Harvard is in Germany

Ein Gastbeitrag aus dem Satire-Magazin „Titanic“

Harvard is in Germany
und wer sich darüber freut, ist eigentlich schon zu doof, als daß man ihn an einer Eliteuniversität studieren lassen sollte. Ein abermals recht exzellenter Vortrag von Stefan Gärtner, M.A.

Wie dagegen im engsten Umkreis Menschen dort verdummen, wo ihr Interesse anfängt, und dann ihr Ressentiment gegen das kehren, was sie nicht verstehen wollen, weil sie es allzu gut verstehen könnten, so ist doch die planetarische Dummheit, welche die gegenwärtige Welt daran verhindert, den Aberwitz ihrer eigenen Einrichtung zu sehen, das Produkt des unsublimierten, unaufgehobenen Interesses der Herrschenden.
Minima Moralia §127

Eine der erfrischendsten Ironien der letzten Zeit ist sicherlich die Unruhe des Bildungsbürgers, der feststellt, daß die seit der Entdeckung der Globalisierung und insonderheit des sog. Pisa-Schocks forcierte Ökonom- und Brutalisierung bereits der Schulverhältnisse auch das eigene Balg betrifft: „Das verkürzte Gymnasium macht aus Kindern Manager“, erkannte ein bedröppelter Hannes Hintermeier in eben der Frankfurter Chef- und Oberklassenzeitung, deren Bildungsredakteuse Heike Schmoll seit gefühlten Dekaden nach Latein ab Einschulung, Turboladergymnasium und Zentralabitur in allen Fächern schreit: „Spontane Verabredungen mit Nachbarskindern sind die Ausnahme, Kindergeburtstage bedürfen sorgfältiger Absprachen, das gesamte Schuljahr muß akribisch durchgeplant werden … Kinderärzte berichten, daß Eltern verstärkt Antibiotika für die Kinder verlangen, um Fehlzeiten abzukürzen. Immer mehr Schulkinder klagen über Erschöpfungszustände“, nämlich in Bayern, wie vor Jahren schon in der SZ zu lesen war, ein rundes Drittel aller „G8“- und also Schnellgymnasiasten; die auf Konkurrenz, Wettbewerb und Weltmarkt halt weniger Bock haben als ihre halb dummen, halb für dumm verkauften Eltern, die zwar ihre Kinder lt. jüngsten Zahlen mit Vierfünftelmehrheit nicht mehr alleine auf den Schulweg lassen, die knochen- und willensbrecherische Zurichtung ihrer gehätschelten Lütten aber vor lauter Abstiegsangst ergeben hinnehmen. Aber welche Konsequenzen die Übertragung von Markt- und Ausleseprinzipien auf Grund- und Mittelschüler hat, hätten sich sogar jene denken können, die noch die Gnade des hessisch-nordrheinwestfälisch-bremischen Abiturs genossen haben und heute allesamt bekloppte Sozialfälle sind: „Die Kinder“, nämlich Hintermeiers und seiner Klassenkameraden, „sind der erste Jahrgang, den die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ereilt hat. Wenn sie 2014 Abitur schreiben, werden sie endlich Zeit haben, darüber nachzudenken, was denn das nun gewesen sein soll? Eingesperrt in ein Korsett, das ihnen regelmäßig Zwölfstundentage aufnötigte, der schmale Rest an Kindheit, der noch für sie vorgesehen war, geopfert. Leere Nachmittage, Muße, Sport, Musik, Spiel mit Freunden – Luxus längst vergangener Tage“, auf den man aber gerne verzichtet, wenn nur später die Luxuswohnung und der Luxusgeländewagen dafür einstehen, daß eins erst lebt, wenn‘s konsumiert.

Die vom Spiegel wie stets mehr gewünschte denn festgestellte und in Form eines schon älteren Spezials noch immer die Bahnhofsbuchhandlungen blockierende „Sehnsucht nach alten Werten“, nämlich Familie, Autorität und Leistungswille, ist die simple Sehnsucht der Profiteure nach der guten alten Zeit, als es am bürgerlichen Normenkatalog genausowenig Zweifel gab wie an dessen staatsbürgerlichem Sinn: Kinder, Küche, Krupp; und es ist nur prima vista paradox, daß sich genau jenes juste millieu, das allenthalben über mangelnde Volksbildung klagt und den Nachwuchs immer schneller und härter durchs Gymnasium geprügelt sehen will, scheint‘s weder den Schüler Gerber noch Hans Giebenrath, noch auch nur Hanno Buddenbrock zu kennen scheint und deshalb, gegen alle Pisa-Lehren, genau die Triez- und Kasernenschule wiederhaben will, der die deutsche Literatur vor hundert Jahren schon den Abgesang geschrieben hat.

Wilhelm Meister würde sich wundern; aber den kennen sie ja gleichfalls nicht.

So scharf ist der Wind geworden, daß Thomas Steinfeld sogar in der Süddeutschen Zeitung im deutschen Eliten- und Leistungswahn die „Funktion eines sich verschärfenden Klassengegensatzes“ sehen mußte: „Zur Elite hingegen, von der zur Zeit vor allem die Hochschulpolitiker schwärmen, sollen keineswegs alle gehören. Denn ihr Zweck besteht nicht nur darin, den Besten zu einer noch besseren Bildung zu verhelfen. Vielmehr ist sie auch dazu da, eine ungleich größere Zahl von jungen Menschen von der weiteren Bildung auszuschließen. Diese sollen bloß nicht zuviel lernen, damit Geld, Zeit und Wissen auf die wenigen Kandidaten für eine erträumte zukünftige Elite konzentriert werden können“ und die anderen, wie zu ergänzen wäre, nicht mehr auf dumme Gedanken kommen noch überhaupt kommen können, es sei denn auf solche, die sich beim Anblick von Autoprospekten, Couchgarnituren oder Plasmaschrankwandfernsehern einstellen mögen.

