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Seit Sonntagabend ist im world wide web ein relativer Aufstand gegen den Tapircomic aus dem sommer.moritz 2015 im Gange. “Zu rassistisch”, “keine Satire”, “und das von Studenten” ist der Grundtenor der Onlinemedien und Twittergemeinde. Wir haben Stimmen von 9 Kommentatoren gesammelt, um uns über die Themen Satire, Tapir und wo die Grenzen des guten Geschmacks und Humors sind auszutauschen.

Satire und so - Jonathan Dehn

Gestern ist die Debatte um Satire, Pressefreiheit und guten Geschmack also auch beim moritz.magazin in Greifswald angelangt. Ein Cartoon [1] der Tapir-Reihe [2] sorgte für Aufregung, der bereits im Februar im sommer-moritz. Kalender abgedruckt wurde. Böse Zungen würden meinen, dass das Sommerloch noch zu füllen war und irgendwas mit Rassismus immer eine Schlagzeile wert sei.

So ging der Beitrag also durch Blogs [3] und Online-Zeitungen [4, 4.1, 4.2] und bescherte den moritz.medien, dem Medienausschuss und vor allem der Chefredakteurin des Magazins(an dieser Stelle nochmal ein Dank für all die Mühe und das du den Kopf für alles hinhältst!) eine kurze Nacht mit zeitnaher Stellungnahme [5] und heute früh eine sehr kurzfristig, außerordentlich-einberufene Sitzung. [6]

Auf den Shitstorm folgte der Anti-Shitstorm (wie wäre es mal mit einem Flauschsturm?) und irgendwie merkt man, kann man es nie allen recht machen. Der Tapir hatte schließlich bereits 2008 [7] für Furore gesorgt und eigentlich dachte man, sei das Thema gegessen.

Ich möchte betonen, dass auch ich den Cartoon für geschmacklos halte. Er ist meiner Meinung nach weder witzig, noch künstlerisch wertvoll, ABER ich zitiere mal Tucholsky:

“Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. … Was darf die Satire? Alles.” [8]

– Im Falle man wolle dumpfe Nazis des Alltags darstellen, kann es dann also auch schon einmal vorkommen, dass ein dummer Nazi-Spruch fällt. Man darf jetzt nur nicht den Fehler machen und diese Aussage als Meinung des Autors interpretieren. Vielmehr stellt sie die Meinungen von bestimmten Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft dar, bisweilen sogar aus deren Mitte.

»Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.« – Evelyn Beatrice Hall

Natürlich ist nicht jede Satire witzig. Manchmal ist sie sogar zum kotzen. Dann liegt das aber meistens daran, dass unsere Gesellschaft, die dargestellt wird, zum kotzen ist. Es liegt daran, dass Stammtischparolen unsere Willkommenskultur vergiften und das Klischees nicht hinterfragt werden.

Darum geht es nämlich eigentlich: um Gesellschaftskritik und nicht um die Frage, was Satire darf und was nicht.

Von all denjenigen, die sich über die Provokation (möglicherweise durchaus zurecht) aufregen, wünsche ich mir, dass sie nicht nur bei dieser Frage stehen bleiben, sondern sich auch mit dem dargestellten Problem beschäftigen. Dies geschieht leider viel zu selten. Manche Blätter sind sogar mitverantwortlich für die Problematik, was geradezu zynisch anmutet.

Nicht hochnäsig sollte man behaupten, dass Menschen, die den Witz nicht verstünden intellektuell nicht so bewandert seien. Vielmehr sollte man erklären, worin das Problem bei hohlen Stammtischparolen besteht: dass sie Lügen verbreiten, beleidigen und kontraproduktiv sind. Man sollte erläutern, wie die Lesart der Satire im Kontext funktioniert und das der dargestellte Rassismus nicht der eigenen Meinung entspricht.

Von dem Satiriker erwarte ich, dass er sich mit den Kritisierenden und den Kritisierten auseinandersetzt, sich der Debatte stellt und ein positives Menschenbild formuliert, um nicht nur einseitig zu provozieren, sondern die Diskussion und möglicherweise auch die Gesellschaft tatsächlich voranzubringen.

