Von Charlotte Kahnke und Alessandra Petri
Unstrukturiert, wild und liebenswert. So beschreibt Murat Demirkaya die Rosa. Der Club, mit seinem Sitz beim Einkaufspark Gleis 4, ist vielen bekannt. Doch wie fing alles an? Und warum endet es nun? Murat, 48 Jahre alt, der nebenbei auch als Grundschullehrer arbeitet, gibt uns einen kleinen Einblick hinter die Kulissen, lüftet so manches Geheimnis und wirft Licht auf die Zukunft der Rosa.
Es startete alles mit einfachen Partys in wechselnden Locations. Kostenloser Eintritt und recht bekannte Künstler, dadurch zeichneten sie sich aus. Die Idee, selbst Events zu veranstalten, kam dem Betreiber Murat Demirkaya, als er selbst an der Bar eines Clubs arbeitete, der damals im jetzigen Edekagebäude untergebracht war. Dort konnte er bereits einige Kontakte zu Künstlern und Helfern knüpfen. »Die ursprüngliche Idee war eigentlich Geld zu machen und ich glaube, ich wollte auch gesehen werden, Anerkennung bekommen. Aber das hat sich über die Zeit gewandelt. Wir wollen halt ein Ort sein, wo man sicherer feiern kann. Das ist ganz wichtig. Wo du nicht darauf achten musst, wie du aussiehst, welche Klamotten du anhast, wo du herkommst, welcher Religion du angehörst oder sonst irgendwas. Sondern du kannst einfach dahin kommen, so wie du bist und kannst feiern.« Über die Partys, die unter anderem auch in den Edeka-Hallen stattfanden, ergab sich schließlich der Kontakt zum heutigen Vermieter und damit auch der Weg zum aktuellen Standort. Das ehemalige Callcenter, in dem auch einige Studierende arbeiteten, wurde so zur Rosa WG, die allerdings nur wenige Monate bestand.
Viele Geschichten, ein Name
Die Herkunft des Namens der Rosa war für lange Zeit ein kleines, großes Mysterium. Murat beichtete uns, dass er früher viele Geschichten erzählt habe, wie ihm der Name eingefallen sei. Von in der Badewanne einfallen bis zu dem Hintergrund, dass von innen alle rosa seien, war so einiges dabei. Tatsächlich handelte es sich um eine von ihm veranstaltete Veranstaltungsreihe namens Roter Salon. Inspiriert war der heute 48-Jährige von einer gleichnamigen Veranstaltung aus Hannover. Die dortigen Veranstalter wurden allerdings durch die Buchung der gleichen Künstler auf die Inspiration aufmerksam. Abschrecken ließ er sich davon allerdings nicht. Er kürzte den ursprünglich wegen der roten Beleuchtung verwendeten Namen kurzerhand ab. Somit wurde aus dem Roten Salon, die RoSa. Dabei sind die Schreibweise und der Artikel des Namens für den Betreiber irrelevant. Jede*r könne nach eigenem Sprachgefühl gehen. Er selbst sage aber am häufigsten »die Rosa«.

Ein Club in Eigenregie
Die Anfangszeit war von Existenzsorgen und dem Minimum an Ausstattung bestimmt.Um den Club eröffnen zu können, lieh sich der Clubbetreiber Geld von Eltern und Freunden und investierte sein eigenes Erspartes, um die wichtigsten Anschaffungen zu erstehen. Alles musste vom Rosa Team selbst geregelt werden. »Wir mussten alles selbst konzipieren und uns überlegen, wie bauen wir was und dabei auch immer die Verordnungen und Gesetze im Auge behalten, die du beachten musst. Beispielsweise Brandschutz«, so erzählt Murat dem web.moritz. Neben einer eher schlechteren Anlage und schwierigen akustischen Bedingungen, fehlte es auch an Details wie Selbstschließern an den Toilettentüren. Dennoch kamen die Menschen und verbrachten ihren Abend in der Rosa, damals wie heute. Inzwischen hat sich jedoch trotz völliger Eigenregie einiges getan: So konnte nicht nur die Akustik vor zwei Jahren ausgebaut werden, sondern auch ein besseres Technikkonzept fand seinen Weg in die Rosa. Dennoch mangelt es immer noch an einem vernünftigen Boden, einem guten Lichtkonzept und einer guten Raumaufteilung.