Dabei darf es, je nach Blickwinkel, bereits als gutes oder schlechtes Zeichen gelten, daß über solche Sätze schon gar nicht mehr gelacht wird: „Sechs deutsche Hochschulen sind heute zu Eliteuniversitäten ernannt worden“ (hr-Nachrichten), von Kaiser Wilhelm wahrscheinlich, der zwar genügend irre Gedanken hatte, einen von solchem Kaliber aber nicht: zu dekretieren, wo in Zukunft gute Wissenschaft stattzufinden hat und wo weniger gute, weil diesem Land halt nichts so sehr fehlt wie ein „deutsches Harvard“, damit die Entscheider in Zukunft dem Lebenslauf leichter entnehmen, ob einer Prolo oder Elite ist. Bildung, auf gut Humboldtsch der Weg und die Fähigkeit zu Selbstbestimmung und Mündigkeit durch den Gebrauch der Vernunft, findet dann selbstverständlich nicht mehr statt, denn langhaarige Tagediebe auf der Campuswiese Burroughs, Hegel oder Adorno lesen zu lassen bringt weltmarktmäßig einfach nichts ein; ganz anders als „die enge Verschränkung von Forschung und Industrie“, die lt. naturgemäß begeistertem Spiegel („Deutsche Forschung: Zurück zur Weltspitze“) die Universität der Zukunft zu leisten hat: „ ‚Normalerweise geht man als Doktorand ins Labor und kommt nach drei Jahren wieder raus‘, erklärt Physikprofessor Uli Lemmer, Leiter der [Karlsruher „School of Optics and Photonics“-]Graduiertenschule. Seine Mitarbeiter forschen nun von Anfang an gut vernetzt mit der Industrie, regelmäßige Managementkurse gehören fest zum Programm“ –  denn darum geht es, und nur darum: ums Geldverdienen. Weswegen ein älterer FAZ-Bericht über den Trend, sich zwecks sprachlicher Frühförderung chinesiche Kindermädchen ins Haus zu holen, auch weniger dem Glück galt, als Kind eine Fremdsprache geschenkt zu bekommen, sondern dem, was in der Titelzeile so trüb wie notorisch „Fit für den Weltmarkt“ hieß; und die deutsche Universität „trotz des öffentlichen Jubels über das Ergebnis der Exzellenzinitiative … in der geistigen Prägung, die sie seit Kants `Streit der Fakultäten ́, durch die Humboldtsche Bildungsreform und die philosophischen Universitätstraktate von Fichte, Schelling und Schleiermacher bis Karl Jaspers erhalten hat …  nach längerem Siechtum verstorben ist“, wie Professor Dieter Borchmeyer (Heidelberg), Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, schon nach Ausrufung der ersten deutschen Kaderschmieden im letzten Jahr der Süddeutschen klagte, als einer der wenigen, die den Wahn, wo Widerstand schon zwecklos geworden war, wenigstens noch benannten. „Was  in der Universität heute den Ton angeben soll, ist vor allem das anwendungsbezogene Wissen, der Technologietransfer, an dem Politik und Wirtschaft“ – lies: Wirtschaft und Politik – „so lebhaftes Interesse haben. Der neue Hausherr der Universität ist nicht mehr der Homo sapiens, sondern der Homo faber. Diejenigen Wissenschaften, welche das Bild und die Struktur der deutschen Universität mit ihrer weltweiten Auswirkung geschaffen haben, sind nunmehr zu Fremdlingen im eigenen Hause geworden“, denn die Geisteswissenschaften – die, was die deutschen Reformgauner nicht wissen oder nicht wissen wollen, den Ruhm und Ruf der angelsächsischen Eliteuniversitäten schon begründet haben, als es das Wort Exzellenzcluster noch gar nicht gab – sind in der schönen neuen Welt der Dr. Anette Schavan (CDU) und ihrer philiströsen Schergen allenfalls noch Dekoration und werden deshalb, wo immer es geht, vorsorglich kaputtgespart. Wo nicht gleich abgeschafft.

