von Archiv | 15.11.2006
Robert Townes „Ask the Dust“
Dem Glamour der westamerikanischen Metropole Los Angeles entzieht sich der Lyriker Arturo Bandini gekonnt. Eine billige Absteige dient als Bleibe. Übermotiviert, aber arrogant möchte Bandini ein Werk schaffen, welches das Überleben menschlicher Existenzen in der Stadt der Engel der 1930er Jahre aufnimmt. Problematisch wirkt sich aber die Unerfahrenheit des Schriftstellers aus. Bandini muss sich entscheiden: entweder lebend Erfahrungen sammeln oder geistige Vorstellungen des Daseins tippen. Meist träumerisch und höflich, aber im Fall der mexikanischen Serviererin Camille Lopez provozierend und aggresiv, ist des Protagonistens weiblicher Umgang.
Robert Towne verantwortete die Realisation der Verfilmung des John Fante-Romans „Ask the Dust“. Beide Künstler hatten mit Problemen zu kämpfen: Fante mit seiner italienischen Abstammung und der mangelnden Akzeptanz als Amerikaner und vor allem als Schriftsteller. Die Figur des Bandini ist Fantes Alter Ego. 30 Jahre lang kämpfte der „Chinatown“-Drehbuchautor um die filmische Umsetzung des Romans. Erst im Rentenalter begannen die Dreharbeiten in Südafrika. Das Land doubelt das Amerika der Depressionszeit. Ein deutscher Medienfonds stemmte das Budget und der neue United Artists-Mitbesitzer Tom Cruise produzierte. Die Konstellation wird vor der Kamera durch den Iren Colin Farrell und die Mexikanerin Salma Hayek komplettiert. Die Internationalität der Produktion kann die amerikanische Geschichte jedoch nicht genügend aufnehmen. Unverständlich wirken die Beweggründe der Akteure vor der Kamera. Ansprechend ist dagegen die Kameraführung Caleb Deschanels.
Mit der Ausstattung der deutschen DVD kann sich nicht geschmückt werden: ein kurzweiliges Making-of und der nicht untertitelte Audiokommentar lohnen nicht.
Geschrieben von Björn Buß
von Archiv | 15.11.2006
„Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft!“ Sie tragen schwarze Anzüge und am linken Arm eine rote Armbinde mit weißem Kreis, in dem ein schwarzer Apfel prangt.
Die Kostümierung erinnert stark an die Nazi-Zeit und das ist auch so gewollt.
Die „Front Deutscher Äpfel“ versteht sich als Kunstprojekt, welches vor zwei Jahren in Leipzig von Alf Thum, der im eigentlichen Leben Kunst- und Kulturprojekte organisiert, gegründet wurde. Holger Apfel war zu jener Zeit NPD-Spitzenkandidat in Sachsen und befand sich im Wahlkampf. Thum und andere hatten die spontane Idee, gegen die NPD-Aufmärsche eine Aktion durchzuführen. Dies sollte keine der üblichen Gegendemos sein und so schlug die Geburtsstunde der „Apfelfront“.
Die Front Deutscher Äpfel wehrt sich laut Programm „gegen faul herumlungerndes Fallobst“ und überhaupt gegen exotisches Obst. Es wird klar, dass es sich bei der Apfelfront um harte Satire handelt, die nicht immer auf Anhieb zu verstehen ist. Der Verwechslungseffekt wird durch die Verkleidung und die Symbolik regelrecht herausgefordert.
Seit Juli dieses Jahres hat die Apfelbewegung auch Greifswald erreicht. „Ich fand die Idee schon länger gut“, sagt Sebastian Jabbusch, der an der Uni Greifswald Politikwissenschaft studiert. Während des Jugendevents „Prora 06“ auf Rügen traf er Alf Thum und seine Apfelfront und beschloss, in Greifswald auch eine Apfelfront-Zelle zu gründen. Neue Mitglieder schlossen sich dem „Gauleiter“, wie Jabbusch genannt wird, schnell an. „Angefangen habe ich mit ein paar Freunden.“ Mittlerweile zähle die Gruppe in Greifswald rund 20 Mitglieder.
