von Archiv | 16.04.2008
Wie ist das eigentlich, wenn Künstler jahrelang die Musikwelt an der Nase herum führen, indem sie ein neues Album ankündigen, aber jedes diesbezügliche Statement nicht mehr als ein Gerücht bleibt? Selbst wenn das Plattenlabel dann ein konkretes Datum benennt: Zweifel bleiben. So geht es einem Portishead-Fan. Glücklicherweise sind die Hoffnungen mit dem dritten Album in Erfüllung gegangen.
Mit dem, schlicht, „Third“ betitelten Werk setzen Geoff Barrow, Adrian Utley und Beth Gibbons dort an, wo der Nerv ihrer Hörer getroffen werden kann: Langsame Arrangements, die verrauchte, traurige Stimme der Sängerin und einer Stimmung die keinem Soundtrack des Lebens entsprungen sein sollte. Kamen die beiden ersten Trip Hop-Alben in den seltensten Momenten über den Status eines düsteren und depressiven Musikprojekts hinaus, verblüffen einige Stücke des neuen Albums sehr. Sie scheinen nicht lebensfroh, aber energiegeladen zu sein. Der Einstieg mit „Silence“ ist alles andere als still und ungewohnt für die Künstler aus Bristol. Langsam steigert sich der Beat des Songs bis erstmals Beth Gibbons fragende, melancholische Stimme erklingt.
Doch schon die folgenden Werke verleiten eher zum Hören über Kopfhörer. Und sollte die Schrittfolge eines Fußgängers durch „Third“ gesteuert werden, wechseln sich ein schneller Gang („We carry on“) mit dem eines Müßiggängers („Hunter“) ab. Dazwischen stolpern die Schritte auch nur dahin („Machine Gun“). Portishead schuf das ultimative Album für geselligen Großstadtindividualisten, die sich musikalisch abkapseln wollen. Das dreizehnjahre lange Warten lohnte sich also.
Geschrieben von Björn Buß
von Archiv | 16.04.2008
Niels Frevert
„Außenseiter, Wegbereiter, neuer ständiger Begleiter…“. So fängt der fünfte Song des neuen Albums von Niels Frevert an. Seitdem die CD „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ des Hamburgers in meine Hände gelangte, ist sie auch wirklich nie fern von mir gewesen.
Erst im CD-Spieler, dann auf dem Computer und dann bei meinem täglichen Spaziergang in die Stadt. Und das Seltsame ist, je mehr ich sie höre, umso schöner finde ich die Musik. „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ ist das dritte Album des Singer-Songwriters Niels Frevert. Das erste selbstbetitelte Album veröffentlichte er im Jahre 1997. Eine kleine Ewigkeit später folgte dann 2003 „Seltsam öffne dich“. Wer jetzt rechnet, merkt, dass sich der Herr gerne mehr Zeit für seine Alben nimmt. Im Schnitt ungefähr fünf Jahre. Das Gute daran ist: Wer sich soviel Zeit lässt, erlebt zwischenzeitlich viel und hat dann auch etwas zu erzählen. Seine Texte sind aus dem Leben und sind wunderbar ehrlich. Eine ganz eigene Mischung aus Stadtromantik und Nostalgie. Neben den typischen Gitarrenklängen eines Singer-Songwriter Albums sind auch erstaunlich viele andere Instrumente auf diesem Album wieder zu finden. Die Gitarre bildet den Untergrund. Darüber gibt es wundervolle Klavier- und Streicherarrangements. Filigran und treibend mischen sie sich harmonisch ein. Dies macht Niels Freverts Musik wunderbar stimmungsvoll und melodisch. Es setzt die Musik ein wenig von dem ab, was man normalerweise von einem „Liedermacher“ erwartet. Auch das macht es für mich zu einem der besten Alben im April.
Geschrieben von Esther Müller-Reichenwallner – radio 98eins
von Archiv | 16.04.2008
Love Ravers
Der Hype um My Space hört nicht auf.Die 2003 von Tom Anderson gegründete Communityseite verzeichnet mittlerweile fast 200 Millionenen registrierte Nutzer. Egal, was die Kritik sagen mag, ein Sparziergang durch den virtuellen Raum lohnt sich alle Mal.
Von den so genannten A-Promis bis hin zu Lokalpatrioten und Möchtegernmusikern kann der gelangweilte Surfer alles finden. Um akustischen Perlen des sozialen Netzwerkes auch außerhalb des virtuellen Raums die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken, veröffentlicht moritz ab sofort auch Besprechungen, von bisher nur in digitaler Form erhältlichen Musikstücken unbekannter Künstler. Den Anfang machen die „Love Ravers“.
