Preisträger ausgezeichnet

Erstmals Abschlussveranstaltung von ?Jugend musiziert? bei der Bachwoche

Das Konzert der Preisträger des Landes- und Bundesausscheides bildet jährlich den Abschluss des Wettbewerbes ?Jugend musiziert?. Am vergangenen Sonntag fand es im Pommerschen Landesmuseum statt. Zum ersten Mal bot die Greifswald Bachwoche als Musikfestival den Rahmen für die vom Landesmusikrat Mecklenburg-Vorpommern organisierten Gemeinschaftsveranstaltung. ?Ich freuen mich über die Zusammenarbeit?, sagte künstlerischer Leiter der Greifswalder Bachwoche Prof. Jochen A. Modeß, der moderierend durch ein musikalisch abwechslungsreiche Programm führte. Bereits im Vorfeld war die Veranstaltung der 61. Greifswalder Bachwoche restlos ausverkauft. Zudem reisten Preisträger selbst für die mittägliche Veranstaltung von beispielsweise von Neubrandenburg, Schwerin, Rostock und Rügen an.

?Die besten jungen Musiker des Landes können sie heute hier erleben?, sagte Minister für Bildung, Kultur und Wissenschaft Henry Tesch in seinem Grußwort. ?Mecklenburg-Vorpommern kann sich sehen und hören lassen.? Jugend musiziert sei dennoch weit mehr als ein Wettbewerb. Denn die bloße Teilnahme sei bereits eine Anerkennung. Recht grundsätzlich äußerte sich der Minister zur künftigen Entwicklung der Musikkultur des Bundeslandes. Diese soll weiterentwickelt werden. Und dies nicht allein bei den Festivals des Landes, sondern vor allem in ihrer Breite und mit einem besonderen Augenmerk auf die Nachwuchsförderung. Damit dies gelänge, sei ein weiterer Ausbau der Musikschulen notwendig. ?Die Landesregierung will dabei wie bisher ein verlässlicher Partner sein?, so Tesch. Dabei ist der Blick auch auf das Jahr 2011 gerichtet. Dann wird Neubrandenburg der Ausrichtungsort des Bundeswettbewerbes ?Jugend musiziert? sein.

2007 ging mit der Landesausschuss ?Jugend musiziert? in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Pilotprojekt zudem bundesweit neue Wege. ?Die Popularmusik hat Einzug in dieses Land gehalten?, sagte Volker Ahmels, Vorsitzender des Landesausschusses. Zwar gelangen die Teilnehmer der Sparte im Endausscheid vorerst nur bis zur Landesebene, dennoch zeigten sich bereits jetzt eindrucksvolle Ergebnisse. ?Im nächsten Jahr kommen E-Baß und Drummer dazu?, so Ahmels. Dennoch kann erst im November ein erstes Fazit zum diesjährigen Durchlauf erwartet werden. Die erreichten Leistungen konnten sich in der Museumshalle des Pommerschen Landesmuseums hören lassen. Friederike Sengs sang hinreißend John Lennons ?Imagine?, Eckehard Kopetzkis begeisterte auf dem Schlagzeug und Jonas Wolters auf der E-Gitarre vorgetragene Eigenkomposition ?Torsten? fand einen breiten Applaus. Das galt auch für den Teilnehmer aus allen Instrumentenfächern und Ensemblegruppen. Denn die Ehrung und den Blumengruß überreicht vom Bildungsminister und dem Vorsitzenden des Landesausschusses ?Jugend musiziert? haben sich alle Preisträger auf der Bundes- und Landesebene bereits spielend verdient.

