Der Maler und das Meer

Pommersches Landesmuseum thematisiert Lyonel Feininger

Fast jeden Sommer reiste Lyonel Feininger (1871 – 1956) zwischen 1891 und 1935 an die Ostsee. Hier suchte und fand der Maler der Klassischen Moderne die Motive für seine Kompositionen im Atelier: Dünen, Schiffe, Wolken, das weite Meer und backsteinerne Kirchen.

Die Wahl erfolgte sorgfältig, denn Feininger liebte seine Motive, die ihn bis ins hohe Alter begleiteten. Ausgehend von der spontanen Naturnotiz über Aquarelle bis hin zu den im Atelier entstandenen kristallinen Gemälden zeichnet die Ausstellung „Lyonel Feininger. Vom Sujet zum Bild“ den Schaffensprozess des in New York geborenen nach. Erstmals werden dabei die in der Region entstandenen Kompositionen ab dem 19. August im Pommerschen Landesmueseum gezeigt.  „Wir haben unseren Bestand seiner Werke noch nicht gezeigt, wollten dies allerdings nicht mit einer Kabinettausstellung tun“, sagt Kuratorin Birte Frenssen. Die ersten Überlegungen zur diesjährigen Ausstellung gab es bereits vor zwei Jahren.

Weltweite Leihgaben
 
Für die umfangreiche Schau stellten Privatbesitzer sowie inter- und nationale Sammlungen Leihgaben zur Verfügung. Dazu zählen beispielsweise das Museum of Modern Art, das Brooklyn Museum of Art, das Sprengel Museum Hannover und die Kunsthalle in Basel. „Jede Leihgabe bedeutete einen unheimlichen Aufwand“, berichtet Frenssen. Den Grundstein für den Greifswalder Bestand legte eine Schenkung des Sohnes Max Feininger.  „Es geht uns mit der Ausstellung nicht allein um Feininger an der Ostsee“, gibt Frenssen zu bedenken. „Die Frage ist auch, warum ein Amerikaner damals bis nach Pommern kam.“

Die ungebrochene Beliebtheit Feiningers verwundert die Kuratorin nicht. „Er hat immer einen Gegenstand bewusst ausgewählt und ihn nie ganz aufgelöst“, erklärt Birte Frenssen. „Dieser Schwebezustand ist faszinierend.“ So bliebe Feininger als moderner Künstler mit seinem individuellen Stil einem breiten Publikum bis heute zugänglich.

Intime Atmosphäre

Die elf Bildserien vereinen Landschaften und Architekturen, deren Bildmaterial in Mecklenburg, Vorpommern und im ehemaligen Westpommern, heute Polen, zu finden sind.
Und die Kuratorin macht einen Aspekt für ihr Haus geltend: „Feiningers Formate passen wunderbar in unsere Räume und schaffen eine intime Atmosphäre“. Vor allem spricht die Motivmetamorphose dafür. „In gehängten Reihen kann dies schöner heraus gearbeitet werden.“

Geschrieben von Uwe Roßner

DVD: Keine Zierde unter dem Himmel

?Scoop – Der Knüller? von Woody Allen

Der zweite von Woody Allen nicht in seinem angestammten Revier New York gedrehte Film „Scoop – Der Knüller“ besitzt einige Gemeinsamkeiten gegenüber „Match Point“, Allens vorherigem Meisterstück. London ist der Schauplatz, Scarlett Johansson ist als weibliche Hauptdarstellerin besetzt und hinter der Fassade der englischen High Society verbergen sich düstere Seiten.

Zur Höchstform schafft es der Klarinettenspieler dieses Mal aber nicht, auch wenn das Werk durch seine schauspielerische Anwesenheit bereichert wird. Allen spielt eh weniger. Er besetzt sich als sich selbst. Die Drehbücher stammen aus seiner Feder und den Regiesessel verlässt der Amerikaner ebenfalls nicht. Mit der Produktion ist neben anderen Produzenten auch ein Familienmitglied betraut. So lassen sich die Herstellungskosten senken.

