Weihnachten im Möbelgeschäft

In den Niederlanden feiern wir zuerst „Sinterklaas” (Nikolaus). Erst nachdem er am sechsten Dezember das Land verlassen hat, ist es erlaubt, über Weihnachten zu sprechen. Trotzdem kann man Weihnachtsartikel schon viel früher in den Geschäften finden. Geschenke übergeben wir normalerweise an „Sinterklaas“ oder zu Weihnachten.

Weihnachtsmärkte wie ihr sie in Deutschland habt, kennen wir nicht. Deshalb besuchen im Dezember viele Niederländer (besonders ältere Frauen) deutsche Städte, um dort die Weihnachtsathmosphäre zu genießen. Einige größere Gärtnereien versuchen, solch eine Atmosphäre auch in den Niederlanden zu schaffen.
Die meisten Niederländer kaufen ihren Weihnachtsbaum etwa eine Woche vor Weihnachten und werfen ihn wieder aus der Stube, sobald die Feiertage vorbei sind. Heiligabend gehen einige Leute auch in die Kirche. Viele von ihnen gehen nur zu Weihnachten dorthin. Am ersten Weihnachtstag wird viel gegessen und getrunken. Man besucht die Familie und tauscht Geschenke aus. Am zweiten Feiertag wird wieder gegessen und getrunken und andere Familienmitglieder besucht. Oder man geht einkaufen. Viele Leute wissen nicht, was sie an diesem Tag machen sollen und entscheiden sich deshalb, den „Meubelboulevard“ (Möbelboulevard) zu besuchen um einzukaufen bzw. zu schauen und andere Leute zu treffen, die dasselbe machen. Weihnachen ist also ein Fest, das zu Hause mit der Familie gefeiert wird und einen beschränkt religiösen, dafür aber wachsenden kommerziellen Einfluss besitzt.

Geschrieben von Esdert Glazenburg, Geographie-Student aus dem niederländischen Groningen

Feliz Navidad!*

„Weihnachten..? Betrunkene Großeltern!“ „Lügen.“ „Konsum.“ Das kann doch nicht alles sein, was meinen spanischen Freunden zu Weihnachten einfällt! Meine Illusionen über traditionelle, kitschige Weihnachten in Spanien sind für kurze Zeit dahingeschmettert.

Dabei fing alles so schön an. Seit Mitte November werden in Supermärkten bergeweise Weihnachtsleckereien verkauft. Besonders beliebt ist Turrón. Traditionell besteht er aus Mandeln, aber mitt-lerweile ist Turrón in allen möglichen Geschmacksrichtungen zu erhalten. Grundsätzlich spielt Essen eine große Rolle in der spanischen Kultur und besonders an Weihnachten wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Am 24. Dezember gibt es ein reichhaltiges Abendessen mit der Großfamilie. Lamm, Schalentiere und Wein stehen dabei ganz oben auf dem Speiseplan. Anders als in Deutschland gibt es am 24. Dezember allerdings keine Geschenke. Dafür haben die Spanier den 6. Januar, Tag der Heiligen Drei Könige. Meine Kommilitonin Alba erklärte mir, dass in Spanien nicht der Weihnachtsmann die Geschenke verteilt, sondern eben die Heiligen Drei Könige: „Als ich klein war, habe ich am Abend vor dem Tag der Heiligen Drei Könige, also am 5. Januar, drei Tassen Kaffee für die Könige, Wasser für deren Kamele und außerdem meine Stiefel ans Fenster gestellt. Am nächsten Morgen waren die Getränke weg und ich hatte Geschenke in meinen Stiefeln.“ Dass ich mich in einem katholischen Land aufhalte wird mir besonders bewusst, als ich mich auf dem Platz der Kathedrale von Oviedo befinde. Anstelle eines Weihnachtsmarktes ist hier  die Geburt Jesu mit lebensgroßen Puppen nachgestellt. Da wäre sie also, die spanische Tradition an Weihnachten; meine Welt – beziehungsweise Spanienbild ist wieder hergestellt!

* (span.: Frohe Weihnachten!)

