von Archiv | 12.12.2006
Was machen Ruderer eigentlich im Winter? Der Greifswalder Ruderclub ?HILDA? 1892 e.V. macht keineswegs Winterschlaf. Trainiert wird das ganze Jahr.

Wo sind sie nur, die guten alten Holzboote? Man musste lange suchen. Die Zeit ist vorangegangen und moderne Kohlefaserboote haben die Holzboote ersetzt. Kein Schimmel, keine undichten Stellen mehr. Technik die begeistert. Pflegearm, zuverlässig und langlebig.
Und die Sportler? Wer sind sie und vor allem wo? In der Sporthalle 3, im Puschkinring traf ich die Junioren, der Jahrgänge 1993 bis 1995 an. Ihr Trainingsgruppenleiter Böttcher informierte über die körperlichen Vorraussetzungen für den Rudersport. Wichtig ist, dass die Mitglieder schwimmen können. ?Denn für den Fall der Fälle ist das vom Vorteil?, meint Böttcher schmunzelt.
Die 120 Mitglieder des Greifswalder Ruderclubs ?Hilda? lernen nicht nur seemännisches Fachwissen und Teamgeist, sondern betätigen sich auch außerhalb ihrer Ruderboote sportlich. So wird in der Wintersaison Kraftsport und Leichtathletik trainiert. Ziel ist es, die Ausdauer zu steigern. Für die jüngeren Mitglieder gibt es zusätzlichen Schwimmunterricht.
Die Rudersaison geht von Anfang April bis Mitte Oktober, richtet sich aber je nach Wetter- und Witterungslage. So trainieren auch jetzt noch die Älteren draußen auf dem Bodden.
Die jungen Ruderer, die bei Sichtungen in Schulen zum Rudersport entdeckt wurden, werden schnell in den Verein integriert und gefördert. So trainieren Florian (13) und Ole (12) bis zu viermal die Woche. Ihr Training setzt sich aus Kraftsport und Schwimmen zusammen. ?Der Spaß stimmt?, so Florian. Auch Tillmann (12) meint, während er Gewichte stemmt, dass er von der Sportart fasziniert sei. Die Trainingsgewichte hängen von der körperlichen Leistungsfähigkeit ab und sind meist zwischen 5 und 40 kg schwer. ?Da kommen im Jahr einige Tonnen zusammen?, so Trainer Böttcher.
Das Rudern ist eine Ausdauersportart. Eine dreiviertel Stunde joggen bei Wind und Wetter ist Standard.
Krankenkassen bestätigen, dass Rudern der Gesundheitssport überhaupt sei. Nach ihren aktuellen Untersuchungen stufen sie Rudern als gesündeste und ungefährlichste Sportart ein.
Zudem engagiert sich der Verein vermehrt im Bereich der Studenten.
Mittlerweile wurde sogar eine Freizeitgruppe, welche nur aus Studenten und ehemaligen Wettkampfruderern besteht, gegründet. Die Mitglieder kommen aus
ganz Deutschland, wie etwa aus Dortmund, Hamburg, Magdeburg oder Potsdam.
Interessierte Studenten können dem Ruderclub jederzeit beitreten und neue
interessante Möglichkeiten des Vereins entdecken.
Geschrieben von Thomas Eisentraut
von Archiv | 11.12.2006
Lange mussten sich die Anhänger der britischen Band Babyshambles um Sänger Peter Doherty in Geduld üben, denn musikalische Meldungen beziehungsweise Veröffentlichungen waren rar gesät, nachdem ihr Debutalbum ″Down in Albion″ (2005) erschien und in großer Auflage über die Ladentheke wanderte.
Hat sich das Warten also gelohnt?
Diese Frage kann mit einem klaren ″Ja!″ beantwortet werden. Wie das Debut ist auch diese fünf Lieder enthaltende EP so abwechslungsreich, wie bei kaum einer anderen Band. Die Single ″The Blinding″ ist von eingängiger Melodie und kann sich durchaus mit ″Fuck Forever″, der Single des letzten Albums, messen. Die Gitarren erzeugen einen (für nicht-gewöhnte Ohren) disharmonischen Klang, den Dohertys charakteristische Stimme perfekt abrundet.
Wer sich zum Besitzer der ″Babyshambles Sessions″ von The Libertines, der legendären Vorgängerband um Carl Barat und Peter Doherty, zählen darf, wird mit Freude den zweiten Track ″Love you but you’re green″ wiedererkennen. Dieser wurde neu aufgenommen, rhythmisch langsamer, fast balladig anmutend.
Das folgende Stück (″I wish″) befreit den Hörer aus seiner jüngst erlittenen Balladen-Romantik-Stimmung, indem es ihn förmlich zum Tanzen auffordert: Hier zeigen sich klar die Ska- und Reggae-Einflüsse der Band anhand des typischen Beats, der mit Ausrufen wie ″Oh Ho Ho Ho″ zur Bewegung einlädt.
