von Archiv | 17.06.2005
„Es gibt keinen Koch, der keine Brandblasen hat!“ Wenn man als angehender Hobbykoch solche Sätze vor dem eigenen Herd vernimmt, sollte größte Vorsicht geboten sein. Doch Unfälle gab es glücklicherweise nicht beim „Kanzlerkochen“ mit Dr. Thomas Behrens. Der oberste Chef der Uni-Verwaltung hatte sich in Vertretung für Rektor Rainer Westermann bereit erklärt, anlässlich der 50. Ausgabe des moritz mit einigen Redakteuren ein Geburtstagsmahl zu bereiten.
Der Rektor hatte per E-Mail mitgeteilt, dass er außer „Trivialem“ nichts beisteuern könne, doch er folgte dem Beispiel des konstruktiven Misstrauensvotums im Bundestag und lieferte eine Alternative: Kanzler Thomas Behrens.
Auf dem Speiseplan stand etwas ganz Besonderes: Als Vorspeise eine Radeberger Käsesuppe, gefolgt von Wildschwein aus dem Universitätsforst, serviert mit Rosmarinkartoffeln und Apfelrotkohl, abgeschlossen durch ein Stück Quarktorte als Dessert.
Der Kanzler erschien pünktlich um 18 Uhr in sportlich-legerer Kleidung und selbst entworfenem „Nein zu Stellenkürzungen“-T-Shirt in der Küche der Studenten-WG in der Makarenkostraße. Er begann nach kurzem Small-Talk mit der Zubereitung des Wildes und berichtete dabei von seiner Studienzeit in Bochum und Marburg. Das Kochen hat er bei seiner damaligen Mitbewohnerin gelernt. „Sie war eine grandiose Köchin, meinte aber immer, sie könne nicht kochen“, gab Behrens zum Besten. „Ich habe bei ihr also das „Nicht-Kochen“ gelernt“, schmunzelte der passionierte Hobbykoch.
Unter Kommilitonen war Behrens für seine Pizzas bekannt, die 1969 noch sehr selten in Deutschland waren. Er erinnerte sich, dass es in ganz Bochum nur einen Italiener gab und ein Nudelgericht damals 2 Mark 50 kostete. Heute kocht der „Essen und Trinken“-Abonnent für Familie und Kollegen und an diesem Abend auch mit dem moritz-Team.
Gegen 19 Uhr wurde die Vorspeise serviert und die ersten Gläser „Chianti Classico“ getrunken – natürlich auf das Wohl des moritz. Nach einer guten Stunde Garzeit folgten dann der Hauptgang und anschließend das Dessert.
Während des Essens kam der Kanzler auf die Zukunftspläne der Universitätsverwaltung zu sprechen. So soll das Wild, das jedes Jahr im Universitätsforst erlegt wird, in Greifswalder Geschäften angeboten werden. Außerdem soll es bald einen eigenen Uni-Shop geben, in dem Pullover oder T-Shirts mit dem EMAU-Logo verkauft werden. Die Gewinne aus den Verkäufen werden direkt dem Körperschaftshaushalt der Uni zu Gute kommen, aus dem zum Beispiel auch die Renovierung der „Kiste“ bezahlt wurde.
Etwas wehmütig bemerkte der Kanzler gegen Ende des formidablen Mahls, dass die Esskultur heutzutage sehr nachgelassen habe: „Niemand nimmt sich noch die Zeit zu genießen. Jeder sitzt am Tisch für sich alleine und schlingt nur noch sein Essen herunter“.
Bleibt nur zu hoffen, dass wir moritz-Redakteure bei ihm ein besseres Bild hinterlassen haben..
Geschrieben von Michael Boortz
von Archiv | 17.06.2005
…die ganzen alten Chefredakteure, Mitstreiter und Vordenker des moritz heute? moritz hat für euch quer durch Deutschland recherchiert…
Mirko Gründer schreibt zur Zeit an seiner Doktorarbeit am Graduiertenkolleg in Bamberg. Seine Zukunft ist für ihn äußerst offen – irgendwo zwischen Uni, Presse und Verlagswesen.
Seine congeniale moritz-Mitstreiterin Christiane Wilke wohnte seit fünf Jahren in New York und arbeitet ab Juli an der Carleton University in Ottawa in Kanada. Christiane hat ihre Promotion in Politikwissenschaft schon hinter sich und will auf jeden Fall weiter forschen und lehren.
