Rezension – William Shakespeares „Romeo und Julia“ am Theater Vorpommern

Rezension – William Shakespeares „Romeo und Julia“ am Theater Vorpommern

Es ist die wohl berühmteste Liebestragödie aller Zeiten. Eine Geschichte von einer verbotenen Liebe auf den ersten Blick, von zwei verfeindeten Familien im italienischen Verona – die Rede ist selbstverständlich von Romeo und Julia. Seit dem 07.06.2024 wird William Shakespeares Meisterwerk in Form eines Sommer Open Air am Theater Vorpommern aufgeführt. Auch der webmoritz. durfte wieder einmal an einer Inszenierung teilnehmen und kann nun davon berichten.

„Kein Leidensweg war schlimmer irgendwo als Julias und ihres Romeo.“ 

Zwischen den Familien Montague und Capulet herrscht ein scheinbar nicht beilegbarer Bürgerkrieg. In den Straßen von Verona kommt es immer wieder zu heftigen Kämpfen und Blutvergießen zwischen den Beteiligten und auch die politischen Instanzen vermögen nichts auszurichten, selbst unter Androhung der Todesstrafe. Doch inmitten der Auseinandersetzungen und des Hasses passiert das Undenkbare, das schlichtweg Verbotene. Auf einem Fest der Capulets treffen zwei Sprösslinge der verfeindeten Familien, Romeo Montague und Julia Capulet aufeinander und verlieben sich. Heimlich wird eine Vermählung durch den Pater Lorenzo geschlossen, das Glück der Liebenden scheint vollkommen. Doch es soll nicht, darf nicht sein. Auf offener Straße entbrennt ein Streit zwischen Romeos Freund Mercutio und Julias Vetter Tybalt. Als Romeo dazwischengeht, wird Mercutio tödlich verwundet. Im Zorn tötet Romeo den Angreifer Tybalt und zahlt dafür die Konsequenzen. Er wird aus Verona verbannt. Während seiner Abwesenheit beschließt Julias Vater, seine Tochter mit dem Grafen Paris zu verheiraten. Ein durch Pater Lorenzo initiierter Plan, Julia zu retten, schlägt fehl. Unwissenheit und eine tragische Verkettung von Ereignissen treiben Romeo und Julia schlussendlich in den Selbstmord, ihn durch Gift und sie durch den Dolch ihres Geliebten. Eine sinnlose Familienfehde sorgt dafür, dass die Liebenden erst im Tod miteinander vereint sein können. Shakespeares Tragödie, geschrieben 1597, fasziniert auch heute noch Menschen auf der ganzen Welt und sorgt immer wieder für Adaptionen im Theater, Film und Literatur.

Was dürfen die Zuschauer*innen erwarten?

Inszeniert wird das Stück in seiner deutschen Fassung nach Frank Günther durch Regisseur Jens Kerbel (*1975). Anlässlich des Caspar-David-Friedrich-Jahres 2024 darf man sich als  Zuschauer*in in dieser Sommersaison insbesondere auf die außergewöhnliche Kulisse der Klosterruine Eldena freuen, in welcher das Stück Open-Air aufgeführt wird. Das romantisch anmutende Gemäuer, kombiniert mit der authentisch-zeitgenössischen Kostümierung auf den zuvor veröffentlichten Pressefotografien sind es, durch die man bereits vor der Aufführung gedanklich in das elisabethanische Zeitalter (1558-1603) einzutauchen vermag. Auch ohne die Geschichte zu kennen, kann man sich anhand der Bilder bereits auf wilde Degen-Kämpfe, Geschrei, auf heftige Emotionen und Leidenschaft einstellen. Mit Shakespeares Werk bereits vertraute Zuschauer*innen hingegen dürfen sich während der Vorstellung auf die Suche nach den zahlreichen Gegensatzmotiven der Tragödie begeben, die hier theatral aufgearbeitet wurden. Seien es „Hass und Liebe, Melancholie und Glück, Alter und Jugend, Verliebtheit und Sexismus, Herrschaft und Diener, weltliche und religiöse Gewalt, Tragik und Komik“. Spannung und Faszination sind garantiert!

Besucher*innen der zuletzt vom webmoritz. rezensierten Theaterproduktion „der herzerlfresser“ werden bei den Darsteller*innen auf altbekannte Gesichter treffen, wie Philipp Staschull als Romeo, Amelie Kriss-Heinrich als Amme/Fürstin und Olivier Günter als Mercutio. Umso freudig gespannter war der webmoritz. vor der Aufführung am 21.06. auf die vielen anderen Schauspieler*innen und ihre Rollen!

