Ole Schwabe (21), studiert Politikwissenschaft und demnäcsht Geschichte. Der Ossi mit bayrischem Migrationshintergrund wäre gerne Nachwuchs-Intellektueller. Um das Grün hinter seinen Ohren abzubauen, schreibt er seit Januar 2011 für das moritz Magazin, aktuell als hochschulpolitischer Hofberichterstatter. Bisher größter Erfolg war die Schenkung eines Malbuchs nebst Waschbärkarte von Seiten eines humorvollen Ex-Würdenträgers.

„Investieren Sie ihr Geld in Dada!“ Neulich schwamm ein Strohhalm inmitten der dreckigen Newsflashbrühe und ich ließ ihn nicht mehr los. Der kluge Deutschlandfunk widmete dem Dadaismus einige Sendeminuten, jener verfremdenden Anti-Kunst, welche der verwirrenden Einsamkeit inmitten der Reizüberflutung scheinbar Wahnsinniges entgegen schleuderte. Die Lange Straße in Greifswald, auf einem T-Shirt prangt: „Investier‘ dein Geld in Alkohol, wo sonst gibt es 40%?“ Los Leben, schreib‘ mir die beste Geschichte, bitte mit Moral!

Wir sinken in schwarze Sofas, Fingerzeig auf einen im universitären Dunstkreis zu verortenden Tresengast. Der Hochschullehrer als Überschwemmungsopfer, tosende Weißweinfluten spülten sein Mojo hinfort und schwemmten stattdessen kommunikative Inkontinenz an. Bände sprechende Blicke der weiblichen Bedienung. Er setzt sich zu uns. Eindimensionales Themenportfolio, Charakteristikum des über den Durst trinkenden Arbeitstiers. Er redet am liebsten über sich, seine Arbeit und seine Ansichten. Unverständnis gegenüber verweichlichten Studierenden („Sie müssen den schwarzen Helm aufziehen, das Spiegelvisier runter klappen und sich mit der Polizei kloppen.“).

Flankiert von Herrlichkeiten dieser Art lief die Uhr weiter und unser weißweinbetriebener Wanderprediger kippte lallend auf mich zu. Die Hand sanft auf meinem Knie positionierend, wies er mir verbal den Weg durch den Wissenschaftsdschungel. Das mit den großen Zusammenhängen sei sowieso Unsinn, die Welt halte sich auch ohne mich irgendwie zusammen. Nur die Flucht ins Detail sei erstrebenswert. Die Worte purzelten nun nur noch im Minutentakt aus seinem Mund. Hier verpasste ich zum wiederholten Mal den Absprung, Neugier und Lust am Skurrilen ließen mich bleiben und eine Runde Pfeffi bestellen. „Mein Ansatz ist, die Welt zu erklären und sie dann zu verändern.“ – „Und wo sind Sie da gerade?“ – „Naja, (lange Pause) wahrscheinlich noch beim Erklären.“

Er schlug die Hände vors Gesicht, ein kurzer, sichtbarer Moment absoluter Klarheit über den eigenen Zustand. Wie auf einem Schaukelpferd wippte er fortan in seinem Ledersesselchen auf und ab. Des Kellners Forderung nach Zahlen wurde mit einem spöttischen Lächeln und dem Hinweis quittiert, dass dies „die Ladies“ übernähmen. Die Ladies waren wir. Also die Rechnung zahlen, Fahrrad suchen helfen und dem Schlingernden mit müden Augen nachblicken. Das Große spiegelt sich im Kleinen, betrunkene „Säulen der Gesellschaft“ wanken nach Hause, zukünftige trotten hinterher. Im Mund diesen schalen Bastard aus Bier und Rauch. Der Geschmack der Jugend? Der Geschmack des Lebens? Den ersten Sonnenstrahlen entgegen, zwischen verblichener Situationskomik, seichtem Mitleid und geparkten Autos schwankend. Und wieder was zum Erzählen gefunden, ein paar Stunden vergessen, das „Leben genossen“. Was bleibt, ist Leere. Ein paar Stunden später grüßen Spiegel online, Posts und Tweets, Prüfungen, die eigene Verlorenheit in der ekelhaften Enge der Kleinstadt.

Dada, wo bist du? Come back, we all miss you!

Fotos: Johannes Köpcke (Porträt), Jona Hölderle via Jugendfotos.de, Jakob Pallus (Grafik)

Dieser Text ist Teil des webMoritz-Projekts „fünf x fünf – Die Kolumne“. Vom 20. Juni bis 22. Juli schreiben werktags fünf Autoren an je einem festen Tag eine Kolumne für den webMoritz. Weitere Infos gibt es hier. Morgen ist an der Reihe: Sophie Lagies