Daß sich Deutschlands akademischer Überbau so gut wie gar nicht gegen den ja zunächst einmal alles andere als rechtsverbindlichen Bolognakäse gewehrt hat, daß es ihm kaum einmal in den Sinn kam, darauf hinzuweisen, es habe doch jahrhundertelang ganz gut ohne Module und ECTS-Leistungspunktesystem funktioniert, daß er das vulgärkapitalistische  „Centrum für Hochschulentwicklung“ der Fa. Bertelsmann als Schattenbildungsministerium hingenommen hat und also die eigene Herabwürdigung zum Thinktank des Großen Geldes – man mag es für einen besonders glorreichen Fall von kampfloser Kapitulation halten, nachdem Wirtschaft und angeschlossene Medien in den letzten fünfzehn Jahren keine Gelegenheit zum Rankings- und Wettbewerbsradau ausgelassen haben; wie sich das Hamburger Sturmgeschütz der Reaktion noch im Triumph das Nachtreten nicht verkneifen kann: „Der Elite-Wettkampf macht Schluß mit der Lebenslüge, daß alle Universitäten gleich seien“ – vor einem übermächtigen, ausweislich seiner Sprache keiner humanen noch intellektuellen Regung mehr verdächtigen Gegner mag es klug sein, sich ohne größere Umschweife zu ergeben; angesichts dessen aber, was auf dem Spiel stand: den Geist gegen den Naturzustand zu verteidigen, einen uninstrumentellen, „unpraktischen“ Begriff von Bildung gegen die räudige Homo-homini-lupus-Begeisterung des neoliberalen Gesockses in Schutz zu nehmen, wären Verweigerung und Boykott einen Versuch wert gewesen. Doch statt sich gegen die Marginalisierung ihrer Disziplinen zu wehren, machten die akademischen Philosophen, Philologen und Sozialwissenschaftler – aus Angst, Beflissenheit oder beidem – den Clusterquatsch lieber mit und gingen z.B. in Mainz, wo man vor zehn Jahren noch in aller Seelenruhe studieren konnte, mit albernen Akronymungeheuern wie einer „Graduate School of Cultural and Social Studies (SOCIUM)“ auf Fördergeldjagd; und, natürlich, baden.

Denn wenn es schon darum geht, dem akademisch avancierten Ausland und seinen Investoren auf zeittypischer Augenhöhe zu begegnen, dann muß man, wo es schon (und gottlob) keine jüngere universitäre Elitetradition gibt, auf Namen zurückgreifen, die nach großer Vergangenheit, Internationalität oder wenigstens nach Good Old Germany klingen, weswegen Mainz gegen München, Greifswald gegen Göttingen und Hannover gegen Heidelberg eh keine Chancen hatten. Und weniger überraschend, daß eine Hauptstadtuni im feinen deutschen Ivy-Kreis gelandet ist, als der Umstand, daß es nur die FU geschafft hat; aber die Humboldt-Universität noch mit dazuzupacken hätte dann vielleicht doch zu arg nach DDR-Zentralismus und Hauptstadtprotektion ausgesehen.

Wo es also nicht allein um Profit und Einfluß geht, geht es um Glanz, Gloria und Adabei, und wo es darum nicht geht, um die Disziplinierung und Formatierung des akademischen und subakademischen Nachwuchses. Denn neben den gehätschelten Repräsentativuniversitäten mit ihren international anerkannten Topcheckerclustern wird sich, ganz wie im Vorbild USA, ein Mittel- und Unterbau entwickeln, wo dann der doofe Rest, gegängelt durch ein Modul- und Punktesystem, sich zu einem Bachelor genannten erweiterten Abitur qualifizieren darf, und da „kritisches und eigenständiges Denken als universitäres Ausbildungsziel gar nicht mehr angestrebt oder einer winzigen Elite während ihres Doktorandenstudiums vorbehalten werden soll“ (Prof. Dietrich Lemke, Bielefeld, cf.  www.nachdenkseiten.de/?p=2535), kann man das Fußvolk, das ja doch nur in der Peripherie von English Studies, Bewegungspädagogik und Sozialarbeit landet, besten Gewissens nach drei Jahren in die Zeitarbeit entlassen; das ist gut für die Statistik – „das Ziel ist nicht die Verbesserung der Qualität der Ausbildung, sondern die Vermehrung der Zertifikate“ (Prof. W. Eßbach, Freiburg) -, es gibt weniger Studienabbrecher, und mit dem „unverhofften Geldsegen“ (FAZ, 2.11.) aus den Studiengebühren kann man die Unis zu eben den Servicebetrieben „mit Geld-zurück-Garantie“ (ebd.) machen, die den auf Konsum programmierten Schulabgängern gerade noch gefehlt haben.

Aber man soll sie auch  nicht kaputtreden, die neue akademische „Freiheit“ (H.-O. Henkel), die es erlaubt, verlustfrei heute in Bremen und morgen in Oxford zu studieren, das Punktesystem macht‘s möglich, nein? Nein: „Auch wenn zwei BA-Studiengänge im selben Fach an zwei verschieden Hochschulen dieselbe Anzahl von Leistungspunkten erfordern, sagt das über die inhaltliche Ausgestaltung noch überhaupt nichts aus, denn jede Hochschule bastelt sich ihre Studiengänge in eigener Regie zurecht, wobei die persönlichen Fachschwerpunkte der jeweiligen Lehrenden die dominierende Rolle spielen. Es gibt, im Gegensatz zu früheren Zeiten, noch nicht einmal mehr eine verbindliche Rahmenordnung, die für ein Mindestmaß an inhaltlicher Vergleichbarkeit garantieren könnte“ (Lemke, a.a.O.). Aber wozu dann der ganze, im Rekordtempo durchgepaukte Reformzauber? Damit die Massenunis der zweiten Kategorie, wo sie schon weder Weltgeltung noch Mehrwert produzieren helfen, eben das Geld nicht brauchen, welches anderswo zur Alimentierung der Bulmahnschen „Leuchttürme“ benötigt wird? Oder weil Globalisierungssklaven halt nicht mehr können müssen als das Allernötigste: „Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav. Lesen halte ich nicht für erforderlich?“

Kaum anzunehmen, daß unsere Bildungspolitiker die Quelle dieses (unwesentlich gekürzten) Zitats kennen; weswegen ich mich auch nicht dafür entschuldigen muß. Noch werde.

