von Archiv | 18.12.2006
Kommentiertes Silvester
Mit dem Weihnachtsfest nähert sich langsam und unaufhaltsam auch der Gedanke an das Fest, welches heimtückisch hinten dran klebt – Silvester.
Drohend wie das Damoklesschwert mit leicht panischen Zügen schwebt es über und in den Köpfen herum – gerade, wenn man Single ist. Denn das heißt, Happy-New-Year-Knutschereien mit anzusehen und sich dabei ziemlich einsam zu fühlen.
Während der Heiligabend dem trautem Zusammensein mit der Familie gilt, sieht sieben Tage danach alles anders aus.
Es gibt nicht wirklich viele Möglichkeiten, dem zu entgehen. Langfristige Partyplanung ist von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Erfahrungsgemäß ergeben sich die besten Partys sowieso spontan. Niemand hält sich an Zusagen, die er oder sie bereits gemacht hat, sondern entscheidet nach Lust und Laune: wir halten uns eben alle Optionen offen. um bloß nichts zu verpassen. Denn die Horrorvorstellung ist, mit vier Leuten auf der eigenen Party zu sitzen während der Rest gerade spontan abgesprungen ist. Aber selbst dann; warum nicht losziehen und gemeinsam die nächste Party suchen? Es gibt sicher genügend. Hoffnung keimt auf – und doch, so einfach ist es nicht. Denn es trifft einen schon irgendwie, den Neujahrskuss, den man nicht bekommen wird. Jedenfalls nicht von einem Menschen, der einen liebt. Es ist nur dieser eine kurze Moment und doch steht er synonym für Silvester. Warum eigentlich?
Ich finde keine Antwort. Weder, woher er kommt, seit wann es diesen Brauch gibt, noch sonst irgend etwas. Man macht es eben und es gehört zu Silvester dazu – der innige Kuss zwischen Liebenden.
Ok, ich weiß, dass ich Silvester keinen Kuss bekommen werde. Und dass es auch keine Auswirkungen auf das folgende Jahr für mich haben wird. Ich werde feiern, lustig sein und Spaß haben. Natürlich wäre es schön, wenn es anders wäre, aber ich bin ja nicht die Einzige. Und um den schalen Nachgeschmack eines nicht vorhandenen Kusses zu kompensieren werde ich mich amüsieren und nicht verzweifelt nach einem Deppen Ausschau halten, dem ich dann panisch meine Lippen auf seinen alkoholisierten Mund pressen werde.
Lieber werde ich tanzen und die Welt vergessen. Ich werde eine ebenfalls ungebundene Freundin mitnehmen, wir werden über die Pärchen lästern – und es wird uns gut gehen! A kiss is just a kiss… .
Geschrieben von IM
von Archiv | 18.12.2006
Yusuf Islams „An Other Cup“ (Polydor)
Yusuf hat ein neues Album. Yusuf? Gemeint ist Cat Stevens, welcher Ende der 70er Jahre als etablierte Größe im Musikgeschäft zum Islam konvertierte, seine Instrumente verkaufte und fortan fast alle musikalischen Aktivitäten einstellte.
An ein Studioalbum des Machers von erfolgreichen Songs wie „Lady D‘Arbanville“ haben wohl selbst seine größten Fans nicht mehr geglaubt: zu radikal äußerte er sich zum Gebrauch westlicher Instrumente. Seine Songs trug er – wenn überhaupt – nur noch a cappella vor. Mittlerweile hat er seine Ansicht geändert: der Koran verbiete das Musikmachen schließlich nicht. Von dieser Erkenntnis bis zum aktuellen Longplayer „An Other Cup“ dauerte es nicht lange. Das Cover der neuen Platte, dessen Motiv an die 1970er LP „Tea For The Tillerman“ erinnert, lässt Referenzen vermuten. Wie einst bestimmen Akustikgitarren und Yusufs etwas bejahrte, aber unverwechselbare Stimme das Geschehen. Hinzu kommen noch Klavier- und Streicherarrangements, die in manchen Titeln für etwas zuviel Schmelz sorgen.
