Alle Artikel der Kategorie Uni.versum

Die Fahrradzähler. Ist Greifswald auf dem Weg zur Fahrradhauptstadt?

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Oktober 2008 um 13:36 Uhr
Johannes Hübner (Foto: Arik Platzek)

Johannes Hübner (Foto: Arik Platzek)

Am Tag der ersten großen Greifswalder Fahrradverkehrszählung seit 1991 hat die Spannung den Geographiestudenten Johannes Hübner vermutlich lange wach gehalten. In einer Zwei-Wochen-Aktion war es ihm gelungen, 129 Studenten der Uni Greifswald zu finden, welche an 45 Zählpunkten im gesamten Stadtgebiet den Greifswalder Fahrradverkehr von 6 bis 20 Uhr zählen sollten.
Ziel seiner Projektarbeit in der Projektgruppe Klimaschutz: Grundlagen für ein zukünftiges Radverkehrskonzept für die Stadt Greifswald zu schaffen. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Zölitz-Möller vom Geografischen Institut, sowie Gerd Imhorst und Karl Hildebrandt vom Stadtbauamt wurde ein Netz von Zählpunkten erarbeitet, das die Fläche der Stadt möglichst repräsentativ abdecken sollte. Insgesamt wurden 128 Straßenabschnitte des Haupt- und Nebenroutennetzes erfasst. Man ahnte, dass starke Veränderungen sich zeigen würden und war dann doch erstaunt.

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Das Geheimnis des Tells Zira’a: Eine Greifswalder Studentin in den Fußstapfen von ″Indiana Jones″

Geschrieben von | Veröffentlicht am 19. Juli 2008 um 21:59 Uhr

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Alltagsleben eines Archäologen hat nichts mit der Jagd nach magischen Artefakten zu tun, die man in Windeseile ihrem historischen Umfeld entreißt, um sie, an tödlichen Fallen vorbei, vor finsteren Mächten in Sicherheit zu bringen. Ja, Archäologie ist mit „Leidenschaft und vollem Einsatz“ verbunden; aber dies äußert sich nicht in Waghalsigkeit und Übermut. Die größte Tugend des Archäologen ist die Geduld.
Um die Hinterlassenschaften vergangener Kulturen ausfindig zu machen, sie zu dokumentieren und zu deuten, braucht es Zeit – mitunter viel Zeit. Manchmal gilt es, sein Engagement Projekten zu widmen, für deren Umsetzung das eigene Menschenleben nur einen Bruchteil beiträgt.

So ein Projekt ist die Erforschung des Tells Zira’a, südöstlich des See Genezareth, im heutigen Jordanien. Als Tell wird ein künstlicher Hügel bezeichnet, der sich – mitunter über Jahrtausende hinweg –
aus mehreren Siedlungen ergab, die sich „schichtartig“ übereinander legten. Anhand dieser Schichten (Strata) lässt sich eine Nutzung mindestens von der späten Bronzezeit, circa 1800 v. Chr., bis zur osmanischen Herrschaft nachweisen. Durch seine strategisch günstige Lage oberhalb eines Wadis, also dem Tal eines temporären Flusses, durch das eine wichtige Fernhandelsverbindung von Damaskus nach Jerusalem verlief und eine eigene Quelle, die das Wasservorkommen auch im Belagerungsfall sicherte, war der Tell Zira’a immer wieder als Siedlungsort genutzt worden.
„Der Tell ist 3,8 Hektar groß. Wenn man von jetzt an noch 21 Jahre bis zum Ende meiner Dienstzeit rechnet, werden ungefähr fünf bis sechs Prozent des Tells ausgegraben sein. Insofern macht es Sinn, sehr genau nachzudenken, wo man gräbt“, sagte Professor Dieter Vieweger im April 2008 gegenüber dem Deutschlandfunk.