Erstmals erschienen in Ausgabe 12/2007 des endgültigen Satiremagazins „Titanic“.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Geschrieben von Stefan Gärtner (endgültiges Satiremagazin Titanic)

Zwischen Lethargie und Übereifer

Eine Reportage über die erste StuPa-Sitzung

Am 15. April dieses Jahres war es mal wieder soweit: das Studentenparlament (StuPa) der Uni Greifswald konstituierte sich auf ein Neues. Dieses Ritual findet jedes Jahr statt. Dieses Jahr zum zweiten Mal im Konferenzsaal des Hauptgebäudes der Universität. Nach sterilen bis heruntergekommenen Sitzungssälen in den Jahren davor wird nunmehr also ein Ambiente geboten, das im Vergleich mit den vorigen Räumen vor akademischer Würde fast schon trieft.

Säulen umlaufen das Plenum, es gibt so etwas wie einen Eingangsbereich und von den Wänden sowie von drögen Stellwänden hängen historische Teppiche „aus der Region“, wie der Einzelhandel so schön sagen würde. Unbeeindruckt davon, wo das StuPa gerade tagt, hat das Ganze aber etwas von einem eingeübten Ritual. Dieses Jahr ist zwar ein großer Anteil an Neuzugängen im StuPa vertreten, doch die redseligsten Wortführer sind dieselben wie immer. Es handelt sich hierbei um eine bestimmte Spezies im StuPa: Die Wiedergewählten. Mit einer Ausnahme.

Ein Populist im Parlament

Sebastian Jabbusch, der im StuPa-Wahlkampf mit markigen Sprüchen („Ich hasse Hochschulpolitiker!“) auf sich aufmerksam machte, wurde mit überwältigender Stimmenanzahl ins StuPa gewählt (moritz 69). Nun sitzt er dort und schwankt zwischen ganz still und ganz laut sein. Seine Arbeitseinstellung lässt sich somit auf der ersten Sitzung nur schwer einschätzen, bei kontroversen Themen gibt er sich jedoch kämpferisch. Spannend wird hier in der kommenden Legislatur sein, ob das StuPa und Jabbusch es hinbekommen, sich auf einer kommunikativen Ebene zusammen zu finden. Immerhin reagieren jetzt schon viele der Alteingesessenen gereizt auf ihn, was an seinem StuPa-kritischen Blog auf uni-greifswald-blog.de (inzwischen ryck-blick.de) liegen mag (moritz 69).

Animierte Ohnmacht

Sowieso ist es schwer, dieser Sitzung eines der beiden Siegel „Diskussionsfreudig“ und „Völlig lethargisch“ aufzudrücken. Grundsätzlich durchzieht eine gelangweilte Trägheit die konstituierende Sitzung, die leider per se lethargisch sein muss, da eine umfangreiche Liste an Formalia abgearbeitet werden will. Nur vereinzelte StuPa-Mitglieder, die gehyped scheinen von ihrer Überzeugung etwas Wichtiges zu tun und wie angestachelt einherlächeln, scheinen das anders zu sehen. Der Rest unterhält sich doch des öfteren. Nachdem Philosophiestudent Frederic Beeskow erneut zum Präsidenten des Parlamentes gewählt wird, weht wenigstens der Hauch einer Struktur durch den Rest der Sitzung. Aber der routinierte Schneid der letzten Jahre ist raus. Selbst das Schreiben von Abstimmungszetteln kann hier zu einer echten Herausforderung werden. Die Gäste, die sich tatsächlich relativ zahlreich hergetraut haben, werden währenddessen auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Zu selten dürfte es für ihren Geschmack die eine oder andere aufflammende Diskussion zu einem schwierigen Thema geben. Meistens bleibt es dabei, dass Florian Bonn, augenscheinlich bekennender Chefermittler mit enervierendem Grinsen, hinter jeder Wolke einen Hundehaufen zu erkennen meint. Meistens findet er nichts.

Skandal!

Doch was jeder mit Spannung erwartet kommt fast einem Eklat gleich. Sebastian Jabbusch spielt auf ein Fass an, dass man Alexander Schulz-Klingauf zufolge „heute nicht aufmachen“ wollte. Da wird vorgetragen, dass sich einige Studenten auf den Schlips getreten fühlten, weil im aktuellen Sommermoritz ein Comic abgedruckt ist, den man als antisemitisch auslegen könnte. Der wiedergewählte StuPa-Präsident Beeskow hatte im Vorfeld schon eine E-Mail von einem Studenten erhalten, der sich darin wohl recht bitterlich über diesen Umstand beschwerte. Kaum ist das Fass geöffnet, wird auch schon scharf geschossen. Björn Buß, moritz-Chefredakteur, ist der Meinung, man bräuchte doch schon ziemlich viel guten Willen, um den angesprochenen Comic antisemitisch zu verstehen. Der Autor habe sich zudem schon diverse Male auf politisch unkorrekte Weise über „Randgruppen“, beziehungsweise über den Umgang mit diesen lustig gemacht, ohne, dass sich jemand daran gestört hätte. Daraufhin murmelt Schulz-Klingauf nur: „Schlimm genug, dass der sich mit solchen Themen beschäftigt.“ Sebastian Jabbusch sekundiert sofort: „Antisemitismus hat in Deutschland eine besondere Dimension.“ Außerdem sei „so etwas gerade in Zeiten so viel antisemitischer Propaganda gefährlich.“ Letztlich hält Jabbusch das Ganze sogar für „rechtlich problematisch“. Hört, hört! Da hat der moritz auf einmal einen ausgewachsenen Karikaturenstreit am Hals! Aber er freut sich darüber. Ehrlich.