Dasselbe gilt für die wolkig-spirituellen Liedtexte, die nicht jedermanns Ge-schmack sind. Man möchte zwar nicht sagen, dass Yusuf das Songschreiben verlernt hat, aber irgendwie bleibt keine der Nummern im Gehörgang hängen; ausgenommen „I Think I See The Light“. „An Other Cup“ ist interessant für Fans. Alle anderen brauchen es nicht.
Geschrieben von Robert Heinze
von Archiv | 18.12.2006
Scherbakov: D. Schostakowitschs op. 87 (Naxos)
„Im Augenblick schreibe ich eine Filmmusik. Es ist schlimm, dass es dazu kommen musste. Ich kann euch nur einen Rat geben: Solltet ihr auch in die Lage kommen, dies tun zu müssen, dann nur im Falle äußerster Not, äußerster Not.“
Diese Antwort gab Dmitri Schostakowitsch gegenüber Kollegen im Jahre 1948. Denn Filmmusik galt ihm damals nur als Auftragswerk. Das bewunderte erste Violinkonzert, die Jüdischen Lieder und die Streichquartette Nummer vier und fünf ruhten für unbestimmte Zeit vorsichtshalber in der Schublade. Per Erlass kulturpolitisch stigmatisiert und mit dem Aufführungsverbot der eigenen Werke belegt, reiste der Vorzeigekomponist Schostakowitsch als Jury-Mitglied einer siebundzwanzigköpfigen Delegation 1950 zum 200. Todestag von Johann Sebastian Bach nach Leipzig. In der durch den Kalten Krieg aufgeheizten Lage enstand während des Jubiläums die fragliche Idee, Bachs Zyklus des Wohltemperierten Klaviers im 20. Jahrhundert fortzusetzen. Tastenmusik ist ein wenig beachteter Teil im Schaffen Dmitri Schostakowitschs. Seine 24 Präludien und Fugen eifern weniger dem Thomaskantor nach, sondern begründen in heterogener kompositorischer Qualität eine eigenständige Aussage zur Fugenkunst und der originären russisch-sowjetischen Musikgeschichte. Konstantin Scherbakov legt pianistisch davon ein maßvolles Zeugnis ab.
von Archiv | 18.12.2006
Woher kommen die Fichten der Universität?
Es ist früh am Morgen. Der Nebel hängt zwischen den Wipfeln der Bäume, die Sonne bahnt sich mit ihren Strahlen den Weg. Fünf Männer stehen auf einer kleinen Lichtung und binden Tannenzweige, die sie gerade geschnitten haben, zusammen. „Hier brauchen wir 15 Sträuße und eine Küstentanne.“
Manfred Küppers blickt von seiner Liste auf und zählt die Bündel, die vor ihm auf dem Boden liegen. Nun fehlt nur noch die Tanne, wie der Uni-Förster für das Revier Eldena schnell feststellt.
Er steht an diesem Morgen in seinem Revier in der Nähe von Friedrichshagen. Vor ihm breitet sich auf einer Fläche von einem Hektar eine Fichtenkultur aus. Heute soll es einigen von ihnen an den Stamm gehen, denn Weihnachten steht vor der Tür und viele der Uni-Institute haben einen Baum für ihre Eingangshalle, das Sekretariat oder die Bibliothek bestellt. Insgesamt elf Bäume und 85 Schmuckgrünsträuße finden sich auf Küppers’ Liste.