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Halbes BWL-Studium für Terminologie

Geschrieben von | Veröffentlicht am 7. Juli 2008 um 21:45 Uhr

Ende des Jahres 2003. Erleichtert hält der damals 27-jährige Jens Glatzer einen Brief in der Hand. Der Lehramtsstudent für Philosophie und Kunst steht kurz vor seinem Studienabschluss an der Uni Greifswald. Allerdings bereitet eine akute Geldnot ihm Schwierigkeiten. Er empfängt kein BAföG mehr, seine Eltern zahlen nicht und ein Nebenjob ist mit den Prüfungsvorbereitungen nur selten vereinbar.

Also beantragte Glatzer einen Bildungskredit der KfW, der Kreditanstalt für Wiederaufbau, den er nun in der Hand hält. „Ich schaute den Vertrag nur kurz durch. Die Erleichterung über die finanzielle Hilfe war groß und ich brauchte mir um meinen Abschluss keine Sorgen mehr machen“, schildert der gebürtige Brandenburger. Nun weiß er, dass solch ein Vertrag genauer durchgelesen werden sollte.

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Prüfung am Wickeltisch: Studium mit Kind

Geschrieben von | Veröffentlicht am 7. Juli 2008 um 21:45 Uhr

Rastlos läuft die junge Studentin im Badezimmer auf und ab. Ihr stehen qualvolle Minuten bevor. Tausend Gedanken kreisen in ihrem Kopf herum. Nie hatte sie geglaubt, in solch eine Situation zu kommen. Doch nicht sie. Ihr konnte sowas doch nicht passieren! Endlich wagt sie einen Blick auf den Schwangerschaftstest. Der Schock ist groß. Unmöglich konnte das Ergebnis stimmen, unmöglich konnte ausgerechnet sie schwanger sein. Erst vor ein paar Jahren hat sie ihr Abitur gemacht und steckt mitten in ihrem Studium. Das Geld reicht gerade mal für sie selbst, wie soll sie da noch ein Kind ernähren?

Eine fiktive Szene, die trotzdem einigen Studentinnen bekannt geworden ist. Auch Maria Nehmzow (Name von der Redaktion geändert), Studentin der Uni Greifswald, ist Mutter und kümmert sich allein um ihren kleinen Sohn. Geplant war der Nachwuchs allerdings nicht. „Zuerst habe ich noch gehofft, dass der Test nicht richtig funktioniert hat. Doch dann hat mir meine Frauenärztin das Ergebnis bestätigt“, berichtet die Studentin. Ein Schock war es für sie schon. Dennoch kam eine Abtreibung für sie nicht in Frage. „Ich habe mich zwar daüber informiert, aber als ich das erste Ultraschallbild gesehen habe, kam es für mich gar nicht mehr in Frage und meine Wahl für das Baby stand fest“, schildert die junge Mutter ihre Entscheidung. Während die Eltern die Schwangerschaft ihrer Tochter akzeptiert haben, war ihr Freund weitaus weniger begeistert. Umstimmen ließ sich die Studentin jedoch nicht. „Auch gegen den Wunsch meines Freundes entschied ich mich für das Kind.

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Studieren auf Pump: Pro und Contra Studienkredit

Geschrieben von | Veröffentlicht am 7. Juli 2008 um 21:21 Uhr

Die Entscheidung für eine Hochschule ist schnell gefallen. Die Antwort auf die Frage, wie man sich das Studium finanzieren wird, hingegen nicht. Die finanzielle Unterstützung seitens der Eltern reicht selten aus. Eine Förderung durch BAföG steht nicht allen zu. Die heiß begehrten Stipendien können nur Wenige ergattern. Am Ende bleibt nur noch der Nebenjob. „Aber die Wenigsten sind bereit und dazu in der Lage, sich ihr ganzes Studium über die eigene Arbeit zu finanzieren“, merkt Aniisa Paul (AStA-Referentin für Studienfinanzierung) an. Seit kurzem möchte jedoch eine neue Finanzierungsform die Sorge vieler Studenten erleichtern: der Studienkredit.