Back to the roots

Was danach folgt, ist die große Ernüchterung. Die restlichen Tagesordnungspunkte diktieren den Fortlauf der Sitzung. Es werden Ämter wie die Kassenprüfung per Wahl gefüllt. Der Haushaltsausschuss wird tatsächlich fast vollständig besetzt, was auf konstituierenden Sitzungen eher eine Seltenheit ist. Hin und wieder sorgt einzig Kim, der Hund der stellvertretenden Chefredakteurin des moritz, Maria Trixa, für Erheiterung. Er geht dann auf nur schwer kontrollierbare Streifzüge durchs Plenum. Martin Hackober, StuPist und Mitlied des „Rings Christlich-Demokratischer Studenten“, trägt dem Präsidenten seine Bedenken vor, dass dieser Umstand die Ernsthaftigkeit der Sitzung unterminieren könnte. Dieser setzt dem anarchistischen Treiben bald darauf durch einen Ordnungsruf ein Ende. Ein Finanzantrag des Jurastudenten Philip Rusche, der einen kritischen rechtstheoretischen Kongress in Greifswald organisiert und noch ein wenig finanzielle Unterstützung dafür braucht, wird ein wenig zusammengestrichen und dann angenommen. Man hat Zeit, sich die Teppiche an den Wänden ein wenig anzuschauen. Es werden AGs eingerichtet. Um 0 Uhr wird die Veranstaltung satzungsgemäß beendet und wenigstens die wichtigsten Punkte sind von der Tagesordnung bearbeitet. An Produktivität mangelte es dieser Sitzung nicht, an Inspirationen schon eher.

Geschrieben von Stephan Kosa

Aschenputtelsyndrom

AStA-Strukturdebatte nahm ihren Verlauf

Wenn es Mitternacht schlägt, muss die schöne Prinzessin den Ballsaal verlassen. Mitglieder des Studentenparlaments (StuPa) müssen ebenfalls Punkt Null Uhr den Konferenzsaal räumen. Beide sind einem äußeren Zwang ausgesetzt: Die Fee und der Mann, der das Hauptgebäude verschließt. Doch könnten die Studenten im Seminarraum der Augenklinik die Diskussion um den Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) beenden. Diese fand auf der zweiten Sitzung der aktuellen Legislatur keinen Abschluss.

Weniger als zwei Drittel fanden den Weg in den Seminarraum, damit war das Parlament nicht beschlussfähig für die Ausschreibungen der AStA-Referate. Vorlesungen und Prüfungen am nächsten Tag waren der Grund. Da auch am folgenden Dienstag zu viele fehlen würden, einigten sich die Parlamentarier, allen voran Martin Hackober und David Wulff auf eine Sondersitzung am Montag. In den vergangenen Jahren konnte das StuPa die AStA-Referate jeweils nach einer Sitzung ausschreiben, auch wenn diese bis weit nach Mitternacht andauerten. Im vergangenen Jahr schloss Präsident Frederic Beeskow diese, ebenfalls zweite Sitzung der Legislatur um 1:59 Uhr.

Hauptsache abstimmen

„Vorsichtig mit der Selbst-Evaluation. Das ist eine inspirierte Wahrheit der Referenten“, gab Alexander Schulz-Klingauf zweieinhalb Stunden früher noch zu Bedenken, dann stürzen sich die 22 Anwesenden in die Diskussion. Eine neue, bessere Struktur für den AStA sollte her. Und wie jedes Jahr vor allem eine kleinere, die somit weniger Aufwandsentschädigungen frisst. So forderten es die vier Vorschläge, eingereicht von Alexander Schulz-Klingauf und Florian Bonn, den Jusos, dem RCDS und dem AStA selbst.

Zuvor verbrachten die Parlamentarier noch eine halbe Stunde damit, die Vorgehensweise der anstehenden Debatte zu debattieren. „Lasst uns abstimmen, ob wir abstimmen“ ob zuerst die Strukturdebatte, ob zuerst die Satzungsänderung, ob es überhaupt ein Problem gäbe. In der Satzung geht es um ein Stimmrecht für Co-Referate, um Geld, um die zu leistende Stundenzahl. Wenn es um die Art der Referate geht, dann wünschten sich einige die Unterscheidung zwischen Haupt- und Co-Referaten aufzuheben. Das hätte Auswirkungen auf Stundenzahl und Höhe der Aufwandsentschädigungen und somit auf die Satzung. Die außerdem nach Änderung erst mal durch die Rechtsabteilung der Uni muss. Aber „hängen wir diese nicht ganz so hoch“, befand Alexander Schulz-Klingauf. Nun, es wurde abgestimmt und man hatte mehr Lust auf AStA-Debatte. Außerdem sollen die Referate schnell ausgeschrieben und somit neu besetzt werden können.

