Am 11. März haben wir hier berichtet, dass am Speicher am Hafen mit den Abrissarbeiten des Nebengebäudes begonnen wurde. Jetzt zerbröselt auch der Hauptspeicher unter den Abbruchzangen des Abrissbaggers. Es hat schon etwas von einem T-Rex, der sich durch einen erlegten Dino frisst, wie sich der Bagger durch den Speicher arbeitet.
Wer noch mehr mehr Informationen zu dem Bagger haben möchte oder wissen will, warum der Speicher nicht gesprengt werden kann, sollte sich den Beitrag aus dem Nordmagazin vom NDR ansehen.
Auch wenn viele Greifswalder*innen den Abriss selbst verfolgen, möchten wir hier ein kleines Bilderprotokoll des Abrisses anlegen, für diejenigen, die gerade nicht vor Ort sein können.
Dienstag 16. März – Die ersten Steine fallen
Mittwoch 17. März – Die erste Stirnseite ist offen
Donnerstag 18. März – Viel ist nicht mehr passiert
Freitag 19. März – Dem Greifen geht es an den Kragen
Samstag 20. März – Es zieht. Da ist ein Loch in der Wand.
Dienstag 23. März – Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?
Lange wurde darüber gesprochen, gestritten und diskutiert – Was passiert mit dem Speicher am Greifswalder Hafen? Dieses imposante Bauwerk aus dem Jahr 1937 gehört mit seiner markanten Silhouette und dem steinernen Greifen genauso zur „Skyline“ der Hansestadt wie die drei berühmten gotischen Kirchen. Doch im Gegensatz zu diesen bröckelte das Bauwerk immer weiter vor sich hin. Die Klinkerverkleidung löste sich von dem Betonbau und schon lange waren stützende Holzkonstruktionen nötig, um die Giebelwand vor dem Einsturz zu bewahren.
Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.
Bereits seit vielen Jahren gab es Bestrebungen, den Speicher abzureißen. Dagegen regte sich immer wieder Protest aus der Studierendenschaft und der Stadtbevölkerung. Der letzte Artikel zu diesem Thema hier im webmoritz. stammt aus dem Jahr 2012 und bereits damals lag eine Abrissgenehmigung für den Bau vor. Doch zunächst geschah nichts und der Speicher blieb stehen und bröckelte weiter unbehelligt vor sich hin.
Vor einigen Wochen jedoch wurde der direkte Bereich um den Speicher abgesperrt und für den Fußweg ein gesicherter Durchgang errichtet. Es schien also etwas in Bewegung gekommen zu sein. Ob im Gebäude selbst oder im Büro der Zuständigen sei einmal dahingestellt. Am Mittwoch, den 3. März, rückte schließlich ein Bagger an. Und schon zwei Tage später war von dem Nebengebäude des Speichers bis auf eine niedrige Wandmauer nichts mehr übrig. Das Hauptgebäude steht noch und wirkt davon wenig beeindruckt. Wie lange das noch so sein wird, ist zum aktuellen Zeitpunkt ungewiss. Doch der webmoritz. wird es genau im Auge behalten und berichten, wenn hier die ersten Steine fallen.
Mittwoch 3. März 2021 – Weg mit dem Nebengebäude
Wem gehört der Speicher eigentlich?
Der Speicher samt umliegendem Grundstück gehört dem Petruswerk aus Berlin. Dieses zur AVILA-Gruppe gehörende Unternehmen kirchlichen Ursprungs ist hauptsächlich in Berlin, aber auch in Stralsund und Greifswald tätig. Es betreibt unter anderem den AVILA-Studierendenwohnpark „Edith Stein“ in der Anklamer Straße und war zeitweilig auch Eigentümer der „Straze“ in der Stralsunder Straße 10.
Was soll dort jetzt anstatt des Speichers entstehen?
Laut dem Bebauungsplan 55a vom Dezember 2019 soll auf dem freiwerdenden Baugrundstück hauptsächlich Wohnraum entstehen, auf der Fläche des heutigen Speichers ein Gebäude mit der Zweckbestimmung „Hotel“. Interessant ist hier besonders ein Detail des Bebauungsplan, das sich mit der Gestalt des neuen Gebäudes beschäftigt: „Da der Speicher insbesondere aufgrund seiner Höhe jedoch prägend für die Stadtsilhouette Greifswalds ist, ist der Neubau in vergleichbarer Form zu errichten. Die festgesetzten Baugrenzen orientieren sich in ihrer Ausrichtung an dem bisher bestehenden Speichergebäude.“ Der Standort wird also nicht komplett verändert. Das dürfte für viele Greifswalder*innen jedoch nur ein kleiner Trost sein, denn ihr geliebter historischer Speicher wird nicht mehr existieren.
