von Archiv | 22.06.2006
Der Tag des 17. Oktober spielt für die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald eine bedeutende Rolle. Die jeweiligen runden Geburtstagsfeiern könnten aber nicht unterschiedlicher sein.
Vor 50 Jahren feierte die Universität ihr Bestehen mit einer Festwoche, die unter einem starken Fokus auf die Tradition der Universität und ihrer Stadt stand. Die politische Realität der noch jungen DDR war während dieser Woche spürbar, prägte die Veranstaltung aber nicht in dem Maße, wie dies 25 Jahre später geschah. Das 525. Jubiläum der Universität Greifswald wurde 1981 viel stärker als Forum zur Darstellung der Gegenwart der sozialistischen Bildungseinrichtung genutzt. Diese beiden unterschiedlichen Feierlichkeiten geben Aufschluss über das Selbstbild der Universität und ihrer gesellschaftlichen Umwelt. Durch das Bemühen des Universitätsarchivs Greifswald, der Mitarbeit des Historischen Instituts und des Unternehmens 3N-Mobile werden diese beiden Universitäts-jubiläen jetzt einem größeren Publikum auf einer DVD zugänglich gemacht. Monatelanges Durchforsten von Archivmaterial zum 500. Jubiläum veränderte alle Vorplanungen zu einer filmischen Betrachtung der damaligen Festwoche. Nun wurden auch Zeitzeugen gesucht, gefunden und befragt. Diese steuerten nicht nur interessante Anekdoten bei. Deren private Fotos und Filmmaterial bereicherten den entstandenen Film „Erinnerungen an die 500-Jahrfeier der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“ ungemein. Heutigen Sehgewohnheiten – kurze Einstellungen, schnelle Schnitte – nicht entsprechend wird die Festwoche vor 50 Jahren chronologisch nachgezeichnet. Vor allem unterhaltsam soll das 50-Minuten-Werk sein. Verständlich, dass so auf kritische Punkte nicht eingegangen werden kann. Die ältere Zielgruppe des Films könnte sich an Darstellungen von KZ-Häftlingen während des Festumzugs im Jahr 1956 stören. Im ungeschnittenen Bonusmaterial der DVD ist diese Szene aber enthalten. Somit kann der 1956er Festumzug historisch korrekter nachvollzogen werden.
Die „Eindrücke zur 525-Jahrfeier der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“ entstanden im Jahr 1981. Der Film ist in seiner Originalversion auf der DVD enthalten. Das beigelegte Booklet enthält Kommentare zu diesem Film. Entstanden sind diese durch Studenten des Historischen Instituts und stellen einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang her.
Lobenswert: Filmische Auswertungen der beiden vorherigen Jubiläen der Universität Greifswald sind nun erhältlich. Doch wird auch der 550. Geburtstag dieser Lehr- und Forschungsanstalt medial konserviert werden. Bisher scheint es, das zukünftige Generationen in die Röhre schauen. Schade!
Die DVD „Jahresringe – Die Jubiläen der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald 1956 und 1981“ ist im Greifswalder Buchhandel erhältlich.
Geschrieben von Björn Buß
von Archiv | 22.06.2006
Mit U-Rope 2006 zog ein Gefühl von Europa in Greifswald ein
Ab dem 27. Mai zog internationales Flair in Greifswald ein, wie auch schon im vergangenen Jahr um die gleiche Zeit. Was konnte erwartet werden nach nur einem Jahr Vorbereitung und einem sehr erfolgreichen Festival 2005 mit über 200 Gästen aus aller Welt? Aller Skepsis zum Trotz schaffte es das Org-Team des GrIStuF e.V., unsere beschauliche Hansestadt eine Woche lang in einen Ort der Begegnung zu verwandeln. Dem, der es zuließ, bot sich die Möglichkeit, fast alle europäischen Nationen sozusagen in Vertretung persönlich kennen zu lernen.
Es gab nicht nur auf den zahlreichen abendlichen Happenings Gelegenheiten en masse, mit den angereisten Studenten in Kontakt zu treten – es soll an dieser Stelle nur die Welcome-Party in der Mensa genannt werden. Um dem gemeinen Greifswalder Studierenden noch mehr ins Geschehen zu involvieren, wurde auch um heimische Studenten geworben, die als Teilnehmer an den 14 Workshops partizipierten.