Geschrieben von Uwe Roßner

Eine Facette des Komos

Kammerkonzert bot Bachs ?Kunst der Fuge? in St. Jacobi erfrischend dar

Johann Sebastian Bachs ?Kunst der Fuge? ist ein Sonderfall im Schaffen des Komponisten. Denn über den unvollendeten Stück verstarb der Komponist gerade an der Stelle, wo eine Fuge in den Tönen seines Namens (B-A-C-H) anfing. Wie im vergangenen Jahr warb die Greifswalder Bachwoche für ein Konzert mit der ?Kunst der Fuge? in dieser Spielzeit des Musikfestivals. Anstelle eines Orgelkonzertes gestalteten Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Vorpommern diesmal die Kunst der Fuge als unvollendete Kammermusik. Das mit gutem Recht. Denn Bach legte bei seinem kunstvoll-abwechslungsreichen Fugenwerk keine Besetzung fest. Zumindest ist in den Noten kein Vermerk auffindbar.
?Wir möchten für Sie das Fragment wie auf einer gut registrierten Orgel spielen?, sagte Fagottist Matthias Reikowski am vergangenen Sonntagnachmittag zur Begrüßung des Publikums in der Kirche St. Jacobi. ?Damit kann jedes Instrument gut zur Geltung kommen.? Das insgesamt siebenköpfige Ensemble bot das anderthalb Stunden dauernde Stück je nach stimmlichen Umfang der Fugen in verschiedensten Besetzungen dar. Ob als Streichquartett, Duo für Flöte und Fagott, einem Bläser- oder Streichertrio überraschten Claudio Otto (Flöte), Clemens Teutschbein (Oboe und Englisch Horn), Matthias Reikowski (Fagott), Peter Rann (Violine), Gerd Kuniß (Violine), Reinhard Allenberg (Viola) und Gregor Szramek (Violoncello) mit einer immer wieder verblüffenden Farbigkeit und Zartheit ihrer Instrumente. Einer Tradition folgend beendeten die Musiker ihr Konzert mit Johann Sebastian Bachs Sterbechoral ?Vor Deinen Thron tret´ich hiermit?. Eine Rose und langanhaltender Applaus des Dreiviertel der Bestuhlung des Kirchenschiff von St. Jacobi einnehmenden Publikums dankten für das klangvolle Spiel von Bachs unfertigen Opus summum.

Geschrieben von Uwe Roßner

Tango vocale

Finnische Tangos erklangen bei der 61. Greifswalder Bachwoche am Samstag zur späten Stunde im Ballhaus Goldfisch

Nicht zum ersten Mal spielten die ?Freundes des vollen Mondes? in Ballhaus Goldfisch. Dennoch war es für das Tangokombo am vergangenen Samstag eine Premiere. ?Die Teilnahme an der Greifswalder Bachwoche ist ein großartiger Höhepunkt für uns?, sagte der Bandoneonist Walter Baumgartner zur Begrüßung. ?Wir freuen uns, vor so vielen Leuten zu spielen.? Begeisterten Hector Bingert und die Latin Lovers feat. Mikael Augustsson beim Nordischen Klang vor großem Publikum, so fiel die Zuhörerschaft mindestens gleich stark aus. Als Gast begrüßten die Freunde des vollen Mondes nach ihrem zweiten, rein instrumental gespielten Tango Lasse Partanen in schwarzem Anzug und mit weißer Fliege auf der Bühne. ?Der Mond ist das größte Wunder des nächtlichen Himmels?, übersetzt er den finnischen Text des Liedes ?Vollmond?. Gefühlvoll setzt Partanen an, um mit seinem Tenor von den Schönheiten des Mondes singend zu erzählen, der ansonsten seine kalte Bahn zieht. Dänische und deutsche Tangokompositionen der vierziger und fünfziger Jahre ergänzten die Finnischen Tangos. Dabei fehlte ?Jalosie – Die Eifersucht? und Joseph Rixners ?Nachtliche Gitarren keinesfalls. Letzteres allerdings im Original. Den in den dreißiger Jahres wurde ?Nächtliche Gitarren? in Finnland populär, allerdings auch mit einem neuen Text versehen. Partanen entschied sich für das deutsche Original. Johannes Gebhardt ihn geschmeidig mit dem schwarzen Flügel. Unter den Tangoklassikern aus dem Land der tausend Seen fehlten Kullervo Linnas ?Iltaruko? (Abendrot) und Viljo Ylönen ?Kotkan Kertu? (Mädchen aus Kotka) nicht. Dank des zackigen Rhythmus und weich fließenden Melodiebögen eroberten die Freunde des vollen Mondes rasch die Gunst des Publikums. Während die Musiker zum Ende des zweiten Teil ihres Programms Unto Mononens ?Satumaa – Märchenland? spielten, meinte der finnische Gastsänger entschieden nach herzlichem Beifall vor der ersten Zugabe: ?Noch einmal Mächenland! Das habt ihr euch verdient.? Dem nicht genug. Tief verbeugten sich alle Musiker nach der zweiten Zugabe. Lasse Partanen sogar mit einer Hand auf dem Herz. Gerade der Fleck, den er singend und von den Freunden des vollen Mondes begleitet den Abend über eindrucksvoll berührt hat.

Geschrieben von Uwe Roßner

Endstation Bach

Kammerkonzert stellte am Samstag in St. Jacobi barocke Zeitgenossen vor

Nicht allein die Ostsee zog Johann Sebastian Bach in den Norden. Maßgeblich waren es die in Norddeutschland wirkenden Komponisten und deren Musik. Aber auch die dortigen Konzertformen. Gerade die von Dietrich Buxtehude in Lübeck ausgerichteten Abendmusiken hatten einen weithin geachteten Ruf.