Aber was wären die Alternativen gewesen? Der Speicher ist nicht erst in den letzten Jahren so baufällig geworden. Bereits nach der Jahrtausendwende war die Fassade löchrig. Durch die ehemalige Nutzung des Gebäudes sind die Decken nicht durchgängig, da hier stockwerkübergreifende Silos stehen. Die Deckenhöhe ist nicht einheitlich und die wenigen Fenster in der Außenfassade sind sehr klein. Dadurch wäre es wohl auch ohne den maroden Zustand des Gebäudes schwierig geworden, eine geeignete Nutzung für den denkmalgeschützten Speicher zu finden.
Freitag 5. März 2021 – Jetzt steht der Speicher frei
Wenn Gebäude sprechen könnten, was würden wir alles von ihnen erfahren? Wie beim Menschen sind die Geschichten und Erfahrungen mit der Zeit in ihnen gewachsen. Sobald sie zerstört werden, verfliegt die Chance in ihrer Architektur, den kleinen Kerben im Dielenboden oder den vielen Schichten Tapete zu lesen. Manchmal geschieht dieser Verlust auch geplant durch die Abrissbirne. Die Gründe hierfür sind oftmals wirtschaftlicher Natur und resultieren aus und manchmal auch in der Wohnungsknappheit.
Trümmer auf den Wegen, Straßen ohne festen Belag oder mit Schlaglöchern, an vielen Gebäuden fehlt der Putz, zersplitterte Fenster und fehlende Pfannen, die Regen in die offenen Dächer lassen. So lassen sich die Fotographien beschreiben, die der damals junge Fotograph Robert Conrad (geb. 1962) in den 1980er Jahren in der Greifswalder Innenstadt aufgenommen hat. Seine Ausstellung im Pommerschen Landesmuseum wurde bis zum 3. März verlängert, denn bisher haben schon 15.000 Menschen „Heimatkunde – Greifswald in den 1980er Jahren.“ besucht. (mehr …)
Die Bürgerinitiative zur Rettung des alten Hauses „Stralsunder Straße 10“ in Greifswald befürchtet, dass bei einer Begehung des Baudenkmals durch den Bauausschuss am morgigen Dienstag neues Ungemach für die Zukunft des Hauses droht. Manja Graaf von der Bürgerinitiative vermutet in einem Text, der uns heute per E-Mail zugesendet wurde und auf dem Blog der Grünen nachzulesen ist (nicht allerdings auf der Homepage der Bürgerinitiative), dass der Ausschuss bei der Begehung, an der auch der städtische Bausenator Ahrenskrieger teilnehmen wird, dass Teile des Gebäudes nicht mehr zu retten sind. Weiter schreibt Graaf:
„Dies wird natürlich mit großer Betroffenheit geschehen, und alle werden dankbar sein, dass nur ein Teilabriss vorgeschlagen wird. Doch so ein Vorgehen hat in der Vergangenheit oft dafür gesorgt, dass am Ende gar nichts mehr vom Gebäude übrig bleibt und wird normalerweise „Salami-Taktik“ genannt. Die Stralsunder Straße 11 [der angeblich bedrohte Gebäudeteil, Anm.d.Red.] wäre dann die erste Scheibe.“
Wird morgen der Teilabriss besiegelt?
Vor einigen Monaten hatte die Bürgerinitiative kritisiert, dass eine Remise auf dem Gelände abgerissen worden war und den Besitzer, das Berliner Petruswerk, beschuldigt, der Abriss sei unrechtmäßig gewesen. Das Petruswerk hatte dem auf dem webMoritz widersprochen.
Im Abschluss bittet Graaf von der Bürgerinitiative darum, zur Rettung des Gebäudes morgen zahlreich an der Begehung teilzunehmen:
„Wir möchten Sie bitten, alles Notwendige zu unternehmen, damit das Haus in der Stralsunder Str.10/11 als Ganzes erhalten bleibt. Sollten sie die Möglichkeit haben, an der Begehung teilzunehmen, kommen Sie am Dienstag um 14 Uhr in das Gesellschaftshaus.“
Bei der Stadt war zu später Stunde niemand mehr für eine Stellungnahme zu erreichen. Dass der Bauausschuss der Prognose Graafs in dieser Form zustimmt, darf allerdings eher als unwahrscheinlich gelten.
Der Artikeltext wurde am 24.11. aufgrund eines sachlichen Fehlers überarbeitet.