Besessen

David Finchers Kinofilm „Zodiac“

Eine Obsession bezeichnet in der Psychologie eine mit Angst verbundene Zwangsvorstellung. David Finchers Obsession sind seine Protagonisten. Der Karikaturist Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal), der Journalist Paul Avery ((Robert Downey jr.) und der Polizist Dave Toschi (Mark Ruffalo) geraten in den Bann des „Zodiac“-Killers, der in den späten 60er Jahren den US-Staat Kalifornien mit mehrere Morden in Atem hielt. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt. Die drei Männer opfern Jahre ihres Lebens, um die Identität des Serienmörders zu enthüllen. Ihre Leidenschaft und Besessenheit für den Serienmörder wird für sie selbst zur Gefahr und spiegelt den eigenen Narzissmus wieder. Der Zodiac zerstört Menschenleben und der Karikaturist Graysmith sich beinahe selbst. Er verbeißt sich in nicht belegbare Indizien und wird deren Opfer. Seine Mitstreiter haben sich Jahre später von ihm abgewandt und begnügen sich mit einem wieder etwas ruhiger gewordenen Alltag. Nicht so der engagierte Zeichner. Der Zodiac-Killer lässt ihm keine Ruhe, alles dreht sich um ihn. Und nun hat der medienverliebte Psychopath auch erreicht, was er wollte – einen Film, der jetzt von Regisseur David Fincher realisiert wurde.

Geschrieben von Judith Küther

Ins Gespräch gekommen

Am vergangenen Samstag lud David Puchert, Autonomer Referent für Queer- und Genderangelegenheiten des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), ab 20 Uhr zur Nacht der Solidarität auf den Greifswalder Marktplatz ein. Mit der gut zweistündigen Veranstaltung setzte er zusammen mit fünfzehn anderen Mitstreitern um Solidarität und Toleranz für die mit Aids infizierten Menschen. ?Es ging uns um Aufmerksamkeit, Appell und Aufklärung?, so Puchert. ?Die Leute haben auf jeden Fall geschaut. Angenommen hat es der größte Teil.?

Bundesweit wird die Nacht der Solidarität Aktionsbündnis gegen Aids organisiert. Seit zwei Wochen ist Studierendenschaft der Universität auf Beschluss des Studierendenparlamentes (StuPa) Mitglied des Bündnisses. Mit einem Aufsteller und Informationsmaterial erfolgte die Aufklärung. Jugendliche und junge Paare erhielten zudem Kondome. ?Aufgefallen sind wir gut?, sagt der Autonome Referent. ?Mit manch einem sind wir so ein bisschen ins Gespräch gekommen.? Dabei sei Zustimmung für diese Demonstration deutlich geworden. Denn derzeit leben allein im südlichen Afrika über 25 Millionen infizierte Menschen.

Die großen Acht der Welt, und ich – Teil 6

Kolumne – Am 6.6. fanden im Raum um Heiligendamm herum Sitzblockaden statt, um Zufahrtsstraßen zu blockieren. Über das Leid von Demonstranten, für politische Aktionen bestraft zu werden.

Heute, Mittwoch, der 6.6.2007, ist der Tag, an dem ich mir vorgenommen habe, aktiv gegen die Politik der G8-Staaten zu demonstrieren und mich auf den Weg zu machen, um an Sitzblockaden teilzunehmen.
Ursprünglich sollte mein Weg zum Flughafen Laage führen, aber ich bin spontan zu den Besetzungen der Zufahrtsstraßen Heiligendamms gewechselt. Der Anfahrtsweg war problematisch: Nach einer kurzen Bahnfahrt wurde gelaufen, dann per Anhalter gefahren, dann noch mehr gelaufen. Zwischendurch mehrere Gepäck- und Personenkontrollen, böse Blicke und dunkle Vorahnungen. Außerdem Polizisten, die an meiner Wasserflasche rochen und schauten, ob ich nicht vielleicht Benzin transportieren würde. Diesen Spaß gönnte ich ihnen aber nicht.
In meiner vorigen Kolumne habe ich das allgegenwärtige Prinzip der zwei Gesichter angesprochen: Das Eine, dass sich ständig der Gefahr bewusst ist und das Andere, dass vorgibt, im Recht zu sein, oder zumindest besseres Wissen leugnet und ignoriert. Die Anfahrt war exakt in diesem Sinne. Jeder Polizist, der mich oder meine Begleiter fragte, wohin wir denn gingen, bekam stets die gleiche Antwort: ?Wir gehen zur Mahnwache!?. Die Mahnwache war eine genemigte Kundgebung in der Nähe der zweiten Sicherheitszone Heiligendamms, die nur dazu diente, die Demonstranten zu sammeln. Obwohl alle genau wussten, dass diese Scheinkundgebung keinen einzigen Demonstranten binden würde, wurden wir dennoch von dutzenden Polizisten gefragt. Wir gingen Zufahrtsstraßen blockieren. Das wusste ich, das wussten die, das wusste die ganze Welt. Aber die Polizei hat gemäß ihrer Order gehandelt und alle Gefragten haben brav geantwortet.