Kai Bauhoffer ist im Moment Rechtsreferendar in Dortmund und strebt – welche Überraschung – das zweite juristische Staatsexamen an. Wenn die Note für das Richteramt nicht reicht, wird er doch noch Journalist.
Caroline Blatz ist dem moritz verborgen geblieben; Gerüchten zufolge hält sie sich zur Zeit in Straßburg auf, wo übrigens auch Kay-Uwe May weilen soll.
Robert Tremmel studiert im 10. Semester an der hiesigen Uni, schneit sogar ab und zu noch mal im moritz-Büro herein und wünscht sich für die Zukunft vor allem, gesund und munter zu bleiben. Vielleicht sieht man ihn irgendwann zwischen Greifswald, Krakau und Tirana als freischaffenden Journalisten herumtingeln.
Norman Gorek studiert in Greifswald Skandinavistik, Amerikanistik und Niederdeutsche Philologie. Nach dem Magisterabschluß wird Norman Halle Berry heiraten und ein eigenes Formel 1-Team gründen.
Geschrieben von Ulrich Kötter
von Archiv | 17.06.2005
In den sieben Jahren moritz, die seit der ersten Ausgabe vom 26. Oktober 1998 vergangen sind, haben viele Redakteure die Geschicke des einen Greifswalder Studentenmagazins bestimmt. moritz traf zwei moritze der ersten Stunde, Christiane Wilke und Mirko Gründer, und blickte gemeinsam mit ihnen zurück.
moritz: Warum wurde der moritz von euch neu gegründet?
Christiane: Es gibt eine ganze Reihe von Verschwörungstheorien, aber die Wahrheit ist, dass der „Crash“ auf Schülerzeitungsniveau arbeitete dafür auch noch eine Menge Geld kostete. Im Dezember 1997 wogte mal wieder eine Kürzungswelle über Greifswald hinweg und wir probierten uns bei der Streikzeitung aus, wie man den „Crash“ besser machen könnte.
Wir haben dann über den Winter den moritz als neue Zeitung konzipiert und im Frühjahr ins StuPa eingebracht. Der „Crash“ löste sich fast geräuschlos auf und der moritz war aus der Taufe gehoben. Das ganze moritz-Projekt hat viel mit dem 97-er Streik zu tun und mit einem uns sympathischen AStA. Allein im StuPa saßen damals 5 moritz-Redakteure! Wir haben schnell ziemlich viele neue Redakteure für den
moritz gewinnen können, die durch die Aufbruchstimmung auch sehr enthusiastisch waren.
Mirko: Ach, wir waren jung und naiv… Nein, im Ernst, wir wollten vor allem ein journalistisch professionelleres Arbeiten. Das betraf alle Bereiche: von den angepackten Themen bis zur Recherche, vom journalistischen Schreiben bis ins Erscheinungsbild. Wir wollten etwas, was bei Studentenzeitungen oft eher verpönt ist (das gilt auch für manche der späteren moritz-Generationen), indem wir den Schwerpunkt weniger auf den Spaßfaktor legten als auf den Informationsgehalt und das Kritikpotenzial.
Der „Crash“, die Vorgängerzeitung, schien uns in dieser Hinsicht mehr als defizient. So haben wir eine Art von Putsch organisiert. Von den „Crash“-Redakteuren haben uns einige verlassen – wohl mehr aus persönlichen Motiven, denn manches Ego blieb nicht unbeschädigt – und manche blieben.
Das Selbstverständnis des moritz – so wie ich und Christiane es sahen – war damals das einer politisch wirksamen Studentenpresse nach dem Muster eines Politmagazins wie dem „Spiegel“. Daran haben wir uns orientiert. Hoffentlich misst man uns nicht daran…
Betont werden muss aber auch der Serviceaspekt. Wir wollten für die Studentenpresse eine Art mediale Hegemonie an der Uni – ein Projekt, dass in manchen Phasen der moritz-Geschichte durchaus realisiert war, denke ich. Neben der Zeitung haben wir uns deshalb auch Gebrauchsmedien vorgenommen, wie den Uniführer, den Terminplaner oder den Veranstaltungskalender. Ich denke, dass vor allem Studienanfänger davon viel profitiert haben.
Welche Entwicklung hat der moritz in den letzten 7 Jahren durchgemacht? Was lief gut, was weniger gut?
Christiane: Die Selbstfinanzierung durch Werbung hat nicht funktioniert, was bedauerlich ist, weil sie uns mehr Unabhängigkeit vom StuPa gebracht hätte.
