von Archiv | 12.12.2005
Die Tour d´Europe in Aveiro, Trento und Novi Sad
Um Mitternacht endlich in Aveiro angekommen, das ca. 100 km nördlich von Lissabon und direkt am Atlantik liegt. Der nächste Tag beschert uns warmes Wetter und Sonnenschein – Schadenfreude versüßt mir den frühen Morgen bei dem Gedanken an das Herbstwetter in Deutschland.
Der Zeitpunkt ist genau richtig, als wir die „Universidade de Aveiro“ mit ihren Departements besuchen. Denn es ist die erste Woche der „Freshmen“. Das entspricht ungefähr unserer Erstsemesterwoche, mit dem Unterschied, dass die Erstis einen ganzen Monat lang von älteren Semestern getriezt und schikaniert und damit in das Studentenleben eingeführt werden. „Das sei Tradition“, lasse ich mir sagen und beobachte gerade, wie die Erstis mit roten Zahlen auf der Stirn gemeinsam im Chor brüllen müssen. Max aus Frankreich erzählt mir, dass solche Traditionen an seiner Uni verboten seien, seit der Aktion, eine Frau mit gelber Farbe und ein Mann mit blauer Farbe anzustreichen, beide in einen Raum zu sperren und sie erst dann wieder heraus zu lassen, wenn beide grün sind. Farbenlehre einmal anders, denke ich. Nach dem Frühstück in der Caféteria, hören wir uns den Vortrag von Tiago aus Portugal an, der Campus Europae den „Freshmen“ vorstellt. Anschließend postieren wir uns an den Ständen und präsentieren unsere Uni, wobei unser dürftiges Infomaterial Asbach uralt ist.
Der Campus entspricht übrigens allen Klischees. Palmen, wo man hinsieht, braungebrannte, stoppelbärtige Männer, Steppenlandschaft und selbst das Essen in der Mensa. Zu Parolen der „Freshmen“ im Hintergrund, essen wir Garnelen, Fisch (Haifisch?) und Muscheln mit Reis. Was sonst? Anschließend machen wir eine Fahrradtour quer durch Aveiro. 26 Fahrräder auf einem Haufen, das sieht stark nach Klassenfahrt aus und fühlt sich auch genauso an.
Nach dem Empfang im Rathaus und dem Lunch in der Mensa, gehen wir abends in einen Club – nur aus Recherchegründen, versteht sich. Die Luft ist mild, die Leute gut gelaunt und überhaupt scheint in dieser Nacht ganz Aveiro auf den Beinen zu sein. An diesem Abend ruft Zach zum ersten Mal das legendäre „Kissingtime“ und meint damit, dass jeder jeden auf die Wange küssen muss. Das erfordert Überwindung, den Rest erledigt der Gruppenzwang. Ich glaube, damit können so einige ihren Drang nach Intimität ausleben. Kurze Zeit später haben wir auch schon das erste Liebespaar.
Die Reise geht weiter
Nach drei bis vier Stunden Schlaf, müssen wir uns von Aveiro verabschieden. Das bedeutet eigentlich nur, dass eine Gruppe von Zombies sehnsüchtig aus dem Fenster guckt, als wir zum Flughafen nach Porto fahren. Der Flug geht bis nach London, wo wir umsteigen müssen, was mit einigen Komplikationen verbunden ist. Die freundlichen Beamten bei der Passkontrolle, zögern bei den Visa der Leute, die nicht aus der EU kommen. Das frustriert und wir bemerken zum ersten Mal, wie problemlos das Reisen für EU- Bürger ist. London Stanstead ist nicht der einzige Flughafen, an dem die beiden Natasas aus Serbien und Alina und Katya aus Weißrussland Einreiseprobleme haben.
Trotzdem geht alles gut und wir landen in Venedig Treviso in Italien und fahren nach einem kurzen Aufenthalt bei MC Donald´s mit dem Zug weiter nach Trento. Wir beziehen unser Lager diesmal in einem Hotel direkt am Marktplatz, von wo aus man nur einige 100 Meter entfernt die letzten Ausläufer der Alpen sehen kann. Einfach nur fantastisch. Und endlich hat das Reisen an diesem Tag ein Ende und wir fallen totmüde in die Betten.
Sonne, blauer Himmel, Temperaturen über 20 Grad – was will man mehr? So beginnt der siebte Tag der Tour. Nach italienischer Mentalität schlendern wir ganz entspannt zur Philosophischen Fakultät und werden dann im „Rettorato“ der „Universita degli studie di Trento“ empfangen.
