CD: Rasumowsky-Quartett: Schostakowitsch – Complete String Quartets (Oehms Classics)

Die Streichquartette besitzen im Schaffen Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975) eine eigene Aura. Ähnlich wie Beethoven lenkte der sowjetrussische Komponist erst in späteren Jahren sein Augenmerk auf dieses exquisite Feld der Kammermusik.

Ob sich damit gleich ein Rückzug ins Private oder gar ein Wunsch nach universaler  Aussage in persönlich schweren Zeiten ablesen läßt, darüber mag geforscht werden. Ein schönes Gedenken ermöglicht in erster Linie die Aufführung seiner Musik. Dafür ist reichlich gesorgt. Mit der Unterstützung von Schostakowitschs Sohn Maxim korrigierte das Rasumowsky-Quartett einige Druckfehler der Autographen und bietet mit überdachter Wahl die fünfzehn Quartette des Vater in ihrer Gesamteinspielung mit neuen Tempi dar. Sagt die Musik dann nicht genug?

Geschrieben von Uwe Roßner

Kino: An der Schmerzgrenze

Die beiden Flugzeuge lassen sich nur für einen Sekundenbruchteil erahnen – als Schatten auf einer Hochhauswand. Dann versinkt alles in einem ohrenbetäubenden Beben. Es ist eine der unheimlichsten und beklemmensten Szenen des Films. Was dann folgt, lässt sich nur schwer beschreiben, denn jeder weiß, was die beiden Polizisten John McLoughlin (Nicholas Cage) und Will Jimeno (Michael Peña) noch nicht einmal ahnen. Regisseur Oliver Stone versucht es trotzdem – und zeigt, wie es im World Trade Center ausgesehen haben muss.

Das Licht sei der Schlüssel zum Film, berichtete Oliver Stone in einem Interview. Tatsächlich ist man fast erleichtert, als die Kamera endlich aus den engen Betontrümmern hinaufgleitet. Zwei Drittel des Streifens zeigen klaustrophische Enge, die andere Zeit besteht aus staubigem Grau, das Hoffen Familienangegöriger auf ein Lebenszeichen und schließlich der Moment des bis dahin in den Vereinigten Staaten von Amerika völligen unbekannten Gefühls der Solidarität.
Der Kinofilm, der auch chronologisch abgedreht wurde, ist ein Film über Menschen, gewürzt mit einer Prise Patriotismus. Zwar ist dessen Ende bekannt, doch erschrecken die ohrenbetäubenden Explosionen immer wieder, wenn sie die Kinoleinwand schier zerreißen. Beklemmende Enge und das Gefangensein in Staub und Beton, den nicht einmal Stunden später Rettungskräfte mit professionellen Schneidegeräten entfernen können, führen die menschliche Hilflosigkeit doppeldeutig vor Augen.
Nicolas Cage wirkt in der Rolle als Sergeant McLoughlin anfangs fehlbesetzt, in den  Szenen der Verschüttung jedoch entpuppt sich seine einschläfernde Spielweise jedoch als ausdrucksstark und macht die unerträgliche Unbewegtheit zugleich  schmerzlich bewusst.
Mit seinem Film über den weltweit zu Tode politisierten 11. September möchte Regisseur Oliver Stone daran erinnern, was jene Männer durchgemacht haben. Das gelingt ihm. Mit langer Nachwirkung.

Geschrieben von Judith Küther

Kino: A History of Family

Die Blutsbande ist die direkteste, langlebigste und verlässlichste Verbindung der zwischenmenschlichen Existenz. Deren Aufbrechen in Zeiten steigender Scheidungs- und sinkender Geburtenraten in modernen Industriegesellschaften führt zum Vertrauensverlust in Beziehungen. Das Einzelgängerdasein wird toleriert.

Der neuseeländische Kinofilm „No. 2” thematisiert dieses Problem. Nanna Maria ist das weibliche Oberhaupt einer von den Fidschiinseln stammenden Familie. Die Matriarchin erahnt zu Beginn des 94 Minuten langen Werkes ihrem bevorstehenden Tod. Ein Wunsch, besser ein Befehl wird deshalb ausgesprochen: ihre sechs Enkel sollen an diesem Tag zu einem Familienfest zusammen kommen. Im Haus mit der titelgebenden Nummer 2 soll gegessen, getrunken und getanzt, eben gefeiert werden. Am Ende des Tages bestimmt die Großmutter dann ihren Nachfolger. Dieser Tag stellt die gesamte Familie vor große Probleme. Das zu grillende Schwein lebt noch, einige Familienmitglieder haben seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen, andere möchten ihre Zeit angenehmer verbringen. Es wird gestritten, gelacht und geweint. Ein Feuer muss gelöscht werden. Fäuste fliegen. Bis die Familie glücklich vereint ist, erlebt der Zuschauer deren kleinen Dramen des Lebens und träumt von dem perfekten Zusammenleben.
Regisseur Toa Fraser debütierte mit der Verfilmung seines eigenen Theaterstückes auf der Leinwand. „No. 2“ ist ein Plädoyer auf die Werte der Familie. Das Anliegen, die guten und schlechten Seiten/Zeiten einer Sippe darzustellen, ist ihm gelungen. Jeder Charakter ist vortrefflich besetzt. Die Vorstadt Aucklands ist als gewählte Kulisse aber ersetzbar, da die Handlung überall geschehen könnte. Fraser verknüpfte die eigenen Wurzeln in eine universale Liebeserklärung auf die familiäre Bande.