Attraktive Konditionen

Eingeführt wurde der Kredit für Studenten erstmalig vor knapp zwei Jahren von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfWFörderbank). Das Ziel war es, die in zwölf Bundesländern eingeführten Studiengebühren, abzufedern und den angehenden Akademikern eine Fortführung des Studiums trotz dieser Mehrbelastung zu ermöglichen. Mit Hilfe des Studiendarlehenssollen die Lebenshaltungskosten während des Erststudiums finanziert werden. Seine Attraktivität erhält dieser Kredit vor allem dadurch, dass er sich den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Studenten anpasst. Zum einen erfolgt die
Auszahlung des Geldes nicht in einem Zuge, sondern pro Semester. Die Höhe des Betrages kann den individuellen Erfordernissen entsprechend angepasst werden und von einem zum anderen Semester variieren. Die Rückzahlung des Kredites muss frühestens ein Jahr nach der Hochschulausbildung erfolgen. Die jeweilige Rückzahlungssumme wird von den meistens Banken einkommensabhängig erhoben. Die Voraussetzungen für die Bewilligung des Kredites sind von Bank zu Bank unterschiedlich. Essentiell ist in jedem Fall die Immatrikulation an einer

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Des Nazis schicke Sportklamotte

Geschrieben von | Veröffentlicht am 15. Dezember 2004 um 19:31 Uhr

Thor Steinar als Schafspelz junger Rechtsradikaler

Wer in Greifswald und auch sonstwo mit einem Quentchen Aufmerksamkeit unterwegs ist, dem fällt gelegentlich jemand in trendgemäßer Sportswear namens Thor Steinar (TS) auf. Wer es genau wissen will fragt sich dann, was das denn sei und warum diese Kleidung Embleme mit Maschinengewehren und Schriftzüge wie Hausbesuche zieren. Doch fällt das oft gar nicht groß ins Auge. Gerade diese Unauffälligkeit ist jedoch der Sinn der Sache, was auch die Gefährlichkeit von TS ausmacht.

Es handelt sich bei TS um einen nicht mehr ganz neuen Trend. Nazis verzichten auf das klassische, martialische Outfit von Bomberjacke und Springerstiefeln. Heutzutage kleidet Braun sich trendy. Antifas wurden so anfänglich nicht unbedingt aufmerksam, untereinander erkennt man sich aber als Gesinnungsgenossen.

Verkauft wird TS seit eineinhalb Jahren von der Firma MediaTex GmbH aus Zeesen südöstlich von Berlin, registriert auf einen Axel Kopelke. Der Vertrieb organisiert sich über die schicke Internetseite oder auch über Modeboutiquen, die sich nicht am Gesinnungsgehalt der Klamotten stören. Dieser ist nämlich hochbrisant. Das Logo setzt sich aus zwei germanischen Runen, der Tyr-Rune (Todesrune) sowie der Gibor-Rune (Wolfsangel) zu einer sogenannten Binderune zusammen.

Die Tyr-Rune war während der NS-Zeit im Zeichen der SA-Reichsführerschulen und der 32. SS-Division ?30. Januar? enthalten. Die Gibor-Rune wurde von der SS-Panzerdivision ?Das Reich? sowie von Nazi-Werwolfeinheiten und Sabotagegruppen am Ende des Zweiten Weltkriegs verwendet. Doch ist das Logo von TS auch in der Nachkriegsgeschichte nichts Neues – es ist fast deckungsgleich mit dem Symbol des rechtsextremen “Thule Seminar”, über das auch der Verfassungsschutz urteilte:

“Das Thule Seminar ist [...] auf der Seite derjenigen Rechtsextremisten positioniert, die ihre Ablehung der Institutionen und Wertvorstellungen der demokratischen Verfassungsstaaten aggressiv und offen zum Ausdruck bringen”.

Der Markenname an sich, vor allem in Verbindung mit dem Namen einer Kollektionsreihe “Division”, wird als gezielte Hommage an den von Neonazis verehrten SS-General Felix Steiner verstanden.

Doch imagepolierende Kampagnen antirassistischen Inhalts wie von der britischen Marke “Lonsdale” sind von der MediaTex GmbH nicht zu erwarten. Zwar sagt Geschäftsführer Uwe Meusel (29) “Wir haben mit keiner Organisation auch nur ansatzweise etwas zu tun”. Doch Jonas Grutzpalk vom Brandenburger Verfassungsschutz weiß: Der Firma gehören Rechtsextremisten an.

