Meinungsfreiheit genehmigt hatte, intervenierte Rektor Westermann kurzfristig und sprach ein Verbot der Veranstaltung aus. Er hatte von dieser erst erfahren, als er von der Rektorenkonferenz am gleichen Tage zurück kam.
Kanzler Behrens‘ Standpunkt zu der Sache: „Ob der Redner einen rechtsradikalen Hintergrund hat, kann ich nach Aktenlage nicht beurteilen.“ Das Problem mangelnder Abstimmung innerhalb der Verwaltung gebe allerdings Anlass zu einer Reform der Vergabepraxis bei Vorträgen und anderen Veranstaltungen in universitären Räumlichkeiten.
Die Universität hatte diesen Sommer schon einmal im letzten Moment verhindert, dass ein rechter Redner, damals eingeladen von der Burschenschaft Markomannia, seinen Vortrag in Universitätsräumen halten konnte. Da-mals war der Uni entgangen, dass der dafür vorgesehene Raum schon an die Organisatoren des Students Festivals vergeben war. Die Veranstaltung wurde daraufhin, wie kürzlich auch bei der Rugia, ins eigene Burschenschaftshaus verlegt.
Über Gerd Schultze-Rhonhof ist seit der Veröffentlichung seines Buches „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ im Jahre 2003 öfter diskutiert worden. Er setzt sich darin mit der gängigen Geschichtsschreibung in einer Weise auseinander, die an Revisionismus denken lässt. Die FAZ schrieb dazu: „Im Grunde sind Interpretationen wie diese nicht neu. Sie folgen alten Spuren, die weniger im Bereich der Forschung als in dem von Ideologie und Propaganda angesiedelt sind. Neu ist dagegen, dass sie von einem ehemals führenden Offizier der Bundeswehr öffentlich vertreten werden.“
Schultze-Rhonhof musste die Bundeswehr verlassen, nachdem er öffentlich die Verkürzung der Wehrzeit kritisiert hatte und sich gegen das Urteil des Bu-ndesverfassungsgerichts ausgesprochen hatte, nach dem man Soldaten straflos „Mörder“ nennen darf.
Hier beißt sich dann auch die Katze mit den zwei rechten Pfoten in den Schwanz. Einerseits vertritt man in der Szene Standpunkte wie den, dass eine Meinungsäußerung wie die besagte über Soldaten ja wohl nicht angehen könne. Andererseits regt man sich dann – auf einmal sehr auf die Achtung der Grundrechte bedacht – darüber auf, dass der betriebene Revisionismus unter dem Deckmantel einer so genannten geschichtlichen Auseinandersetzung unbedingt durch das Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sein müsste.
Dass die Universität ein eigenes Interesse daran hat, nicht rückhaltlos alles in den eigenen Räumen passieren zu lassen, steht nicht zur Diskussion. Eine andere Frage ist die nach dem Sinn eines solchen Verbots. Man schüttet damit rechten Theoretikern noch mehr Pulver in ihre Kanonen, die in letzter Zeit häufig dadurch auffallen, ihre Propaganda phantasievoller verschießen zu wollen. Sie stilisieren sich zur unterdrückten Meinungsminderheit hoch, deren Anliegen hier im Staate totgeschwiegen wird.
Wirklich begegnen kann man solchen Methoden mit Verboten nicht. Tabuisierungen machen die Dinge interessanter. Hätte die Universitätsleitung ein wirkliches Interesse daran, das Problem anzugehen, würde es vielleicht auch hin und wieder Vorträge von Leuten geben, die sich nicht damit zufrieden geben, sich einfach oder auch kompliziert gegen menschenfeindliche Ideologien auszusprechen. Die würden sich dann nicht scheuen, geladenen Gästen der extremen Rechten – gerade auch hier aus der Region – in Diskussionen entgegenzutreten, intellektuell anspruchsvoll und gnadenlos demontierend.
Wenn man der Universität ein weltoffenes Bild verpassen will, sollte man zeigen, dass man sich auch mit Meinungen, die man nicht schätzt, auseinander zu setzen vermag.
Geschrieben von Stephan Kosa