Danach haben wir bis zum Dinner Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens. Sprich Shoppen, italienischen Macchiato trinken und sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen.
Max aus Frankreich erzählt mir von einem deutschen Punksong aus seiner Schulzeit, der mit den Worten beginnt: „Mein Name ist Günther, ich liebe meine Mutter. Der Käse ist zu stinken, ich will eine Dusche nehmen, ich bin neidisch auf den Käse, weil ich in einem Kühlschrank wohnen möchte.“ 20 Minuten später ist auch mein Lachkrampf vorbei. Nachts gehen nur die Hartgesottenen in die „beer factory“, doch selbst unser irischer Bierliebhaber Paul (“Kiss me I’m Irish“) geht früh schlafen.
Mit 17 Stunden Zugfahrt durch Slowenien, Kroatien und Bosnien- Herzegowina nach Novi Sad in Serbien-Montenegro und nur einer Mahlzeit soll der nächste Tag nämlich der abenteuerlichste werden. Die Passkontrollen in Kroatien werden fast zur Schikane, als die Pässe und Visa von den beiden Natasas zehnmal hin und her gewendet, die Fotos verglichen und Funkgespräche geführt werden. Wir trösten uns mit „Kissingtime“. Unsere multikulturelle Gruppe wird zur Attraktion für die Kontrolleure, von denen einige klischeeentsprechend Alkohol intus haben. Kurz vor Mitternacht haben wir es tatsächlich geschafft und wir quartieren uns im „Domestere“ in Novi Sad ein und die Gruppe ist wieder ein Stückchen mehr zusammengewachsen.
Trinkkultur in Novi Sad
Nach einer eiskalten Nacht auf harten Betten, besichtigen wir zwei „Monastries“. Das Wetter lässt uns leider im Stich und so haben wir nur halb soviel Spaß. Um uns wenigstens innerlich aufzuwärmen, fahren wir zu einer Weinverköstigung nach Svenski Karlovci mitten auf dem Lande. Fotoapparate werden gezückt bei dem Anblick vorbeifahrender Ladas, Moskwitsche und Wartburgs. Für mich als Kind der DDR kein besonderer Anblick. Die Vororte von Novi Sad vermitteln das Gleiche wie die alten Autos. Hier hat sich seit 30 Jahren nichts geändert.
Die Weinverköstigung auf dem Hinterhof eines unscheinbaren Einfamilienhauses beglückt uns umso mehr. Und wir stoßen so lange mit „Bermet“ und „Gourmet“ an, bis wir keinen Trinkspruch mehr kennen.
Leicht angetrunken laufen wir zum Restaurant, wo es als Vorspeise „Fischkopf in Suppe“ gibt.
An die Fischaugen traut sich dann doch niemand ran…Anschließend führen uns die beiden Natasas durch das multikulturelle und moderne Novi Sad.
Müde kommen wir im „Domestere“ wieder an und gönnen uns ein Nickerchen für 45 Minuten. Danach geht‘s weiter in die „beerfactory“.
Helle Halogenlichter, verspiegelte Wände und verchromte Industrieprodukte stehen im Kontrast zu dem Bauernbetrieb der Weinproduktion. Dafür sponsert uns die Firma hinterher ein Abendessen mit Freibier. Der Tag ist hart, aber noch lange nicht zu Ende.
Wie man in Novi Sad feiert, warum die Angst im Zug nach Budapest mit uns fährt und wie nun eine Saunaparty in Riga aussieht, das erfahrt ihr im nächsten moritz.
Geschrieben von Katarina Sass
von Archiv | 12.12.2005
Ein Besuch in der größten Küche Greifswalds
Zischend winden sich die gehackten Zwiebeln in der riesigen Pfanne und ihr Duft füllt den Raum. René Otto wischt sich die tränenden Augen. An manche Dinge wird man sich auch als Azubi in der Mensa-Küche nicht gewöhnen. Seit einer halben Stunde sind er und seine fünf Kollegen dabei, das Essen für die hungrigen Studenten vorzubereiten. Es ist sieben Uhr.
Seine Chefin Evelin Sieg wirft ihm einen prüfenden Blick über die Schulter. Als Bereichsleiterin der Mensen und Cafeterien in Greifswald trägt sie die Verantwortung, dass Tag für Tag 2.500 Essen gekocht werden. „Ich plane immer ein wenig mehr ein“, verrät sie ihr Geheimnis, damit kein Gast hungrig in die Vorlesung gehen muss.