Keine Lust mehr auf Hochschulpolitik

Am Grundkonzept hat das Studentenparlament festgehalten. Doch ließen sich in der  Diskussion mitunter interessante Denkweisen erkennen. Ein stellvertretender AStA-Vorsitzender wurde ohne großes Bedenken eingerichtet und damit dem AStA ein lang ersehnter Wunsch erfüllt. Mit Folgen. Obwohl Lisa Steckel, bisher zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, mehrfach in ihrer Selbstevaluation auf die Wichtigkeit ihres Postens hingewiesen hatte, trennten sich die Hochschulpolitiker kurz und schmerzlos von diesem. Noch weniger Diskussionen gab es zu dem Co-Referat Evaluation und Hochschulentwicklung. Auch hier unterstrich der Amtsinhaber die Bedeutsamkeit dieses Aufgabenfeldes. Doch Christian Müller konnte die StuPa-Mitglieder nicht überzeugen. Erkenntnisse über die letzten Referenten flossen damit teilweise in die Diskussionen hinein. Deshalb forderte AStA-Kollege Christian Bäz eine „Entpersonalisierung der Debatte“. Eine allgemeine Meinung teilten die Mitglieder auch im Bezug auf Konstantin Keune, zuständig für Hochschulpolitik, und disputierten doch tatsächlich über eine Abschaffung des Postens. „Was will das StuPa eigentlich?“, hakte schließlich Zoran Vasic nach. Eine Streichung sei doch vollkommen kontraproduktiv. Die Hochschulpolitik solle gestärkt werden, so der Referent für Soziales und Wohnen. Man denke an die mögliche Abschaffung des Konzils und die Machtkonzentration auf den Rektor durch ein neues Landeshochschulgesetz (moritz 69).
 
Knappe Entscheidungen

Eine absolute Änderung hat sich mit ganz knapper Mehrheit für die drei autonomen Referate durchgesetzt. Ein eigenständiges Amt für Behinderte und Studenten mit chronischen Krankheiten wurde aufgrund mangelnder Möglichkeiten seitens der Studentenschaft abgeschafft und in den Bereich Soziales und Wohnen eingegliedert. Die Referate für Ausländer, sowie Queer- und Gleichstellung wurden gewissermaßen degradiert und zu Co-Referaten bestimmt. Erwartungsgemäß sah der Entwurf des RCDS keine Queer-Stelle vor. Darauf war Referent David Puchert vorbereitet. Die anfängliche Freude unter StuPa-Mitgliedern über die zahlreichen Besucher dürfte spätestens dann halbwegs gewichen sein. Denn das diese nach erfolgreichem Beschluss „ihres“ Referates nicht zu einer Sitzung wiederkehren würden, war klar. Doch ausgeharrt haben sie geduldig, Plakate lagen bereit, Puchert trug eine kleine Rede vor. Überraschenderweise gab es keine Diskussion. Den Vergleich, den letztes Jahr ein RCDS-Mitglieg anbrachte, ebenso gut ein Vegetarier-Referat wie ein Queer-Referat einrichten zu können, brachte niemand erneut an. So folgte die Abstimmung, in der die Mitglieder der LHG und des RCDS geschlossen gegen ein Referat für Homosexuelle und Gleichstellung stimmten. Gegen die neun Stimmen dieser beiden Gruppen stehen zwölf Ja-Stimmen und eine Enthaltung.
 
Schnell abgewickelt

Mit den Ausschreibungstexten wurde nicht viel Aufwand betrieben. Die Texte bewegen sich überwiegend im Rahmen ihres Vorjahrs. Bis auf den stellvertretenden AStA-Vorsitzenden. Der ist jetzt unter anderem für Presse und Öffentlichkeit zuständig. Letztendlich hat der AStA nun 15 Referate, zwei weniger als vorher. Für diese Struktur stimmten 20 der 25 anwesenden StuPa-Mitglieder.

Eine Fortsetzung von Schattschneider‘s Seventeen (moritz 68) wird es also nicht geben.

Geschrieben von Maria Trixa und Björn Buß

Kommentar: „Das ist aber scheiße, Martin!“

Mit Volldampf in die neue Legislatur

Genial! Nur drei Marathon-Sitzungen dauerte die Ausschreibung der AStA-Referate an. Sorgfältig und mit Bedacht haben sich die großartigen Änderungspläne dabei heimtückisch aus der Hintertür geschlichen und die Kreativität gleich mitgenommen. Nach einer Sitzung schrieb das vergangene Parlament die Referate des AStA aus – inklusive der Stellen für die moritz-Medien. Das konnte demnach höchstens eine Schnellschuss-Entscheidung gewesen sein und erforderte konsequenterweise eine durchdachtere Variante der AStA-Struktur für dieses Jahr.

Wenig durchdacht haben einige den Beginn ihrer Mandatsträgerschaft. Erst RCDS-Obermacker Martin Hackober musste für sich und seine Schäfchen nach seinem späterem Eintreffen zur Sitzung  auf eine bedeutende Lücke hinweisen. Denn RCDS und LHG seien in der nächsten Sitzung nicht da. Zuvor hatte man eine halbe Stunde über die nächsten Sitzungstermine gesprochen. Gegen Mitternacht ging es weiter: Außerdem sei am folgenden Tag Uni, für einige sogar Prüfungen. Was für ein Zufall, dass dies gleich über ein Drittel der Mitglieder von den Ausschreibungstexten fern hielt. Über diesen „Kindergarten“ konnte Alexander Schulz-Klingauf nur den Kopf schütteln, während sich Thomas Meyer im Schneidersitz auf einem Tisch einrichtete um das Ende abzuwarten. Ein dezenter Hinweis des Präsidenten Frederic Beeskow auf die Verantwortlichkeit der StuPa-Mitglieder für die Studenten, beendete diese lächerliche Veranstaltung. Tja, auch copy and paste braucht Zeit, nämlich für eine ganze Sondersitzung.