Weiter geht es mit dem melodiösen ″Beg, steal or borrow″, ebenfalls eine angenehme Atmosphäre kreierend, was nicht zuletzt der gern eingesetzten Mundharmonika Dohertys geschuldet werden kann und darf, sondern auch dem vergleichsweise schnellen Rhythmus und den Backroundgesängen der anderen Bandmitglieder.
Mit ″Sedative″ bildet das Kompositum der ″The Blinding EP″ einen Abschluss der Art, die den Hörer wünschen lässt, es kämen noch dreimal so viele Songs, denn hier wird es einmal mehr melancholisch. Langsam gespielte Moll-Akkorde, mit Soli und Dohertys tief gesungener Stimme durchsetzt, bilden die genannte Schlussnummer.
Fazit: Ab in den Plattenladen eures Vertrauens, CD erwerben, und erfahren, was die Babyshambles sich von Gott wünschen!
von Archiv | 07.12.2006
„Frohes Fest“: Wer in diesen Tagen durch die Lange Straße schlendert, dem wird bereits durch diesen tannengrün verzierten Schriftzug vermittelt, dass der Weihnachtsmarkt wieder da ist.
Doch wen schert es? Glaubt man den Stimmen zahlreicher Bewohner, so ist das hiesige Arrangement eh nur ein niveauarmer Abklatsch „echter“ Weihnachtsmärkte, die in den Großstädten dieser Welt – und damit wohl außerhalb Greifswalds – festlichen Glanz versprühen.
Und tatsächlich: Blickt man tagsüber auf die Ansammlung von tristen Fahrgeschäften, Losbuden und Imbissständen, so offenbart sich dem Betrachter jenes klischeehafte Bild, das unserem Weihnachtsmarkt alle Jahre wieder stempelartig aufgedrückt wird. Auf dem mäßig besuchten Gelände warten die Besitzer von Kindereisenbahn, Autoskooter sowie der „Funstreet“ auf wenigstens eine Hand voll Besucher.
Zur Verzierung des Marktes dient eine LKW-Ladung an Tannen, die mehr oder weniger geschickt auf dem Platz verteilt wurden – häufig weniger. An Zäune gelehnt, in Ecken gequetscht, geben sie nicht immer ein idyllisches Bild ab. Ein kleiner Trost: In der Mitte gibt es eine große Pyramide und einen noch größeren Weihnachtsbaum zu bestaunen. Eigentlich ein Wunder, wo doch Weihnachten ist.
Und wenn es mit Einbruch der Dunkelheit dann Abend wird, schauen tatsächlich immer mehr Besucher vorbei und lassen den Duft von frisch gebrannten Mandeln, Zuckerwatte sowie einem deftigen Schwein am Spieß in ihre Nasen dringen.
Die weihnachtliche Stimmung steigt, woran auch immer dies liegen mag. Vielleicht an der festlichen Beleuchtung. Vielleicht an den leidlich weihnachtlichen Klängen von der Tonspur. Vielleicht aber auch schlicht und einfach an der leise eintretenden Wirkung von Glühwein und Feuerzangenbowle.
Wie auch immer: Irgendwie haben wir unseren Weihnachtsmarkt letztlich doch ein bisschen lieb. Ein leerer Markt wäre jedenfalls keine Alternative. In diesem Sinne: Ein frohes Fest!
Geschrieben von Sebastian Schult
von Archiv | 05.12.2006
Rainald Goetz` Buch ?Abfall für alle? ist ein Roman im Stil eines ?Online-Blogs?. Der Leser begleitet den Autor neunundvierzig Wochen lang, ohne dass es langweilig wird. Eine Empfehlung.
?Los geht’s!?, so lautet der Satz, mit dem der promovierte Psychiater und Geschichtswissenschaftler Rainald Goetz sein Online-Tagebuch am 4.2.1998 einleitet. Heutzutage ist es nicht mehr ungewöhnlich, einen so genannten ?Blog? zu haben, vor acht Jahren galt es allerdings als nahezu revolutionär.
Der Leser wird ohne Vorwarnung in die Welt des unorthodoxen Intellektuellen entführt, Tag für Tag, neunundvierzig Wochen lang, in sieben Teilen, die je sieben Wochen dauern. Man erfährt – partiell sehr fragmentiert – wie Goetz seinen Tagesablauf gestaltet: Er geht einkaufen, sieht fern, besucht Ausstellungen, liest sozialwissenschaftliche Werke von Niklas Luhmann, die ihn stark zum Nachdenken anregen, verzweifelt an der Vorbereitung zu einem vierteiligen Seminar an der Universität Frankfurt, das er zusagte zu leiten. Er bewältigt diese Aufgabe und integriert die Vorlesungen in sein Tagebuch. Auf diese Weise lässt er uns Teil haben an seinen Gedanken, und obgleich der Autor nie allzu intim wird, hat man doch das Gefühl, ihn langsam kennen zu lernen – er gewährt uns einen kurzen Blick in sein Innerstes und hält uns dennoch auf Distanz.