Heute steht unter anderem Seelachs auf der Speisekarte. Wolfgang Weber schneidet die Säcke auf, in denen die bereits geschälten Kartoffeln angeliefert wurden. „80 Kilo werden erstmal reichen“, meint er mit einem erfahrenen Blick und schiebt die Kartoffeln in den „Combi Dämpfer“, einen Schrank, in dem das Essen bei hoher Temperatur gegart wird. An diesem Tag werden noch 120 weitere Kilo folgen.
Um acht Uhr ist Frühstückspause. Evelin Sieg, Wolfgang Weber und René Otto sitzen gemeinsam mit den beiden Köchinnen und dem Koch sowie einem Praktikanten zusammen. Sie essen ihr Brötchen und erzählen über das Wochenende. Eine Kerze verbreitet ein wenig Adventsstimmung.
Als sie eine halbe Stunde später in die Küche zurückkommen, ist es dort schon voll. Die Küchenfrauen sind gekommen und man begrüßt sich herzlich, ehe jeder wieder an seine Arbeit geht. Während Brigitte Kurth und Brunhilde Thoms im Nebenraum den Salat vorbereiten, steht Evelin Sieg am Kochtopf und schmeckt ab. „Für mich muss alles so sein als würde ich es für mich selbst kochen“, sagt sie. Auf dem Weg in ihr kleines Büro, wo die Bestellungen für den nächsten Tag auf sie warten, dreht sie im Vorbeigehen noch einen Wasserhahn zu. Beinahe wäre der Topf übergelaufen.
Inzwischen liegt der Duft von gebratenem Fleisch in der Luft. Es ist halb zehn und die Auslagen müssen vorbereitet werden. Brigitte Kurth gießt heißes Wasser in die Halterungen, in denen später die Essenswannen Platz finden werden. „Meine Studenten sollen schließlich kein kaltes Essen kriegen“, lacht sie. Der erste Flyer-Verteiler ist da und legt seine Zettel auf den Mensatischen aus. Sie werben für eine Party im TV-Club.
Nun wird es auch höchste Zeit, die Desserts in die Kühlschränke zu stellen. Verschie-dene Quarkspeisen in rot, gelb und weiß, verziert mit einem Sahnehäubchen, füllen die kleinen Schälchen. „Immer mit den Augen des Gastes sehen!“ steht mahnend auf einem Zettel. Die Mitarbeiter halten sich daran.
Eine Stunde bevor sich die Türen der Mensa öffnen, ist es ruhig geworden in der Küche. Das meiste ist vorbereitet und jeder kann erstmal durchatmen. In der großen Pfanne brutzeln Bratwürste, die stets ganz frisch gebraten werden. „À la minute“, sagt Evelin Sieg dazu. Bevor es richtig losgeht, können nun die Köche selbst erst einmal zugreifen. Zwischen elf und zwei wird es zum Mittagessen zu stressig werden.
Die ersten Gäste kommen schon um dreiviertel elf. Mit hungrigem Blick ziehen sie an den leeren Auslagen vorbei und setzen sich an einen Tisch im großen Saal. Fünf Minuten später sind Brigitte Kurth und ihre Kolleginnen von der Ausgabe umgezogen und stehen mit blauer Schirmmütze und „Studentenwerk“-T-Shirt hinter dem Tresen.
Wolfgang Weber schleppt eine Wanne Pommes Frites heran. Er versenkt sie direkt neben dem Gyros. Die hungrige Meute auf der anderen Seite ist inzwischen auf ein gutes Dutzend angewachsen, doch noch sind fünf Minuten Zeit. Mit einem Thermometer misst Brigitte Kurth die Temperatur des Essens. Zwei Stunden später wird sie dies ein weiteres Mal tun. Alles wird in einer Liste vermerkt. Evelin Sieg schaut sich die Ausgaben ein letztes Mal an und um Punkt elf Uhr fällt der Startschuss. „Mahlzeit! Möchten Sie Pommes zum Gyros?“ Der Gast möchte und zieht mit zufriedenem Gesicht zur Kasse.
