von Archiv | 15.11.2005
Eine Hommage an ein unmodernes Medium
Während der Lektüre dieses Buches wurde ich Stammkunde am Kiosk um die Ecke. Zwar nicht unbedingt die taz, dafür aber jetzt ein Abo. Die Regionalzeitung.
Wirklich up-to-date fühle ich mich nämlich nur, wenn ich Zeitung lese. Und da vor allem die Regionalzeitung. Das kann kein elektronischer Newsletter ersetzen.
Zeitunglesen ist ein Stück Kultur plus Stil. Dabei denke ich nicht an das Klischee von der Zeitung am Frühstückstisch. Ich habe mich schon immer gefragt, wie das gehen soll. Marmeladenbrötchen und Kaffee zwischen den riesigen Zeitungsblättern hin- und her zu jonglieren und dabei auch noch mein Gegenüber – sofern vorhanden – zu unterhalten. Nett. Es sei denn man hat einen riesigen Frühstückstisch, denn leider sind manche Zeitungen nur teppichkompatibel.
Aber selbst Armmuskelkater kann mich nicht von der täglichen Lektüre abbringen.
Dieses geheimnisvolle Rascheln des Papiers mit seinen versteckten Neuigkeiten, der Duft der Druckerschwärze und ein paar ruhige genussvolle Minuten.
Zeitungslesen ist außerdem ziemlich inspirierend. Nicht nur, dass ich mit Kino-Tipps und anderen Veranstaltungen versorgt werde und erfahre, was in der Gegend so los ist – es bereichert einfach mein Leben. Es macht meine Welt größer. Abgesehen von den wöchentlichen Seiten, die extra für die jugendliche Leserschaft zusammengeschustert werden. Wer kauft sich schon einmal die Woche die Zeitung nur wegen den Jugendseiten? Müsste nicht immer etwas für diese Altersgruppe dabei sein, um sie als Leser zu gewinnen?
Außerdem ist eine Zeitung beständiger als eine HTML-Programmierung auf dem Bildschirm, ohne Error und ewige Ladezeiten. Ich weiß, wo es stand. Was ich für meinen Fall bei den Internetseiten nicht behaupten kann. Es gibt einfach zu viele.
Und mal ehrlich: Kann man wirklich die angespannte Haltung vor dem PC mit dem Sessel beim Zeitungslesen vergleichen? Und was sind schon die lahmen Oberarme gegen den nervigen Mausarm? Na also.
Schade nur, dass es die Tabloid-Formate großer Tageszeitungen wie „Welt Kompakt“ bisher nur in Großstädten wie Berlin oder Köln gibt. Denn sie berichten in Kürze seriös und übersichtlich – und der Muskelkater im Arm bleibt bei dem Format auch aus.
Das Buch „Extrablatt – Erlesenes erhalten“ ist im taz-Verlag erschienen und kostet 15 Euro.
Geschrieben von Judith Küther
von Archiv | 15.11.2005
Die wohl schlimmsten Zustände der menschlichen Existenz werden bei „Flight Plan“ auf interessante Weise umgesetzt: Ungewissheit und das Gefühl, wenn niemand einem glaubt.
Als Flugzeugingenieurin Kyle Pratt (Jodie Foster) auf dem Flug von Berlin nach New York ihre Tochter Julia aus den Augen verliert, will ihr keiner glauben. Erst recht nicht, weil ihre Tochter nicht auf der Passagierliste steht. Ist Kyle Opfer einer großen Verschwörung oder geht ihr gar der Tod ihres Mannes so nahe, dass sie sich über den Tod ihrer Tochter hinweg täuscht?
Technisch brillant lässt der deutsche Regisseur Robert Schwentke seine resolute Hauptdarstellerin die Ängste des zivilisierten Menschen durchleiden und bedient sich dabei einer klar inszenierten Drehtechnik. Die Botschaft des Films dreht sich um Vorurteile – in Verbindung mit den paranoiden, amerikanischen Ängsten seit dem 11. September. Der einzige Schwachpunkt des Films liegt in der etwas übertriebenen Story.
Geschrieben von Joel Kaczmarek
von Archiv | 15.11.2005
Kann ein einzelner Mensch das Leben von Tausenden retten? Ist ein kleines Schriftstück in der Lage, einen aus den Mühlen einer Todesmaschinerie zu befreien?
Dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg ist es 1944/45 als Botschaftssekretär in Budapest gelungen, mehrere Tausend ungedeckte Visa an Juden und andere Verfolgte zu verteilen. Damit galten sie offiziell als Ausländer und waren so nicht vom NS-Regime zu belangen.
Wie Wallenberg gab es auch andere Diplomaten, die ihre Position nutzten, um sich gegen das mörderische System zu stellen. So halfen auch Schweizer, Holländer, Briten, Spanier, Kanadier, US-Amerikaner, Türken, Chinesen, und Angehörige des Vatikans vielen Menschen das Leben zu retten.
