webMoritz sprach mit dem Literaturwissenschaftler Jürgen Klein über Wolfgang Koeppen, die Bedeutung der Geisteswissenschaften und die Literaturzeitschrift Flandziu. Professor Jürgen Klein lehrt am Fachbereich Anglistik des Instituts für fremdsprachliche Philologien und ist Verlerger der Literaturzeitschrift „Flandziu“ und des Koeppen-Jahrbuchs. Das Interview erscheint in gekürzter Form auch im moritz-Magazin 78.

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Literaturwissenschaftler Jürgen Klein: "Wir wollen den Menschen in Flandziu Denk- und Erlebnismöglichkeiten offen halten."

webMoritz: Ein Thema im aktuellen Heft von Flandziu ist der Begriff der „Freiheit“. Wie wird er entfaltet?

Prof. Jürgen Klein: Im neuen Heft von Flandziu tritt Freiheit in verschiedener Variation auf, einmal bei  Wolfgang Koeppen, dann kann man die Thematik  auch auf Ralf Dahrendorf beziehen oder aber auf die Nobelpreisrede von Jean-Marie Gustave Le Clézio. Diese drei Bezüge reflektieren auch die Intention von Flandziu. Sie zeigen, wie Flandziu sich als aktuelle moderne Zeitschrift in der heutigen Welt verstehen möchte. Koeppen hat immer auf das humanum abgehoben, aber nicht in einem simplifizierenden, ästhetisierenden Sinn. Er hat vielmehr sinngemäß in der berühmten Büchner-Preisrede gesagt: ‚Ein Schriftsteller darf sich nicht vor einen politischen Karren spannen lassen! Ein Schriftsteller muss immer frei sein und er muss ganz kritisch seine Meinung zu einer Gesellschaft sagen können. Damit es weiter geht, damit man weiter denken kann, damit man das Bessere für den Menschen erreichen kann.‘

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Aktuelle Ausgabe 1/2009 der Literaturzeitschrift "Flandziu" mit dem Schwerpunkt "Alexandria und die Literatur der Moderne". (Shoeboxhouse-Verlag Hamburg, 325 S., 10 Euro)

Daran anschließend Dahrendorf, der gerade gestorben ist und als ein wichtiger, liberaler politischer Intellektueller unserer Zeit gilt. Was versteht er unter Freiheit?

Ich sehe bei ihm einen wichtigen Rahmen für Freiheit darin, dass er die widerständigen, skeptischen Intellektuellen, die sich nicht mit einem Status Quo zufrieden geben, als unverzichtbar für eine Gesellschaft voraussetzt. Die Strukturen und Bürokratisierungsprozesse in einer modernen Gesellschaft dürfen nicht allein ausschlaggebend sein, weil sonst die menschliche Dimension gefährdet ist, die Kreativität Einbußen erlebt. Es muss möglich sein, neu zu denken und anders zu denken, als Leute es vorgeben, die uns von irgendwelchen Sachzwängen berichten.  Die sind ohnehin meist nicht beweisbar, sondern es sind gemachte Zwänge, die nicht mit einer ontologischen Fundierung einhergehen. Im Flandziu habe ich geschrieben: „Ralf Dahrendorf hat sich immer wieder in großer Intensität und ideologiekritischer Skepsis – und damit auch in deutlicher Gegnerschaft zu Totalitarismen jeder Art – mit den Bedingungen und Möglichkeiten der Freiheit der Menschen in modernen Gesellschaften befasst“.

Der Schriftsteller Jean-Marie Le Clézio erhielt 2008 den Nobelpreis für Literatur, mit der Begründung, er sei ein „Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, ein Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation.“ Was versteht er unter Freiheit?

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Ralf Dahrendorf: "Er hat sich mit den Möglichkeiten der Freiheit der Menschen in modernen Gesellschaften befasst."

Er sieht sie in einem engen Zusammenhang mit einer globalen Humanität. Le Clézio ist in Afrika groß geworden und seitdem viel und weit gereist. Er hat einen unglaublichen humanen Horizont, aber keine versponnene, süßliche Humanität, sondern eine kritische Menschlichkeit in dem Sinn, dass er beispielsweise die Dritte-Welt-Problematik aufgreift und sagt, die menschliche Würde liege jenseits der aufgezwungenen quantifizierenden und funktionalistischen europäischen Systeme. Man kann das an einer Metapher deutlich machen: Er hat einmal längere Zeit im Dschungel bei den Indios gelebt und eine indianische Wanderdichterin kennen gelernt. Als er seine Nobelpreisrede in Stockholm schließt, widmet er seinen Nobelpreis dieser indianischen Dichterin. Das ist eine Hommage an Menschlichkeit und Kreativität, die man so ohne weiteres in einer BWL- und VWL-Welt nicht finden kann.