Während er sein Essen genießt, steht Brunhilde Thoms schon an der Spülmaschine und wartet auf das schmutzige Geschirr. Ein Magnet zieht das Besteck nach oben, der Teller fährt in die Maschine und taucht wenig später sauber wieder auf. Er wird diese Reise heute noch mehrere Male machen, ehe dann um zwei Uhr wieder Ruhe einkehrt und er auf seinen nächsten Einsatztag wartet. Für das Küchenpersonal wird es schon früher wieder losgehen. Morgen müssen sie ab halb sieben Tortellini und Gulasch kochen.
Geschrieben von Kai Doering
von Archiv | 12.12.2005
Hier könnt auch ihr helfen
„Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Es gibt wohl kaum jemanden, dem diese Zeilen nicht bekannt sind. Doch leider ist es so, dass die Rechte vieler Kinder auf unserer Erde mit Füßen getreten werden. So werden weltweit nach Schätzungen von UNICEF Tag für Tag etwa 3000 Mädchen und Jungen von Menschenhändlern verkauft und ein Großteil dieser Opfer kommt aus Osteuropa. Nahrungsmittelkrisen lassen jährlich Tausende von Kindern besonders in der Sahelzone verhungern und noch immer gibt es 27 Millionen Kinder ohne Impfschutz.
In circa 160 Staaten macht sich das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen für die Katastrophenhilfe und die medizinische Versorgung in den Regionen der Erde stark, wo Kinder leiden müssen. Neben der Förderung von Bildung, Ernährung, Gesundheit und dem Schutz der Kinder vor Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt, widmet sich UNICEF vor allem in den nächsten Monaten dem Kampf gegen AIDS. Es ist erschreckend, wenn man sich folgende Zahlen vor Augen hält: Jede Minute stirbt ein Kind an den Folgen der Immunschwäche, 500.000 jedes Jahr. Und bereits 15 Millionen Mädchen und Jungen wurden durch diese Epidemie zu Waisen gemacht, das sind so viele Kinder, wie in Deutschland leben! Deswegen steht auch bei der seit 1999 bestehenden Greifswalder UNICEF-Arbeitsgruppe das Programm „Kids AIDS – DU und ICH gegen AIDS“ in den nächsten Monaten im Mittelpunkt. Neben dem Sammeln von Spenden haben wir besonders das Sammeln von Unterschriften für diese Kampagne zum Ziel. Unterschriften, die sich durch UNICEF getragen an die Pharmazieunternehmen und an die Bundesregierung wenden, damit bessere Medikamente für Kinder entwickelt und die Preise gesenkt werden, sowie die Aufklärungsarbeit stärker unterstützt wird. Wir sind eine kleine, aufgeschlossene Gruppe von 12 Mitgliedern und veranstalten neben dem Einsammeln von Spenden auch Aktionen für Kinder. Außerdem könnt ihr uns in den nächsten Wochen in der Dompassage antreffen, wo wir Grußkarten verkaufen (natürlich geht der Erlös als Spende an UNICEF). Es gab bereits Ausstellungen an Schulen, Krankenhäusern, in der Stadtbibliothek oder auch in der Mensa.
Wenn ihr Interesse habt, mal vorbei zu schauen oder euch zu informieren, dann geht auf www.greifswald.unicef.de, dort könnt ihr uns kontaktieren. Wir freuen uns auf jeden, der bei uns mitmachen will – für viele Kinder der Welt könntet ihr eine große Hilfe sein!
Geschrieben von Luise Baumann
von Archiv | 12.12.2005
Das Studierendenparlament (StuPa) hat sich während seiner Sitzung am 29. November 2005 klar gegen rechte Tendenzen positioniert.
Es verabschiedete einstimmig einen Beschluss, in dem es Maßnahmen der Universität unterstützt, die es „Personen und Vereinigungen mit offenkundig rechtsradikalem beziehungsweise verfassungsfeindlichem Hintergrund untersagen, universitäre Ressourcen und Räumlichkeiten für ihre Zwecke zu nutzen.“
Geschrieben von Kai Doering
von Archiv | 12.12.2005
Die Universität begnügt sich mit Verboten von Vorträgen rechter Theoretiker
Am Abend des 24. Novembers räumten Verwaltungsmitarbeiter das Hörsaal-gebäude in der Rubenowstraße. Ab 19 Uhr kam niemand mehr in das Haus hinein. Anlass der Schließung war ein von der Burschenschaft Rugia geplanter Vortrag, zu dem der streitbare Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof eingeladen war. In letzter Minute wurde die Veranstaltung von Rektor Rainer Westermann verboten.