Was ich betonen möchte: Weder der Cartoonist(soweit ich weiß), noch moritz.medien Leute oder Personen des Medienausschusses haben irgendetwas für rechtes Gedankengut übrig. Wir engagieren uns alle auf vielerlei Ebenen und in diversen Projekten vor allem auch gegen Nazis und für Toleranz und Weltoffenheit. Wer uns kennt, der weiß und schätzt das. Ich hoffe, dass die Artikel nicht allzu negativ abfärben.

Vielleicht setzt sich irgendwann auch die Einsicht der Lesart von Satire durch, dass das Dargestellte nicht die Meinung des Autors wiederspiegelt. Denn Satire ist nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn wir einen Schritt zurücktreten, erkennen wir das gesamte Bild und können gelassener mit Satire umgehen und uns den eigentlichen Problemen widmen.

Hier noch ein Lesenswerter Beitrag [9], der sich dezidiert mit der Frage, ob Satire auch als solche erkennbar sein muss, auseinandersetzt.

Ich ende mit Rosa Luxemburg: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.«

Noch einmal diskutiert, noch einmal, liebe Presse - Philipp Schulz

Juhu, wir diskutieren wieder! Wieder wird “je suised”, wieder wird runter gebrochen. Halbwahrheiten halbgar verdaut und wieder dürfen ehemalige, stellvertretende Gala Chefredakteure [1] ihre Onlinekettenhunde von der Leine lassen, undergroundblogs rebellieren und die Huffington Post Deutschland [2] hat bei Facebook mal mehr zu melden als: „Was ihr gleich seht, haut euch von den Socken!“ Es geht um die wichtigste aller Fragen. Und die Antwort ist nicht 42.

Diesmal bedurfte es jedoch nicht einmal der Beihilfe eines russischen Sturmgewehrs sondern nur eines kleinen Tapirs, das klonen kann – spannend muss es ja bleiben. Es stellt sich auch die Frage, ob Satire, so schlecht sie seien mag, sich einen Fehltritt leistet, wenn sie nicht genügend Subtilität an den Tag lege und ob sie generell abzulehnen sei, wenn sie zu plump ist, gerade wenn sie zu allem Überdruss noch in einem Studentenmagazin erscheint, bei den bekanntermaßen tolerantesten und “gegenderdsten” Menschen überhaupt. So bedeutungsschwangere Gedankenspiele anscheinend, dass sich selbst die süddeutsche [3] zu mehr als einem kopierten dpa Artikel unter regionales bequemt – wir sind verzückt!

Stellt man jedoch eine einfache Gegenfrage, wird es auf den Bänken der Kritiker schnell ruhiger. Warum sollte sich die Belastbarkeit von Satire denn über ein von den Medien diktiertes Bild der Verträglichkeit – dem Dürfen – in dem die Begrenzung ja schon im Wort liegt, definieren lassen? Es sollte doch vielmehr die verfolgte Zweckmäßigkeit der Satire hinterfragt werden, das höhere Ziel, was in diesem Fall sicher kein rassistisches Tapir von einem rassistischen Cartoonisten aus einem rassistischem Magazin ist, das Griechen und Rumänen hasst.

Das Fragezeichen hinter dem Dürfen ruft bei mir immer unmittelbar den Gedanken an kleine Kinder und Eltern hervor: „Darf ich noch Fernsehen?“ – „Nein, es macht dich dumm und viereckige Augen.“ Dumm hat Satire hat meines Wissens nach bis heute allerdings nicht gemacht – nur dastehen lassen, Ausnahmen und Günther Jauch bestätigen die Regel. Die Frage krankt in jedem Fall schon an ihrer syntaktischen Stellung und der daraus resultierenden reglementierenden Antwort.

Verzichtet man nun darauf und fragt im Gegenzug nach dem Sinn, dem Ziel, in aller Regel ein zu persiflierendes Grundproblem, entsteht an Stelle einer Grundsatzdebatte, deren Ergebnis sich anhand des geistigen Durchmessers der Teilnehmer mal Pi errechnen lässt, eine fruchtbare Diskussion über das, was uns der Autor denn nun sagen wollte, wohin er uns mit seiner Veröffentlichung führen möchte – ein viel spannenderer Gedanke.