Mit unserer hochschulpolitischen Berichterstattung haben wir das „Uni-Journal“ schnell in Probleme gebracht, weil jeder für hochschulpolitische Informationen zum moritz griff. Aus dem „Stadtstreicher“ haben wir die Kulturredaktion übernommen. Es gab damals allerdings auch wenig Konkurrenz, weswegen vieles einfacher war als heute.
Mirkos und auch mein Anliegen war von Anfang an, gegen das Ideal der „guten alten Zeit“, das noch in etlichen Köpfen an der Uni schwebte, anzukämpfen. Deswegen haben wir viel zur Uni-Geschichte geschrieben, von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bishin zur Wende.
Das Interesse an der Hochschulpolitik hat mit der Zeit nachgelassen, vor allem weil die Redakteure in den Uni-Gremien fehlten. Der Kulturteil hat sich gut entwickelt, auch wenn es etwas länger gedauert hat.
Mirko: Das Wichtigste ist, dass das moritz-Projekt sich abseits personeller Kontinuitäten stabilisiert hat und dass der Uni wirklich etwas fehlen würde, würden die Produkte plötzlich verschwinden. Der moritz ist nun mal die einzige echte Presse gewesen. In politisch kritischen Phasen wie der Klinikumwandlung und den jährlich wiederkehrenden Kürzungsrunden hat er sich durchaus auch als Institution erwiesen.
Abgesehen davon müssen programmatische Brüche über die Jahre bei ständig wechselnder Besetzung wohl in Kauf genommen werden. Es ist wohl kein Geheimnis, dass ich nicht mit jeder Chefredaktion ganz einig war über die thematischen Schwerpunkte, die gesetzt wurden – aber jede Redaktion muss irgendwie auch sich selbst verwirklichen. Das ist okay so. Irgendwie hält es die Sache ja auch am Laufen, dass jede neue Gruppe irgendwas besser machen will als die Vorgänger.
Gab es mal richtig Ärger für einen Artikel?
Mirko: Richtig Ärger gab es immer mal wieder, überwiegend aber mit dem AStA oder dem Parlament. Verletzte Eitelkeiten brechen hier öfter auf, auch Loyalität wird schneller eingefordert. Die Uni-Oberen oder gar die Regierung haben da eine professionellere Einstellung.
Christiane: Eingeschlagen hat alles, was sich um Ernst Moritz Arndt drehte. Die Diskussion um ihn war der Universität peinlich. Arndt selber war schon zu seiner Zeit peinlich, war ein Mann mit Extrempositionen.
Dann sind wir vor allem während der Kürzungsrunden allen möglichen Gerüchten nachgegangen und haben immer wieder zu Tage gefördert, dass jede Kürzung, jede Stelle letztendlich eine politische Frage ist. Die Themen sind zwar nicht sexy, aber lebenswichtig.
Richtig Ärger habe ich nur einmal bekommen, als ich einen Artikel über eine angeblich gefälschte StuPa-Wahl geschrieben habe.
Welche Folgen hatte und hat die finanzielle Abhängigkeit vom StuPa?
Mirko: Zunächst einmal und vor allem die positive, den moritz vom Druck des Anzeigengeschäfts, das in Greifswald schwierig ist, zu entlasten. Die finanzielle Frage ist allerdings nie wirklich Grund für echten Stress gewesen. Wenn sie hochkam, standen meist andere Motive dahinter – Unabhängigkeitstreben der moritz-Chefs oder der Wunsch des AStA, die Zügel der Presse straffer zu ziehen. Ich denke, dass eigentlich keiner der Partner wirklich ein Interesse an der Veränderung der Verflechtung haben kann. Aber das ist ein weites Feld…
Christiane: Wir sind nie komplett vom StuPa-Geld losgekommen. Ich persönlich wollte meine Miete nicht vom StuPa bezahlt sehen und kein Arbeitsverhältnis ähnlich dem eines AStA-Referent eingehen. Meiner Meinung nach zieht so eine Regelung auch Leute an, die das ganze nur als Nebenjob betrachten. Das ist der moritz aber keinesfalls!
Geschrieben von Ulrich Kötter
von Archiv | 17.06.2005
Unser moritz hat’s geschafft und kommt nun zum 50. Mal hintereinander. Ohne Hängen und Würgen und Zwangspause. Gut, 50 Magazinausgaben, klingt nicht unbedingt nach Wahnsinn. Überschlagsweise wurde aber mal ein Taschenrechner bemüht und brachte die folgenden Zwischenergebnisse zu Tage: 50 Magazine sind 2.300 Seiten, 4.000 Artikel, 890.000 Wörter, 5,88 Millionen Schreibmaschinenanschläge.