Diese drei Autoren zusammengenommen ergeben eine schöne Programmatik für Flandziu.

Richtig. Flandziu soll diesen kritischen, offenen Horizont haben und behalten. Und wir hoffen, dass wir damit zum Leser durchdringen, dass sich also noch mehr Leute mit Flandziu beschäftigen werden. Wir wollen auf keinen Fall ein doktrinäres Blatt sein, sondern wir wollen den Menschen Denk- und Erlebnismöglichkeiten offen halten.

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Schriftsteller und Nobelpreisträger Le Clézio: "Er hat einen unglaublichen humanen Horizont."

Wir sind jetzt im Jahr zwei nach dem Jahr der Geisteswissenschaften. Letztes Jahr bekam der renommierte Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht, auch ein Flandziu-Autor und einige Zeit Mitglied im Universitätsrat, von der Universität die Ehrendoktorwürde verliehen. In seiner Dankesrede sprach er davon, dass die Geisteswissenschaften in Greifswald bald am Ende sein könnten. Was bleibt nach dem Jubiläumsjahr – auch speziell in Greifswald?

Ein „Jahr der Geisteswissenschaften“ war und ist Unsinn ist, weil wir in der bundesrepublikanischen Gesellschaft immer von Geisteswissenschaften reden müssen. Sie sind unverzichtbar, werden aber momentan zum Beispiel zur Manövriermasse in Anträgen auf Exzellenzzentren. In Greifswald werden Prioritäten gesetzt, die eine allgemeine Universitätskultur nicht mehr spiegeln. Stattdessen geht es um ganz bestimmte Interessen, die in eine naturwissenschaftlich-technologische Richtung gehen. Das kritische Individuum des Geisteswissenschaftlers ist hier nicht mehr gewollt. Man sieht das ja auch an den Fächerschließungen, dem immensen Verlust an Kombinationsmöglichkeiten, die auch der schnellste Shuttlebus nicht kompensiert.  Greifswald kann nicht mehr den Anspruch erfüllen, eine Universitas literarum zu sein. In einem Interview über Jürgen Habermas im soeben erschienen Heft der Neuen Rundschau hat Stefan Müller Doohm den Philosophen Rüdiger Safranski mit folgendem Satz zitiert: „Mit Indifferenz kann man Erbsen zählen, aber nicht Menschen verstehen.“  Ohne Geisteswissenschaften dürfte es gravierende Einbrüche geben, so dass in unserer Gesellschaft, die Wichtigkeit, Menschen zu verstehen, immer mehr ins Abseits gerät. In ebensolchem Maße ist die Lebendigkeit menschlicher Präsenz zutiefst gefährdet, wenn die Möglichkeiten intensiven Erlebens immer mehr dahinschwinden.

Das klingt nach einer düsteren Zukunftsvision für Greifswald.

Diese Entwicklungen sind gefährlich für die Universität, weil die Farbigkeit und die Differenziertheit des Denkens verloren gehen. Geisteswissenschaften produzieren, im Sinne von  Hans-Ulrich Gumbrecht, ‚Komplexifizierung‘ und haben die Kompetenz und die Aufgabe, Zusammenhänge zu erkennen. Das wird hier in Greifswald schwinden, wenn nicht bald eine andere Richtung zum Tragen kommt, die die gesamte Universität sieht, also das Miteinander von Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften. Das ist das Optimum von Universität, aber nicht die Reduzierung auf eine Art Fachakademie.

Wir sind auch im Jahr drei nach dem Koeppen-Jahr 2006. Können Sie da auch Bilanz ziehen, was ist seitdem geschehen?

Jubiläumsjahre haben ihre Problematik, ob sich das auf Koeppen bezieht oder auf Schiller. Wir hatten das Schiller-Jahr 2005, in dem eine Menge gemacht worden ist, aber das wird dann schnell wieder vergessen. Ich kann mit den Worten einer Rede von Roman Herzog antworten, die er 1999 zum 250. Geburtstag von Goethe gehalten hat. Er hat gesagt, dass er immer ganz fasziniert ist, wenn Leute aus dem Ausland kommen, aus Fernost, die seitenweise Goethe zitieren können. Sie leben mit dieser Dichtung und finden das fantastisch – und in Deutschland ist die Kenntnis dieser wunderbaren, europäisch-abendländischen Kultur zum Kreuzworträtselwissen verkommen.