Haben Sie schon einmal im Fernsehen Videoaufnahmen eines Demonstranten gesehen, der einen Schuss eines Wasserwerfers abgekommt und dann schnellstmöglich das Weite sucht? Haben Sie sich in diesen Momenten nicht auch immer gefragt, wo eigentlich gerade das Problem ist? Warum bleibt er nicht einfach stehen, lässt sich nassspritzen und gibt den Kamerateams und seinen Kumpels eine gute Figur ab? Heute habe ich die Antwort gefunden. Ich habe gesehen, wie ein Wasserstrahl in der Lage ist, Menschen quer durch die Felder zu schießen, wie er Bäume kahlrasiert und wie das im Wasser enthaltene Reizmittel jeden Getroffenen zu Schmerzschreien und Bewegungslosigkeit verdammt.
Es ist auch keineswegs so, dass die Sitzblockaden so harmonisch aussehen, wie es möglicherweise im Fernsehen oder in anderen Medien dargestellt wird. Sitzblockaden sind ein Knochenjob, um den ich niemanden beneide. Und wenn die Polizisten ihre Warnung drei Mal ausgesprochen haben und beginnen, die Blockade zu räumen, dann darf man sich mehr als glücklich schätzen, wenn der Polizist seiner Aufgabe wie gelernt nachkommt und darauf verzichtet, auf den Protestanten einzuschlagen, einzutreten oder ihn anderweitig zu misshandeln. All dies war heute zu sehen, all dies mussten Menschen heute über sich ergehen lassen.
Was treibt einen Menschen dazu, sich solchen Qualen und Strapazen auszusetzen? Was treibt ihn immer wieder auf Aktionen, bei denen er für seine politische Willensverkündung gezwungen ist, ununterbrochen vor der Polizei zu flüchten und schlimmstenfalls nebst körperlicher Züchtigung eine Haftstrafe und ein hohes Bußgeld zu kassieren? Bei einigen wird sicher die Gier nach Adrenalin und Gewalt eine Rolle spielen. Zumindest den ersten Punkt kann ich bei mir bestätigen: Über ein Feld zu rennen und 100 schwarzgekleidete Polizisten hinter sich zu wissen, die einen verfolgen, während zehn Meter über einem neun Kampfhubschrauber der Bundeswehr kreisen, ist ein Gefühl, dass nicht eintritt, wenn man morgens eine neue Packung Cornflakes aufreißt.
Ein weiterer und, wie ich vermute, gewichtigerer Grund ist wohl der, dass viele Demonstranten tatsächlich einen ausgeprägten Hass gegenüber der unveränderlichen und rückschrittlichen Politik der G8-Länder entwickelt haben und nicht einsehen, dass auf ihrem Rücken eine Welt zugrunde gerichtet werden soll. Und wenn politische Missstände so massiv werden, dass selbst persönliche Misshandlungen und schwere Strapazen billigend in Kauf genommen werden, wie kann eine Regierung dann noch die Augen verschließen? Wie kann sie sich Polizei- und Medienberichte ansehen und gleichzeitig den nächsten Gipfel planen und nicht daran denken, ihre Politik wenigstens ein wenig einzulenken?
Ich glaube nicht, dass irgendeine Regierung dieser Welt in der Lage ist, über viel mehr als zehn Dekaden zu überstehen, wenn sie sich nicht hin und wieder mit Grundsatzreformen verjüngt. Die Geschichte hat dies gezeigt, die Zukunft wird es belegen. Wenn unsere Regierung nicht endlich auf die zehntausenden Demonstranten aus aller Welt reagiert und soziale, politische wie ökologische Probleme als solche begreift, wird es eines Tages unvermeidlich zu einer Umwälzung politischer und sozialer Schichten kommen. Diesen Punkt müssen wir nicht erreichen, wir haben noch Chancen. Noch ist Zeit, auf unser Land positiv einzuwirken und es zu formen, damit es nicht dem gleichen Schicksal entgegentritt, wie schon so viele Länder zuvor.
Es ist Zeit zu handeln.