Diesen Textcorpus zieren 500 gezeichnete moritze und 3.600 Fotos und Grafiken. Sieben ChefredakteurInnen und 50 Redakteure arbeiteten am Stück gerechnet 7.500 Stunden (312 Tage), erlebten 120 Sonnenaufgänge in den Redaktionsräumen und bedienten die copy/paste-Funktion mindestens 10.000 Mal. Dabei stürzten die Apfelrechner mindestens 250 Mal ab, wurden fünf Monitore und zwei Festplatten verschlissen und mussten zwei Festmeter Regenwaldholz für Korrekturabzüge dran glauben. Auf über 200 Redaktion- und Layoutsitzungen bei 22.500 Zigaretten und 2.400 Pötten Kaffee wurden produziert: Fünf Skandale, elf intra-redaktionelle Affären und ungezählte Beziehungskrisen. Die Leserschaft blieb in etwa konstant bei 3.000 pro Ausgabe – immerhin 150.000 Leser über den gesamten Zeitraum. Diese beeindruckende Statistik belegt den beispielhaften, publizistischen Erfolg – nein, man darf sogar von Aufstieg sprechen. Inzwischen gibt’s moritz dicker, bunter und glänzender denn je. Auch die Konkurrenz wurde zuletzt verdrängt. Rektor Westermann sah womöglich ein: „Wozu zwei Meinungen, wenn es moritz gibt…“ – …und machte die Uni-JOURNAL-Redaktion dicht. Lob für das Magazin also von allen Seiten.
Geschrieben von Robert Tremmel
von Archiv | 17.06.2005
50 Ausgaben Studierendenmagazin
Nicht jedes Gespenst hat seine eigene Zeitung. An sich ja nicht überraschend, weil ja die meisten von uns in irgendwelchen gottverlassenen alten Gemäuern spuken. Für wen sollte man da Zeitung machen. Aber ich habe eine Zeitung. Zwar spuke ich auch in einem alten Gemäuer mit modrigen Verliesen, verstaubten Bibliotheken und Hausangestellten, Schatzkammern, Elfenbeintürmen, Labyrinthen, Geheimgängen und allem was dazu gehört.
Aber mein Gemäuer ist voller Leben, und da macht eine Zeitung aus zwei Gründen Sinn: Erstens, weil es immer was zu berichten gibt, und zweitens, weil immer Leute da sind, die es lesen wollen.
Naja, mal im Ernst: eine Studentenzeitung gab es ja schon, bevor ich kam. Damals hieß die „Crash!“. Aber, um ehrlich zu sein, als ich 1998 meine Bibliothek verließ, um mich mal in der Welt der Lebenden umzutun, und dieses Blatt sah, packten mich doch Zweifel. Unter einer Studentenzeitung hatte ich mir nun doch anderes vorgestellt.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Ich scharte ein Dutzend Leute um mich, erklärte ihnen, wie man das richtig macht, und kommandierte einen Putsch gegen den „Crash!“. Welcher nie wieder gesehen ward. In Anerkennung für meine Verdienste in diesem Krieg benannte man dann auch folgerichtig die neue Zeitung nach mir. Seitdem bin ich das wohl einzige Gespenst mit einer Zeitung.
Und nicht nur eine Zeitung beschlossen wir zu machen. Seit 1998 erschienen jährlich ein Universitätsführer für Erstsemester, semesterweise Terminplaner und alle zwei Wochen der „fliegende“ moritz, ein Veranstaltungskalender. Inzwischen bin ich berühmt, würde ich sagen. Das liegt auch daran, dass, obwohl die Redaktionen wechseln und ich inzwischen schon mit dem siebten Chefredakteur arbeiten muss, ich selber immer dabeibleibe und darauf achte, dass es nicht allzu sehr den Bach runtergeht. Naja, Mirko war natürlich auch immer da. Aber der ist ja nun auch seit einem knappen Jahr weg.
Ich aber bleibe. Und ich werde auch in hundert Jahren, wenn ihr alle längst tot seid (vielleicht kommt ihr ja dann auch hierher zum Spuken), noch hiersein, alles hören und sehen und darüber schreiben. Durch Wände gehen und unsichtbar sein ist nun mal ein echter Vorteil für die journalistische Arbeit.
In diesem Sinne wünsche ich mir einen schönen Geburtstag.
Geschrieben von von moritz