Was bei diesem, mittlerweile dritten Students-Festival besonders auffiel, war neben der allgemein guten Organisation die Flexibilität der Veranstalter, die sich aufgrund des schlechten Wetters oftmals schnell etwas Neues einfallen lassen mussten. So fiel zum Beispiel das Kleinkunstfest fast ins Wasser. Der sich anschließende Festumzug, welcher die Studenten durch die Stadt führen sollte, musste kurzerhand in die Nexö-Passage verschoben werden, was aber dem Programm keinen Abriss tat. Somit wurden neue Räume sichtbar in Greifswald, die man in der Form noch nicht kannte. Dafür muss man vor allem den Helfern des IKUWO danken, deren Haus die gesamte Woche über als zentrale Anlaufstelle diente und deren Interieur aus Sofas, Tischen und Teppichen sich wie ein gemütlicher roter Faden durch die einzelnen Veranstaltungen zog. Wer war schon mal in der Nexö-Passage? Oder im Waschsalon in der Gützkower Straße, um eine Lesung zu hören? Wann gab es schon mal eine Open-Air-Party vor dem Jahn-Gymnasium, unter dem dicken Baum an dem eine Schaukel hing? Und so konnte man immer mit einer Überraschung rechnen bei den einzelnen Veranstaltungen, die einem in ihrer ganz eigenen Form ein neues Gesicht unserer Stadt offenbarten – wenn man die Augen und Ohren offen hielt. Das International Students Festival 2006 war ein Gefühl von Offenheit, Verbundenheit, Neuheit und ganz viel Kreativität. Und dafür sei dem GrIStuF e.V. herzlich gedankt.
Geschrieben von Sophia Penther
von Archiv | 22.06.2006
Eine Diskussion zur Zukunft der Uni endet im großen Palaver
Ein Liebhaber verfehlter Metaphorik hätte am Abend des 23. Mai seine Freude gehabt. Zwischen 18 Uhr und 19.45 Uhr plauderten im gut gefüllten Bürgerschaftssaal acht Herren und eine Frau über die Frage, was eine Universität ist und was sie sein soll. Schließlich ist dieses Jahr Unijubiläum, da muss man sich auch mal mit Grundsätzlichem befassen.
Unter den Diskutanten die üblichen Verdächtigen, die etwas über die Universität zu sagen haben, angefangen von Bildungsminister Hans-Robert Metelmann über Rektor Rainer Westermann bishin zu dem ehemaligen Senatsvorsitzenden Wolfgang Joecks und dem ehemaligen AStA-Vorsitzenden Thomas Schattschneider. Aber auch drei ungewohnte Gesichter waren dabei, die Nachwuchswissenschaftlerin Joanna Dietzel, der erfolgreiche Mikrobiologie-Professor Michael Hecker sowie der Theologie-Professor Martin Onnasch. Die Moderatoren gaben die Philosophieprofessoren Werner Stegmaier und Geo Siegwart.
Es hätte interessant werden können, als Werner Stegmaier ganz zu Anfang einige Antworten großer Philosophen auf die Frage zitierte, was eine Universität sei. Danach bat er alle Diskussionsteilnehmer – artig in hierarchischer Reihenfolge – in einem prägnanten Satz zu formulieren, was sie unter einer Universität verstünden. Natürlich konnte keiner der Beteiligten diese Aufgabe meistern, einzig der Ex-AStA-Vorsitzende Thomas Schattschneider las einen kruden Bandwurmsatz vor, dessen Quintessenz irgendetwas mit Staatsfinanzierung zu tun hatte. Doch der Reihenfolge nach: Bildungsminister Hans-Robert Metelmann, vormals Professor für Gesichts-chirurgie in Greifswald, zückte zwar nicht das Skalpell, bezeichnete die Uni aber als lebendigen Organismus, der weiter gedeihen müsse. Rektor Rainer Westermann formulierte unbestimmt, Universität sei etwas Gutes, Wolfgang Joecks diagnostizierte „mehr Eitelkeit denn Intelligenz“. Erst der Theologe und die zwei Naturwissenschaftler brachten es auf den Punkt: Die Uni müsse eine Mini-Gesellschaft sein, an der Studierende und Lehrende gemeinsam forschen, formulierte Martin Onnasch. Joanna Dietzel merkte an, dass Unis nicht zu Zulieferbetrieben der Marktwirtschaft verkommen dürften und Michael Hecker verglich die Uni schließlich mit einem Fluss, der eine gewisse Breite und eine gewisse Tiefe haben müsse. Uns fehlten aber die Tiefen, so Hecker.