Oder zum versatzstückhaften Wissen bei „Wer wird Millionär“.

Herzog jedenfalls meinte, dass er sich als Bundespräsident dieser Republik schämt, wenn so etwas geschieht. Und er hat anschließend gefordert, dass in deutschen Schulen und Gymnasien wieder deutsche Klassiker gelesen werden sollen. Ich denke, so muss man Jubiläumsjahre verstehen: Mehr Schiller lesen, mehr Koeppen lesen, überhaupt mehr moderne Literatur lesen, mehr Kunst machen, das ist ganz wichtig für eine lebendige Gesellschaft! Wenn diese kreativen Dimensionen verarmen, verarmt auch eine Gesellschaft, und man weiß dann nicht mehr wo sie hingeht.

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Autor Wolfgang Koeppen: "Er ist einer von denen, die wir alle brauchen, um nicht zu verdorren, zu verderben"

Koeppen gilt als gnadenloser Analytiker der jungen bundesrepublikanischen Gesellschaft. Warum sind seine Bücher heute noch lesenswert?

Zu Koeppen passt Horaz‘ berühmter Satz, dass Literatur erfreuen und nützen soll. Ich würde Koeppen als politisch denkenden Schriftsteller bezeichnen, aber er ist kein Schriftsteller, der einer politischen Doktrin anhängt. Er hat vielmehr ein offenes, kritisches Verständnis von Gesellschaft und ein Menschenbild, das gegen jede Gewalt ist, gegen jedes Versklaven, gegen Indoktrination. Dies sagt er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises.

Woher kommt diese starke Humanität?

Das hat natürlich mit seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu tun. Er hat diese Nazis gehasst. Ich habe neulich bei Koeppen über eine Begebenheit aus der Nazi-Zeit  gelesen: Er traf einen Mann in Berlin, einen Juden, den er gut kannte und der nicht weggehen wollte. Koeppen sagte zu ihm „Hauen Sie ab!“ Und dann traf er ihn wieder, da trug sein Bekannter schon den Judenstern. „Sie sind ja immer noch nicht weg!“, sagte Koeppen zu ihm. Der letzte Schritt war, dass man diesen Mann in ein KZ gebracht hat und er ist nicht mehr wieder gekommen.

Was zeichnet Koeppen noch aus?

Er ist ein großer Stilist. Ulla Berkéwicz erzählt, dass er jeden Satz zigmal überarbeitet hat. Er ist ein Meister der Sprache. Er ist ein Garant dafür, dass unsere deutsche Sprache nicht verkommt sondern dass sie eine ästhetische, sinnreiche Dimension hat. Seine Texte sind oft von einer derartigen Schönheit und Gedankenreichtum, dass man auf Koeppen nicht verzichten kann.  Ulla Berkéwicz hat gesagt, „Jeder müsste sie (Koeppens Bücher, d. Red.) lesen, jeder müsste sie aus dem Stand gegen den Unverstand zitieren können, gegen die Sprach- und Gedankenlosigkeit in der Literatur… Wolfgang Koeppen ist einer von denen, die wir alle brauchen, um nicht zu verdorren, zu verderben, und er wird bleiben, dafür sorgt sein Werk, dafür sorgen andere, dafür sorgen wir.“ Dass Koeppen einer unserer großen Schriftsteller ist, wird immer noch zu wenig erkannt, man hat ein bisschen Angst vor ihm, weil er als schwierig gilt. Vielleicht können wir das mit Flandziu aufbrechen, also das Odium des Schwerverständlichen brechen, so dass sich mehr Leser für ihn interessieren.

Nun hat Koeppen ja auch zu Greifswald einen Roman geschrieben: „Jugend“. Darin beschreibt er seine Erlebnisse während der 30-er Jahre.

Dieses Buch ist ein wunderbarer Text, ein poetischer Text. Aber auch ein sehr kritischer Text. Koeppen setzt sich mit Greifswald auseinander als einem Beispiel einer kleinen Stadt, die nach den Vorurteilsstrukturen einer wilhelminischen, konservativen und später dann faschistischen Gesellschaft geprägt ist.

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Greifswald-Roman "Jugend": "Ein wunderbarer, poetischer - aber auch sehr kritischer Text"

Ist Greifswald mit seinem Abgleiten in diese Denkmuster denn eine Ausnahme?