Eindrücke aus einer gelungenen Vorstellung

Wenn ich an den Freitagabend zurückdenke, fällt mir zunächst einmal nichts anderes ein als „Was war das bitte wieder einmal für eine geniale Produktion des Theaters Vorpommern?“ Bereits zu Beginn des Stücks wurde den Zuschauer*innen mitgeteilt, dass es sich zwar um eine im Wortlaut getreue Wiedergabe von Shakespeares Werk handelt, jedoch mit verschiedenen modernen Stilmitteln versehen wurde. Wer also befürchtet, hier ausschließlich mit bitterem Ernst und Tragik konfrontiert zu werden, kann beruhigt werden. Seien es Party-Szenen, das Einbeziehen des Publikums auf der Suche nach einer passenden Frau für Romeo, der BMW des Grafen Capulet (Hannes Rittig) oder der markante Ausruf „JuLiAaAaA“ der Lady Capulet (Gabriele Völsch) sorgten für Lacher seitens des Publikums. Auch für Musik-Liebhaber*innen ist etwas dabei. So sorgten die wunderschönen Soli von Julia-Darstellerin Nora Hickler, Amelie Kriss-Heinrich und Philipp Staschull für Gänsehaut-Momente und angehaltenen Atem. Außerdem fanden Künstler*innen wie ABBA („Lay All Your Love On Me“) und Kylie Minogue („Can’t Get You Out of My Head“) Eingang in das Stück, was immer wieder für Schmunzeln und eine erfrischende Abwechslung sorgte. Was die schauspielerische Leistung betrifft, so weiß ich gar nicht, wen ich am meisten hervorheben soll. Jede Rolle war großartig und treffend besetzt und die Kostümierung durch Toto begeisterte in Sachen Authentizität und moderner Touch. Hinsichtlich der Kulisse machte mich meine Begleitung als Kunsthistoriker darauf aufmerksam, dass die Klosterruine Eldena als „sterbende Architektur“ mit in das Stück integriert wurde, beispielsweise in Form der berühmten Balkon-Szene. In Kombination mit verschiedenen Nebel- und Lichtelementen kam diese natürlich ganz besonders in der Dunkelheit zur Geltung.

Weniger dem Stück selbst als glücklichen Zufällen gedankt, sorgte zunächst ein Turmfalke für passende tierische Untermalung der Lerchen-Szene und zusätzlich das Wetter dafür, dass ausgerechnet in dramatischen Momenten zunächst ein leichter Regen einsetzte, die Spannung durch ein nahes Gewitter gesteigert wurde und schließlich wenige Minuten nach dem tragischen Tod der beiden Liebenden und dem Ende der Vorstellung ein heftiger Wolkenbruch einsetzte.

Insgesamt war es ein fantastischer Abend, sodass ich das Ensemble für ihre gelungene Produktion nur loben und mich bedanken kann.  

Weitere Termine

Ihr möchtet selbst einmal in die Welt zweier verfeindeter Familien und in die tragische Liebesgeschichte ihrer beiden Kinder eintauchen? Dann ist Beeilung geboten, denn die nächsten beiden Aufführungstermine sind bereits ausverkauft! Weitere Informationen gibt es hier.

  • 02.07. / 19:30 Uhr; ausverkauft
  • 10.07. / 18:00 Uhr; ausverkauft
  • 11.07. / 19:30 Uhr
  • 13.07. / 19:30 Uhr
  • 14.07. / 18:00 Uhr
  • 16.07. / 18:00 Uhr
  • 17.07. / 19:30 Uhr
  • 18.07. / 19:30 Uhr; Letzte Vorstellung

Beitragsbild: Peter van Heesen


Zur Person der*des Autor*in

Zeitloser Konflikt: Antigone im Theater Vorpommern

Frech. Modern. Originell. So wirken die Werbeplakate zum neuen Theaterstück „Antigone“ im Theater Vorpommern. Nur der Oberkörper einer jungen Frau ist zu sehen, die ein schwarzes T-Shirt und einen karierten Rock trägt. Auf dem Shirt steht „Antigone –  Tragödie von Sophokles“. Erwartungen werden beim Betrachter geschürt: Ist die Inszenierung auch frech, modern und originell?