Was danach folgte, war mehr Mitleids-orgie denn als ein sachlicher Schlagabtausch von These und Antithese. Moderator Stegmaier schnitt das heikle Thema „Hochschulautonomie“ an, woraufhin Rektor Rainer Westermann über die permanenten Zwänge jammerte, die „von außen“ über die Uni hereinbrächen. Ob sich alles nur noch um das liebe Geld drehe, fragte Co-Moderator Geo Siegwart, was Thomas Schattschneider sofort bejahte.
Vom handfesten Materiellen ging die Diskussion zum gedanklich Metaphysischen über. Die Uni sei doch auch ein Ort der Wahrheit, merkte Stegmaier an. Ja, sprach Rektor Westermann, in den „hardcore Life Sciences“ konkurriere man um die beste Erkenntnis. Die Uni sei, so Bildungsminister Metelmann, eine „Kathedrale der Wahrheit“, gleichzeitig aber auch „Fachgeschäft der Berufsausbildung“. Und schon war man beim Thema Bachelor/Master-Studiengänge angekommen. Der Strafrechtsprofessor Wolfgang Joecks polterte erst einmal, das Abitur wäre ja inzwischen auch nichts mehr wert, weil die Schulabgänger immer weniger wüßten. Qualifizierte Forschung sei somit ohnehin erst im Master-Studium möglich. Und schwupps landete die Debatte bei den Akkreditierungsagenturen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von denen man ja ach so abhängig wäre heutzutage. Nebenbei regte einer der Moderatoren an, nicht allgemein Studiengebühren zu erheben, sondern nur bei bestimmten, qualitativ hochwertigen Vorlesungen einen Obolus zu verlangen.
Dann erschien aber doch noch der Retter des Palavers am Horizont, in Person von Altrektor Jürgen Kohler. Der räumte erst einmal grundsätzlich mit dem argumentativen Kleinklein auf: Was denn diese Details bei der Frage, was eine Universität sei, verloren hätten? Man müsse vielmehr fragen, was diese Universität Greifswald sei und wie sie herausfinden könne, was sie denn sein sollte. Die Debatte sei in falsche Widersprüche verstrickt, diagnostizierte Kohler, Praxis und Theorie, Geistes- und Naturwissenschaften sowie Wissenschafts- und Berufsqualifikation würden gegeneinander ausgespielt. Dabei sei es gerade Aufgabe der Universität, sich jenseits dieser Widersprüche als Ganzes zu begreifen. Erst dann könne man über sich selber und seine Ziele nachdenken und würde nicht ständig von Krise zu Krise stolpern.
Dummerweise war es da aber schon fünf vor viertel vor, so dass Martin Onnasch nur wenig Zeit blieb, über Geld als fragwürdiges Steuerungsinstrument für Hochschulen nachzudenken. Pünktlich um viertel vor acht war dann die Frage, was eine Universität sei, vom Konjunktiv in den Indikativ überführt – vorerst zumindest, bis in 50 Jahren das nächste Jubiläum ansteht.
Geschrieben von Ulrich Kötter
von Archiv | 22.06.2006
Über einen Italiener in Pommern
In schmerzlichster Verzweiflung reißt eine Schwangere ihre Hände im Betgestus in den dramatisch kolorierten Himmel, während sich die Blicke zweier ihrer Kinder auf die offene See richten, in der sich ein gekentertes Schiff abzeichnet; peripher eilen weitere Leute herbei, die dem Geschehen vom Strand aus nur hilflos zusehen können. Der mögliche Verlust des geliebten Mannes und Vaters wird zur Offenbarung größter existenzieller Not. – Ein „realistisches“ Bild?
„Der Schiffbruch“, von 1958, ist eines der eindringlichsten Werke des italienischen Künstlers Gabriele Mucchi, eines Mannes, der bereits in seinen Lebensdaten (1899 – 2002!) deutlich macht, was seine Werke reflektieren: das 20. Jahrhundert, mit all seinem Kriegsleid, seiner ideologischen Polarisierung und der Suche der Moderne nach einer besseren Gesellschaft.