Geschrieben von Martha Kuhnhenn

Kaleidoskop

Der Verein polenmARkT kurz vor dem Jubiläum / Ein Eindruck

Seit den letzten Wahlen in Polen steht das deutsch-polnische Verhältnis immer wieder zur Diskussion. Erika Steinbach und ihr Vertriebenenzentrum, die Knollenkarikatur in der taz oder die Ostseepipeline riefen harsche Reaktionen hervor. Auf beiden Seiten der Grenze. Zwischenzeitlich lag die Schuld für die schlechten Beziehungen sogar bei den Journalisten. Erinnert sei dabei an Gesine Schwan, die sich über Thomas Urbans Berichterstattung äußerte. Fast vergessen wirken demgegenüber die Würdigung des Vorstorbenen Papst Johannes Paul II. und Stanislaw Lem.

Wörter finden

An aktuellen Fragestellungen konnte es dem diesjährigen polenmARkT kaum mangeln. Während des zehntägigen Festivals wirkte sogar das Bergwerkunglück bis nach Greifswald. Die aus dem polnischen  Kluczbork stammende Reggae-Band „Bakshish“ spielte aufgrund der landesweiten Staatstrauer kurzfristig nicht. „Wir möchten an dieser Stelle unser volles Verständnis für die Absage zum Ausdruck bringen“, äußert  der Presse-sprecher Ulrich Rose in einer anschließenden kurzen Mitteilung. „Auch wir trauern um die Toten und drücken den Hinterbliebenen unser Beileid aus.“

Beleuchtet

Große Aufmerk-samkeit erregte die Podiumsdiskussion „Vergangenheit, die nicht vergehen kann“ im Koeppenhaus. Die geladenen Journalisten Jacek Lepiarz, Andrzej Stach und Dietrich Schröder diskutierten anregend und hintergründig über aktuelle Fragen der bilateralen Beziehungen. Dabei begannen sie mit einen biographischen Einstieg, um im Laufe des Gesprächs auf die Aufmerksamkeit beispielsweise auf die Kaczynski-Brüder, Polens Auftritt auf der europäischen Politbühne oder Gerhard Schröders Freundschaft zu Putin zu lenken. Doch stellten sich weniger die Differenzen als die starken Gemeinsamkeiten der beiden Nachbarn allmählich heraus. Das Zusammenwachsen in Europa und der Austausch zwischen den beiden Nationen reduziert sich nicht allein auf den Besuch von Märkten in der Grenzregion. Die guten Beziehungen sind viel vitaler. Die mehrfache Auszeichnung von „Das Leben der Anderen“ mit dem Europäischen Fimpreis in Warschau zeigte, die Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte ist auf beiden Seiten der Oder jeweils für sich noch nicht abgeschlossen. Dass die Frage darüber überhaupt öffentlich in Polen diskutiert wird, kam zwischen den drei Herren auf dem Podium zur Sprache.

Bestärkt

Auf die Ermöglichung der Diskussion können die Veranstalter des eingetragenen Vereins polenmARkTs stolz sein. Nicht allein dies. Seit mehreren Jahren stand das Greifswalder Novemberfestival wieder unter der Schirmherrschaft der Botschaft der Republik Polen in Deutschland. Das setzt ein wichtiges Zeichen für die Anstrengung für einen  lebendigen und integrativen Austausch innerhalb der Grenzregion. Insgesamt ziehen die Organisatoren eine freudige Bilanz.  Anstatt von 1.100 geplanten Besuchern erlebten 1.260 die Kulturtage. Noch ein Grund zur Freude? Ja! Denn 2007 wird der polenmARkT zehn Jahre alt und wünscht sich 1.500 Geburtstagsgäste.