Zwischen Kostenexplosion und Kündigung
Nach neun Jahren Clubbetrieb mit vielfältigen Veranstaltungen und Künstler*innen steht nun die Rosa, wie wir sie kennen, vor dem Aus. Das Ende des Ortes Rosa hat sich schon über längere Zeit angekündigt. Die Gründe liegen in erster Linie beim Umsatzrückgang bei gleichzeitiger Kostenexplosion. Zusätzlich erschweren Konflikte mit dem Vermieter der Rosa Location die Lage des Clubs. »Vor allen Dingen, wenn du einen Vermieter hast, der dich nicht wirklich als Kultur sieht und eher auf die Zahlen achtet. Also der dir ständig im Nacken sitzt und dich eigentlich raushaben will. Das spürst du halt«, beschrieb Murat die Situation. Fünf- bis sechsmal hatte der Vermieter dem Clubbetreiber bereits fristlos gekündigt. Dieser ließ sich davon nicht beirren und tat alles in seiner Macht Stehende, um den Club weiterhin geöffnet zu halten. Dennoch beeinflusste die Unsicherheit das Arbeitsgefühl enorm: »Also, wenn dir das Schwert so über dem Kopf schwebt, dann gehst du ganz anders an einen Club ran, als wenn du frei arbeiten und agieren kannst.«

Auch Corona forderte seinen Tribut: Das Publikum veränderte sich über die zwei Jahre voller Lockdowns und Hygienekonzepte. Der Fokus verschob sich von Konzerten und Raves vor Ort, hin zum Anschauen ebendieser als Streams auf TikTok und Instagram. Im Gegensatz dazu hatte die Clubszene durch Schließungen keine Chance, sich ebenso weiterzuentwickeln wie ihre Kundschaft. Als die Auflagen schließlich gelockert wurden, musste sich die Szene wieder völlig neu orientieren. »Wir standen mit dem alten Personal da und sind auf einmal auf ein komplett neues Publikum getroffen, dessen Geschmack und Stile wir überhaupt nicht kannten. Das hat einen großen Anpassungsschmerz bei uns verursacht« erzählt der Clubbetreiber. Die Rosa stand zwiegespalten zwischen ihrem alten Platz in der Szene und dem Anpassungsdruck der Neuentwicklungen, welche sich gerade in den Musikstilen zeigte. »Stell dir mal vor, du hast dein festes Team, du hast einen großen Freundeskreis mit vielen Künstlerinnen. Du hast ein Standing in der Szene, deutschlandweit, für eine bestimmte Musikrichtung, für einen bestimmten Stil. Und auf einmal machst du nach zwei Jahren wieder auf und dann kommt dein Publikum, das überhaupt nicht darauf steht.« Stile wie House, sophisticated Techno, Deep House und Tech House, die vor Corona die Partygänger in den Club lockten, wurden nach Corona erst von Hard-Tech und später von Bounce und Trance abgelöst. Besonders von Trance ist Demirkaya selbst Fan geworden: »Wir nehmen altes Material und machen daraus Neues. Das finde ich total witzig, wenn man zu Trance auf einmal mitsingen kann.«
Ein Abschied mit Statement
Schluss ist nun leider trotzdem. Leise wird die bevorstehende Schließung allerdings nicht. Vielmehr will das Team bewusst einen Gegenakzent setzen. Statt Resignation wolle man Positives verbreiten und zeigen, dass dieses Ende nicht zwangsläufig auch Stillstand und Schlusspunkt bedeuten muss. »Wir gehen hier zwar raus, aber da, wo eine Lücke entsteht, entsteht auch was Neues. Und das ist was Gutes. Immer Rosa ist auch langweilig.« Die Rosa verabschiedet sich damit nicht im Niedergang, sondern zeigt Haltung und das durch ein letztes, voll beladenes Programm. Geplant ist ein ganzer Monat des Abschieds, in dem jedes Wochenende einer Stilrichtung gewidmet ist, die den Club, besonders in den letzten Jahren geprägt hat: die letzte Techno-Party, die letzte Trance-Party, die letzte Disco-Party und die letzte House-Party. Ende Januar sollen schließlich die letzten beiden Veranstaltungen stattfinden. Statt auf Trauer setzt die Rosa also bewusst einen Schlussstrich.