Im Kammerkonzert der 61. Greifswalder Bachwoche präsentieren am vergangenen Samstag der Violinist Thomas Pietsch und der niederländische Cembalist Bob van Asperen in der Jacobikirche Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs, die mit dem Thomaskantor musikalisch eine Entwicklungslinie bilden. Einen besonderen Schwerpunkt legte das deutsch-niederländische Duo auf die Geige. ?Bach profitierte von der norddeutschen Violinenkunst?, sagte Thomas Pietsch. ?Bei teilweise monatelangen Zusammentreffen mit Kollegen während seiner Reisen lernte er intensiv ihre Stile.?

Verwundern durfte daher ein Programmwahl nicht, die mit Johann Sebastian Bachs Sonate in e-Moll (BWV 1023) schloss. Auch wenn die Urheberschaft heute angezweifelt wird. Dem glanzvollen Schlusspunkt stellten sich Eindrucksvolles voran. Mit einer Lachrime Pavaen des Johann Schop (1590 – 1667) für Violine und Basso conituno eröffneten van Asperen und Pietsch ihre Konzertstunde. Ulrich Johann Voigts (1669 – 1732) Sonate in B-Dur folgte. Herrlich vom Cembalo gestützt entfaltete sich auf der Violine ein schneidiger Ton. Beide Instrumentalisten bewiesen darauf folgend solistisch ihre hohe Spielkultur. Mit der viersätzigen Partita für Violine von Thomas Baltzar (1630 – 1663) nahm Thomas Pietsch einen musikalischen Faden aus Norddeutschland auf. Denn dessen Urgroßvater gehörte als Lübecker zu den Mitbegründern der Violinenkultur des 17. Jahrhunderts. Gelöst gelangen da mit klarem Bogenstrich das Präludium, die Allemande, die Courante und Sarabande. Mit der Choralpartita ?Auf meinen lieben Gott? gedachte Bob van Asperen am Cembalo dem diesjährigen musikalischen Jubilar Dietrich Buxtehude. Nach der vierzehnten Rosenkranzsonate für Violine und Basso continuo von Heinrich Ignaz Franz Biber (1664 – 1703) überraschte der Niederländer mit Johann Jakob Frobergers Suite XV in a für Cembalo. ?Ein Schock ging im vergangenen Jahr durch die Frobergerwelt?, so der Spezialist für Alte Musik. ?Ein Autograph sollte versteigert werden.? Dabei befand sich darunter ein Stück für die Krönung seines Dienstherrn Leopold I. Und dies nicht allein. Denn vor Bach verwendet er in einem der Sätze einen neapolitanischen Sextakkord darin. Eine bis dato im Werk nicht bekannte Modernität des Komponisten.

Viel Applaus und eine Blumendank erhielten beide Kammermusikpartner am Ende für die begeisternde Gesamtschau. Beim anschließenden Workshop am Konzertort zeigte sich Bob van Asperen als ein gewinnender Cembalolehrer. Und dies klang natürlich mit Bach, mit Sinfonien von Johann Sebastian Bach aus. Geschrieben von Uwe Roßner

Interview: „Ich habe doch fast alle Berufe“

moritz stellte Fragen – Harry Rowohlt anwortete

Vor der Lesung von Harry Rowohlt traf moritz den Hamburger Übersetzer, Schriftsteller und Schauspieler im Park und redete mit ihm über Whiskey, Katzen und das Lesen.

moritz: Sie sind Ambassador of Irish Whiskey. Wohl zu Recht, denn auch für die Lesung musste es unbedingt irischer Whiskey sein. Zum Einen gibt es den orthographischen Unterschied zu schottischem Whisky. Aber wo ist der geschmackliche?
Harry Rowohlt: Das weiß ich eigentlich kaum noch. Seit mir der Dachverband der irischen Brennereien diesen Ehrentitel verliehen hat, habe ich keinen Tropfen Scotch mehr angerührt. In Schottland selbst war ich noch nicht, aber ich habe mal gehört, dass die Menschen dort am liebsten Fanta zum Whisky trinken und das sagt ja wohl alles. Aber egal wie preisgünstig, irischer Whiskey ist mindestens dreimal gebrannt und deshalb völlig unschädlich.
moritz: Sie spielen in der Lindenstraße mit.
Rowohlt: Mein dicker Freund Hermes Phettberg aus Wien hat die Theorie aufgestellt, dass die Lindenstraßen-Drehbuchautoren nur dann ihr 13. Monatsgehalt bekommen, wenn sie nachweisen können, pro Jahr mindestens hundert Probleme in der Lindenstraße aufgegriffen zu haben. Und in einem Jahr haben sie nur 99 Probleme aufgegriffen. Da kamen sie auf die Idee, zu thematisieren, dass man sich die Ohren nicht mir Q-Tips reinigen darf, weil sonst die Watte abgeht und man dann zum Ohrenarzt muss.
 