In all den Wirrungen und Strömungen, die dieses Jahrhundert hervorbrachte bewegte sich Mucchi als „Wanderer zwischen den Welten“, wie er sich später selbst bezeichnete und wie seine bewegte Biographie verdeutlicht:
Bereits nach dem Ersten Weltkrieg begann sich Mucchi neben seinem Bauingenieursstudium in der Opposition gegen Mussolini zu engagieren. In den 1920er und 1930er Jahren kam er mit den herausragenden Vertretern der italienischen Moderne in Kontakt. Künstler wie Giorgio De Chirico gehörten zu seinen Freunden und Bekannten. Seine Mailänder Wohnung wurde ab 1934 Treffpunkt antifaschistischer Künstler und Intellektueller. Im Zweiten Weltkrieg engagiert er sich im Partisanenkampf und tritt 1945 in die Italienische Kommunistische Partei ein. Seine Ambitionen, die vor dem Krieg in begrenztem Maße auch der Architektur und dem Möbeldesign galten konzentrierten sich nun auf die Malerei, da er überzeugt war, so einer „zivilen und sozialen Verantwortung“ gerechter zu werden.
Mit Interesse verfolgte er die Herausbildung der beiden deutschen Staaten und setzte seine Hoffung in die sozialistischen Ideale, die die DDR versprach. 1956 bis 1961 war Mucchi Gastprofessor für Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Sein Leben war von nun an durch das Pendeln zwischen Italien und der DDR, zwischen Kapitalismus und Kommunismus bestimmt.
Seinem besonderen Interesse für die norddeutsche Küstenlandschaft, die er der mediterranen Adria gegenüberstellte, konnte er intensiv nachgehen, als er von 1960 bis 1962 eine Gastprofessur am Institut für Kunsterziehung der Universität Greifswald (aus dem das heutige Caspar-David-Friedrich-Institut hervorgegangen ist) annahm.
Mehr als „schmückendes Beiwerk“
Diese Verbindung zu unserer Universität gab nun im Jubiläumsjahr Anlass, mit einer umfangreichen Werkschau das Leben und Schaffen Gabriele Mucchis zu würdigen.
Mit über 200 Gemälden und Graphiken, zu denen Buchillustrationen zu Werken Brechts ebenso gehören, wie Entwürfe für Wandgemälde in der Grenzkirche von Alt-Staaken bei Berlin und der Fischerkapelle in Vitt bei Kap Arkona, ist dies eine der größten Ausstellungen zum vielseitigen Oeuvre des Italieners.
In Zusammenarbeit mit dem Vineta-Museum in Barth waren es vor allem Studierende des Caspar-David-Friedrich-Instituts, die durch mehrere Seminare und praktische Einsätze/… – vom Verfassen wissenschaftlicher Katalogtexte, über die Gestaltung der Plakate und Flyer bis hin zu Transport und Hängung der Exponate – zu einer äußerst ansehnlichen und repräsentativen Ausstellung beigetragen haben.
Bei der Vernissage, die am 6. Juni Hof hinter dem Hauptgebäude stattfand, dessen Ungestaltung der Musiker Thomas Putensen in diesem Kontext mit dem Wandel von einem kleinen Arboretum zu einem Exerzierplatz verglich, lobte Rektor Prof. Dr. Rainer Westermann die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Institut, Universität und Museum. Gleichzeitig zeigte er sich betrübt darüber, das Prof. Dr. Matthias Müller, der viele Jahre als Dozent und Vertretungsprofessor dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte innerhalb und außerhalb der Universität prägendes Ansehen verlieh, in diesem Semester einen Ruf zur Universität Mainz angenommen hat. Prof. Müller, der bereits 2004 zusammen mit seiner Frau Dr. Melanie Ehler, der Leiterin des Vineta-Museums, das viel beachtete Ausstellungsprojekt „Schinkel und seine Schüler“ geleitet hatte, kündigte aber an, sich auch vom Rhein aus weiterhin dafür einzusetzen, dass die Kunst an der Greifswalder Universität mehr als nur „schmückendes Beiwerk“ bleibt.
Mit der Ausstellung „Wirklich wahr – Gabriele Mucchi und die Malerei des Realismus“ ist dies definitiv gelungen.
Wie weit sich der „Realismus“ nun in den Bildern zeigt, kann man noch bis zum 28. Juli 2006 im Uni-Hauptgebäude am Rubenowplatz erfahren. Vom 4. August bis 29. Oktober 2006 wird die Ausstellung dann im Barther Vineta-Museum zu sehen sein.