Die Kosten seiner Filme, besser deren Relation zu den Einnahmen, waren der Grund der Migration des Oscar-Gewinners. England als Heim auf Zeit bot die sprachliche Nähe und Unterstützung durch europäische Geldgeber. Als Verstandsmensch darf sich Allen seit zwei Filmen von der Alten Welt hofiert fühlen.

Weniger spannend als die Hintergründe der neuen Lebens- und Drehorte ist die Handlung. Woody Allen ist Sid Waterman ist Woody Allen. Das schnelle Aussprechen wahrgenommener  Assoziationen der ihm Gegenüberstehenden und sich Erinnern an Vergangenes, aber nicht immer Geschehenes, sind die Markenzeichen des drittklassigen Magiers. Während einer Zaubershow macht Allen/Waterman die Bekanntschaft mit der blonden, schüchternen amerikanischen Journalistin in Ausbildung Sondra Pransky (Johansson). Hineingezogen in eine auflagensteigernde Geschichte über den als Serienmörder verdächtigen Sohn (Hugh Jackman) eines Lords, darf der Zauberer seine Tricks einem gutbetuchten Publikum vorführen. Währenddessen versucht Pransky, dem Suspekten auf die Schliche zu kommen. Problematisch ist nur ihre emotionale Einfachheit. Dass hinter der friedlichen Fassade ein cleverer Rabauke steckt, wird zum Filmende deutlich.

Einerseits ist der Handlungsaufbau wenig überraschend und nur im Fallenlassen der Hüllen darf der Australier Jackman den minimalen Hauch von schauspielerischen Können zeigen. Zum anderen darf „Match Point“ als Ausnahme und „Scoop“ als die Regel in der Reihe der letzen Werke Allens zu sehen sein.  Wünschenswert ist eine Steigerung des Stadtneurotikers: Zum dritten Mal in London („Cassandra´s Dreams“, 2007), aber ohne Johansson und zum dritten Mal mit Johansson („Woody Allen Spanish Project“, 2008), aber nicht in London, sondern in Barcelona, filmt Allen hoffentlich bald wieder einen Knüller.

Geschrieben von Björn Buß

DVD: Reise durch die Zeit

?Big Bang Live, Juvenile A? von Takeshi Miike

Über den japanischen Tausendsassa Takeshi Miike muss nicht mehr viel gesagt werden. Sein Output an Filmen summiert sich zu einem der abwechlungsreichsten Gesamtwerke eines lebenden Regisseurs.

Kein Film gleicht dem anderen, in so unterschiedlichen Genres ist der Filmemacher zu Hause – manche Streifen sind nicht einmal in eine einzige Kategorie einzuordnen – und zwischen der absoluten Brutalität („Ichi the Killer“, 1999), der scheinbaren Normalität („Audition“, 1999) und Skurilität („The Happiness of the Katakuris, 2001) verblüfft Miike den Zuschauer. Auch in „Big Bang Love, Juvenile A“ fällt die Genreeinteilung schwer.

Ein Jugendgefängnis – die Darsteller der Insassen gehen trotz ihres Alters als fortpflanzungsfähige Straftäter durch – ist der Schauplatz eines Tötungsdelikts. Jun (Masanobu Ando) wird bei der Leiche von Shiro (Ryuhei Matsuda) gefunden. Scheinbar der Täter, doch erst im Verlauf des 90 Minuten langen Films wird ihre Beziehung verständlich. Genauso interessant wie die Figuren sind die Bildkompositionen: Von Nahaufnahmen bis zur Totale sind die Menschen nur im Kontext ihrer Umwelt zu verstehen.