?Abfall für alle? ist ursprünglich ein Internet-Tagebuch, wie man ihm dieser Tage zuhauf begegnet, wobei eine Publikation in Buchform ja eher unüblich ist. Doch nur auf diese Weise konnte es etwas werden, das von Dauer ist, neunundvierzig Wochen eines Jahres, die aus dem Netz gelöscht sind und nun auf dem Papier wieder auferstehen. Abfall, der im Gegensatz zum Realen nicht vergänglich ist, sondern die Zeit überdauert und relevante Fragen zu beantworten versucht, um sie erneut aufzuwerfen. Tag für Tag, Woche für Woche, Goetz durchlebt kaum eine(n), ohne zu grübeln – eine Bereicherung für das eigene Denken.
Rainald Goetz: Abfall für alle. Roman eines Jahres
Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1999; 864 Seiten, 19,50 Euro.
Geschrieben von Anne Hennies
von Archiv | 04.12.2006
Jeden Montag finden sich die Erstsemester der Bachelor-Studiengänge um 18:15 Uhr in der Kiste ein, um die Sinnlosigkeit des ?dritten Studiengangs?, dem ?General Studies? zu zelebrieren.
Es ist Montag, 18:15 Uhr. Ich sitze in der „Kiste“, dem Vorlesungssaal in der Makarenkostraße und lausche verwirrt dem General Studies-Vortrag meines Dozenten, Professor Stamm-Kuhlmann.
Warum sitze ich hier? Ich höre vereinzelte Wortfetzen und nehme in diesen Momenten Informationen auf. Der Vortrag besteht zu fünf Prozent aus der Rezitation selbst gefertigter Powerpoint-Folien und zu 95 Prozent aus Beispielen, die die Folien des Professors stützen.
Bis jetzt habe ich mir drei Stichpunkte notiert, davon der Dritte: „Die Folien der Vorlesung ab jetzt im Netz.“ Ich glaube nicht, dass noch weitere Stichpunkte folgen.
Die Vorlesung ist eine Tortur für alle Beteiligten. Der Blick auf die Uhr lässt Angstschweiß fließen. Der Professor doziert mit dem Enthusiasmus einer gebrannten Mandel über die Methoden seines Faches. Meine Anwesendheit hier scheint mit jeder Minute überflüssiger. Nicht nur bei diesem Professor.
Sind die Bachelor-Studiengänge so minderwertig, dass dieser dritte Pflichtstudiengang „General Studies“ eingeführt werden musste? Was bewegt die Universitätsleitung dazu, einen anerkannten Professor dafür zu bezahlen, solche Vorträge zu halten?
Inzwischen ist es 19:05 Uhr. Um mich herum erblicke ich schwatzende Kommilitonen, Studenten mit Handys am Ohr und alle paar Minuten ertönt irgendwo im Saal der Ton eines hoch- oder runterfahrenden Windows-Systems. Würde der Professor seine aktuellen Beschäftigung frei bestimmen können, wäre er vielleicht in seiner privaten Bibliothek. Vielleicht würde er gerade an einer nostalgischen Schreibmaschine, bei der die linke Großstelltaste klemmt und die man deshalb stärker drücken muss, eine Abhandlung über Brutus, Cäsars Mörder, schreiben. Rechts von mir lacht gerade eine Studentin laut über einen zugeflüsterten Scherz. Vielleicht würde sie, wenn sie nicht hier wäre, auf einer Party den Mann ihres Lebens kennen lernen.
Es gibt eine Zeit und einen Ort für alles. Für Menschen, die Krebs heilen, für Vorträge, die die Welt verändern und für Schreibmaschinen mit defekten Tasten. Dies ist die Zeit, in der 150 Studenten und ein Professor an einer Vorlesung teilnehmen, von denen alle nach Hause möchten.
Es ist nun 19:15 Uhr. Der Professor hält seine Vorlesung für prinzipiell beendet. In der letzten halben Stunde will er nun Anmerkungen zu seinem Vortrag machen, die nicht klausurrelevant seien. Doch diese Aussage hat keinen spürbaren Effekt auf das Publikum. Noch lauter, unkonzentrierter und sinnloser kann diese Vorlesung nicht mehr werden.
Erneut stelle ich mir die Fragen, warum ich hier sitze und wer zum Teufel sich die „General Studies“ ausgedacht hat…
Geschrieben von Tobias Winkler
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