Aus Koeppens Sicht ist Greifswald überall. Es ist natürlich Greifswald gemeint, aber Deutschland ist in dieser Zeit überall in diese Transformation hinein gegangen. Koeppen benennt die Phänomene und auch die Borniertheit von Menschen, die diesem System aufgesessen sind. Er stellt die These auf, dass es zwischen dem Kaiserreich und dem Nationalsozialismus eine Kontinuität gibt, weil sich ganz bestimmte Autoritätsstrukturen fortgesetzt haben. Bekanntlich gibt es ja auch Kontinuitäten zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik, siehe Koeppens Roman „Tauben im Gras“. Die Autoritätsstrukturen der deutschen Gesellschaft des 19. und  vor allem des 20. Jahrhunderts sind auch ein wichtiges Forschungsprojekt der Frankfurter Schule im amerikanischen Exil gewesen, verbunden mit den Namen Horkheimer und Adorno. Marcuse hat über Autorität und Familie geschrieben! Dies sind Dinge, die Wichtiges über Deutschland aussagen. Da geht es um so etwas wie die unzulässige Trennung von Täter und Tat und damit um die Verschleierung der Zurechenbarkeit von Handlungen. Dergleichen wird in Koeppens Jugend eben an Greifswald gezeigt.

Ist das eine Analyse, die bis heute gilt?

Ich würde nicht sagen, dass man den Befund, den Koeppen für die 30-er Jahre feststellt, einfach auf unsere Gegenwart übertragen kann – das wäre auch nicht adäquat. Ich lese das Buch anders, nämlich so, dass es den Leser und besonders uns Deutsche sensibilisiert für die Gefahren einer politischen Indoktrination, für den Abgrund radikaler Normierungen, die den Einzelnen keine Luft mehr lassen. Koeppen warnt also vor den Gefahren einer politischen Richtung, die die Prinzipien der Demokratie, der Freiheit und der Menschlichkeit außer Acht lässt und dann zu bösen Konsequenzen führt. Insofern ist Koeppens Literatur immer eine hellsichtige Literatur, eine Warnung vor dem Abgleiten in Gefährdungen, die der Mensch nun mal in sich trägt. Wir Menschen müssen also bewusst und kritisch bleiben, Antikörper gegen die Totalitarismen bilden, wie Ralf Dahrendorf in seiner Autobiographie „Über Grenzen“ sagte. Und dazu gehören die Schönheit der Literatur, aber auch die Freiheit und gleichzeitig die Verantwortung. In der Büchner-Preisrede sagte Koeppen: „Der Schriftsteller ist kein Parteigänger, und er freut sich nicht mit den Siegern.“

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Hafenstadt Alexandria: "Der Mythos der großen alten Zeit, der so charakteristisch ist."

Kommen wir am Ende noch einmal auf das aktuelle Flandziu-Heft zurück, dessen Titelthema „Alexandria und die Literatur der Moderne“ ist. Alexandria ist aber eine Stadt, die man eher mit dem Altertum in Verbindung bringt.

Alexandria ist ein Mythos. Die Stadt wurde von Alexander dem Großen gegründet, war berühmt für  den riesigen Leuchtturm Pharos, eines der Sieben Weltwunder, das Museion und die Bibliothek. Das Museion war ein Gelehrteninstitut, eine Art Akademie der Wissenschaften, und die Bibliothek war einmalig in der Antike. Sie ist im Jahre 2000 wieder errichtet worden als internationales, von der UNESCO gefördertes Kulturprojekt. Im hellenistischen Alexandria sind in allen Disziplinen hervorragende Leistungen erbracht worden, nicht nur in der reflektierten, gelehrten Literatur, die schon imstande ist, mit dem Mythos intellektuell zu spielen, sondern auch in der Philosophie, vor allem aber in Mathematik und Astronomie. In Alexandria hatte man bereits eine heliozentrische Kosmologie erarbeitet. Vielleicht ist das auch ein Vorbild für moderne Universitäten.

