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Vor einiger Zeit gab es hier schon einmal einen Reisebericht über Szczecin, in dem die Stadt und Sehenswürdigkeiten vorgestellt wurden. Schon lange hatte ich einen der Geheimtipps im Visier, der nun am Pfingstwochenende endlich einmal innerhalb eines Tagesausflugs angesteuert werden sollte. Das Programm bestand aus einem Spiel, dem touristischen Programmpunkt, Einkauf und einem weiteren Spiel bei einem befreundeten Verein.

In Polen spielen die Reserveteams auch im allgemeinen Spielbetrieb mit, dürfen jedoch nur bis auf die vierte Ebene aufsteigen. Erstligist Pogoń Szczecin leistet sich ein solches Nachwuchsteam. Für dieses und die Gäste aus Toruń ging es heute nur noch um die goldene Ananas. Da mich heute einer begleitete, für den es heute das erste Spiel in Polen werden sollte, wurden beim Erklären die Kulturunterschiede wieder bewusst. Während in unserer Regionalliga (4. Liga) Eintritt, Essen und Unterhaltung zum Spiel gehören, so ist das in Polen nicht immer der Fall. Eintritt wollten sie nicht, Essen gab es nicht und nicht einmal Musik spielte bei diesem Kick um 11:00 Uhr. Fußball pur also. Die Zahl von 150 einheimischen Zuschauern dürfte realistisch sein. Fans aus Toruń gab es auch. Sie erreichten mit dem Spielbeginn das Stadiontor. Die Anmeldung der Busfahrt war am Dienstag. Namen und Ausweisnummer der am Spiel interessierten Leute werden unter der Woche gesammelt und dann der zuständigen Behörde übergeben, sodass am Spieltag nur die Fans das Stadion betreten dürfen, die auch auf der Liste stehen. Krass, oder? Wer nun denkt, das wäre eine Erfindung der aktuell von überallher kritisierten Regierung, der irrt. Es ist noch ein Relikt von der EURO 2012. Seit 2016 ist es sogar lockerer geworden. Es wurden z.B. die Monitore für die Gesichtserkennung abgebaut. Sein Foto wurde bis 2016 auf einer Chip-Karte gespeichert und dann am Stadioneingang manuell abgeglichen. Die ganze Prozedur ist dennoch nervig. Den 71 Fans von Elana Toruń wurden nun erneut die Personalien abgenommen und dann in Fünfergruppen zum Gästeblock gebracht. Eintritt brauchten auch sie nicht zahlen. Die Uhr meinte dann 11:42, da wurde gefragt: „Sind wir jetzt komplett?“ Antwort: „Niiiieeeee!“ Nein. Zur Halbzeitpause waren dann aber alle drin. Es wird auch erst gesungen, wenn alle im Gästeblock sind. Erstaunlich übrigens, dass ein Fan seine mit Nudelsalat gefüllte Brotbüchse mitnehmen durfte. Wasser gab es als Geschenk von einem einheimischen Klub-Offiziellen überreicht. Wer nun denkt, im Gästeblock hätten nur Gorillas gestanden, der irrt erneut. Von Jung bis Alt war alles vertreten. Das Lied-Repertoire war für Elana-Verhältnisse ziemlich abwechslungsreich. Zwischendurch gab es noch eine Gedenkminute für einen verstorbenen Fan – begleitet von Klatschen und gespannten Schals mit anschließendem Lied. Gänsehaut! Auf dem Platz fielen die zwei einzigen Tore erst nach dem Halbzeitpfiff. Das Spiel endet und beim Einsteigen in den Bus wird Toruń nun noch einmal abgefilmt. Mandate gab es heute nicht. Per Eskorte ging es wieder zurück nach Kujawien.

Während Elana „sicher“ nach Toruń gebracht wurde, wollte ich endlich den touristischen Geheimtipp „Jezioro Szmaragdowe“ abhaken. Das ehemalige Kreide- und Mergelabbauloch ist ein Teil des Landschaftsschutzgebiets „Puszcza Bukowska“ (Buchheide). In der direkten Nähe des heutigen Sees befand sich eine Zementfabrik, deren Überreste sich in der Umgebung noch heute nachweisen lassen. Dazu gehört auch die unverkennbare Brücke. Nach der Stilllegung füllte Regenwasser das Loch. An der seiner tiefsten Stelle misst der See 18 m. Die Fläche liegt bei winzigen 0,03 km². Abbrüche verkleinerten im Laufe der Jahre seine Größe. Heute ist der See ein beliebtes Ausflugsziel der Einwohner. Sie sitzen in den Liegestühlen und lesen, trinken Kaffee oder beobachten die Fische, die sich im kristallklaren Wasser tummeln. Das Wasser hat bei passenden Lichtverhältnissen einen smaragdfarbenen Schimmer. Die Ursache dafür liegt im Kalk. Den besten Blick auf den See kann man sich selbst wählen, wenn man entlang des Wanderwegs wandert, der einmal komplett um den See herumführt. Nahe dem See gibt es noch weitere Wege, die durch das Gebiet mit seinen Buchen, Bergen und Zivilisationsresten führen. Mit der Bahn ist die Straße „ul. Kopalnia“, die direkt zum See führt, per Station Szczecin-Zdroje gut zu erreichen. Mit dem Auto hat man dort auch keine Probleme, da es einige Parkplätze gibt und das Gebiet außerdem noch nicht so stark durch Touristen belastet wird.

Weiter im Programm. Einkauf. Deutsche, dänische und portugiesische Ketten dominieren zwar den Markt mit ihren Produkten, die man hier bei uns auch kaufen kann, aber man ist nicht auf diese angewiesen. Im Gewerbegebiet östlichen Stadtgebiet sowie im Zentrum befinden sich auch einheimische Supermärkte und Läden, die regionale Produkte bzw. traditionelle osteuropäische Sachen anbieten.

Auf der heutigen Checkliste steht nur noch das Spiel in der 8.Liga. Wir befinden uns hier östlich der Oder am Rand eines Wohngebietes, in dem allein über 80.000 Einwohner Szczecins leben. Daneben gibt es ein schon stark ausgedehntes Gewerbegebiet und Industrie-Anlagen. Das kulturelle Angebot ist eher im westlichen Teil der Stadt zu finden. Stadtteilverein OKS „Kasta“ hat sich hier auf einer noch unbebauten Fläche – fragt sich nur, wie lange das noch so sein wird – durch eigene Muskelkraft einen Platz geschaffen. Er ist zwar spartanisch eingerichtet, aber durch die Herzlichkeit des Vereins ist ein Besuch hier immer sehr angenehm. Für Kasta geht es nur noch um die Ehre. Der Gast aus einem der Vororte hat seine Mühe, aber gewinnt am Ende verdient mit 2:0. Die Spieler kommen unaufgefordert zum Fanblock und bedanken sich für die Unterstützung. Mit der Ukraine-Krise landeten hier auch ukrainische Flüchtlinge. Die Angehörigen der ukrainischen Spieler gesellten sich zu uns, sodass wir eine polnisch-ukrainisch-deutsche Koalition bildeten. Fußball verbindet! Bei der Verabschiedung schmetterte der Block den Deutschen noch ein „Blau Weiß *klatsch, klatsch, klatsch* Berlin„ mit herrlicher Betonung und gerolltem „r“ hinterher, woraufhin sich die Deutschen mit „Dziękujemy, dziękujemy!“ (wir danken) für die Gastfreundschaft bedankten.

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