Geschrieben von tw

Die großen Acht der Welt, und ich – Teil 5

Kolumne – Am 5.6. werden die Bewohner des Anti-G8-Camps in verschiedenen Blockadetechniken unterwiesen und bekommen juristische Tipps. Die Vorbereitung auf die morgigen Blockaden des Flughafens Laage und der Verkehrsstraßen ist im vollen Gange.

Dienstag, der 5.6.2007: Heute bin ich aufgewacht vom Lärm eines Dings, das mir schon seit drei Tagen sehr vertraut ist. Ich klettere aus dem Zelt und blicke einem Kampfhubschrauber ins Angesicht, der knapp zehn Meter über dem Camp schwebt. Diesen Anblick werde ich wohl nie vergessen. Grund für diesen Einsatz war eine geplante Aktion des schwarzen Blocks auf einen nahegelegenen Lidl-Supermarkt, der aber erfolgreich verhindert wurde. Der Block tauchte gar nicht erst auf.
Davon abgesehen gestaltete sich der Tag als sehr informativ. Heute wurden nämlich die letzten Planungen abgeschlossen, um morgen erfolgreich die Besetzung des Flughafens Laage und der Zufahrtsstraßen Heiligendamms durchzuführen. Zu diesen Planungen gehören unter anderem Kurse im erfolgreichen Blockieren, Training im Durchbrechen von Polizeiabsperrungen und Erläuterungen zu rechtlichen Fragen. Zu letzterem zählt beispielsweise die Frage: „Ist eine Taucherbrille (Schutz gegen Reizgas) eine passive Waffe, wenn ich vorhabe, mich mit Polizisten anzulegen?“ Die Antwort ist „ja“. Das habe ich nicht gewusst. Mein Schienbeinschoner und mein Schnupftuch bleiben also im Camp. Sogar meine Atemschutzmaske aus dem Baumarkt ist verboten.

Die Trainingseinheiten und Kurse beschreiben sehr eindrucksvoll eine Mentalität, die für alle politischen Aktivisten bezeichnend ist: Die Gratwanderung zwischen der gerade-noch-Legalität und der absoluten Illegalität.
Auf den Übungen lernt man, mit welchen Formationen eine polizeiliche Sperre am effektivsten zu durchbrechen ist. Aber auch, wenn auf diesem Wege die meisten der Absperrung durchdrungen werden können, sind die wenigen, die von der Polizei erwischt werden, in juristischen Schwierigkeiten. Wenn jemand eine Sitzblockade ausübt und von Polizisten in einen Sicherheitskessel getragen wird, wird er mit größter Wahrscheinlichkeit einen schriftlichen Platzverweis ausgesprochen bekommen. Begibt er sich wieder zu der Sitzblockade, darf er die Nacht in polizeilichem Gewahrsam verbringen.
Die Organisatoren versuchen, so weit es in ihrer Macht steht, den Abgrund der Illegalität präventiv mit guten Tipps und Ratschlägen zu vermeiden. Aber wie setzt man so ein Vorhaben um, wenn das ganze Konzept der Planung schon an sich scharf am Rande der Legalität schrammt?
Jeder in diesem Camp trägt das Bewusstsein in sich, dass er morgen, wenn er zum Flughafen oder zu den Straßen fährt, mit Sicherheit irgendetwas machen wird, dass ihn entweder direkt ins Krankenhaus oder in Sicherheitsverwahrung bringen kann. Und in manchen Fällen wird das Eine dem Anderen folgen. Ein seltsames Gefühl, das mich da beschleicht, während ich einem der Projektleiter weiterhin zuhöre. Es ist, als würde ich einen Funkempfänger basteln, der in der Lage ist, Polizeifunk zu empfangen. Das Besitzen dieses Gerätes ist nicht strafbar, aber sobald ich auch nur eine Sekunde zuhöre, habe ich eine Straftat begangen und muss das Gerät bei den Behörden abgeben.
Irgendwie scheint hier alles nicht richtig zu passen. Alles hier hat den Makel der Halblegalität und hier im Camp ist man sich ununterbrochen der Tatsache bewusst, dass man nur deshalb von der Polizei unbehelligt gelassen wird, weil die Polizei es so möchte.
Ich bin mir nicht sicher, wie ich empfinden soll. Der morgige Tag ist mehr als ungewiss, auch wenn ich nicht vorhabe, mich der Polizei in den Weg zu stellen. Morgen ist einer der Tage, an dem alles passieren kann. Und all die Plena und Übungen von heute haben mir diesen Gedanken erst bewusst gemacht…