Geschrieben von Björn Buß

DVD: Gossenhaftes

Henry „Hank” Chinaski säuft, raucht, wettet, fickt, schreibt. Schriftsteller nennt er sich. Natürlich kann sich ein Wesen mit diesen Hobbys nicht mit Kunst über Wasser halten. Er ist Mädchen für alles: Lastwagenfahrer, Fließbandarbeiter in einer Essiggurkenfabrik, im Ersatzteillager eines Fahrradladens und Putzmann. Kein Job ist von langer Dauer. Lieber geht Hank einen trinken. Dabei lernt der Protagonist Frauen kennen, aber nicht lieben. Mit diesen kann die Zeit angenehm vorüberziehen. Denn die gleichen Interessen wirken sehr positiv auf Chinaskis zwischenmenschliche Interaktionen.

Glaubhaft übernimmt Matt Dillon die Hauptrolle in der Verfilmung des Romans „Factotum” des amerikanischen Autors Charles Bukowski. Mitleid möchte die Figur nicht, verdient hat er sie auch nicht. Einfach nur in Ruhe gelassen zu werden, ist das Ziel. Sobald Stress im Anflug ist, sei es am Arbeitsplatz, im Bett oder im elterlichen Zuhause, verzieht sich Hank, sucht und findet den nächsten Drink.
Die Romanvorlage Bukowskis enthält Autobiographisches: Er war ebenfalls Trinker, Ficker und Schreiber und nach langen Jahren des Oxidierens kam endlich der Erfolg, aber auch der Tod. Sich an diesen Autoren heranzuwagen, braucht Kraft, die heftigen Vokabularien auszuhalten.
Die bewegten Bilder aus Chinaskis Leben sind schwächer als die gedruckten Wörter. Die Inszenierung ist solide und auch der Stimmung entsprechende Musik wählte  der norwegische Re-gisseur Bent Hamer gut aus. Der den Kinofilm durchziehende Humor lockert auf. Doch drastisch genug ist das Endergebnis nicht.
Mit der DVD-Veröffentlichung kann man zufrieden sein. Ein langes Interview mit dem Hauptdarsteller, Trailer und geschnittene Szenen sind als Bonus enthalten. Pandora-Film gelang ein guter Einstand in das DVD-Geschäft.

Geschrieben von Björn Buß

DVD: All American Guy

Napoleon Dynamite ist ein Geek. Ein Außenseiter par excellence. An jeder Schule ist solch eine Person anzutreffen. Schon der Name der Hauptfigur ist außergewöhnlich desintegrierend. Assoziationen sind aber fehl am Platz. Der Schüler hat es nicht leicht im Leben: sein Bruder kann nichts, hält sich aber für etwas Besseres. Sein Onkel ist ein schmieriger Vertretertyp und trampelt auf seinem Neffen herum. Bis auf den mexikanischen Mitschüler Pedro hat Napoleon keine Freunde. Auch das XX-Geschlecht ist ihm unfreundlich gesinnt.

Was kann dieser Junge eigentlich? Nicht viel: Napoleon beherrscht die Zeichensprache, ist Mitglied im Verband der zukünftigen Bauern Amerikas und spielt Swingball.  Mit seinem unkontrolliert krausem Haarschopf, braunem Anzug und offenem Mund kann Napoleon Dynamite nur belächelt werden. Die Eigenschaft, seine Sicht der Welt, manche mögen unberechtigter Weise behaupten, er lügt, auszusprechen, macht die Figur sympathisch.
Insgesamt 91 Minuten lang werden episodenhaft die Abenteuer des Napoleon Dynamite auf DVD gezeigt. Zwei Jahre nach der Uraufführung ist der US-amerikanische Kinofilm endlich in Deutschland zu bestaunen. Was Director Jared Hess mit so geringem Budget auf die Beine stellte, ist erstaunlich. Die unzähligen Ideen und grandiosen Figuren, die überall auftauchenden Ausstattungsperlen im Vorder- und Hintergrund lassen von einer glorreichen Zukunft des Filmemachers träumen. Das Bonusmaterial der deutschen DVD-Veröffentlichung ist üblicher Bestandteil: ein kurzes Making-Of, der Trailer und geschnittene Szenen sind vorhanden. Als Schmankerl für Filmgeeks sollte der Abspann geschaut werden. Bis zum Ende des Kinofilms ist für gute Laune und ungewöhnlichen Schwank gesorgt.

Geschrieben von Björn Buß