Doch das Ende des Clubs bedeutet nicht das Ende der Rosa als kulturelles Projekt. Auch in Zukunft will das Team sichtbar bleiben. Geplant sind verschiedene Open-Air-Veranstaltungen, etwa im Rahmen des Fleischer-Vorstadt-Flohmarkts, der Fête de la Musique, der Kulturnacht oder bei Veranstaltungen direkt am Wall, wie sie bereits in den letzten Jahren stattgefunden haben. Diese Formate sollen nicht nur Musik und Begegnung fördern, sondern ganz besonders auch auf das kulturelle Vakuum aufmerksam machen. Dabei richtet sich der Blick auch klar auf die Stadtpolitik. Aus Sicht der Betreiber stehe die Kommune in der Verantwortung, gemeinsam mit Investor*innen nach Lösungen zu suchen. Dieser Kampf finde jedoch auf mehreren Ebenen statt. Einerseits gehe es darum, Räume überhaupt zu erhalten oder neue zu schaffen. Andererseits müsse man gegen tief sitzende Vorurteile in der Bevölkerung anarbeiten. Gerade Clubs werden noch immer mit Bildern aus dem zwanzigsten Jahrhundert assoziiert. Oft gelten sie als reine Konsumorte oder gar problematische Milieus. Dass zeitgenössische Clubs längst andere Verantwortung übernehmen, wird oft übersehen. Die Rosa etwa setzt seit Jahren auf ein Awareness-Konzept, das Besucher*innen ein sichereres Feiern ermöglichen soll. »Nicht sicher, sondern sicherer«, betont Murat selbst. Wenn Eltern wüssten, dass ihre Kinder in Clubs wie der Rosa in guten Händen seien, könne das Vertrauen wachsen. Genau darum gehe es: um die Anerkennung von Clubkultur als kulturellen und sozialen Raum – und nicht als bloßen Vergnügungsbetrieb.

Um die Rosa zu Ehren haben wir ein paar Personen welche in der Rosa oft aufgelegt oder sie besucht haben gefragt, ob sie einen kleinen Beitrag leisten und drei Fragen beantworten wollen. Hier sind die Fragen und was sie geantwortet haben:
- Wie würdest du die Rosa in drei Worten beschreiben?
- Was ist deine schönste Erinnerung die du mit der Rosa verbindest?
- Was bedeutet die Rosa konkret für dich?
Kamäleon:
- Zuhause. Bunt. Abgedreht.
- Der Abend, an dem ich Techno (mochte ich tatsächlich vorher nicht) lieben gelernt habe. Mein Nachbar und späterer Freund hat mich dort mit hin geschleppt und alles dort war einfach so anders. Alle haben zum DJ geschaut, niemand hat dich voll gequatscht, es gab keine Auseinandersetzungen oder ähnliches, das war eine völlig verändernde Erfahrung für mich. Seit diesem Abend war ich süchtig nach Techno und vor allem nach Techno in der ROSA. (das war Anfang 2019).
- Die ROSA bedeutet für mich Zuhause, Spielplatz, Trainingscamp und so was wie Jugendtreff.
Zuhause weil ich mich da immer wohl gefühlt habe. Spielplatz weil ich dort immer Spaß hatte. Trainingscamp klingt vllt etwas komisch in dem Kontext, aber das meine ich, weil ich dort damals 2020 das Auflegen während Corona gelernt habe und dort auch die ersten Gigs vor richtigem Publikum hatte.
DJill:
- Heilend. Verbindend. Unvergesslich.
- Meine schönste und zugleich emotionalste Erinnerung an die Rosa, ist die von meinem letzten GIG. Während ich hinter den Decks stand, wurde mir klar, dass dies einer der letzten Momente an diesem Ort sein würde, einem Ort der so vielen Menschen etwas bedeutet. Ich war überwältigt von Gefühlen – Dankbarkeit, Freude, aber auch tiefer Trauer, weil es nun hieß Abschied zu nehmen. Die Energie und Liebe der Crowd haben diesen Moment zu etwas ganz besonderen gemacht. Es fühlte sich an wie ein gemeinsames Loslassen und Festhalten zugleich.
- Die Rosa war für mich weit mehr als ein Nachtclub. Sie war ein Zufluchtsort nach stressigen, gedankenreichen Wochen – ein Ort, an dem mein Kopf endlich still sein konnte und ich mich von der Musik tragen ließ. Hier habe ich Heilung gefunden, Liebeskummer verarbeitet und besondere Momente erlebt. 2025 habe ich selbst mit dem Auflegen begonnen und durfte einige Male in der Rosa spielen – eine Erfahrung, für die ich unendlich dankbar bin. Die Rosa hat Greifswald geprägt und mir Menschen geschenkt, die ich für immer in meinem Herzen tragen werde.
Diana:
- Offen. Warmherzig. Tolerant
- Ich habe eine tolle Freundin kennengelernt und habe mich direkt wohl gefühlt mit ihr zu tanzen. Man war direkt auf einer Wellenlänge
- Rosa bedeutet für mich Freiraum und Ich sein. In keinem anderen Club in Greifswald hat man sich so wohl gefühlt und war von Menschen umgeben die ohne Urteile andere sehen.
Nina:
- Cool. Verbindet. Spaß.
- Die Musik und die Leute.
- Ein Ort zum Durchtanzen, connecten und Spaß haben. Leider habe ich es nie geschafft, bis zum Ende zu bleiben. War immer zu müde, um die volle Rosa-Experience mitzubekommen.
alle Bilder: Žan Vidmar Zorc