Geschrieben von tw

Die großen Acht der Welt, und ich – Teil 4

Kolumne – Am 4.6. hat die Polizei eine Demonstation mit ca. 13.000 Menschen und ca. 2000 Autonomen friedlich beendet – durch pure Präsenz und übertrieben großes Aufgebot an Personal und Fahrzeugen. Ist dies die Wende, die den G8-Gipfel rettet?

Montag, der 4.6.2007 – Nachdem die Polizei am vergangenen Samstag sehr beeindruckend gezeigt hat, was passiert, wenn Eskalationen aus dem Ruder laufen und die Ordnungshüter nicht in der Lage sind, der Situation Herr zu werden, war ich sehr auf die heutige Demontration gespannt. Ein Protestmarsch quer durch Rostock, der für internationale Bewegungsfreiheit eintrat. Eigentlich kein Problem, möchte man meinen.
Aber alles lief, schon wieder, ganz anders. Niemand der Protestanten hat ahnen können, wie sehr den Polizeikräften der Schock des vergangenen Samstags noch in den Gliedern steckte und um welchen Preis sie zeigen wollten, dass eine solche Situation nicht wieder eintreten darf. Als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzte, war eine so erdrückend große Menge an Personal und Einsatzfahrzeugen präsent, dass der Zug allein aus Platzgründen teilweise Schwierigkeiten hatte, übehaupt vorwärts zu kommen. Die Demo fand ihr Ende, als die Polizei eine neue Route diktierte und sich der Demonstrationsführer mit der neuen Strecke nicht einverstanden erklärte.

Bei G8-Gipfeln in anderen Ländern haben die Polizeikräfte hart durchgegriffen, hatten aber den Erfolg, die Gipfel auch stattfinden lassen zu können. In Deutschland greift unser stark ausgeprägtes föderales Staatsprinzip auch bei den Polizisten: Wenn ein Land (vergangenen Samstag war es Bayern) die Führung übernimmt, gibt es andere Länder, die konkurrieren und widersprechen. Es scheint einfach nicht möglich zu sein, an einem Strang zu ziehen. Nicht einmal, wenn sich die wichtigesten Männer und Frauen der Welt im eigenen Land treffen. Aber genau das ist bisher das Problem: Wie sollen die gewaltbereiten Autonomen unter Kontrolle gehalten werden, wenn die Polizei nicht in der Lage ist, sich untereinander zu koordinieren? Und wie von Geisterhand kommt der Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland dahergeschwebt: In einem Land, dass so uneins ist, zwischen den Ländern durch Machtpolitik so zerstritten und zwischen, ja sogar innerhalb der Parteien so ungerichtet, scheint es nur logische Konsequenz zu sein, dass die Polizisten beim G8-Gipfel versagt haben.
Heute aber haben die Polizeikräfte gezeigt, dass sie koordiniert sein können, wenn sie wollen. Sie haben mit ihren Dreierreihen auf beiden Seiten, den schwarzen Uniformen und den ununterbrochen fliegenden Hubschraubern vielleicht übertrieben, aber sie haben es geschafft, den Tag weitestgehend friedlich zu beenden. Vielleicht ist dies der erste richtige Schritt in Richtung eines gewaltfreien G8-Gipfels.
Ob die Polizei heute aber nur aus Angst so hart und konsequent reagiert hat oder ob sie aus dem vergangenen Samstag wirklich gelernt haben, wird sich am nächsten Mittwoch zeigen: Dann erfolgt die Blockade des Flughafens Laage und die Besetzung der Zufahrtswege Heiligendamms. Hoffen wir das Beste.

Geschrieben von tw