Alexandria

Dort hinten saß er, an diesem Marmortisch,
sagte der alte Kellner, unter den altmodischen Ventilatoren,
die sich damals schon träge drehten,
unter dieser Decke, Stuck des Art Nouveau,
la vie était confortable: Stanley Beach,
Glymenopoulo, und das anmutige
kleine Zizinia, ein Kino heute,
wo in der Saison Tosca gespielt wurde,
La Bohéme und Lohengrin (das Strengste
von Wagner, das damals südlich von Neapel
akzeptierbar war). Dort saß er, ein Grieche
von ein paar zehntausend Griechen,
der eine halbe Million Ägypter nicht wahrnahm.
Er lebte in einem imaginären Europa,
stehengeblieben bei Strabo: „das großartigste
Emporium der bewohnten Welt“,
das jetzt aus Steinen ist und der See
und einem Gefühl der allergrößten Erschöpfung.

Joachim Sartorius

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Shoeboxhouse-Verlags. (C) Shoeboxhouse Verlag, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit der Mythos – aber wo ist die Verbindung zur Moderne?

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Dichter Kavafis: "Ein Grieche, der als Beamter in einer Behörde arbeitet."

Der Mythos ist erhalten geblieben, auch nachdem die Bibliothek von den Arabern abgebrannt worden ist, auf Befehl des Kalifen, der in Konstantinopel residierte. Alexandria hat schlechte Zeiten durchlebt, war im 18. Jahrhundert fast entvölkert, als Napoleon dort eintraf. Erst im 19. Jahrhundert ersteht die Stadt neu und  wurde erneut eine wichtige Handelsstadt, die Bedeutung des Hafens wuchs zusehends. Alexandria war dann Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts – sozusagen mit Beginn der Moderne – eine pulsierende Stadt mit einer neuen Bebauung, großen Boulevards á la Haussmann, einem Opernhaus, Schulen für alle Nationalitäten. Die Altertümer sind kaum sichtbar, es gibt noch eine frei stehende Säule. Und eben den Mythos der großen alten Zeit, der so charakteristisch ist für Alexandria. Gleichzeitig war es eine moderne, multikulturelle Stadtgesellschaft, insofern dass dort viele Griechen, Franzosen, Engländer, Araber und Juden lebten.

Die dann viele Schriftsteller und Künstler angezogen hat?

Zum Beispiel die Galionsfigur moderner Dichtung, Konstantin Kavafis, ein Grieche, der als Beamter in einer Behörde arbeitete. Er ist eigentlich einer der wichtigen Begründer der modernen Lyrik und er sieht Alexandria in der Kontinuität von der Antike bis zur Gegenwart. Kavafis war der Anziehungspunkt für viele andere bedeutende Schriftsteller der Moderne, die aus dem Ausland nach Alexandria kamen, beispielsweise Lawrence Durrell oder Edward M. Forster. Durrell hat dann in den 50-er Jahren sein Alexandria-Quartett geschrieben; ein Buch, das die Dreißiger, Vierziger Jahre umreißt. Es sind wunderbare, sehr differenzierte, miteinander zum Quartett verbundene Romane über das Leben in dieser Metropole, die gleichzeitig alt und modern ist –  die diese Schönheit des Alten mit dem Bizarren, Geheimnisvollen, dem Leiden und einer Verletztheit kombinieren. Durrell hat in seinem Roman ein wunderbares Gedicht über Alexandria (Die Stadt, 1910) abgedruckt und Joachim Sartorius hat in seinem modernen Gedichtzyklus Kavafis lebendig gemacht.

Die Stadt Η ΠΟΛΙΣ

Sprachst: „Ich gehe in ein andres Land, ich gehe an ein andres Meer.
Eine Stadt, die anders, findet sich, eine bessere als diese.
Was ich beginne, zum Scheitern ist’s verurteilt;
Es ist mein Herz begraben – wie ein Toter. Mein Geist,
wie lang wird er in dieser Fäulnis noch verharren.
Wohin mein Auge schweift, wohin ich blicke,
dunkle Trümmer meines Lebens seh‘ ich hier,
wo soviel Jahre ich verbracht, mich ruinierte, mich verdarb.“

Neue Orte find’st du nicht, und auch kein anderes Meer.
Die Stadt, sie wird dir folgen. Auf den selben Straßen
Irrest du umher, und in den selben Vierteln wirst du alt;
In den selben Häusern werden deine Haare weiß.
In dieser selben Stadt stets langst du an. Zu andrem Ort
– hoff‘ nicht – gibt es für dich kein Schiff und keine Straße.
So wie du hier dein Leben ruiniert hast,
In diesem kleinen Winkel, hast du es auf der ganzen Welt verdorben.

Konstantinos Kavafis

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Shoeboxhouse-Verlags. (C) Shoeboxhouse Verlag, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.