Seltsamerweise hat sich für den kommenden AStA fast nichts verändert. Okay, es gibt zwei Referate weniger. Doch das schien mehr an mangelnder Überzeugungskraft seitens der vorigen Amtsinhaber zu liegen als an der wahren Bedeutung der Ämter.  Ein Großteil der StuPa-Mitglieder hat so gar nicht verstanden, dass eine Person nichts über die Wichtigkeit dieser aussagen kann. Oder wie kommt sonst einer, der sich Hochschulpolitiker nennt, auf den abstrusen Einfall über die Notwendigkeit eines Postens für Hochschulpolitik zu disputieren. Das Referat ist verdammt schwierig auszufüllen, kaum einer schafft es so, wie es sein sollte. Doch fordert eine fehlende Positionierung seitens der Studenten ein Bildungsministerium doch geradezu auf, fröhlich Kürzungen an den falschen Stellen anzukreuzen, über rektorfreundliche Machtansprüche zu entscheiden und somit den größten Murks der Geschichte des Landeshochschulgesetzes zu verfassen.

In die Länge zog die Ausschreibung nebenbei noch ein Antrag Sebastian Jabbuschs, moritzweb eine Seminarförderung für 380 Euro zu verwehren. Martin Hackober sprach sich für eine Zahlung aus, aber nur für den Fall, dass der derzeitige Chef Uwe Roßner wiedergewählt würde. Das veranlasste Alexander Schulz-Klingauf zu der Aussage: „Das ist aber scheiße, Martin!“ Hackobers neuestes Großprojekt ist übrigens, den Chefredakteuren des moritz-Magazins die Aufwandsentschädigung für April einzubehalten, da diese persönliche Informationen über ihn preisgegeben hätten (moritz 69).

Ein neuer kritischer Wind weht durch das Studentenparlament – doch er weht in die falsche Richtung. Echt, Martin.

Geschrieben von Maria Trixa und Björn Buß

Schätzenswert

Die Nutzung des Körperschaftsvermögens steht zur Debatte

„Eine der Aufgaben der Universität ist es, ihr Körperschaftsvermögen zu erhalten sowie zu vermehren. Und mit den Erträgen sowohl die Wissenschaft und Forschung als auch die Lehre zu unterstützen“, erklärt noch AStA-Vorsitzender und stellvertretender Senatsvorsitzender Thomas Schattschneider. Diese Ziele erhielten bislang auch Priorität durch die Universitätsleitung.

Doch sieht diese noch mehr Potential, das Universitätsvermögen weitaus zweckmäßiger und effektiver nutzen zu können. An Ideen und Vorschlägen mangelt es hierzu nicht. Die Gründung einer Stiftung oder der Verkauf des Eigentums wären Alternativen gegenüber dem weiterführenden Erhalt des Vermögens. Aber nicht alles ist Gold, was glänzt. Vor- und Nachteile sind vom Senat genauestens zu erörtern und abzuwiegen.

Grundstücke, Wald, Gebäude

Insgesamt gehören der Universität land- und forstwirtschaftliche Flächen sowie diverse Gebäude in und um Greifswald von 8.711 Hektar. Nur ein Teil wird von der Hochschule selbst genutzt. Privatpersonen und Einrichtungen mieten und pachten den Rest. Die Acker- und Grünflächen werden komplett von ortsansässigen landwirtschaftlichen Betrieben bewirtschaftet. Anders verhält es sich dagegen beim Waldbestand. Hier lebt die alte Forsttradition der Alma Mater weiter. Bei den Gebäuden außerhalb Greifswalds handelt es sich vor allem um Gutshäuser, von denen die meisten vermietet sind. Innerhalb der Stadt nutzt die Uni ihren Gebäudebestand für eigene Zwecke.

Ein zweiter Haushalt

Die wenigsten Hochschulen in Deutschland besitzen so viele Ländereien wie die Greifswalder Universität. Mit den jährlichen Erträgen, die aus den Forst- und Liegenschaften erzielt werden, verfügt sie über eine zweite Einnahmequelle. Die größte Finanzspritze kommt allerdings vom Schweriner Bildungsministerium, da Bildung Ländersache ist. Beide Geldquellen werden getrennt voneinander geführt. „Wenn die öffentlichen Kassen leer sind, steht die Universität vor einem Problem. Daher ist es hilfreich einen separaten Körperschaftshaushalt zu haben“, konstatiert Wolfgang von Diest, Forstmeister der Universität. Entgegen den seit Jahren steigenden Studentenzahlen erhöhten sich die Zahlungen des Landes Mecklenburg-Vorpommern nur um jährlich 1,5 Prozent. Vereinbart wurde dies zwischen dem damaligen Bildungsminister und vorherigem Greifswalder Rektor Professor Hans-Robert Metelmann und der hiesigen Universitätsleitung. Aber 1,5 Prozent können nur als Inflationsausgleich dienen. Daher kann sich die Hochschule glücklich schätzen, den Körperschaftshaushalt zu besitzen. Diese Einnahmen werden gezielt dort eingesetzt, wo das Land nichts geben kann oder will. Beispielsweise hätte der Umbau der „Kiste“ zum größten Hörsaalgebäude der Hochschule niemals so schnell und flexibel umgesetzt werden können. Trotz aufgetretener Baumängel: Die Raumsituation entspannte sich dank dem Körperschaftshaushalt. Auch die Sanierung des Audimax’ wurde durch die eigenen Mittel ermöglicht.