Ein aufregendes Kulturgut reizt die Sinne und fordert den Geist. Das auf der DVD als Bonus enthaltene Interview mit dem 46jährigen Filmemacher ergänzt dessen famose Konstruktion sehr. Nur wenige Regisseure bieten in ihren Werken solch eine Bandbreite an  Möglichkeiten an. Lohnenswert.

Geschrieben von Björn Buß

DVD: Sunny´s Boys

?AALTRA? von Gustave de Kervem und Benoit Delépine

Langsam führt der Mann seine Hand mit dem Knipser über die Krankenhausdecke zum Nagel. Der Fernseher läuft. Der Zimmernachbar sieht teilnahmslos hin. Selbstvergessen schneidet der Patient den Fußnagel. Die Lautstärke des Gerätes füllt das Zimmer aus. Die Hand mit dem Knipser wandert zum nächsten Nagel, stoppt ganz selbstvergessen und setzt an. Die Schneideflächen dringen tief in das Fleisch. Daumen und Zeigefinger erhöhen den Druck. Dunkles Blut tropft auf das weiße Laken. Der überstehende Nagel fällt.

 Die Hand mit dem Knipser wandert seelenruhig weiter. Kein Schrei ertönte. Denn das Gefühl in den Beinen fehlt, fehlt beiden Patienten des Zimmers. Beide, die in ihrem Dorf Nachbarn sind. Bis aufs Mark verfeindete, nun querschnittsgelähmte Nachbarn.     

Der zu Hause arbeitende Angestellte und sein Bauer jenseits des Gartenzaunes lassen keine Gelegenheit aus, um ihre gegenseitige Geringschätzung deutlich zum Ausdruck zu bringen. Ob mit dem Geländemotorrad auf dem Acker oder dem Düngerstreuer in Nachbars Garten. Nach einer Prügelei machen sich beide aus dem Norden Frankreichs zum Landmaschinenhersteller AALTRA nach Finnland auf. Natürlich per Rollstuhl. Denn bei der Schlägerei auf dem Felde gerieten sie unter den Hänger der besagten Marke. Nur hielt es AALTRA nicht so sehr mit der Sicherheit seiner Produkte. Ein Grund für Schadenersatz.
Benoit Delépine und Gustave Kervern gehören als Autoren und Stand-up Comedians zu den beliebtesten Stars im Bereich der frankophonen Komödie. „AALTRA“ ist ihr erster Spielfilm, wenn auch nicht ihr erster gemeinsamer Film, für den sie das Drehbuch schrieben, als Hauptdarsteller standen und die Regie führten. Beide trafen sich vor ungefähr sieben Jahren zum ersten Mal und probierten sich mit zahlreichen Kurzfilmprojekten immer wieder an neuen Erzählformen aus. Im Road-Movie „Don Quixote and the Revolution“ arbeiteten sie mit dem französischen Kultregisseur Maurice Pialat zusammen.

Der 35 mm-Streifen in schwarz-weiß besticht durch seine grobe Körnung, prägnanten Kameraeinstellungen und -schwenks. So werden Bergabfahrten mit dem Rollstuhl, die bis in die tiefe Nacht andauernde Jagd hinter einem Geländemotorad oder das Betteln um Almosen auf dem Bürgersteig zu Augenweiden und Prüfsteinen der Lachmuskeln. Trotz aller Schrulligkeit und Frechheit auf ihren Weg in das Land der tausend Seen stellen die beiden Nachbarn ungeschminkt die Widrigkeiten für Menschen im Rollstuhl dar. Ganz ohne Samthandschuhe. Dabei greifen Situationskomik und Drehbuch wunderbar ineinander. Delépine und Kervern ließen sich dabei auf die Drehorte ein und mischten unmerklich bei den Darstellern Laien mit Profis.

