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Eröffnung-Polenmarkt-2013-Autoren-Aufmacher_Marco-Wagner„Wir entschuldigen uns für die intellektuell aufgeblasene Diskussion hier vorne. Doch das ist nur die Rache für den ersten Teil der Veranstaltung“, witzelt der polnische Lyriker Tadeusz Dąbrowski völlig unerwartet mitten im Gespräch mit Alexander Gumz.

Der erste Teil der Eröffnung des diesjährigen Polenmarktes bestand in einer Preisverleihung des „Förderpreises des Wissenschaftlichen Botschafters“, Jerzy Marganski der Republik Polen. Preise für herausragende Magisterarbeiten erhielten Johannes Czakai und Sven Jaros. Claudia Schneider und Sabine Jagodzinski erhielten eine Auszeichnung für die beste Dissertation, während Saskia Metan den Preis für die beste Abschlussarbeit erhielt. Professor Dr. Alexander Wöll, Dekan der Philosophischen Fakultät, würdigte im Vorfeld der Preisverleihung die deutlich gestiegene Qualität der eingereichten Arbeiten, sodass sie alle auch an die Jury weitergereicht werden konnten. Einige Gäste zeigten sich jedoch ein wenig traurig darüber, dass unter den Preisträgern kein Greifswalder aufzufinden war.

Lebhafter Austausch zwischen Deutschland und Polen

DIe Preisträger des wissenschaftlichen Förderpreises. Zweiter von Links: Dekan Professor Dr. Alexander Wöll, rechts daneben der polnische Botschafter.

Die Preisträger des wissenschaftlichen Förderpreises. Zweiter von Links: Dekan Professor Dr. Alexander Wöll, rechts daneben der polnische Botschafter Jerzi Marganski.

In seinen Grußworten sprach der polnische Botschafter davon, dass Greifswald eine „entzückende Stadt“ sei. Marganski verwies zudem auf die Ängste, die sich für beide Staaten mit dem EU-Beitritt Polens verbanden. In Deutschland fürchtete man den Verlust von Arbeitsplätzen, in Polen bestand die Angst, dass Deutsche Unternehmen polnisches Gewerbe aufkaufen würden. Doch die Befürchtungen hätten sich nahezu nicht bewahrheitet.

Stattdessen findet ein lebendiger Austausch an der Grenze statt, was nicht zuletzt an zahlreichen zweisprachigen Kindergärten, Schulen sowie der gegenseitigen wirtschaftlichen Zusammenarbeit deutlich wird.  „Wir sind aber noch nicht am Ende des Weges, es braucht immer wieder Menschen, die sich für die Beziehungen und den Austausch zwischen den Nachbarländern engagieren“, begründete der Botschafter abschließend die Motivation für die Verleihung des Preises.

Doch zurück zur intellektuell aufgeblasenen Diskussion: Wenngleich der polnische Lyriker im Mittelpunkt des Geschehens stand, wurden auch einige wenige Gedichte von Alexander Gumz vorgetragen. Das Erfrischende dabei ist, dass beide zu jener Kategorie von Lyrikern gehören, die wollen, dass ihre Texte auch von den Lesenden verstanden werden. Das mag vor hundert Jahren durchaus noch alltäglich gewesen sein. Häufig findet man heute völlig unverständliche Gedichte mit dem Etikett des „avantgardistischen“ verknüpft. Worin das Bestehen soll, wird auch nicht deutlich. Es klingt aber wenigstens schön.

Lyrik ist mehr als nur poetisches Design

Der Lyriker Tadeusz Dombrowki liest aus seinen Gedichten.

Der Lyriker Tadeusz Dabrowski liest aus seinen Gedichten. Ganz Links: Alexander Gumz

Tadeusz Dąbrowski hat es poetischer formuliert: „Wenn Lyrik zum poetischen Design wird, ist es keine Lyrik, sondern bloßes ästhetisches Spiel.“ Zudem hebt er hevor, dass ein jedes Gedicht immer die Chance an das Publikum geben sollte, dass es jenes verstehen kann. Darüber hinaus sollte sich in jedem Gedicht immer auch eine Konstruktion der Wahrheit wiederfinden. Ist ein Gedicht nicht auf der Suche nach Wahrheit, so würde es seine eigentliche Funktion verlieren. „Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb meine Gedichte so klar sind.“ Das sind sie in jedem Fall. Sie verfolgen ein sehr geradliniges, strukturiertes Konzept.

Die Inhalte sind extrem verdichtet und man versinkt recht schnell in den Versen. Es könnte unmittelbar neben dem Lesenden, in diesem Fall Hörenden, eine Bombe hochgehen. Er würde sich bestenfalls die Augen reiben und murmeln: „Was war jetzt los?“ Seine Gedichte eröffnen den Raum zum grenzenlosen Denken. Die einzelnen Verse sind vollgepackt mit sprachlichen Bildern, dass man einerseits viele Möglichkeiten hat, ein Verständnis für das Gedicht entwickeln zu können, zugleich aber immer irgendwie das Gefühl hat, zu wissen, worum es geht.

Selbst wenn man es einem Dritten gegenüber wiederum nicht unbedingt in Worte fassen könnte. Und obwohl Dąbrowski zugleich meint, dass jedes Gedicht eine „Rebellion gegen alle vorgegebenen Strukturen“ sei, stellt diese Aussage keinen Widerspruch zu dem klar strukturierten Aufbau seiner Lyrik dar. Der Bruch mit allen vorgegebenen Strukturen setzt sich aus der gelungenen Komposition der Worte zusammen. Sie sind ganz bewusst an bestimmte Stellen im Text gesetzt, dass sie einen geistigen Horizont eröffnen, der an den Grenzen des Universums sein Ende finden wird.

Angst vor Schattendasein der Lyrik

In dem Dichtergespräch wurde jedoch nicht nur die Lyrik der beiden thematisiert. Es stand auch die Zukunft der gesellschaftlichen Stellung der Lyrik im Mittelpunkt. Beide Autoren haben davor Angst, dass Lyrik zu einem Gegenstand sich elitär gebender Zirkel wird, die in einem hermethisch abgeriegelten Raum ein Schattendasein führt. „Wir können uns jetzt also gegenseitig unterbieten“, meinte Gumz, als beide feststellten, dass Lyrik im öffentlichen Bewusstsein zunehmend auf dem Rückzug sei. Um dieser Tendenz entgegen zu treten, lasen sie zum Abschluss noch ein paar Gedichte, bevor dann das Buffet eröffnet wurde.

Speisekarte des Buffets

Getränke:

Weiß- und Rotwein aus Baden-Württemberg, Wasser

Appetizer:

Brötchen, Griebenschmalz, Kartoffelsalat, Paprika-Frischkäse, Kräuterquark, Tomate-Mozarella-Scheiben, bunter Salat

Suppen:

Soljanka

Hauptspeisen:

Kasslerbraten mit Sauce und/oder Lachs mit Meerrettichsauce, als Beilage die Wahl zwischen Kartoffelbrei und Reis

Nachtisch:

Marillenknödel mit Mohn-Marillensauce, Haselnussquark, Kirsch-Dessert

Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Fotos: Marco Wagner

Der Autor, der die ersten 30 Minuten der Veranstaltung leider nicht anwesend sein konnte, bedankt sich an dieser Stelle für die Unterstützung durch Anton Walsch.

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