„Gerade im Wahlkampf wollten wir etwas gegen die NPD tun“, erklärt Sebastian Jabbusch seine Motivation, mit der Apfelfront aktiv zu werden. Der Kern ihrer Aktionen ist ein ironisch-satirischer Auftritt. „Wir vertreten eine absonderliche Meinung, die die Menschen veranlassen soll, selbst nachzudenken.“ Die klassische Aufklärungsarbeit erreiche heute nur noch diejenigen, die ohnehin demokratische Parteien wählen, ist der Politikwissenschaftler überzeugt. „So absurd wie unsere Forderungen ist auch die NPD“, sagt er. „Wenn die Menschen unsere Ziele ablehnen, haben wir unser erreicht, was wir uns vorgenommen haben.“
Eine Methode, die bei den Bürgern durchaus auf Verwunderung stößt. Manch einer versteht die Ironie schlichtweg nicht. Fraglich ist, ob gerade der potentielle NPD-Wähler zu dieser Art des Wahlkampfes überhaupt einen Zugang findet. Zur Praktikabilität einer solchen Aktion im Kampf gegen Rechts befragt, wollte sich der Greifswalder Politikwissenschaftler Hubertus Buchstein dem moritz gegenüber nicht äußern.
In jedem Fall war die Resonanz nach der ersten Aktion im Juli, als sieben Apfelfrontler durch die Greifswalder Innenstadt marschierten, groß. Es folgten Aktionen in Anklam, wo die Gruppe um den „Gauleiter“ als Gegenaktion zum Wahlkampfauftakt der NPD tanzte, sowie in Schwerin. Hinterher war selbst auf www.npd-mv.de von der Apfelfront die Rede, deren Mitglieder dort zwar abfällig als „verwirrte Gestalten“ bezeichnet wurden. Jedoch: „die NPD hat uns wahrgenommen“, freut sich Sebastian Jabbusch. Allerdings konnte auch das Engagement der Greifswalder den Einzug der NPD in den Schweriner Landtag nicht verhindern. „Wir hatten es gehofft, doch nicht fest damit gerechnet“, sagt der 23-jährige. Nach der Wahl haben sich die Ziele erweitert. Nun stünden auch rechtsgerichtete Burschenschaften im Fokus des Interesses des Apfeltrupps. So wurde kurz vor Semesterstart eine eigene Burschenschaft mit dem Namen „Malumia Grypsvaldensis“ gegründet.
An die Öffentlichkeit trat diese erstmals während der Erstsemesterwoche auf dem Markt der Möglichkeiten, wo die Mitglieder sich einen Fechtkampf mit Holzschwertern lieferten, was auf offensichtliche Verwirrung und Ablehnungen bei den Erstis stieß. Genau mit dieser Täuschung oder Verwirrung provoziert die Gruppe.
Ein weiteres Mal trat die Malumia zwei Wochen später auf. Im Rahmen des Festaktes zum Universitätsjubiläum war im Hauptgebäude eine Tafel enthüllt worden, auf der Spender genannt sind, die eine besonders große Summe Geldes für die Restauration des Rubenowdenkmals bereitstellten. Unter diesen befand sich auch die Burschenschaft Markomannia. „Die Uni darf kein Geld von Rechtsextremen annehmen“, ist Jabbusch überzeugt und so zogen er und seine Mitstreiter zum Hauptgebäude, im Gepäck einen Scheck über zehntausend Reichsmark sowie eine eigene Ehrentafel. Beides wollten sie Rektor Rainer Westermann übergeben, der sich nach kurzem Zögern auch mit dem „Obstmajor“ Jabbusch traf. „Es ist ein Skandal, dass die Uni nicht überprüft, wer das Geld spendet“, attestierte dieser dem Rektor, der seinerseits einräumte, dass Fehler gemacht worden seien. „Wir werden diesen Vorfall prüfen“, versprach er.
Inzwischen wurde die Spendertafel entfernt. „Wir haben mit der Markomannia gesprochen“, ist von der Fundraiserin der Universität, Sabine Große-Aust, zu erfahren. „Wahrscheinlich wird nun ein Einzelspender auf der Tafel genannt.“ Ein Vorgang, der aus Sicht der Markomannia alles andere als geklärt ist. „Aus unserer Sicht ist das zurzeit in der Schwebe“, sagt Reno Basner, Öffentlichkeitsbeauftragter der Markomannen. Für ihn besteht kein Grund, den Namen der Burschenschaft von der Tafel zu entfernen. „Im Zweifelsfall werden wir das Geld zurückfordern.“ Freude herrscht nur bei der Malumia respektive Apfelfront. „Dass der Name entfernt wurde, ist für uns ein großer Erfolg“, so Sebastian Jabbusch.