Antigone vs. Kreon

Uraufgeführt wurde das Schauspiel 442 vor Christus im Dionysos-Theater, Athen. Die Problematik im Stück: Antigone, eine junge Königstochter, lehnt sich gegen ihren Onkel Kreon, dem neuen König Thebens, auf. Die Ursache hierfür ist ein Kampf zwischen ihren Brüdern Polyneikes und Eteokles, bei dem beide Brüder fielen. Der eine, Eteokles, verteidigte Theben und soll nun ehrenvoll bestattet werden. Der andere hingegen, Polyneikes, kämpfte gegen Theben und soll nun nicht beerdigt werden, sondern vor den Toren der Stadt verwesen. Jede Zuwiederhandlung werde mit dem Tod bestraft, lässt Kreon verkündigen. Doch Antigone wiedersetzt sich dieser Anordnung und begräbt ihren Bruder eigenmächtig.

Mit bunten Strähnchen gegen die Staatsmacht

Die Schwestern Antigone und Ismene sind sich zunächst uneinig.

In der Inszenierung von Tobias Sosinka sieht man zuerst eine dunkle Stadtmauer, auf der der Name Polyneikes gesprüht steht. Es wird die erneut Hoffnung geweckt, dass es sich bei diesem Stück um eine moderne Variante des antiken Trauerspiels handelt. Bald darauf stürmt Antigone, gespielt von Anja Taschenberg, schreiend auf die Bühne. Wütend ist sie. Rasend, nahezu hysterisch. Dem Publikum wird deutlich, dass sie es war, die den Namen an die Mauer sprühte. Ihre Rolle lässt an einen Punk erinnern: Toupierte Haare mit bunten Strähnchen, dazu auffällige Strumpfhosen, Stiefel. Während des Stücks ist die Protagonistin nicht oft auf der Bühne präsent und wenn, dann sieht man sie in der Auseinandersetzung mit ihrer Schwester Ismene und ihrem Onkel Kreon.

Vernunft oder Moral?

Antigone schreibt den Namen ihres verstorbenen Bruders Polyneikes.

Bald lässt sich feststellen: Es wurde sich bei dieser Inszenierung stark am antiken Original orientiert. Die Texte sind nicht in die Moderne überliefert beziehungsweise nicht and diese angepasst. Auch wurde die Thematik nicht mit aktuellen, neuen Aspekten angereichert. Es bleiben der Konflikt Individuum gegen die Obrigkeit und die Frage, ob Handeln nach moralischen oder vernünftigen Richtlinien richtig sei. Antigone selbst ist sich in ihrem Tun treu. Sie erscheint permanent schreiend, trotzig und frech auf der Bühne – sympathisch und stark wirkt sie dabei nur bedingt. Schade.

Überzeugend: Kreon, Haimon, der Chor und die Bühne

Auch der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Kreon (Bahr) und Haimon (Goldbach) spielt eine Rolle.

Herausragend wird Kreon von Marco Bahr gespielt. Unnachgiebig ist er, auch gegenüber seinem Sohn Haimon, hier überzeugt Lukas Goldbach. Ein autoritärer Regent, der auf niemanden hören möchte – und zum Ende sich doch besinnt. Bahr gelingt es, diesen inneren Konflikt und die Wandlung gekonnt umzusetzen. Eher amüsant war die Rolle des blinden Sehers Teiresias, gespielt von Jörg F. Krüger, angelegt. Auf den ersten Blick sah dieser nämlich aus wie Helge Schneider. Interessant war auch die Darstellung des Chors. Als Bürger Thebens, sichtbar vom Krieg gekennzeichnet, kommentieren sie die Handlung. Mal sprechen sie gemeinsam im Chor, dann singen sie auch. Hin und wieder ertönt Musik, die sonst eher spartanisch eingesetzt wurde. So wurden dem Publikum düstere Szenen angekündigt. Besonders erwähnenswert ist die Gestaltung der Bühne, die minimalistisch und dunkel gehalten wurde. Eine Treppe, die zu einem Tor führt, war zu sehen. Sie wurde oft gekonnt ins Schauspiel mit einbezogen.

Zeitloser Konflikt

Letztendlich bleibt festzustellen, dass die Inszenierung überzeugen konnte, insbesondere was die schauspielerischen Darstellungen und die Konzeption der Bühne betrifft. Eine unterhaltsame und solide Antigone-Aufführung also. An modernen Aspekten, die auf Grund der Gestaltung der Werbeplakate mehr oder weniger erwartet wurden, fehlte es jedoch. Dennoch wird die Problematik – der oder die Einzelne gegen die Autorität, wie es sich derzeit beispielsweie in Stuttgart zeigt – doch noch lange aktuell bleiben. Vielleicht braucht es also gar keine modernen Aspekte für ein antikes Stück, ist der Grundkonflikt doch zeitlos.

Fotos: Vincent Leiffer