Es mag sein, dass, spätestens seit dem Ende der Loveparade, wirklich kein Mensch mehr an das Comeback des Raves glaubt. Aber die Jungs der Band „Love Ravers“ aus Hamburg belehren uns eines Besseren. „Fuck me now and love me later, bist du ein echtes Ravergirl, bin ich dein Raver!“ singt Bob Malo in Neon-Schnellfickerhosen. Ja, es ist Trash, aber guter. Willkommen im 21. Jahrhundert. Die Bühnenshow, der homemade Rave (instrumental erzeugt), Gesang und Texte überzeugen einfach. Alles um die Band herum schreit nach Perfomance. Der Zuschauer selbst hüllt sich in Neontrash und tanzt im Zeichen der Liebe, der Zukunft und des Raves. Kürzlich spielten sie auch als Vorband von J.U.S.T.I.C.E in Hamburg und glaubt man dem My Space-Auftritt (myspace.com/bobmalo) sind die Stücke wie „Elektrisches Gerät“ oder „Schnell und Heiß“ auch bald auf schwarzem Gold gepresst und für jeden Wohnzimmerraver käuflich zu erwerben.
Geschrieben von Maria-Silva Villbrandt
von Archiv | 16.04.2008
Leander
Vor ein paar Monaten entdeckte ich durch Zufall das Soloprojekt „This Mess is Mine“ von Lars Kranholdt. Es dauerte nicht lange und ich hatte mich in die Musik verliebt. Als ich mich daraufhin ein wenig mehr mit dem jungen Schwerin auseinandersetzte, fand ich so einiges.
Denn wie es heutzutage so ist, bleibt es meist nicht bei einem Projekt. Lars Kranholdt ist unter anderem auch in „Leander“. Die vierköpfige Band ist das eigentliche Hauptprojekt, fand ich heraus. Eine Band mit seinem Bruder Daniel. Die lernten sich natürlich bei der Geburt des Anderen kennen und fanden irgendwann, nach mehreren Jahren örtlicher und auch musikalischer Trennung heraus, dass man in der eigenen Familie auch gut zusammen Musik machen kann. Das passierte 2005. Seitdem entstanden allerlei Songs und werden Shows im In- und Ausland gespielt. Nach der „Hide and Sleep“ EP im letzten Jahr wagten sie nun den Schritt und nahmen die Besten von ihnen auf. Das erste Album „Pass/Fail” kommt Mitte April in die Läden und ist ein wunderbares Kunstwerk mit elf zarten, filigranen und doch starken Pinselstrichen. Die Musik könnte als elektronische Musik beschrieben werden, doch ist dort viel mehr zu finden als die reinen Beats. Trotz prominentem Einsatz von Synthesizern und Computersamples klingen die Songs erstaunlich handgemacht und ehrlich. Passend dazu spinnen sich die Songtexte um die Musikgebilde. Manchmal schmiegen sie sich an, manchmal übernehmen sie die Oberhand, manchmal stehen sie ganz alleine dort. In jedem Fall gehen sie ins Ohr und finden den Weg direkt ins Herz.
Geschrieben von Esther Müller-Reichenwallner – radio 98eins
von Archiv | 16.04.2008
Various Artists
Frankreichs urbane Jugend tanzt den Tecktonik. Seit dem letzten Sommer auf fast allen öffentlichen Plätzen. Und wer ihn dort nicht tanzt, muss ihn abseits parodieren. Die Zappelfuchtel-Choreographie bildet sich über einer musikalischen Melange aus Jump Style, Hard Trance und Hard Style – pauschal: Techno.
Bevor ein weiteres Wort über die Musik verloren wird, schaue man sich zunächst eines der unzähligen Tecktonik-Videos im Internet an. Es lohnt sich. Markantestes Stilelement sind die Bewegungen der Arme zur Seite und über den Kopf, als ständen die Tänzer auf Droge unter einer imaginären Dusche im Freien. Das sieht so dämlich aus, dass kaum anderes übrig bleibt, als den Franzosen zur abseitigsten Idee des Jahres zu gratulieren. Tecktonik zwingt zum Voyeurismus und ist dabei ansteckend wie eine Seuche. Zwangsläufig klickt man sich weiter durch Lehrvideos à la „Cours Tecktonik“. Entweder, um sich hierzulande auf den Durchbruch des „Tecktonik“ vorzubereiten oder um selbst Glückwünsche auf der nächsten Party für die lächerlichste Pose einzusacken. Die passende Musik zum Tanz liefert die Doppel-CD „Tecktonik Vol. 4“. CD eins versammelt einen „Electro-Tek“-Remix von DJ R.V.B. Auf der zweiten Scheibe hat DJ Dess unter der Sammelbezeichnung „Jumpstyle/Hardstyle“ eine durchlaufende Spur aus 18 Tracks kompiliert. Auf letzterer ist die stampfende Monotonie deutlich abwechslungsreicher, wenn auch alle beide Mixe viel versprechend beginnen. Der Elektro-Teck verliert sich nach guten 60 Minuten Steigerung im Minimalkosmos des Stampfhammers. Letzlich geht es um die neue und völlig verrückte Art des Peinlich-Tanzens. Die Musik reizt dazu.
Geschrieben von Robert Tremmel