Auf das Logo angesprochen antwortet Meusel:  ”Unser Logo? Das ist ein T und ein S, in Runenschrift.” Und: “Warum fragen Sie uns nicht, wie viele Arbeitsplätze wir hier in Brandenburg geschaffen haben??” Fragt man ihn dann danach, antwortet er: “Das werde ich Ihnen jetzt nicht sagen.”

Er ist der Meinung: “Ich muss mich hier nicht distanzieren.” Auch der Anwalt der MediaTex GmbH verweist darauf, dass es nicht das Problem der Firma sei, wenn Leute, die mit der Verfassung Probleme haben, die Sachen tragen.

Klaus Parker, Jurist und Rechtsextremismusexperte, ist da anderer Meinung: “Im Gegensatz zu Lonsdale, die nichts dafür können, gehört Thor Steinar zu den Marken, die eindeutig für die rechtsextreme Szene produziert werden.”

Der Meinung schloss sich nun kürzlich auch die Staatsanwaltschaft Neuruppin an, die vor dem Amtsgericht Königs-Wusterhausen die Beschlagnahmung der Kleidung verfügte sowie jedem, der die Marke trägt, mit einem Strafverfahren wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen droht. (AZ 2.2 GS 594/04)

Dr. Gerd Schnittcher, Leitender Oberstaatsanwalt in Neuruppin, erhofft sich eine von diesem Urteil ausgehende Signalwirkung. Sie müsste eine Entscheidung vor einem Oberlandesgericht verursachen. Das Urteil eines Amtsrichters kann in der nächsten Instanz des deutschen Gerichtsweges leicht wieder aufgehoben werden. Außerdem ist das Urteil über dir Beschlagnahme von TS höchst umstritten.

Nachdem nun jedoch selbst die London Times auf das Urteil aufmerksam wurde, hat die MediaTex GmbH zwei Tage nach dem Urteil ?alle Händler aufgefordert, die Logos zu entfernen oder die Ware zurückzugeben?, so der Anwalt der Firma. Und weiter: “Aber ein neues Logo ist bereits in der Mache.”

Es bleibt also abzuwarten, was aus TS wird. Rechtsextreme sind kaum noch davon abzubringen, sich modebewusst und damit unauffällig doch füreinander erkennbar zu gewanden. Aufmerksamkeit empfielt sich unbedingt.

Geschrieben von Stephan Kosa

Greifswalder Akzente gegen Rechts

Geschrieben von | Veröffentlicht am 15. Dezember 2004 um 19:27 Uhr

„No Exit“ in unserer Stadt

Wenn es im öffentlichen Diskurs mal wieder um das Thema Rechtsextremismus geht, scheinen die Fallbeispiele immer furchtbar weit weg, unbedeutend, irgendwie banal und teilweise sogar lächerlich. Aber leider trügt der Schein. Rechtsextreme Gruppierungen sind oft gut organisiert und auf dem Vormarsch. ?Salonfähig? geworden, treten sie als Kameradschaften und Bürgerinitiativen auf oder übernehmen bei Volksfesten die Ordnerfunktion.

In den ländlichen Gegenden Vorpommerns gehören sie dabei vielfach schon zur Gemeinschaft und zum Straßenbild. Bei ihren Auftritten machen sich die Rechtsextremisten häufig aktuelle Themen zunutze und versuchen  auf teils plumpe, teils subtile Weise, aus den Ängsten der Menschen vor Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder der omnipräsenten Europäisierung politisches Kapital zu schlagen.
Kay Bolick von der Organisation LOBBI (Landesweite Opferberatung, Beistand und Information für Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern) weist in seinen Vorträgen auf diese alarmierenden Strategien hin. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von LOBBI und berät seit drei Jahren Opfer rechter Gewalt. In seiner Präsentation im IKUWO am 5. November illustrierte er deutlich, dass sich längst rechte Strukturen etabliert haben, welche sich aus Kameradschaften, nationalistischen Bündnissen und Parteien zusammensetzen, die erstere politisch ergänzen. Obwohl verboten, arbeiten diese Netzwerke sehr effizient: Es gibt gut funktionierende Verbindungen zwischen Gruppierungen in Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschland und darüber hinaus den ?Nationalen

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Kommentar: Ist das nötig?

