mm107_editorial_3_Mounir_Katrin_smallAls ich mit einem Freund während eines Sommerbesuches in Deutschland vor drei Jahren im Wald spazieren war, erzählte ich ihm meine Zukunftspläne. Mit meinen 16 Jahren war ich damals fest entschlossen, Medizin zu studieren. Wo? In einer möglichst großen Stadt. Berlin, Hamburg oder München sollte es sein; „Weißt du John? Ich kann es mir nicht vorstellen in einem Kaff zu leben.‘‘ Drei Jahre später kehrte ich nach einer langen Zeit in Syrien wieder nach Deutschland zurück. Als Student der Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Greifswald weiß ich jetzt, dass Zukunftspläne nicht immer in Stein gemeißelt sind.

Ich habe damals die Zufälle ignoriert, die schon immer maßgeblich mein Leben lenkten. Es war dieser Sommer in Syrien, in dem sich politisch ein Frühling anbahnte und eine Freundin mir von ihrem Traum erzählte, Journalistin zu werden. Diese Geschehnisse waren alles den Zufällen zu verdanken. Sie formten mich und brachten mich von meinem Wunsch, Medizin zu studieren, ab. Dass Zufälle unser Leben beeinflussen, ist keine neue Erkenntnis. Schon Friedrich Nietzsche sah die Zufälle als einzigen Weg darin den Fesseln der gottesfürchtigen Moral zu entfliehen, um so das eigene Glück zu finden. Natürlich möchte ich hier jetzt nicht darüber sinnieren, dass wir keine Kontrolle über unser Leben haben. Die haben wir. Unsere spontanen, im Alltag getroffenen Entscheidungen werden maßgeblich durch unsere Persönlichkeit beeinflusst. Aber könnte es sein, dass unsere Persönlichkeit durch einen vor Jahren vorgefallenen Zufall so beeinflusst wurde, dass eben solche Entscheidungen erst möglich wurden?

Ich möchte nicht sagen, dass man sein Leben den Zufällen überlassen und dann solange in der Wohnung ausharren soll, bis endlich etwas passiert. Man sollte sein Leben nicht verdrossen im Voraus planen. Es ist nicht falsch, sich Ziele zu setzen und Träume zu haben. Falsch ist es nur, wenn etwas im Leben schief läuft, sich von der im Inneren auftretenden Ungewissheit bis in die Knochen schocken zu lassen. Unvorhergesehene Geschehnisse, also Zufälle, können unser Leben sowohl ins Positive als auch ins Negative lenken. Wir müssen lernen, dass die Zukunft schon immer ungewiss war und wir es nicht erst nach einer plötzlichen Trennung oder einem Unfall realisieren.

Ich jedenfalls blicke dem Ungewissen mit Freuden entgegen. Denn würde das Leben nicht arg langweilig sein, wenn alles vorhersehbar wäre?

Mounir Zahran

 

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Portaitfoto von Katrin Haubold.