CD: Horrific

The Horror The Horror

Komischer Name für eine gar nicht so komische Band. „The Horror The Horror“, das sind fünf in der schwedischen Universitätsstadt Uppsala aufgewachsene Jungs, die inzwischen allesamt in Stockholm wohnen. Und wenn sie nicht Musik machen, dann arbeiten sie in den verschiedensten Berufen.

Während Sänger Joel Lindström in einem Plattenladen arbeitet, tut das ein anderer in einem Verlag und wieder ein anderer macht, laut eigenen Angaben, irgendwas mit Geografie. Doch diese Unterschiede verhindern nicht im Geringsten, dass die fünf einfach gut zusammen Musik machen. Genau zwei Jahre ist es her, dass The Horror The Horror ihr Debüt „The Horror The Horror“ veröffentlichten. „Der neue Schweden-Hype“ hieß es damals. Allerdings darf das schon lange nicht mehr für bare Münze genommen werden. Wer aber trotzdem durch diesen Wirbel ein Freund der fünf Stockholmer geworden ist und das letzte Album mehr als nur einmal gehört hat, wird vermutlich auch jetzt mit dem Nachfolger „Wired Boy Child“ zufrieden sein. Viel Schönes ist geblieben: Die nölige Stimme, der lässige Basslauf, die relaxte Grundstimmung der Songs. Alles Liebgewonnene ist dabei. Durchaus sympathisch und fernab vom geposten glattgebügelten Indierock, den man sonst so gerne vorgesetzt bekommt. Musik, die einen dazu bringt mal wieder die angestaubte Gitarre von der Wand zu nehmen und sich ran zu setzen, die Lieder nach zu spielen und beim nächsten Lagerfeuer zum Besten zu geben. Die Musik ist also gut dafür geeignet sich auf die kommende Festivalsaison vorzubereiten.

Geschrieben von Esther Müller-Reichenwallner – radio 98eins

DVD: Neuer Kampfstil

„Zatoichi meets the One Armed Swordsman“ von Kimiyoshi Yasuda

Schema F funktioniert im Film wunderbar. Wie in der James Bond-Reihe kämpft auch der blinde Schwertkämpfer Zatoichi zu Beginn jedes Films gegen Figuren, deren Bedeutung für den weiteren Verlauf der jeweiligen Geschichte unwichtig ist. Dann jettet der britische Agent um die Welt, vergnügt sich mit Gespielinnen, tötet elegant den Oberschurken und rettet so die Menschheit. So wird´s auch im kommenden Bond „Quantum of Solace“ geschehen.

Zatoichi zieht von Film zu Film von einem Dorf ins nächste, ohne dass erklärt werden muss, warum die, offiziell als Masseur arbeitende Figur wieder am Schauplatz einer Unterdrückung auftaucht. Vorher – wie beim Bond-Teaser – zelebriert der körperlich Beeinträchtigte einen Kampf gegen eine Übermacht. Das Schema bleibt bei beiden Reihen erhalten. Nur minimal wird das bewährte Konzept angepasst. Der Spion mit der Lizenz zum Töten darf sich aktuelleren Problemen stellen und erlebte kürzlich einen Neustart. Zatoichi frönt dem Alkohol und Glücksspiel, kämpft gegen Yakuzza und andere dunkle Gestalten und misst sich mit anderen berühmten Schwertkämpfern („Zatoichi meets Yojimbo“) und richtet sich auf deren Stil ein.

In „Zatoichi meets the One Armed Swordsman“ ist es dieses Mal der Star unzähliger Shaw-Brothers-Filme Yu Wang. Seine Figur des einarmigen Kämpfers war in Hong Kong überaus beliebt, doch machte sich Wang seinen früheren Arbeitgeber zum Feind und verlies unfreiwillig die ehemalige britische Kolonie. Da Wang nun neben Zatoichi-Darsteller Shintaro Katsu spielte, sprach der 22. Film der Serie nicht nur das japanische Publikum an, sondern begeisterte auch die Festlandasiaten. Dass für diese ein anderes Ende gedreht wurde – leider auf der deutschen DVD nicht enthalten – war notwendig. Jedenfalls wenn ökonomische Interessen das Handeln leiten. Zwei Figuren, die auf unterschiedlichen Märkten Geld bringen, bedingen auch zwei unterschiedliche Endsieger. Für die japanischen Zuschauer gewann natürlich Zatoichi den Kampf und setzte seinen Erfolg in weiteren Filmen und einer Serie fort.