Schultze-Rhonhof ist umstritten. Während die rechte Szene ihn als Geschichtsinterpretator in eigener Sache feiert, sieht ihn die Mehrzahl seiner Kritiker als Revisionisten, teilweise auch als Rechtsaußen. Für die Rugia sollte er an dem Donnerstag zum Thema „Der Krieg, der viele Väter hatte“ referieren.
Nachdem Unikanzler Thomas Behrens die Veranstaltung mit Verweis auf die Meinungsfreiheit genehmigt hatte, intervenierte Rektor Westermann kurzfristig und sprach ein Verbot der Veranstaltung aus. Er hatte von dieser erst erfahren, als er von der Rektorenkonferenz am gleichen Tage zurück kam.
Kanzler Behrens‘ Standpunkt zu der Sache: „Ob der Redner einen rechtsradikalen Hintergrund hat, kann ich nach Aktenlage nicht beurteilen.“ Das Problem mangelnder Abstimmung innerhalb der Verwaltung gebe allerdings Anlass zu einer Reform der Vergabepraxis bei Vorträgen und anderen Veranstaltungen in universitären Räumlichkeiten.
Die Universität hatte diesen Sommer schon einmal im letzten Moment verhindert, dass ein rechter Redner, damals eingeladen von der Burschenschaft Markomannia, seinen Vortrag in Universitätsräumen halten konnte. Da-mals war der Uni entgangen, dass der dafür vorgesehene Raum schon an die Organisatoren des Students Festivals vergeben war. Die Veranstaltung wurde daraufhin, wie kürzlich auch bei der Rugia, ins eigene Burschenschaftshaus verlegt.
Über Gerd Schultze-Rhonhof ist seit der Veröffentlichung seines Buches „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ im Jahre 2003 öfter diskutiert worden. Er setzt sich darin mit der gängigen Geschichtsschreibung in einer Weise auseinander, die an Revisionismus denken lässt. Die FAZ schrieb dazu: „Im Grunde sind Interpretationen wie diese nicht neu. Sie folgen alten Spuren, die weniger im Bereich der Forschung als in dem von Ideologie und Propaganda angesiedelt sind. Neu ist dagegen, dass sie von einem ehemals führenden Offizier der Bundeswehr öffentlich vertreten werden.“
Schultze-Rhonhof musste die Bundeswehr verlassen, nachdem er öffentlich die Verkürzung der Wehrzeit kritisiert hatte und sich gegen das Urteil des Bu-ndesverfassungsgerichts ausgesprochen hatte, nach dem man Soldaten straflos „Mörder“ nennen darf.
Hier beißt sich dann auch die Katze mit den zwei rechten Pfoten in den Schwanz. Einerseits vertritt man in der Szene Standpunkte wie den, dass eine Meinungsäußerung wie die besagte über Soldaten ja wohl nicht angehen könne. Andererseits regt man sich dann – auf einmal sehr auf die Achtung der Grundrechte bedacht – darüber auf, dass der betriebene Revisionismus unter dem Deckmantel einer so genannten geschichtlichen Auseinandersetzung unbedingt durch das Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sein müsste.
Dass die Universität ein eigenes Interesse daran hat, nicht rückhaltlos alles in den eigenen Räumen passieren zu lassen, steht nicht zur Diskussion. Eine andere Frage ist die nach dem Sinn eines solchen Verbots. Man schüttet damit rechten Theoretikern noch mehr Pulver in ihre Kanonen, die in letzter Zeit häufig dadurch auffallen, ihre Propaganda phantasievoller verschießen zu wollen. Sie stilisieren sich zur unterdrückten Meinungsminderheit hoch, deren Anliegen hier im Staate totgeschwiegen wird.
Wirklich begegnen kann man solchen Methoden mit Verboten nicht. Tabuisierungen machen die Dinge interessanter. Hätte die Universitätsleitung ein wirkliches Interesse daran, das Problem anzugehen, würde es vielleicht auch hin und wieder Vorträge von Leuten geben, die sich nicht damit zufrieden geben, sich einfach oder auch kompliziert gegen menschenfeindliche Ideologien auszusprechen. Die würden sich dann nicht scheuen, geladenen Gästen der extremen Rechten – gerade auch hier aus der Region – in Diskussionen entgegenzutreten, intellektuell anspruchsvoll und gnadenlos demontierend.
Wenn man der Universität ein weltoffenes Bild verpassen will, sollte man zeigen, dass man sich auch mit Meinungen, die man nicht schätzt, auseinander zu setzen vermag.
Geschrieben von Stephan Kosa