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Am vergangenen Dienstagabend las Elmar Faber, ehemaliger Chef des großen Ost-Berliner Aufbau-Verlags und Gründer des Verlags Faber & Faber, im Falladahaus aus seiner Autobiographie „Verloren im Paradies“. Doch wer ist der Mann, der das Verlagswesen der DDR so entscheidend beeinflusst hat?

Geboren 1934 in Deesbach, Thüringen wuchs der mittlerweile 81-jährige als Kind gutbürgerlicher Eltern in einem dörflichen Umfeld auf, das ihn prägen sollte. Wie er mit einem Lächeln auf seinen schmalen Lippen stolz erzählt, sei er „zweisprachig“ groß geworden: mit seiner Mundart, die er als „nobles Sächsisch“ bezeichnet, und Hochdeutsch. Erstere ist nicht zu überhören und sollte ihm im Laufe seiner akademischen Laufbahn die Teilnahme an einem „Seminar zur Spracherziehung“ am Haus der Wissenschaft in Leipzig bescheren. Daran habe er laut Abschlusszensur „regelmäßig, aber ohne Erfolg“ teilgenommen.

In seiner Autobiographie beschreibt Faber zunächst szenisch seine Kindheit. Er erzählt von der Landschaft des Thüringer Waldes, der Großmutter und vor allem von der Lektüre in seinem Elternhaus, die ihn augenscheinlich schon als Kind fesselte. Zwischen Enzyklopädien und den in seiner Familie sehr geschätzten Kräuter- und Essenzenbüchern entschied sich der inzwischen weißhaarige, aber noch agile Mann nach seinem Abitur in Jena 1954 für ein Germanistik-Studium in Leipzig, wo er dem damaligen Dozenten Hans Mayer begegnete. Dieser verstand es, seine Studenten zu Weltbürgern zu erziehen, was Faber später zu Gute kommen sollte. Im Anschluss folgte eine Anstellung als Chefredakteur der Wissenschaftlichen Zeitung der Universität Leipzig, bevor er 1968 als Lektor am Bibliographischen Institut in Leipzig erste Schritte ins Verlegerleben machte.

Immer wieder verlässt Faber den Handlungsstrang, holt den Zuhörer ab und appelliert. Er berichtet von der Zunahme sprachgeschädigter Kinder von sechs Prozent (1990) auf 24 Prozent heute. Was er damit meint, sei ein verringerter Wortschatz, für den die mangelnde Kommunikation in den Elternhäusern verantwortlich zu machen sei. Er meint:

„Wir brauchen mehr Phantasie, um die politischen und gesellschaftlichen Probleme zu lösen!“

Auch auf die Zensur der Literatur in der DDR, die viele seiner Zuhörer brennend interessiert, wie sich in der anschließenden Fragerunde herausstellt, geht Faber ein. Entgegen der Vorstellungen seines Publikums sei diese allerdings weniger drastisch ausgefallen als angenommen. Der Aufbau-Verlag brachte 350 Bücher pro Jahr heraus, jeden Tag eins, und davon wären gerade einmal zwei bis drei einer Zensur unterlegen gewesen. Faber gibt zu bedenken: „Auch die Verläge der Bundesrepublik unterlagen einer Überwachung. Was den Ansprüchen der Alliierten nicht genügte, wurde zensiert. Es gab nicht nur Literatur, die man in der DDR nicht bekam. Auch den Westbürgern wurden viele gute Bücher aus dem Osten vorenthalten. Man muss die deutsch-deutsche Geschichte immer als Ganzes betrachten. Wenn man das nicht tut, verzerrt sich das Bild.“

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In seiner Lesung geht er weiter auf Wolfgang Borchert, „[…] einem der bekanntesten Autoren der sogenannten Trümmerliteratur […]“ (Quelle: wikipedia.de), ein, der zu seinem Lieblingsdichter wurde. Faber erzählt von seinem Erleben des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 in Jena und kommt schließlich zu Hans Mayer, bei dem er zu Zeiten der DDR entgegen der sozialistischen Restriktionspolitik geschuldeten allgemeinen Annahme Weltliteratur gelesen habe. Den Vorwurf, die Literaten der DDR hätten hinter sozialistischen Gedankenmauern gelebt, weist er als unbegründet zurück. Zum Ende macht Faber einen großen Sprung hin zur Zeit der Wiedervereinigung, die seinem Heimatdorf „Einsamkeit und zertrümmerte Schicksale“ bescherte. Die allgemeine Stimmung war determiniert durch „Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Hoffnung und ein Gewimmel der Gefühle“, trotzdem wünsche er sich die DDR nicht zurück. Faber sieht sich als deutsch-deutscher Verleger, wendet aber ein: „Die DDR kann man als Fußnote der Geschichte sehen. Aber manchmal machen die Erklärungen einen klüger als ein ganzer Text.“

Geprägt durch drei zeitgeschichtliche Epochen, Faschismus, Sozialismus und soziale Marktwirtschaft, transferiert Faber die Vergangenheit in die Gegenwart. Er redet seinen Zuhörern ins Gewissen: „Heute ist alles wieder dasselbe. Das Trauma der Geschichte kann sich wiederholen. Wir stehen wieder am Rande eines großen Krieges, von dem ich überzeugt bin, dass er verhindert wird. Aber das hätte ich niemals für möglich gehalten.“ Als ehemaliger Chef des größten belletristischen Verlags der DDR zitiert er Hesse:

„Anpassung und Widerstand sind wie das Ein- und Ausatmen der Zeit.“

 

Fotos: Rebecca Firneburg

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