Den Burschenschaften kündigt er einen heißen Winter an. „Wir wollen die rechtsextreme Szene aus der Deckung holen.“ Jedoch wolle man nicht losziehen und jeden Tag Stunk machen. Angst vor möglichen Konsequenzen hat er nicht. „Ich gehe inzwischen etwas anders mit meiner Privatsphäre um“, gibt Sebastian zwar zu, doch bedroht worden sei er noch nicht. „Einige von uns sind jedoch ausgestiegen, weil sie im Fernsehen gewesen sind.“
Allgemein wachsen Zustimmung und Mitgliederzahl jedoch stetig. So haben sich auch in Rostock und Schwerin Ableger der Apfelfront gegründet. Die zunächst in Heimarbeit entstandenen Fahnen und Armbinden werden inzwischen zentral in Bayern hergestellt. „Die Sache gewinnt eine gewisse Eigendynamik“, sagt der Student etwas nachdenklich. Einige mahnen bereits vor einem „Welle“-Effekt, benannt nach einem Roman, in dem ein Schulprojekt zur Nazizeit schließlich außer Kontrolle gerät. Diese Gefahr sieht Jabbusch jedoch nicht. Viel größer seien die Möglichkeiten. „Noch können wir uns offen gegen Rechts wenden. Wenn wir nichts tun, geht das in zehn Jahren vielleicht nicht mehr.“
Geschrieben von Maria-Silva Villbrandt, Kai Doering
von Archiv | 15.11.2006
Detlev Bucks „Knallhart“
Seit Filmen wie „Karniggels“ und „Männerpension“ könnte man Regisseur Detlev Buck mit seinem Händchen für filmische Skurrilitäten als eine Art Tarantino des norddeutschen Flachlands bezeichnen. Sein neuester Film, das Sozialdrama „Knallhart“, beschreitet nur scheinbar neue Wege.
Der fünfzehnjährige Protagonist Michael findet sich nach dem abrupten sozialen Absturz seiner Mutter, eines in die Jahre gekommenen High-Society-Luders (sich scheinbar selbst spielend: Jenny Elvers), unversehens mitten im hauptstädtischen sozialen Brennpunkt Neukölln wieder. Schnell bekommt er zu spüren, was es heißt, selbst ein deutscher „Migrant“ im Reich der türkischen Minderheit zu sein. Vom Strudel der Gewalt erfasst, treibt es Michael in die Fänge der wohlwollenden Unterweltgröße Hamal, der ihm einen scheinbaren Ausweg aus seinem „Opferdasein“ aufzeigt.
Atmosphärisch und inhaltlich irgendwo zwischen Akins Kiezdrama „Kurz und Schmerzlos“ und De Niros „Straßen der Bronx“ wird viel Altbekanntes serviert. Dennoch schafft es Buck zumeist, die ärgsten Klischees zu umschiffen und den von ihm bisher nicht bekannten gesellschaftskritischen Ansatz mit seiner ganz eigenen Handschrift griffig umzusetzen. Wenig plausibel erscheint lediglich Michaels allzu beiläufige Berufung in die türkische Unterwelt.
Wirklich sehenswert machen „Knallhart“ Bucks subtile Inszenierung kurioser Kleinigkeiten und die liebevoll gezeichneten Nebenfiguren. Herrlich widerwärtig fallen dabei die Auftritte von Christian Ulmen und Jan Hendrik „Mux“ Stahlberg als überkandidelte Yuppie-Wichte aus. Über das übliche Beiwerk hinaus bietet die DVD wenig Spektakuläres. Durchaus launig ist allerdings der nordisch-nonchalante Audio-Kommentar von „Regievogel“ Buck.
Geschrieben von Johannes Kühl
von Archiv | 15.11.2006
Fachschaftsrat, FSK und LKS
Zuweilen herrscht in unserer Gesellschaft der so genannte Aküfi – der „Abkürzungsfimmel“. Ständig ist von „mfg“, „hdl“ usw. die Rede. Dass der Aküfi auch in der Hochschulpolitik zuschlägt, verwundert kaum. So reden erfahrene Hochschulpolitiker gerne von FSK-Sitzungen oder Treffen der LKS, an denen sie teilgenommen hätten. Heute soll an dieser Stelle Licht ins Dunkel gebracht werden und diesen Kurzformen der Status der Geheimsprache genommen werden.
Was verbirgt sich also hinter der FSK? Findet man diese drei Buchstaben auf DVD-Hüllen, sollte man darauf achten, ob der Film auch für den kleinen Bruder geeignet ist, legt die „Freiwillige Selbstkontrolle“ doch das Mindestalter fest, ab dem ein Film für den jungen Zuschauer geeignet ist. Ganz ohne Kontrolle kommt hingegen die „Fachschaftskonferenz“ aus. Hierbei handelt es sich um ein Treffen aller Fachschaftsräte, das während der Vorlesungszeit einmal pro Monat stattfindet. Hier koordinieren die Fachschaftsräte der einzelnen Institute ihre Arbeit und tauschen sich aus. Schließlich soll ein Mediziner auch mitbekommen, was bei den Germanisten läuft. Geleitet werden die Treffen von der FSK-Vorsitzenden und ihrer Stellvertreterin.