Natürlich ist es ganz toll, wenn die Aussage besonders geistreich und elegant verpackt ist. Das geht aber nicht immer und deswegen erscheint es für viele besonders schmerzhaft, wenn man von so einem halben Paket wie dem vulgär-plumpen Tapir die volle Packung abbekommt. Doch am Ende der Kette steht immer das angesprochene, oder in diesem speziellen Fall angebrüllte Problem. Dass sowas auch zu einem Doyleschen letzten Problem führen kann, sollte mit Paris jedoch Ausnahme bleiben. Unkundigen in Sachen Humor wird diese Einsicht bei Leibe schwer fallen, gerade bei einem Reizdarmthema wie Griechenland oder Alltagsrassismus und sicher wird die Satire auch immer auf Schranken in Köpfen treffen. Trotz, oder gerade drum gibt es kein tout est pardonné. Denn lieber mit dem Kopf durch die Wand, als gar kein Fenster in den Stammtischkneipen.

Tucholskys Irrglaube - Martin Hackbarth

Der Tapir ist im sommermoritz ein rassistisches und menschenverachtendes Arschloch. Dies wird dem Leser und der Leserin nicht aber erst jetzt mit der neuen Ausgabe deutlich, sondern er war schon immer so. Deutlich wurde dies zum ersten Mal bereits 2008, als er eher islamfeindlich auffiel. Auch dort wurde dem Leser und der Leserin die Boshaftigkeit des kleinen südamerikanischen Säugetiers ersichtlich. Die Frage nun, wie ich die letzte Ausgabe des mittlerweile 17 Jahre alten Zeitgenossen finde, ist eher zweitrangig.

Persönlich fand ich den Tapir schon immer grenzwertig und eher unlustig. Dies mag zuerst an meinem eigenen (schlechten?) Humor liegen oder auch daran, dass ich dem Tapir manchmal die Satire absprechen muss. Nur weil das Projekt „Tapir“ satirisch sein soll, so ist nicht jede Ausgabe automatisch satirisch. Generell sind aber erstmal die Fragen zu klären, ob Satire alles darf und, ob man sie als Satire erkennen muss? Letzteres kann man getrost verneinen. Wenn man aber Satire nicht als solche erkennt, so müssen sich die abdruckende Redaktion und der Zeichner auch nicht wundern, wenn dies zu negativen Reaktionen führt oder gar einen Shitstorm auslöst.

Was ist nun aber mit der Frage, ob Satire alles darf? Laut Kurt Tucholsky darf sie das und die grenzenlosen Befürworter der Satire führen auch immer Kurt Tucholsky in die Satireschlacht und erhoffen sich, dass sie den Krieg dadurch gewinnen können. Meine Verbündeten sind nun aber nicht der Kurt, sondern im Zweifel der deutsche Rechtsstaat und seine Gesetze. Dies mag für den einen oder anderen jetzt langweilig klingen, aber jene Verbündeten beantworten die Frage, ob Satire alles darf, mit einem einfachen aber klaren „NEIN“. Die Begründung liegt in einer Güterabwägung der jeweiligen Grundrechte. Auf der einen Seite die Meinungs- und Pressefreiheit und auf der einen Seite die Würde des Menschen. Artikel 1 Grundgesetz, welcher ja bekanntlich vor der Pressefreiheit steht, wurde absichtlich als erster und somit als wichtigster Artikel auserkoren. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Somit unterliegen auch die Meinungs- und Pressefreiheit einer Schranke in dem Moment, wo sie die Menschenwürde einzelner Personen angreift. Satire unterliegt daher gemäß deutscher Rechtsprechung (übrigens schon seit der Weimarer Republik) der Einschränkung, dass sie das persönliche Ehrgefühl, die Menschenwürde aber auch religiöser Gefühle nicht angreifen darf. Kurz gesagt: Die Freiheit der Kommunikation muss hinter dem Schutz des Individuums vor Diffamierungen zurücktreten. [1]