Gemeinsam mit Sebastian Erkel, der Manfred Küppers im kommenden Jahr als Revierförster nachfolgen soll, verschwindet er zwischen den Fichten. Sie suchen einen Baum für die HNO-Klinik. „Der ist unten zu offen und der hat eine doppelte Spitze.“ Die Auswahl fällt nicht leicht. Die Bäume sollten in den Einrichtungen der Universität doch etwas hermachen. Schließlich sind aber doch zwei passende Bäume gefunden. „Sie einen, ich einen“, sagt Küppers zu seinem Begleiter und schon röhrt die Motorsäge. Innerhalb weniger Sekunden ist der schmale Stamm getrennt und ein kapitaler Baum von vier Metern Größe liegt im taubenetzten Gras. „Zieht den mal zum Weg rüber“, ruft Küppers den Waldarbeitern zu, die die Förster unterstützen. Sie kommen alle aus der Region. Manchmal wechselt Küppers deshalb auch ins Plattdeutsche.
„Jetzt brauche wir noch zwo Dreimeter“, sagt der Förster und verschwindet wieder zwischen den Bäumen. Plötzlich ist von irgendwo zwischen den Zweigen „No No Never“ von Texas Lightning zu hören. Wieder einmal klingelt das Handy des Revierleiters. Eine verspätete Baumbestellung aus dem Klinikum geht ein. „Kein Problem, das schaffen wir“, sagt Küppers und legt auf. „BeimWeihnachtsbaum ist es so: Je länger sie gucken, desto schwieriger wird’s“, verrät er sein Auswahlgeheimnis. Auf diese Weise werden in diesem Jahr zweihundert bis vierhundert Bäume fallen, die in den Instituten der Universität, den Greifswalder Stadtkirchen und den Wohnzimmern von Uni-Mitarbeitern wieder gefunden werden können. Die größten stehen im Uniklinikum. So verwundert es kaum, dass Weihnachtsbäume bei Förstern den Status einer „Sonderkultur“ haben. Schließlich wachsen sie nicht wie die meisten anderen Bäume 80, sondern nur zehn Jahre, ehe sie den Weg ins Wohnzimmer antreten.
Ortswechsel: In der Eingangshalle der HNO-Klinik, Walther-Rathenau-Straße schmückt eine matte Lichterkette die stramme Fichte, die sich im Treppenaufgang an die Wand schmiegt. Schwestern in weißer Arbeitskluft laufen vorbei, ein Patient mit bandagierter Nase liest in der Sitzecke Zeitung. Der Baum scheint sie nicht richtig zu interessieren. Doch das wird sich sicher noch ändern, denn Weihnachten naht mit großen Schritten.
Geschrieben von Kai Doering
von Archiv | 18.12.2006
Sophias „Technology Won’t Save Us“ (City Slang)
Das Ein-Mann-Projekt „Sophia“ meldet sich pünktlich zur melancholischsten aller Jahreszeiten zurück. Der Mensch dahinter: Robin Proper-Sheppard (Ex-The God Machine). Jeder, der so hieße, würde sich wohl zumindest eine Visitenkarte drucken lassen. Der Amerikaner lieferte darüber hinaus den tönenden Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Das letzte Album „People Are Like Seasons“ kann immer dann eingeworfen werden, wenn es mit der eigenen Kreativität für Luftschlossarchitektur eng wird.
„Technology Won’t Save Us“ hingegen, der neue Titel, ist Programm. War auf dem Vorgänger die Abfolge der Lieder noch aus einem Guss, so erhält nun digitale Technik Einlass. Syntie-Klänge bei Streichern und Drums gesellen sich zu dem bewährten Muster Gitarre, Bass, Piano, mehrstimmiger Gesang und (analoges) Kammerorchester. Heraus kommt dabei eine teils unheilige Allianz, mitunter gar ein Wirrnis musikalischer Ideen. Letztlich wenig zuträglich für klang-(t)räumliche Illusionen.
Zwei Songperlen sind mit „Pace“ und „Lost (She Believed In Angels…)“ dennoch hinterlassen. Die allein machen aber nicht das erwartete Album. Über diese unmelancholische Traurigkeit kann auch die limitierte Albumversion mit Bonus-Silberling (sechs Songskizzen von „People Are Like Seasons“) nicht hinweghelfen. Gitarre und Proper-Sheppard-Stimmchen erschaffen lange nicht die bekannte Magie.
Geschrieben von Robert Tremmel