moritz: Workaholic oder Work-Life-Balancer?
Rowohlt: Ich bin leider, muss ich gestehen, eher der Workaholic.

moritz: Haben Sie Haustiere?
Rowohlt: Ich habe vor vielen Jahren mal von meiner ersten Liebe Petra zwei Kater aufs Auge gedrückt bekommen. Und die sind uns dann sehr ans Herz gewachsen. Unsere Wohnung ist ein sogenannter Eppendorfer Knochen, das heißt, vorne ist was, hinten ist was und dazwischen ein endlos langer Gang. Und wenn es dann Erdnüsse gab, dann rief man die beiden Burschen. Es passierte erst einmal gar nichts, aber dann machten sie aus dem langen Korridor das Tal der donnernden Hufe.
Weil wir mitten in der Stadt wohnen, ist es aber eher ungünstig mit Haustieren und so haben wir seitdem keine mehr gehabt.
Katzen fressen ja ihr ganzes Leben nur das, was sie in ihren ersten Lebenswochen kennengelernt haben. Ich kenne zum Beispiel Katzen, die sind neben einem Lachs eingeschlafen.

moritz: Was verbindet Sie mit Hamburg?
Rowohlt: Im Augenblick Heimweh.

moritz: Greifswald kann auch sehr schön sein.
Rowohlt: Ja, ja unbedingt. „Cool“ ist das erste gewesen, das mir einfiel, als ich hier ankam. Die Bevölkerung hier sieht jedenfalls geschlossen so aus, als hätte sie eben gerade erst Abitur gemacht. Was macht ihr mit euren Alten?
Ihr habt ja sogar ein Übergewichtigen-Ghetto, wie ich gesehen habe: Dieser Stadtteil, der Fettenvorstadt heißt.

moritz: Fällt Ihnen noch was zu Hamburg ein?
Rowohlt: Ich bin so selten da, aber ich freue mich immer, wenn ich zurückkomme, obwohl ich viel zu wenig Gebrauch von Hamburg mache.
Und jetzt, wo die Bild-Redaktion wegzieht… Gerhard Henschel von der taz hat dazu eine Blitzumfrage beim geistigen Hamburg und Berlin gemacht: Was wir davon halten, dass 700 Bild-Mitarbeiter von Hamburg nach Berlin ziehen. Ich habe geantwortet: „Als ich einmal – unter welchen Umständen ist absolut unerheblich – im Wald meine Armbanduhr verloren hatte, hat eine BamS-Redakteurin sie wiedergefunden. Insofern sehe ich den Umzug mit einem weinenden und 699 lachenden Augen.“

moritz: Was sehen Sie, wenn Sie durch die Straßen gehen?
Rowohlt: Z.B. vorhin das Ehepaar, das versucht hat, seinen Hund anzuleinen und das ich später wiedererkannt habe vor dem Theater, wo es vergeblich versucht hat, eine Karte für meine Lesung zu bekommen. Mir fallen immer herzlich unwichtige Sachen auf.

moritz: Was machen Sie für die Umwelt?
Rowohlt: Ich bin ein großer Mülltrenner. Wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, zu beobachten, wie ich in Stralsund auf dem Bahnhof meinen Bockwurst-Abfall entsorgt habe, streng nach Plastik und Papier, der hätte schon annehmen müssen, dass ich ganz schön den Arsch offen habe. Ansonsten ist das ökologischste, das ich je gemacht hab, dass ich keine Filterzigaretten rauche.

moritz: Sie sind mit der Bahn nach Greifswald gekommen.  Haben Sie überhaupt ein Auto bzw. einen Führerschein?
Rowohlt: Ich habe einen Führerschein, aber kein Auto. Ich brauche keines. Unser Korridor ist zwar elend lang, aber so lang nun auch wieder nicht.
moritz: Sie haben keinen Computer, haben Sie ein Handy?
Rowohlt: Für den Computer bin ich zu doof, damit kann ich nicht arbeiten. Ein Handy habe ich auch nicht, aber nicht, weil ich zu doof dafür bin, sondern aus ideologischen Gründen. Meine Frau, die nicht zu blöd ist für den Computer, hat entsprechend darunter zu leiden. Wegen der ständigen Penisverlängerungen, die man ihr andient. Einmal hat sie auch eine fehlgeleitete Mail von einer Frauke bekommen. Die hat mit der falschen Adresse einer Dagmar gemailt, dass ihr Rolf doch tatsächlich diese Schlampe im Park anschließend noch flachgelegt hat.
Nein, das muss alles nicht sein.
Ich bin schon froh, wenn ich nicht ständig Manuskripte von Autoren zugeschickt bekomme. Ich habe drei Rundschreiben. Rundschreiben I lautet: „Ich bin ja schon froh, dass ich nicht Kiepenheuer und Witsch heiße. Wenn sie was vom Rowohlt-Verlag wollen, wenden Sie sich an den Rowohlt-Verlag und nicht an mich. Weitersagen!“.