Ist eine solche Verletzung beim aktuellen Tapir der Fall? Nö, ist es nicht. Das liegt aber daran, dass es keinen konkreten Angriff auf Einzelpersonen oder religiösen Gefühlen gibt. Daher ging es mir generell erst einmal nur um die Frage, ob Satire alles darf. Die Frage muss daher hier nicht heißen, ob man Satire erkennen muss, oder, ob sie alles darf. Die Frage lautet: „War diese Ausgabe überhaupt Satire?“ In meinen Augen ist dies nicht der Fall. In meinen Augen war diese Ausgabe lediglich eine Stammtischparole in einer etwas neueren literarischen Verpackung. Und wenn jene Ausgabe des Tapirs plötzlich Zustimmung in der rechten Szene findet und dort nicht als Satire, sondern als Tatsache genutzt wird, so ist wohl irgendetwas schief gelaufen.

Gemecker, Gemecker, Gemecker... - Björn Wieland

Tapire sind sehr scheue, eher schwerfällig wirkende Tiere aus den Tiefen des Regenwalds. Nicht aber der Tapir von Kai-Uwe Makowski! Er ist der bitterböse Antiheld in seinen Comics, liebt Gewalt und Waffen, Diktatoren und Unterdrückung, favorisiert Nazi-Vergleiche und hat Vorurteile gegen quasi alles und jeden; Juden, Moslems, Spaghettifresser, und so weiter. Im Sommermoritz kamen jetzt noch die steuerfaulen Griechen und die arbeitsverweigernden Rumänen dazu. Hm… komisch, warum die jetzt gerade erst in einem Comic erwähnt werden, naja…egal. Zumeist ergeben sich witzige Pointen aus den konstruierten Situationen und in diesem Rahmen hält der Tapir durch seine Aussagen der Gesellschaft einen Spiegel vor die hässliche Fresse. So geschehen im Cartoon namens “Respekt”.

Ihr wollt jetzt nicht wirklich von mir wissen, was für mich Satire ist, oder? Danke, da hätte ich jetzt auch keine Lust drauf. Fakt ist, dass dieses Meisterwerk Makowskis bereits seit April zu Hauf in Greifswald und im Internet verbreitet wurde und kein Hahn danach krähte. Keiner der arbeitsscheuen Rumänen beschwerte sich, aber das wäre wohl auch zu viel Arbeit gewesen. Erst nachdem ein unwissender Gast unserer Hansestadt die kultgewordene Tapir- Seite aus dem Zusammenhang riss und als “Witze-Seite” dem noch unwissenderen Internet zum Fraß vorwarf, begannen die Hunde in Person der Berufsnörgler bei Twitter zu bellen. Und noch schlimmer: Es blieb nicht bei den Hunden. Die Hyänen der deutschen Nachrichtenagenturen stürzten sich in ihrem Sommerloch-Wahn ebenfalls auf das kleine Stückchen Aas des Tapirs. Ohne die Vorkenntnis, dass es sich beim Tapir um einen bekannten sartirischen Cartoon handelt, fällt es einigen Twitterern und Journalisten mit geladener Tastatur anscheinend schwer, die Absicht des Künstlers zu entschlüsseln. Obwohl ich der Meinung bin, dass die sehr überspitzten Aussagen des Tapirs und Bartholomäs schon aussagekräftig genug sind, um das genaue Gegenteil von Rassismus zu erkennen. Des Weiteren erfolgte der Abdruck in einem studentischen Medium und die Studierendenschaften in Deutschland in ihrer breiten Masse werden ja als sehr rechtsradikal angesehen, ja genau. Wer die Arbeit eines Karikaturisten oder Satirikers nicht versteht oder verstehen möchte, der wird dazu auch nicht gezwungen. Wenn jemandem die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht gefällt, darf man auch gerne auswandern und woanders seine Steuern zahlen; abgesehen von Griechenland natürlich. Der Tapir hat über die letzten Jahre hervoragende Arbeit geleistet und wird es auch noch in Zukunft tun. Und deshalb fordere ich für den Tapir im nächsten moritz.magazin nicht nur die eigene Seite, sondern auch die Titelseite! Zum Schluss möchte ich den notorisch voreiligen Twitteren mit den sensiblen Rassismusdetektoren noch etwas auf den Weg mitgeben, ein Zitat aus einem Tapir- Cartoon: “Gemecker, Gemecker, Gemecker… Ihr seid ja schlimmer als die Juden…” (Gott)