Die circa 7.000 Juden Dänemarks verdanken ihre Rettung dem Anstand des Deutschen Georg Ferdinand Duckwitz, der eine am 2. Oktober 1943 geplante Deportation rechtzeitig dänischen Freunden, Parteien und Hilfsorganisation gemeldet hatte.
Obwohl die Diplomaten nur eine kleine Gruppe von Helfern waren – in der Jerusalemer Gedenkstätte Yadwashem finden unter den circa 16.000 namentlich geehrten „Gerechten der Völker“ genau 20 Personen Erwähnung – war ihr Einsatz von großer Bedeutung.
Unter dem Titel „Ein Visum fürs Leben – Diplomaten, die Juden retteten“ erinnert eine Ausstellung an diese Personen. Sie ist im Auftrag der israelischen Botschaft in Berlin erarbeitet worden und auf Initiative des Arbeitskreises Kirche und Judentum vom 7. bis zum 30. November in der Stadtbibliothek „Hans Fallada“ zu sehen.
Geschrieben von Arvid Hansmann
von Archiv | 15.11.2005
Wie viel Tüftlergeist braucht es, um aus Knete einen 94-minütigen Stop-Motion-Animationsfilm wie „Wallace und Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ zu formen?
1985 schuf Nick Parks das reizende Duo aus zerstreutem Erfinder und vierbeinigem Freund. Erstmalig wirft es in abendfüllender Spielfilmlänge die Frage nach dem Sein oder Nichtsein eines gemüseliebenden Nagers auf. Einmal abgesehen vom philosophischen Gehalt und Streitwert der Leinwandproduktion ist die stark ausgeprägte Liebe für Details von Beginn an entscheidend und ergreifend zugleich. Denn für eine Sekunde bewegten Filmes bedarf es 24 einzelner Bilder. Um am Ende die Illusion einer flüssigen Bewegung der Figuren zu gewinnen, werden sie wie beim Daumenkino vor jedem neuem Bild ein bisschen weiterbewegt. Typisch britisch, einnehmend keck und zum Schmunzeln komisch ist Nick Parks neuester Wallace und Gromit ein richtiger Hingucker.
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 15.11.2005
Erschreckend wirkten sie – die Flyer, die eine Woche vor der Lesung auf den Fluren der Germanistik herumlagen. „GUStAV warnt“ oder „GUStAV schockt“ war darauf zu lesen. Am Sonntagabend vor Halloween lauschten dennoch einige wagemutige Zuhörer den Mitgliedern des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autoren-Verbands (GUStAV). In orangerotes Licht getaucht wurden Messer gewetzt, Leichen zerfleddert und darüber sinniert, welches die beste Foltermethode sei.
Den Autorenverbund gibt es seit einem Dreivierteljahr, mit dabei sind neun ambitionierte Jungschriftsteller. Einmal wöchentlich trifft man sich, gibt sich gegenseitig Hilfestellung und liefert sich Impulse beim Herantasten an das Spiel mit der Sprache. Die Texte entstehen zu Hause oder in Gemeinschaftsarbeit unter einem bestimmten Motto direkt während der Treffen. Aber nicht nur das Schreiben sondern auch das Vorlesen will gelernt sein, so dass Leseübungen ebenso zum Pflichtprogramm gehören.
Dunkel war es am 30. Oktober um neun Uhr abends draußen, dunkelrot drinnen im St. Spiritus. Zu der Musik von Pulp Fiction trudelten nach und nach die Zuhörer ein und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Mit Verspätung ging es dann los, Doreen Schneider und Katharina Hamacher gruselten die Zuschauer im Duett mit dem zeitweiligen Problem eines jeden Autoren, die ersten Worte seiner Geschichte zu finden.
Die leise vorgetragene Einleitung verdeutlichte zugleich ein Grundproblem der Texte des Abends, dass sich wohl nicht alle der neun Autoren mit dem Grusel-Genre anfreunden konnten. Der eine oder andere saß bestimmt länger vor dem weißen Blatt Papier und flüchtete sich dann in abstrakte Visionen des Horrors.
Dass dieser sowohl mit Humor als auch „Im Namen der Wissenschaft“ daherkommen kann und dennoch faszinierend schockend bleibt, bewies Andreas Budzier in seinen lebhaft vorgetragenen Texten. Blankes Entsetzen packte das Publikum, als es in Doreen Schneiders Geschichte „Der Garten der Elfen“ in die Betonrealität des Uni-Innenhofs geführt wurde. Martin Hoyer überzeugte durch ein souverän vorgetragenes Gedicht und eine Geschichte im subtilen Horror-Stil Howard Phillips Lovecrafts.
Trotz aller Grusel-Vorwarnungen war es ein schöner Leseabend, zu dem die Gäste liebevoll empfangen wurden. Die Autoren ermöglichten dem Publikum einen intensiven Einblick in ihre Arbeit und rundeten den Abend mit einem hervorragenden Buffet ab.
GUStAV – Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverband
Treffen jeden Donnerstag um 19 Uhr im Raum 1.21 im Institut für Deutsche Philologie – Interessierte sind herzlich willkommen!
Geschrieben von Uta-Nabert Caecilia, Ulrich Kötter