Geschrieben von | Veröffentlicht am 15. November 2004 um 16:38 Uhr

Ein umweltfreundlicher Kommentar zur Ersti-Woche

Endlich geschafft! Die Erstsemesterwoche ist Vergangenheit. Das bunte Treiben auf den Straßen und in den Clubs verzog sich in die Gemäuer der Institute. Was bleibt, sind Erinnerungen und Müll. Das kann das gleiche sein, muss es aber nicht.

Brauchen wir das? Diese Frage können sich nicht nur die Organisatoren stellen, welche mit viel Engagement, Kreativität und Nervenverlust jedes Jahr diese besondere Woche durchführen. Dabei wissen die meisten (Neu-)Studenten noch nicht einmal, dass ihnen an anderen Universitäten nichts Vergleichbares geboten wird. Die Frage nach dem Sinn und Zweck dieser Veranstaltung, oder besser: dieses Veranstaltungsmarathons, zielt auch nicht auf das WAS an sich, sondern auf das WIE. Party ja! Verschwendung nein!

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Hinter dem Gesicht

Geschrieben von | Veröffentlicht am 26. Juli 2002 um 18:11 Uhr

Ein moritz-Entschuldigungsporträt

Im moritz Nr. 28 (Mai 2002) fand sich ein Seitenfoto eines professionell lächelnden jungen Mannes, zu dem der Kommentar gebracht wurde: „Wie lange noch wollt ihr euch von Karriere-Gesichtern wie diesem hier die Jobs wegschnappen lassen?“

Was als Werbung für eine Karrieremesse für Otto-Normalstudent gemeint war, erschien doch etwas unangemessen. Besonders für den betroffenen Abgebildeten selbst.
Es handelte sich dabei um Sebastian Ratjen, seines Zeichens Zahnarzt und FDP-Landesgeneralsekretär. Und überdies Kandidat seiner Partei für den Landtag.
Als solcher kann er sich diffamierende Darstellungen nun wirklich nicht leisten. moritz hatte dies auch nicht beabsichtigt, und möchte an dieser Stelle Einiges über den Mann hinter dem Gesicht erzählen.
Mag das Gesicht auch den Klischees entsprechen – Sebastian Ratjen tut es wohl nicht wirklich. Der klischeehafte Karrieretyp zeichnet sich ja nicht nur durch gestyltes Aussehen aus, sondern vor allem auch durch ein schnelles Brotstudium ohne Abwege – eben durch sein Anstreben einer reibungslosen Karriere.