Prämisse liegt nicht im Verkauf

Die Hochschulleitung ist sich jedoch bewusst, dass bislang durch die Verpachtung und Vermietung nicht die bestmöglichen Erträge und Leistungen aus dem Körperschaftsvermögen erzielt wurden. Ein Verkauf könnte kurzfristig viel Geld einbringen. Diese Forderung ist keineswegs neu. Und nicht nur Forstmeister von Diest plädiert für den kompletten Erhalt des Universitätswaldes. Schon seine Vorgänger mussten sich gegen Verkaufspläne durchsetzen. Denn verkauft ist verkauft. „Teilweise ist die Uni gut beraten, sich von Liegenschaften zu trennen“, schränkt von Diest ein. „Vor allem die Gutshäuser können ihr zukünftig Probleme bereiten.“ Die um 1910 erbauten Gebäude befinden sich überwiegend in einem miserablen Zustand und sind sanierungsbedürftig. Als Mosaiksteine der pommerschen Kulturgeschichte sollte das Betreben darin liegen, diese zu erhalten. „Jedoch fehlen der Universität hier die notwendigen Investitionsgelder. Darüber hinaus ist ihr Kerngeschäft Lehre und Forschung, nicht das Sanieren von Häusern“, stellt von Diest klar.

Ein Verkauf an Privatpersonen oder öffentliche Einrichtungen könnte den Verfall dieser Kulturhistorie unterbinden. Auch im Zuge der Neugestaltung des Hochschulkomplexes mit der Konzentration der geisteswissenschaftlichen Fächer in der Rubenow- und  Domstraße sowie in der Friedrich-Loeffler-Straße und der naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachbereiche am Beitz-Platz hat sich die Universität in jüngster Zeit zunehmend für den Verkauf zahlreicher Gebäude entschieden. Peter Rief, Leiter des Dezernat Planung und Personalmanagement, kündigt an: „Es gibt die Absicht, weitere Gebäude zu verkaufen. Welche Gebäude dies sind, hängt von der Realisierung unserer Bauplanungen ab.“ Grundsätzlich liegt die Prämisse aber nicht im Verkauf, sondern im Erhalt des Hochschuleigentums. Gegner der Verkaufspläne weisen daraufhin: „Das Veräußern des Besitzes ist der sichere Weg, dass überkommene Erbe zu verlieren, mit dem die Universität auf engste verknüpft ist.“ Da die Universität Greifswald ein Großteil ihres Vermögens während ihres 552jährigen Bestehens durch Schenkungen erworben hat, würde im Verkauf ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der eigenen Geschichte liegen. „Zudem besteht hier die Gefahr, mit dem Geld nur kurzfristig etwaige Löcher stopfen zu wollen“, gibt der Forstmeister zu bedenken. Die Erlöse können nur einmal verwendet werden und die Garantie, dass das an der richtigen Stelle passiert, kann niemand geben.

Auch Stiftung ist keine Lösung

Eine weitere Idee ist es seit längerem einen Teil des Körperschaftsvermögens, insbesondere den Waldbesitz, in eine Stiftung zu überführen. Rektor Professor Rainer Westermann verdeutlicht: „Stiftungen unterschiedlicher Art sind für Universitäten ein Thema, das in Zukunft noch an Relevanz gewinnen wird.“ Generell stehen einer Hochschule verschiedene Möglichkeiten offen, dem Stiftungsgedanken nachzugehen. Zum einen können ganze Hochschulen – wie in Niedersachsen und Hessen geschehen – in eine Stiftung des öffentlichen Rechts überführt werden. Ziel war eine größere Eigenverantwortung zu erlangen, denn Hochschulen wissen besser, was für sie gut ist, als Beamte in den fernen Landeshauptstädten. Zum anderen kann die Universität als Körperschaft selbst eine privatrechtliche Stiftung gründen. Letzteres wurde auch für Greifwald überlegt. „Die Möglichkeit wäre gewesen einerseits den Wald zu veräußern und das erworbene Geld in eine Stiftung einzubringen.

Andererseits hätte man auch den gesamten Wald überführen und hier durch die jährlichen Einnahmen für die Stiftung nutzbaren Gewinn erzielen können“, erklärt Hochschulpolitiker Thomas Schattscheider. Solch eine privatrechtliche Stiftung wäre für von Diest wenig attraktiv: „Eine Stiftung hat ihre Reize, vor allem weil sie das Stiftungsvermögen schützt. Jedoch bringt sie auch Nachteile für die Universität mit sich. Und ihre Einnahmen zielgerichtet für bestimmte universitäre Zwecke einsetzen, kann sie bereits jetzt.“ Da die Stiftungsorgane eine eigene juristische Person bilden würde der Senat seine Entscheidungskompetenz über das eingebrachte Hochschuleigentum verlieren. Aus diesem Grund sieht er in einer Stiftung nicht den richtigen Lösungsweg und der Rektor fügt hinzu: „Schon allein aus steuerlichen Gründen könnte es wenig ratsam sein, Grundbesitz der Universität in eine Stiftung einzubringen.“

Nun bleibt es abzuwarten, wo das Rektorat neue Wege sieht, dass Universitätseigentum effektiver zu nutzen und wie der Senat diese Vorschläge aufnehmen wird. Vorerst werden die Gespräche aber weiterhin unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Bis Juni soll jedoch ein erstes Konzept vom Rektorat und der Verwaltung vorgelegt werden, das sich neben einer umfassenden Auflistung des Universitätsvermögens bis dahin nochmals intensiv mit der Neuordnung des Körperschaftsvermögens auseinander gesetzt haben wird.

Geschrieben von Cornelia Bengsch