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Da war der Theater-Saal bis auf den letzten gefüllt an diesem Freitag, der ausgerechnet der dreizehnte des Monats war, der gewählt wurde, um die Uraufführung von Don Quijote in Greifswald erlebbar zu machen.

Viele bekannte Gesichter tummelten sich im Publikum. Das Stück für Jung und Alt lockte, für diese Monate typisch, auch Touristen an. Sächsisch hier in unseren Breiten zu erkennen, ist kein Hexenwerk. Kurz: Der Laden war voll und bunt gemischt. Schnell wurde es warm. In dieser Zeit drehte sich bereits eine Scheibe auf der Bühne. Auf ihr saß zwischen Büchern und in ein Buch vertieft ein kleiner Mann augenscheinlich älteren Jahrgangs. Sein Haar war mehr als spärlich gesät. Dann tauchte das Publikum in die Geschichte ein. Eher wurde es eingetaucht in diese Version von „Don Quijote“. Das Spezielle bei Ballett-, Oper-, Musical- und Theateraufführungen usw., die auf einem literarischen Werk beruhen, ist immer der Vergleich des Rezepienten mit dem Original. Entweder man hat es in der Schule gelesen, vielleicht sich selbst auf den Roman von Miguel de Cervantes gestürzt oder die Verfilmungen gesehen. Der 1992er Verfilmung von Orson Wells kam jener sich drehende Don Quijote schon ziemlich nah. Völlig Unvoreingenommende sollten vielleicht das Stück auf sich wirken lassen und dann darüber berichten. Die Handlung des Originals war mehr als erkennbar – trotz moderner Sequenzen. Das Stück wurde in die heutige Zeit transferiert. Ein Bücher-Nerd vertieft sich in ein Buch und bekommt dabei noch Unterstützung von einem Kerl, der Sancho Panza darstellt. Dann wird ganz ausführlich die Kneipenszene mit den leichten Mädchen geschildert, aus welcher er mit einem Behälter auf dem Kopf als Ritter hervorgeht. Das Publikum wird stetig auf dem Weg zwischen Realität und Phantasie mitgenommen. Von der Umsetzung dieser Wechsel wirkte es irgendwie wie eine Anlehnung an die Verfilmung von Arthur Millers „Death of a Salesman“. Der kleine feine Unterschied zum Film war aber der Einsatz von Lichteffekten und schnellen Wechseln des Outfits der Darstellenden. Schnell konnte so aus einem Ritter-Turnier eine feucht-fröhliche Karnevalsveranstaltung werden.

Die Szene, auf die jeder im Pubkikum wartete, der das Werk gelesen hat, sollte im zweiten Teil des Stücks präsentiert werden. Die Wendung „gegen Windmühlen kämpfen“ sollte jedem geläufig sein. Im Werk kämpft der Ritter von trauriger Gestalt ohne Sinn gegen jene Korn mahlenden Maschinen. Das Bild und auch der sprachliche Ausdruck haben sich im Kopf verfestigt. Eher unscheinbar tauchten dann per Lichteffekt gestaltete Windmühlenräder auf. Die Szene verpuffte etwas, leider.

Spektakulärer war das Ende. Unser Ritter kam auf den Boden der Realität zurück. Nicht ganz. Er blieb verwirrt zwischen den Welten zurück. Sowohl die eine, als auch die andere waren nicht mehr seine. Er zerriss sein Buch, ja ganze Regale von Büchern. Kläglich lag er da, der nun von Gaffern gefilmte Mann, ehe ihm die Zwangsjacke angelegt wurde. Der gesellschaftskritische Ton war deutlich erkennbar. 

Leute mit Visionen und anderen Sichtweisen werden schnell zu Nerds erklärt und abgestempelt. Wenn sie fallen, dann fällt die Gesellschaft wie Geier über sie her. Kurz. Dann geht man wieder zum Alltagsgeschäft über. Das zeigten die Schlussszenen der Aufführung, als der Ritter in seiner misslichen Lage des Verfalls gefilmt und ins Netz gepostet wurde. Das Ende war dann ebenso utopisch wie die Gedankenwelt des Edelmanns, denn plötzlich nahmen sich die dargestellten jungen Leute selbst Bücher und fingen an zu lesen. Bücher? Heute? In der digitalen Welt? Das kann jeder für sich bewerten.

„Greifswald“ sah ein spektakuläres Effektspiel, atemberaubende Kostüme und eine einfache, auf den ersten Blick in unsere Zeit transferierte Handlung, die das Original gut durchschimmern lässt. Der Appell zum Griff nach Buch und Abenteuer war nicht übersehbar.

 

Fotos: Vincent Leifer

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