Erfolgreich war der Einarmige somit vor allem für die Zuschauer, die ihn eh schon kannten. Und bevor der jeweilige Sieger sich Feiern lassen darf, gibt es in diesem Film ein Novum für die ganze Zatoichi-Reihe: Der Masseur hat eine Liebschaft und dass trotz seiner Blindheit, die ihn sonst für die Damenwelt unsichtbar werden lies. Mit dem Film aus dem Jahr 1971 darf nun der zweite Streich des blinden Samurai genossen werden. Hoffentlich dauert es bis zum Erscheinen des Dritten nicht allzu lang, denn Bond-Filme schaffen es auch.

Geschrieben von Björn Buß

DVD: Binokular von der Welt entfernt

„Hallam Foe – Anständig durchgeknallt“ von David Mackenzie

Ein kleiner Vogel pickt sich aus seinem Ei und macht sich auf den Weg, die Welt zu entdecken, um schließlich wieder in die schützende Hülle zu schlüpfen. Was den Vorspann zu dem Film „Hallam Foe – This is my Story“ bildet, ist nur der Auftakt einer komisch skurrilen Lebensgeschichte.

Der 17jährige Hallam hat den Tod seiner Mutter vor zwei Jahren noch immer nicht überwunden und versucht ihm auf die Spur zu gehen. Völlig in sich zurückgezogen, beobachtet er seine Welt durch ein Fernglas, wobei diese an ihm vorbeizieht. Schließlich macht er sich allein auf den Weg nach Edinburgh, um sein junges Leben doch noch auf die Reihe zu bekommen.  Hinter den oftmals bizarren Szenen verbirgt sich das seelische Dilemma eines Teenagers, der sich nicht von seiner Mutter lösen kann. Ödipuskomplex, Zwangsverhalten und Paranoia verleiten den einfachen Teenager Hallam zu den merkwürdigsten Handlungen. So zieht er sich das Kleid seiner Mutter an, sieht in seiner Stiefmutter ihre Mörderin und fertigt Notizen seiner Beobachtungen über das Leben anderer an. Dabei wird sein durchgeknalltes Wesen durch den Britpop Soundtrack, der einen Silbernen Bären für die beste Filmmusik gewann, auch in musikalischen Klängen gut widergespiegelt.

Für seine Mitmenschen nur ein perverser Spanner, will Hallam mit seinem Fernglas doch nur sehen, wie das Leben der anderen ist. David Mackenzie schafft es durch die pointierten Dialoge der Figuren den Zuschauer immer wieder mitzureißen. Die vielen Perspektiven, aus denen Hallam seine Welt wahrnimmt, machen den besonderen Reiz und die Spannung der britischen Produktion aus.

Auch die jungen Schauspieler wie Claire Forlani, Jamie Sives und Jamie Bell erwecken aus einer traurigen Lebensgeschichte ein emotionales Abenteuer.  Ein Abenteuer, das ganz unter dem Zeichen der elementaren Liebe zwischen Mutter und Sohn steht.

Geschrieben von Katja Graf

DVD: Gediegener Mörder

„Mr. Brooks“ von Bruce Evans

Was Kevin Costner anfasst wird entweder zu filmischem Gold („Dances with Wolves“) oder versinkt im Meer („Waterworld“). Der ewige Hollywood-Beau kennt kein Mittelmaß. Gleichzeitig schwankt er zwischen Hollywoodstandards („The Guardian“) und unkonventionellem Trash („3000 Miles to Graceland“). Mit „Mr. Brooks“ ist dem Produzenten Costner ein Werk aus der zweitgenannten Sparte ausnahmsweise außerordentlich gut gelungen.