Zukunft in uns

Doch was bleibt bitte, wenn die Texte gelesen, die Worte gewechselt, die Filmrolle am  Ende angelangt und die Musik verklungen ist? Kein Schweigen, sondern etwas Wehmut und Hoffnung. Gewiss ziehen Lesungen mit Autoren eines Formats von Andrzej Stasiuk Aufmerksamkeit auf sich und setzten sich Konzerte wie die der verschmitzten Formation „Mitch & Mitch“ im Kopf fest. Zimtgeruch, süße Leckereien und hohe Regale mit alten, duftenden Büchern lassen fantastische Welten ganz anders, ganz einfach vor Augen führen. Oder nehmen wir einen stillen Saal, in dem  Bildchen an bisher unbekannten Regionen des cineastischen Nervenkostüms sachte rühren. Dann sind vielleicht die Bilder gefunden, die das Leben in und um uns bewußt werden lassen.

Geschrieben von Uwe Roßner

Buch: Erfolg und zurück

Gärtner war ein Großer, war beliebt, war etwas. All das war einmal. Gärtner ist Opfer des Absturzes der Musikbranche geworden und muss zurück. Zurück, das heißt, er muss Berlin verlassen und zurück zu seinen Eltern in die Frankfurter Vorstadt ziehen. Noch beschämender als sein Absturz ist das erneute Leben im ehemaligen Kinderzimmer.

Auch das Zusammentreffen mit seinen Schulfreunden und Saufkumpanen ist nicht einfach, wenn man sich für seine Vergangenheit schämt. Zu allem Überfluss trifft Gärtner dann auch noch auf seine Ex-Freundin Anke, die er damals im Rausch des Erfolgs verlassen und in Frankfurt zurückgelassen hatte. Die gefürchtete Begegnung verläuft allerdings anders als erwartet und die beiden verwickeln sich nach einer durchgemachten Nacht wieder in eine Beziehung.  Erfolgreiche Redakteurin trifft auf gescheiterten Musikpromoter. Dass das nicht ohne Probleme funktioniert ist dabei nicht verwunderlich.
Linus Volkmann schafft es mit seinem Roman, für eine kurze Zeit zu erfreuen. Gern verbringt man ein wenig Zeit mit diesem sympathischen Versager und der neuen alten Freundin Anke. Lange allerdings hält dieses Vergnügen nicht an.  Auch wegen dieser Kurzlebigkeit ist das Prädikat Poproman verdient. Ein bisschen Musik, ein wenig Sex, eine große Portion Humor und ein Schreibstil; ohne weiteres lesbar. „Anke“ lässt sich wunderbar zwischen die Pflichtlektüre schieben – mehr aber nicht.

Volkmann, Linus: Anke. Ventil Verlag. 208 Seiten. 14,90€

Geschrieben von Esther Müller-Reichenwallner (98eins)

Buch: Verständigung

Die Schaffung des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) im niederländischen Den Haag durch die internationale Staatengemeinschaft greift in die Herrschaft und Sicherheit der Nationalsstaaten ein. Ratifiziert wurde deren Statut trotzdem. Somit kann das IStGH international strafrechtlich gegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgehen. Verwunderlich ist, dass Staaten trotz ihrer unterschiedlichen Interessen eine normative Verregelung befürworten.

Nicole Deitelhoff untersucht in ihrer Dissertation den Entstehungsprozess des IStGH mit Hilfe der beiden Metatheorien Realismus und Konstruktivismus und postuliert, dass die Macht der Überzeugung  bedeutend für das Entstehen und das Durchsetzen von Normen im internationalen System ist. Allgegenwärtig in der Schrift ist das Konzept des verständigungsorientierten Handelns Jürgen Habermas´. Zur Normdurchsetzung notwendig sind nationale Diskurse, in denen sich Staaten wechselseitig überzeugen können. Dadurch konnte erst der IStGH geschaffen werden, obwohl sich zum Verhandlunsgsbeginn der Großteil der Staaten gegen diese Gerichtsbarkeit aussprachen. Um den Prozess zu verstehen, wird dieser von Deitelhoff in Phasen unterteilt, um die verschiedenen, wechselnden  Positionen der Akteure darzustellen. Vor allem machtlose Entwicklungsländer ließen sich von  Normen überzeugen… .          

Deitelhoff, Nicole: Überzeugung in der Politik. Grundzüge einer Diskurstheorie internationalen Regierens. Suhrkamp. 347 Seiten. 13,00€

Geschrieben von Björn Buß