Richtig Ekelig - Lisa Klauke-Kerstan

Der Tapir ist ein Kotzbrocken. Das war er immer schon. Richtig ekelig, sagen einige. Und das ist gut so, denn auch unsere Gesellschaft ist immer wieder ekelig. In dem Comic „Respekt“ passiert also nichts Neues. Der Tapir benimmt sich völlig daneben, so wie er es immer tut. Das hat für Aufregung gesorgt und das kann ich gut verstehen, denn genau das will der Tapir: Für Aufregung sorgen. Ich kann absolut nachvollziehen, dass die plumpen Stammtisch-Parolen, wie man sie gerne nennt und die für mich einfach nur Vorurteile sind, als rassistisch ausgelegt werden. Vollkommen losgelöst vom Kontext sind sie das auch, definitiv. In einem Artikel, auf einem Foto oder als Zitat hätte ich sie niemals durchgehen lassen, aber der Tapir, der darf das. Denn es handelt sich bei „Respekt“ um Satire. Keine besonders feinsinnige Satire, sondern eine, die einem ins Auge springt und Entrüstung hervorruft. Er trifft das Zeitgeschehen und das, obwohl er schon drei Monate alt ist. Er trifft damals wie heute. Ich entschuldige mich bei allen, die sich durch den Tapir verletzt fühlen. Das war nie die Absicht des Cartoonisten, das weiß ich. Der Tapir sollte verletzen, aber all diejenigen, die täglich mit genau diesen Vorurteilen um sich werfen und sich damit ihre kaputte Welt schön reden. Er sollte nie andere Nationen angreifen, Gefühle verletzen oder gar Menschen beleidigen und diskriminieren. Das soll ein Tapir nie. Er ist in jedem Heft und in jedem Kalender zum Wachrütteln und Hinterfragen da.

Die Einen lieben ihn dafür und die Anderen hassen ihn. Doch egal wie man es dreht, der Tapir war von Anfang an wichtig für das moritz.magazin. Er verleiht uns Biss. Biss, der in der heute weichgespülten und übervorsichtigen Medienlandschaft manchmal fehlt. Das tut weh. Daran sind wir nicht mehr gewöhnt. Und dann wagt er es auch noch Juden, Flüchtlinge, Nazis und nackte Frauen zu thematisieren. Das kann nur ein Ekel wie der Tapir. Das darf nur ein Ekel wie der Tapir. Denn so funktioniert Satire. Nicht jede Satire gelingt, nicht jede Satire schafft es auf der Seite des guten Geschmacks zu bleiben. Die Frage ist nur, ob sie das überhaupt muss. Denn wer zieht eigentlich die Linie, hinter der es zu weit geht, wer bestimmt, wann ein satirischer Witz verstanden wird? Das kann keiner. Für mich ist Satire gelungen, wenn jemand lacht und auch über „Respekt“ wurde gelacht. Nicht von allen. Das ist nun auch mir bewusst.

Satire unantastbar? - Johanna Krone & Stefan Lukas

In Zeiten, in denen rechtes Gedankengut wieder salonfähig wird, wo Überfremdungsängste Einzug in die Köpfe halten und die Bevölkerung notleidender Staaten öffentlich diffamiert wird, kann Satire zweierlei Wirkung entfalten: Gewitzt und durchdacht umgesetzt, kann sie zum Hinterfragen und Umdenken animieren. Plump und ungelenk, werden Ängste und Vorurteile nur befeuert. Satire kann und sollte den Finger stets auf die Wunde legen, diese jedoch nicht weiter aufreißen.
Bei dem Comic „Respekt“ aus dem Sommermoritz 2015 stellte sich nun die Frage – Wurde der Finger geschickt auf die Wunder gelegt oder noch mehr Salz hineingestreut? Geschmacklos, faktisch falsch und uneindeutig scheint Letzteres passiert zu sein. Aus dem ursprünglich gut gemeinten Bilderspiel wurde eine vorurteilsbehaftete Abfolge von Bildern. Vor allem ein Problem und die daraus folgende Konsequenz taten sich auf.
Bei „Respekt“ ist unklar, ob Vorurteile benutzt werden, um mit ihnen aufzuräumen oder ob sie benutzt werden, um eine bloße Pointe zu kreieren. Die Leserschaft muss sich zwangsläufig zweiteilen: In die, die nachdenklich ihre Vorurteile hinterfragen und in jene, die aufgrund ihrer Vorurteile diesen Comic lustig finden. Bei so einem sensiblen Thema darf nicht offen bleiben, wie der Blick auf Vorurteile sein sollte.
Gefährlich ist besonders eine Deutungsweise: Der Comic macht sich über das Schicksal derer lustig, die ihre Kinder aufgrund der eigenen Notlage an das Rote Kreuz übergeben müssen oder diejenigen, die für 0,50 Euro die Stunde in Deutschland arbeiten müssen, damit wir unsere Erdbeeren bekommen.