Am 27. Juni veranstaltet das Koeppenhaus einen Alexandria-Abend. Gelesen werden Texte aus der aktuellen Ausgabe von Flandziu, danach spielt das Berliner Ensemble „Salsabil“. Los geht’s um 20 Uhr, Eintritt 5 Euro/3 Euro ermäßigt. Mehr Infos hier und hier.

Fotonachweise

Jürgen Klein: Ulrich Kötter, webMoritz; Flandziu-Cover: (C) Shoeboxhouse-Verlag, Hamburg; Ralf Dahrendorf: Holger Noß via Wikipedia; Le Clézio: prolinserver (talk) via Wikipedia; Koeppen: Andreas Pohlmann/Stauffenburg Verlag, (C) Suhrkamp Verlag; Cover „Jugend“: (C) Surkamp Verlag; Alexandria-Panorama: the egyptian via Wikipedia; Kavafis: Wikipedia

Comments

  1. Sebastian Jabbusch    

    " In Greifswald werden Prioritäten gesetzt, die eine allgemeine Universitätskultur nicht mehr spiegeln. Stattdessen geht es um ganz bestimmte Interessen, die in eine naturwissenschaftlich-technologische Richtung gehen. Das kritische Individuum des Geisteswissenschaftlers ist hier nicht mehr gewollt. Man sieht das ja auch an den Fächerschließungen, dem immensen Verlust an Kombinationsmöglichkeiten, die auch der schnellste Shuttlebus nicht kompensiert. "

    << Diese Worte sollten mehr Verbreitung finden ! Danke Uli für diesen erhellenden Beitrag ! Wie sehr die Geisteswissenschaften schon jetzt fehlen, sieht man an der Debatte um E-M-A!

  2. Sebastian Jabbusch    

    ebenfalls wertvoll:

    "Das klingt nach einer düsteren Zukunftsvision für Greifswald.

    Diese Entwicklungen sind gefährlich für die Universität, weil die Farbigkeit und die Differenziertheit des Denkens verloren gehen. Geisteswissenschaften produzieren, im Sinne von Hans-Ulrich Gumbrecht, ‚Komplexifizierung’ und haben die Kompetenz und die Aufgabe, Zusammenhänge zu erkennen. Das wird hier in Greifswald schwinden, wenn nicht bald eine andere Richtung zum Tragen kommt, die die gesamte Universität sieht, also das Miteinander von Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften. Das ist das Optimum von Universität, aber nicht die Reduzierung auf eine Art Fachakademie."

  3. egal    

    Ich fand auch einige Anregungen von Klein durchaus diskutabel, nur störte mich sein Versuch, die Geisteswissenschaften gegen die Naturwissenschaften ausspielen zu wollen. Aber jetzt hast du das Eis zum Glück ja gebrochen. 😉

  4. Edmund Stoiber    

    Auch wenn ich das Interview im Grund sehr spannend finde, so sehe ich die Miesmacherei in Sachen Geisteswissenschaften etwas gelassener. Die Geisteswissenschaften sind meistens unter den studentenstärksten Fakultäten in Deutschland und es gibt ja durchaus auch in Greifswald Projekte in denen die Psychologen und Philosophen mit der Medizin kooperieren und so weiter. Ich denke es liegt auch an den Geisteswissenschaften selbst, inwieweit sie sich in der Gesellschaft bemerkbar machen, statt im Hinterzimmer zum x-ten Gedicht zu forschen. Geisteswissenschaften sind ja ein sehr lebendiges Fach mit grossem gesellschaftlichen Potential, insofern liegen die Probleme eher daran, dass die Geisteswissenschaften "von den falschen Leuten" gemacht werden und sie sich erneuern und auf die Gesellschaft insgesamt zugehen müssen. Eine Krise der Geisteswissenschaften gibt es schlicht und einfach nicht.Wenn Professor Klein eine multidisziplinäre Universität für wünschenswert hält, wie ich es auch tue, dann sollte er die Geisteswissenschaftler dazu aufrufen mit den anderen Fakultäten enger zu kooperien und auf diese zuzugehen statt sich über den Status Quo zu beklagen. Mit dieser rückwärtsgewandten Sicht ist Professor Klein leider nicht allein. Jede vermeintliche Krise birgt auch ihre Chancen und nichts ist beständiger als der Wandel selbst. Wie heisst es so schön: Wenn der Wind der Veränderung weht, dann bauen die einen hohe Mauern und die anderen bauen Windmühlen.

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