Mit seinem charakteristischen Schmunzeln kommentiert ein älterer Professor das drastische Gemälde „Der Schiffbruch“: „Ja, die armen Fischerfrauen in den Fünfziger Jahren … Also ich weiß noch, Aal war damals Mangelwahre und für die Fischerfrauen war das ein guter Zuverdienst – so arm waren die damals nicht …“
Geschrieben von Arvid Hansmann
von Archiv | 22.06.2006
Hans Martin Tillack, ehemaliger Brüssel-Korrespondent des Stern, über Demokratie in der EU, europäische Werte und Ethik im Journalismus
Hans Martin Tillack kam vor fünf Jahren nach Brüssel. Schnell merkte er, dass dort das „politische Drama“ fehlt.. Nichtsdestotrotz betrieb er investigativen Journalismus und löste unter anderem den Finanzskandal der EUROSTAT-Behörde aus. Die Offiziellen waren verschreckt und bezichtigten Tillack des Kaufs von Informationen, woraufhin die Polizei sowohl sein Zuhause als auch sein Büro filzte und und erst einmal alles konfiszierte. Tillack zog vor Gericht und prozessierte bis in dieses Jahr, immer mal wieder unter Verdacht stehend. moritz traf den ihn am Rande eines Vortrags, den er im Rahmen von GrIStuF im Pommerschen Landesmuseum hielt.
moritz: Während ihres Vortrags sprachen Sie von Macht und einer fehlenden Opposition in der Europäischen Union. Wie demokratische ist die EU?
Hans Martin Tillack: An dieser Stelle kann man EU-Kommissar Günter Verheugen zitieren, der – als er neu in Brüssel war – meinte, die EU wäre so undemokratisch, dass sie sich selbst nicht den Beitritt erlauben würde. Wenn die EU also ein Mitglied ihrer selbst werden würde, müsste man sie zurückweisen. Tatsächlich ist die Kommission nicht vom Parlament gewählt und das Ergebnis ist, dass es keine Kontroverse zwischen einer Regierung und einer Opposition gibt. Es gibt keine demokratische Kontroverse, die den Bürgern Europas helfen würde zu verstehen, was in ihrem Namen in Brüssel verhandelt wird.
Gibt es eine europäische Öffentlichkeit und welche Anstrengungen werden unternommen, um sie zu modellieren?
Heutzutage gibt es lediglich dann eine europäische Öffentlichkeit, wenn es Themen auf der europäischen Ebene gibt, wie beispielsweise BSE, wie den Sturz der Kommission 1999 oder die potentielle Teilnahme am Irak-Krieg. Wenn es demokratische Politik in der EU gäbe, würde es auch eine europäische demokratische Öffentlichkeit geben. Aber die europäischen Institutionen sträuben sich gegen die demokratische Auseinandersetzung und es wird wohl in der nahen Zukunft keine europäische Öffentlichkeit geben.
Sie sprachen über europäische Werte und über Pressefreiheit als ein europäischer Wert. Wie kann man Pressefreiheit zu einem solchen werden lassen?
Die europäische Gemeinschaft beruht auf der modernen Demokratie, die in Europa 1789 in Frankreich erfunden wurde. Ohne diesen Demokratieanspruch ist die EU undenkbar. Demokratie funktioniert wiederum nur mit Pressefreiheit, weil die Bürger unabhängige Informationen brauchen, um an der Debatte teilzunehmen. Pressefreiheit ist essentiell für Europa und in unserem eigenen Interesse. Außerdem kann die EU nur in anderen Ländern für Pressefreiheit kämpfen, wenn sie in sich dabei glaubwürdig ist.
Sie sprachen ebenfalls über Ethik und Moral im Journalismus. Haben sie während der täglichen Arbeit Zeit, ihr Handeln zu reflektieren?
Man muss das tun. Man kann gar nicht journalistisch arbeiten, ohne es zu tun – insbesondere wenn man attackiert und angeklagt wird, wie es mir geschah. Journalisten arbeiten nun einmal auf dem Präsentierteller. Jeder kann unsere Arbeit lesen und die Frage, wie Artikel entstanden sind, ist erlaubt und Gegenstand einer offenen Debatte.
Geschrieben von Ulrich Kötter