Während Till Schweiger in „Wo ist Fred?“ sich in der Abschlussentschuldigung in den politisch korrekten Rausch redet, schaffen Delépine und Kervern als an den Stuhl gefesselte Stand-up Comedians eines: AALTRA zeigt die zwei Rollstuhl-Rocker ungeschminkt und dadurch liebenswürdig als Menschen aus Fleisch und Blut. Anstelle einer griffigen Liebesgeschichte bewährt sich das schrullige Duo Infernale auf ihrer Odyssee in den Norden von Widrigkeit zu Widrigkeit. Künstlerisch betrachtet gerät die Reise nach Finnland zugleich zu einer cineastischen Pilgerfahrt zu Aki Kaurismäki (bitte am Ende genau hinsehen!) und bleibt doch in der Sache Albert Libertad gewidmet.   

Geschrieben von Uwe Roßner

Spontan und Frei

Die studentische Theatergruppe Improsant zeigt ihr Können

5…4…3…2…1… – Go! So werden sie eingezählt, was dann folgt ist Spontanität pur.
Die für Impro-Fans fast schon symtomatischen Klänge ertönten am 11. Mai im Lutherhof, als die studentische Theatergruppe „Improsant” zu ihrem Auftritt einlud.

Bereits 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn waren die Sitzplätze schon rar. Punkt 20.30 Uhr, als sich der Lutherhof schon nicht mehr aufnahmefähig für die Menschenmassen zeigte, kümmerte sich die Moderatorin um die Aufwärmung des Publikums, dem laut Aussage älterer Improsant-Flyer unverzichtbarem integralsten Bestandteil der Aufführung.
Der Mechanismus ist einfach: Ihren Stoff nehmen die Spieler aus den Zurufen des Publikums und da auch das Publikum nie dasselbe ist, ist auch das Impro jedes mal andersartig.  Es wird gefragt nach Gefühlen, Orten, Handtascheninhalten. Kurz: nach dem, was szenisch auf der Bühne dargestellt werden soll.

Die Bühne ist requisitenleer. Die Kleidung der acht Spieler unterscheidet sich nur farblich voneinander. Wo soll da die Action entstehen? Die Darsteller sind auf sich allein gestellt, auf ihre Mimik, Gestik, ihren Erfindungstrieb und eigenen Ideenreichtum.  Ein paar Requisiten zur Unterstützung finden dann doch ab und an den Weg auf die Bühne. Nicht zu vergessen die musikalische Untermalung und Rahmung  durch einen schmucken Gitarristen.
Als Eröffnungsspiel stand erneut das Gröninger-Freeze, bei dem drei Spieler auf der Bühne stehen, einen Gegenstand mimen („Ich bin ein Baum”) und letztendlich  zum Standbild werden.

Dass dieses Standbild dynamisch bleibt, zeigt der Abgang. Nur zwei Personen verlassen die Bühne, um die dritte Übriggebliebene baut sich ein neues Szenario auf.
Als Improspieler muss man sich auf seine Gefährten verlassen können. Man bildet für die kurze  Dauer eines Spieles ein Team, dem es auch gelingen muss, einheitlich zu agieren. In so kurzer Zeit eine Handlung etablieren zu können, die dazu noch nicht allzu schnell an sich selbst ersticken  oder gar zu berechenbar werden soll, erweist sich als echte Kunst oder als echtes Problem. Mit diesem Problem hatte die Gruppe allerdings auch an diesem Abend zu kämpfen. Wie baut man den geforderten  Kugelblitz in die Handlung ein? Einfach umfallen und Ende. Gut geschlagen – auch wenn das Publikum ungeduldig den Kugelbitz in all seiner bitterbösen Erscheinung erhofft hatte. Der Besetzungswechsel machte sich eben doch bemerkbar. Gleich vier Stammspieler hatten die Gruppe zu Semesterbeginn verlassen.
Und dennoch bleibt es dabei: Als Zuschauer sollten feste Erwartungen und Maßstäbe gegen Unbefangenheit getauscht werden. Impro ist immer wieder neu, anders und sehenswert und das immer auf eine andere Weise.             

Geschrieben von Sara Vogel