Es darf nicht passieren, dass Satire so verstanden werden kann, dass sich über das Schicksal derer lustig gemacht wird, die am Rande ihrer Existenz stehen. Außerdem ist es absolut fragwürdig mit Hilfe bestimmter Vorurteile, die schlichtweg falsch sind, das Bedürfnis nach Humor zu bedienen. Wenn das moritz.magazin sich auf die Fahnen geschrieben hat, neutral und überparteilich zu sein, sollten Comics, die Gefahr laufen, ganze Bevölkerungsgruppen zu verleumden, gänzlich gestrichen werden. Polarisierung ist bis zu einem gewissen Grad gut, solange das Gefühl für Sensibilität nicht verloren geht.

Zeig nicht auf mich, sondern auf dich. Eine Kritik an uns alle - Paul Zimansky

Der Tapir im sommermoritz 2015 zog nun, fast 5 Monate nach seiner Veröffentlichung, einen Shitstorm in Richtung Greifswalder Küste. Mit ihm eine mediale Aufmerksamkeit, die leider nicht der aktuellen Problematik gerecht wird: dem diskriminierenden Zustand, in der sich unsere Gesellschaft befindet. In der heutigen Zeit geschieht soziale, kulturelle, sexuelle, religiöse und allgemein menschliche Ausgrenzung von “Anderen” tagtäglich in allen Regionen des Landes. Da ist schon mal die Hemmschwelle zum Fingerzeigen sehr weit unten angesetzt. In der aktuellen Diskussion um den Tapir als Wesen und dessen Inhalte gehen Geschmäcker und Meinungen weit auseinander, was für einen gesellschaftlichen Diskurs sehr wichtig ist. In Bezug auf den Tapir “Respekt” des sommermoritz 2015 bewerte ich diesen als geschmacklos und satirisch nicht ausgereift. Die Tatsache, dass es (leider) viele Menschen gibt, die sich in dem Denken dieses Wesens widerspiegeln, sich respektlos verhalten und sich in ihrem Handeln bekräftigt fühlen, verstärkt die Wirkungskraft gegenüber unseren Mitmenschen. Dass diese in Zeiten von Verarmung einer ganzen griechischen Bevölkerung und christlich-sozialer Kampagnen á la “Wer betrügt, der fliegt!” zusätzlich beflügelt werden, ergibt sich von selbst. Dies ist vordergründig natürlich ein gesellschaftliches Problem.

Es heisst immer, Satire muss man nicht erklären und “was darf Satire? – alles.” (Tucholsky aus dem Jahre 1919). Im Kontext dessen wird aber gerne mal vergessen, dass wir in einer Zeit fast 100 Jahre danach leben, sich die Gesellschaft verändert hat und dementsprechend mit sensiblen Themen, wie beispielsweise Vorurteilen gegenüber Anderen, auch behutsam(er) umgegangen werden muss. Wenngleich sollte jedoch auch das Aufzeigen der Probleme in einer Gesellschaft mittels der Satire nicht weniger deutlich, aber eindeutig vorsichtiger geschehen. Es passiert schnell, dass der Zeigefinger auf uns alle zeigt, wenn aus der Eindeutigkeit eine Zweideutigkeit wird und wir mit Tatsachen konfrontiert werden, die weder richtig noch angemessen sind. Die daraus folgenden Konsequenzen sind dabei nie abschätzbar, sodass wir auch hier an Grenzen stoßen werden und müssen.