Doch was ist eigentlich ein Fachschaftsrat? Hierbei handelt es sich um eine Art Betriebsrat eines einzelnen Instituts. Jährlich werden von den Studierenden einer bestimmten Fachrichtung (z.B. Medizin) Kommilitonen gewählt, die die Studierendeninteressen gegenüber der Institutsleitung vertreten. Der Fachschaftsrat hat also in etwa dieselbe Funktion wie der Klassensprecher in der Schule. Seine Funktionen sind jedoch erweitert, entscheidet er doch auch über die Verwendung der Gelder aus dem Semesterbeitrag, die proportional zur Studierendenzahl jedem Institut zugewiesen werden. Hiermit kann Sinnvolles wie Ersti-Frühstücke oder Institutspartys finanziert werden. Wann an eurem Institut die nächste Wahl zum Fachschaftsrat stattfinden wird, erfahrt ihr rechtzeitig. Macht auf jeden Fall von eurem Wahlrecht Gebrauch oder kandidiert doch selbst. Und was ist nun die LKS? Übersetzt heißt sie „Landeskonferenz der Studierendenschaften“. Bei diesem Wortungetüm wird schnell klar, warum man auf eine Abkürzung ausgewichen ist. Die LKS arbeitet hochschulübergreifend. Hier treffen sich delegierte Studierende aller Hochschulen eines Landes (in Mecklenburg-Vorpommern sind das fünf) um über Angelegenheiten zu beraten, die alle Universitäten und Fachhochschulen betreffen. Schließlich ist man gemeinsam häufig stärker. Besonders turbulent ging es bei der LKS im vergangenen Jahr zu als über die Kürzungspläne der Landesregierung gesprochen wurde, denn bei aller Liebe zu Abkürzungen – Mittelkürzungen mag auch der eingefleischteste Hochschulpolitiker nicht.
Geschrieben von Kai Doering
von Archiv | 15.11.2006
Für die Zukunft der Universität Greifswald: Justus Richter, neuer AStA-Referent für Hochschulpolitik
Das Referat für Hochschulpolitik ist von zentraler Bedeutung, denn politische Entscheidungen betreffen uns alle. Wir leben in einer Gesellschaft, die wir selbst mitgestalten können. Das gilt für Prozesse auf jeder politischen Ebene. Gerade die Zukunft der Universität Greifswald sollten Studierende aufs Nachhaltigste entscheiden.
Seit dem 24. 10. bin ich als Referent für Hochschulpolitik des Allgemeinen Studierenden Ausschuss (AStA) tätig. Die Entwicklung der Landespolitik im Bereich der Hochschulen verfolge ich schon seit langem kritisch und habe mich daher entschlossen, die Belange der Studierendenschaft sie darin zu repräsentieren, zu vertreten und an der Meinungsbildung mitzuwirken. Gerade bei der Auseinandersetzung mit politischen Themen, die die Interessen der Studierendenschaft in besonderer Weise beeinflussen ist es wichtig, sich zu positionieren und ihre Meinung zu artikulieren. Wichtig bleibt dennoch: für Studierende lohnt es sich immer, sich in die studentischen Belange der Hochschulpolitik der Ersnst-Moritz-Arndt Universität einzubringen.
Der Widerstand gegen die Einführung von Studiengebühren bleibt weiterhin zentrales Thema für künftige Diskussionen.
Die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU in MV haben ergeben, dass Gebühren für die Einführung von Studiengebühren für das Erst- und Zweitstudium vorerst nicht vorgesehen sei. Das Landeshochschulgesetz (LHG) soll demnach in der jetzigen Form bestehen bleiben. Jedoch können weitere Veränderungen nicht ausgeschlossen werden. Das Studierendenparlament (StuPa) lehnt dies strikt ab.
Die Gremienwahlen finden im Januar statt. Hierfür sollte eine höhere Wahlbeteilung erreichbar sein. 12 Prozent in diesem Jahr sind ein denkbar guter Anfang im Vergleich zu früheren Urnengängen. Dennoch hängt davon die politische Legitimation in erster Linie von der Beteiligung ab. Nutzt euer Wahlrecht!
Ins Auge sticht zudem der dringende Renovierungsbedarf vieler Universitätsgebäude. Ein langfristiges Projekt beinhaltet die thematische Auseinandersetzung mit der NPD. Dazu werden in enger Abstimmung mit den AStA – Referaten eine Reihe Veranstaltungen und Aktionen stattfinden.
Protest werden vielleicht auch nicht ausbleiben. Die Aushöhlung der Hochschulautonomie darf nicht forschreiten. Der Vernachlässigung studentischer Belange im Bereich der Hochschulpolitik des Rektorats und des Landes muss Einhalt geboten werden!
Geschrieben von Justus Richter