Mittelstandsunternehmer Earl Brooks (Costner) lebt an und für sich den amerikanischen Traum: Ihm gehört ein ziemlich dicker Vorstadtpalast, eine kleine Firma, Frau und Tochter sind mehr als nur vorzeigbar und gerade ist er zum „Man of the Year“ gewählt worden. Dass Earl hinter dieser hochglanzpolierten Fassade ein bisschen schizophren ist und außerdem regelmäßig die anonymen Suchtkranken aufsuchen muss, erscheint in Relation zu seinem formidablen Lebenswandel wenig tragisch. Zu blöd nur, dass Marshall, die andere Seite seiner multiplen Persönlichkeit (gespielt von William Hurt), ihn immer wieder dazu bringt, seinem unstillbaren Verlangen nachzugeben: Earl findet seine Erfüllung im Morden.

Bei seinem letzten „Rückfall“ schlampt Earl jedoch und wird fortan von einem unliebsamen Zeugen erpresst. Und während sich gleichzeitig eine bärbeißige Polizistin (Demi Moore) an seine Fersen heftet, scheint zu allem Überfluss Töchterlein Jane nur allzu vertraute Neigungen zu entwickeln…

„Mr. Brooks“ spielt gekonnt mit dem Reiz des Morbiden und der verschämten Faszination für den perfektionistischen Lustmörder.  Im Gegensatz zu Tim Burtons überflüssiger Mördermär „Sweeney Todd“  bleibt der Film dabei aber konsequent bösartig. Passend zu den eiskalten Bildern wummert die düstere  – und weitgehend elektronische  – Musik von Ramin Djawadi und komplettiert eine ganzheitlich verlockende Ästhetik des Bösen. Auch das Zusammenspiel von Costner und Hurt, als dessen diabolisches Alter Ego, macht dabei einen Heidenspaß und Lust auf mehr. Bleibt also nur zu hoffen, dass die Abenteuer des „Mr. Brooks“ zu einer satten Trilogie der Finsternis ausgebaut werden.

Geschrieben von Johannes Kühl

DVD: Versteckte Fernsehperle

„Human Trafficking“ von Christian Duguay

Seit in Deutschland Mitte der Neunziger Jahre bei den Fernsehanstalten der große Boom der Eigenproduktionen einsetzte ist das Niveau der klassischen Fernsehfilme massiv gesunken. Nicht nur dominieren unerträgliche Schmonzetten, die im historischen Selbstmitleid absaufen, die Fernsehlandschaft („Die Flut“, „Die Gustloff“). Hochwertige ausländische Produktionen schaffen den Sprung auf unsere Bildschirme meist gar nicht mehr („Uprising“, „The Lost Room“) oder nur sehr spät und versauern dann auf abseitigen Sendeplätzen (wie etwa Mike Nichols „Angels in America“ mit Al Pacino und Meryl Streep).

Gleichzeitig ist die Qualität amerikanischer TV-Filme auf einer weit höheren Stufe angelangt als die so mancher Hollywoodmachwerke. Das ist nicht zuletzt dem Bedeutungsgewinn kapitalträchtiger Pay TV-Sender wie HBO und den daraus resultierenden pompöseren Besetzungslisten zu verdanken.
Gegenüber Kinofilmen weisen diese Werke den nicht zu unterschätzenden Vorteil auf, dass sie nicht in das enge Korsett eines einzelnen Abends gepresst werden müssen, sondern wenn nötig als Mehrteiler epische Breite entwickeln dürfen.
Auch das Drama „Human Trafficking“, das ganze drei Jahre nach seiner Erstausstrahlung bei uns nun zumindest auf DVD erscheint, thematisiert sein Thema („globaler Menschenhandel“) in stolzen 176 Minuten, wird dabei aber nie langweilig. Das liegt zum einen wiederum an der vorzüglichen Besetzung (Mira Sorvino, Donald Sutherland und Robert Carlyle als herrlich widerwärtiger Kopf eines Menschenhändlerkartells), zum anderen daran, dass auf die im deutschen Fernsehen übliche Schönfärberei, die eine Gefährdung der „feierabendlichen Behaglichkeit“ des Fernsehzuschauers offenbar verhindern soll, verzichtet wird. In mehreren miteinander verschränkten Handlungssträngen zeigt der Film schonungslos aber nicht effektheischend viel menschliches Leid und braucht sich dabei hinter vergleichbaren Kinoproduktionen wie „Trade“ oder „Traffic“ nicht zu verstecken.

Geschrieben von Johannes Kühl