moritz: Welche Position hatten Sie in der Schule? Die des Außenseiters, oder die des voll Integrierten?
Rowohlt: Ich bin sowieso ein ziemlich angepasstes Lämmerschwänzchen. Außerdem war ich auf so vielen verschiedenen Schulen, was durch den ständigen Engagement-Wechsel meiner schauspielenden Mutter und die späteren Umzüge meiner Eltern bedingt war.
Ich bin immer wieder zum Klassensprecher gewählt worden, weil ich der Einzige war, der von einer Schülerratsversammlung, die zehn Minuten gedauert hatte, 40 Minuten berichten konnte.

moritz: Sie haben damals in München diese vier Stunden studiert…
Rowohlt: Zweieinhalb! Das ist ja wirklich Rufmord. Ich war doch kein Langzeitstudent, kein Bummelstudent.  

moritz: Verzeihung. Welches Studium würde Sie heute noch einmal reizen?
Rowohlt: Ich bin jetzt 62. Ich habe auch einfach viel zu viel zu tun, um noch mal das Studieren anzufangen. Ich habe mal in Schleswig eine Lesung gehabt und da bin ich vom Hotel zu Fuß zur Veranstaltung gegangen und habe da gefragt, ob ich vielleicht einen Föhn haben könnte, weil ich nass geregnet war. Die Buchhändlerin, so Anfang 70, sagte zu mir: „Da gehen sie mal zu meinem Mann zwei Häuser weiter. Der büffelt gerade fürs Abitur und freut sich über jede Ablenkung. Da bin ich hingegangen und hab mir den Kopf geföhnt – damals war so was noch nötig. Dabei habe ich ihn unregelmäßige lateinische Verben abgehört. Da habe ich gemerkt, dass von meinem großen Latinum doch noch einiges übrig ist. Ich konnte ihn schön demütigen.

moritz: Was liegt auf Ihrem Nachttisch?
Rowohlt: Bücher. Die sehen aus wie die alte Skyline von Manhattan, als es das World Trade Centre noch gab.

moritz: Was lesen Sie außer den Büchern, die sie übersetzen?
Rowohlt: Ich bin „NewYorker“-Abonnent. Den lese ich praktisch nur in der Eisenbahn. Und das ist das Dritt-Status-Förderlichste, das man machen kann. Das Zweit-Status-Förderlichste ist, mit Rotstift Korrektur zu lesen und das Förderlichste ist, Partituren zu lesen und sich dabei leicht zu wiegen. Das kann ich aber leider nicht.

moritz: Gibt es ab und zu noch Pooh´s Corner (Kolumne von Harry Rowohlt in der „Zeit“, Anm. der Redaktion)
Rowohlt: Ab und zu.

moritz: Lesen sie manchmal die Kolumnen von Harald Martenstein in der „Zeit“?
Rowohlt: Schreibt der jetzt auch? Das wusste ich gar nicht.

moritz: Ich dachte, man kennt sich unter Kolumnenschreiber-Kollegen.
Rowohlt: Ich war ja nur freier freier Mitarbeiter. Ich habe immer davon geträumt, einmal fester freier zu werden, um bei der sogenannten Käsekonferenz teilnehmen zu können.

moritz: Es gibt also einen Unterschied bei der „Zeit“ zwischen den freien freien, den festen freien und den festen Mitarbeitern. Und die freien freien werden unregelmäßig angerufen, die festen freien regelmäßig und die festen Mitarbeiter gehen jeden Morgen in die Redaktion?
Rowohlt: Genau so.

moritz: Warum sind Sie nie fester freier geworden? Wollten Sie nicht, oder wollten die nicht?
Rowohlt: Das hat sich nie ergeben. Ich hab ja auch so ganz gut zu tun.

moritz: Wollten Sie jemals einen anderen Beruf haben?
Rowohlt: Ich habe doch fast alle Berufe.

Geschrieben von Uta-Caecilia Nabert und Alexander janke