Geborener Politiker

Die kann man in Sebastian Ratjens Lebenslauf wiederum nicht finden. Dafür zog es ihn wohl schon immer zu sehr in die Politik und weniger zum Pauken. Eine gewisse Vererbung will er dabei nicht leugnen: Sein Urururgroßvater stand seinerzeit in regem Austausch mit Marx und Lenin und war Abgeordneter des ersten deutschen Parlamentes in der Paulskirche. Eine Linie, auf die Ratjen sich gern zurückbesinnt. Weniger bedeutsam für seinen Drang zur Politik scheint ihm selbst die entfernte Verwandtschaft mit Otto Graf Lambsdorf…
Ratjen ist 26 Jahre – was er nur ungern preisgibt. Schon als Schüler fand er den Weg zur Politik. Sechs Jahre im Europäischen Jugendparlament, davon einige Zeit als dessen Präsident, haben seinen Stil geprägt.
Eine der eisernen Regeln des Parlamentes war: „Have fun!“ Wenn die eines Tages nicht mehr für ihn gelte, so sagt er, würde er das politische Geschäft an den Nagel hängen.
In Greifswald, wohin ihn die ZVS verschlug, stieg er in die Studierendenpolitik ein. Ein Jahr als Präsident des Studierendenparlamentes und als Senator der Uni waren das Ergebnis.
Inzwischen ist er Präsident des Vereins der Freunde und Förderer der Universität.
Und nebenbei, seit dem Eintritt 1997, Engagement in der FDP. 1998 trat er als Bundestagskandidat für Greifswald an. An dem Ergebnis von 2,x Prozent hatte er schon zu knabbern, gesteht er heute. Aber inzwischen sind bessere Zeiten angebrochen.
Seinen Abschluss als Zahnarzt hat er bereits in der Tasche und strebt nun eine Promotion an. Sagt er. Tatsächlich gilt all sein Handeln der Partei. Nach 1998 war in der FDP ein Neuanfang angesagt. Ratjen ist eines der neuen Gesichter der FDP. Schon wieder nur Gesicht?
Wenn schon Gesicht, sagt er, sollen die Leute auch erfahren, was dahinter steht. Er steht zu seinem Aussehen und tut was dafür. Weder Tennis noch Golf, aber Bodybuilding. Das Gesicht muss nicht schön sein, meint er, aber es muss zu seinem Träger passen. Man muss einen Typ verkörpern. Sich selbst treu sein.
Zur FDP von heute steht er und steht für sie. Die Spaßgesellschaft ist seine Botschaft – nach zwei Weltkriegen und zwei Ideologien, sagt er, hat die deutsche Gesellschaft ein Bedürfnis nach etwas Spaß. Und meint vielleicht zwischen den Zeilen, dass gerade der deutsche Ernst das Problem ist.

Geschrieben von Mirko Gründer

Leben auf der Baustelle

Geschrieben von | Veröffentlicht am 15. Juli 2002 um 18:19 Uhr

Zu Besuch beim neuen Herrn des Ostseeraumes

Professor Bernd Henningsen ist sympathisch, wie er einem da gegenübersitzt. Offener Blick, Falten, die Ernst, aber auch Humor verraten, Fliege statt Schlips. Wenn man zu ihm will, muss man an keiner Sekretärin vorbei – er hat noch keine. Trotzdem war es schwer, einen Termin zu bekommen. Dienstag war er in der Uni gebunden: Empfang einer Stettiner Delegation. Mittwoch beim Bildungsausschuss in Schwerin. Donnerstag Vortrag an der Politikwissenschaft, den er noch vorbereiten musste. Freitag eine Stunde Zeit zum Reden. Aber danach muss er wieder weg. Zum Rektor. Viel zu tun für einen Einzelnen. Lächelnd breitet er die Arme aus: ?Was Sie hier sehen, ist das Kolleg – ich und die zwei Räume.?

Bernd Henningsen ist der Direktor des Wissenschaftskollegs der Kruppstiftung, das momentan noch eine große Baustelle zwischen Fischmarkt, Dom und Domstraße ist. Dazu befragt gerät er ins Schwärmen. Man merkt, dass er sich auf der Baustelle auskennt. Verliebt hat er sich vor allem in das Schmuckstück des Komplexes, die vollständig restaurierte alte Apotheke am Fischmarkt. Sie wird ab September seinen Arbeitsplatz beherbergen.

Unpraktisch, aber schön

Weder Kosten noch Mühen wurden gescheut, um dieses älteste Fachwerkgebäude Mecklenburg-Vorpommerns wieder auf Vordermann zu bringen. Beim Wandern durch das Haus, in dem gerade die Maler arbeiten, weist Henningsen stolz auf einen Raum, in dem aufwändig restaurierte neo-gotische Wand- und Deckenmalerei zu sehen ist. Auch Türen und Panele sind größtenteils unter Rückgriff auf die Originale entstanden. An manchen Stellen wurde das jahrhundertealte Fachwerk offengelassen. Man soll das Alter auch sehen und fühlen können. ?Das Haus ist vielleicht ein bischen unpraktisch, aber dafür schön?, meint Henningsen. Und man hat das Gefühl, dass er sich jetzt schon wie zu Hause fühlt.

An die alte Apotheke schließt sich in Richtung Dom das rot verklinkerte eigentliche Kolleggebäude an, dessen Haupteingang eine Glasfront in der Lutherstraße sein wird. Man betritt ein weitläufiges Foyer, an das die Cafeteria, ein Tagungsraum und ein riesiger Hörsaal angrenzen. Der Hörsaal soll bald 200 Personen fassen können und damit der größte der Stadt sein.