Gewiss haben weder der Künstler Kai-Uwe Makowski noch wir Schuld daran, dass sich an stumpfen Ressentiments gegen andere, meist den Schwächeren der Gesellschaft, bedient wird. Darum geht es auch garnicht. Aber wir tragen eine Mitverantwortung und nicht zuletzt die wertvolle Aufgabe in unserer Gesellschaft, mit dem Mittel der freien und unabhängigen Kunst- und Pressearbeit behutsam, aber dennoch kritisch umzugehen. Und nicht zuletzt müssen wir die Gesellschaft weiterbilden, statt immer nur mit dem Zeigefinger auf Andere zu zeigen. Hier ist jeder von uns gefragt, damit Vorurteile in Zukunft keinen Platz mehr finden. Die Gesellschaft ist mehr als nur der Mensch vor uns, auf den wir mit dem Zeigefinger zeigen. Sie ist auch Satire.

...und Tucholsky sprach, dass die Satire alles dürfe - Enzo Petzold

Die kürzlich entbrannte Debatte um den Tapir-Cartoon „Respekt“ entzweit die Gemüter. Was ist Satire und wie soll sie im Tapir funktionieren?

Grundkonsens aller Tapier-Fans scheint zu sein, dass der Tapir ein rücksichtsloser Menschenhasser ist. Ein immerwährender Zyniker und Rassist, vor dem sich jeder in Acht nehmen sollte. Die eigentliche Botschaft an die Leser könne erst durch diese Charakteristiken zu Tage treten, die sich in jedem Cartoon neu offenbaren: Hinter der bitterbösen Fassade stecke im Kern die notwendige Gesellschaftskritik. Ich denke damit macht man es sich zu einfach. Das ist zu billig.

Soweit so gut, die Darstellung eines gesellschaftlichen Missstandes – am besten in möglichst provokanter Manier – ist Zweck von Satire. Dem Tapir gelingt dies jedoch keinesfalls. Anstatt das Gewissen des Lesers einer geistreichen Prüfung zu unterziehen, bleibt es bei einer stereotypischen Diffamierung, nichts anderes ist dieser Cartoon-Strip, der sich in jedem NPD-Festzelt großer Beliebtheit erfreuen würde. Einen diskriminierenden Witz ohne den notwendigen Interpretationsrahmen aber mit dem Stempel „Satire“ zur Gesellschaftskritik zu erheben, das ist plump und verantwortungslos.

In Deutschland hat die Fremdenfeindlichkeit ein neues Rekordhoch erreicht, im letzten Jahr ist es zu dreimal mehr Anschlägen auf Asylbewerber gekommen. Es kann nicht hingenommen werden, dass der Cartoon „Respekt“ als reine Satire abgetan wird, wo er doch, wie durch das Medienecho bestätigt wurde, in erster Linie als genau das vorurteilsbehaftete Klischee-Denken interpretiert wird, welches in zahllosen Köpfen ach-so-besorgter Bürger tagtäglich stattfindet und medial von der Boulevardpresse zusätzlichen Zündstoff erhält. [1] Das alles brauchen wir in Mecklenburg-Vorpommern nicht und erst recht nicht innerhalb der Studierendenschaft der Ernst-Moritz-Arndt-Universität.

Meine aufrechte Abneigung gilt allen urplötzlichen Verteidigern der Satire, die mit dem Totschlagargument übertriebener „political correctness“ und dem populistischen Verweis auf Charlie Hebdo (nur weil auch der Tapir unter dem Label „Satire“ verstanden werden will, sollte man nicht in übereilter Verblendung auch das gleiche Niveau vermuten) aufwarten. Wer bei Veröffentlichungen des Karikaturisten wie dieser [2] keine Bedenken hat, der hat sich wahrscheinlich auch noch nie mit Rassismus konfrontiert gesehen, darunter gelitten, geschweige denn in einem brennenden Asylheim gesessen.

All jenen kann ich nur sagen: Nennt mich einen humorlosen Gutmenschen, aber damit macht ihr es euch zu einfach. Das ist zu billig.

Grafik: Jonathan Dehn

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