Das große Foyer will Henningsen vor allem zu Ausstellungszwecken nutzen und damit den Kontakt auch mit der Stadt herstellen. ?Wir sind fast symbolisch zwischen Stadt, Uni und Kirche gelegen?, sagt er und macht deutlich, dass er sein Kolleg nicht nur mit Wissenschaft, sondern auch mit Leben füllen will.

Das zweite Stockwerk des Kolleggebäudes bietet 17 Büroräume für am Kolleg arbeitende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen – die sogenannten Fellows. Das Haus soll Heimat vieler wissenschaftlicher Projekte werden, in diesen Büros sollen Fäden aus dem gesamten Ostseeraum zusammenlaufen. Noch eine Weile werden sie allerdings leer stehen – die Projekte müssen erst her.

Auch eine große Bibliothek soll das Obergeschoss beherbergen. Sie besteht aus einem großzügig über zwei Stockwerke gedehnten Raum, dessen Regale allerdings noch eine Weile dünn besetzt bleiben müssen. ?Das muss langsam wachsen?, erklärt Bernd Henningsen. Mittel für Bücher sind momentan noch knapp, aber auch hier will er mit Drittmitteln bald aufstocken.

Das dritte Gebäude an der Domstraße bietet den Fellows fertig ausgestattete Wohnungen. Zwischen den drei Gebäuden erstreckt sich ein kleiner Campus in Form begrünter Innenhöfe, die nur ein wenig unter den baufälligen Fassaden zu leiden haben, die sie von den offenen Seiten her begrenzen.

Das ist Henningsens Reich. Oder wird es einmal sein, wenn die Bauarbeiter fort sind. Dann soll sich das Kolleg zur Spinne im Netz des Ostseeraumes entwickeln. Ein hoher Anspruch, dem sich Bernd Henningsen stellen muss. Vorschusslorbeeren gabs inzwischen genug, und die Erwartungen sind hoch. Das ist beflügelnd, gibt er zu, aber auch etwas belastend. Vor allem im Moment, als Einzelkämpfer.

Kein Kulturschock

Seit dem 1. Mai ist er in Greifswald. Vorher hat er am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität gelehrt, das er auch selbst aufgebaut hat. Gute Kontakte und viele Projekte verbinden ihn mit ganz Nordeuropa und darüber hinaus. Auch mit Greifswald, wo er seit der Wende immer mal wieder an Diskussionen zu Umstrukturierungen und auch so mancher Berufung mitgewirkt hat.

Einen Kulturschock hat der Umzug von Berlin nach Greifswald ihm also nicht gebracht. Er wusste, was ihn erwartete, und kam her, um sich dem Aufbau des Kollegs zu widmen. Eine Herausforderung, für die ihn seine Erfahrungen und Kontakte ebenso wie seine bisherige wissenschaftliche Arbeit prädestinieren. Das sieht nicht nur er so – für die Universität war er der einzige in Frage kommende Kandidat unter mehreren Dutzend Interessierten für die Stelle.

Die Aufbauarbeit besteht aus viel Politik und viel Verwaltungsaufwand. Bei unzähligen Leuten und Gremien vorstellig zu werden und die Idee des Kollegs anpreisen. Mehr Kontakte knüpfen. Erste Projektideen beraten. Ressentiments abbauen, die sich teilweise während der Berufungsverhandlungen aufgebaut haben. Die Mitarbeit der Uni ist lebenswichtig.

Darüber hinaus die Baustelle und das Personal. Bewerbungsunterlagen für das Sekretariat, den Hausmeisterposten, Hilfskraftstellen und wissenschaftliche Assistentinnen türmen sich auf seinem Schreibtisch. Die wollen alle gelesen und begutachtet werden, damit man im September, wenn das Kolleg bezugsfertig ist, anfangen kann zu arbeiten. Im Team, denn allein ist es nicht nur zu viel – für Kreativität braucht es auch mehr als einen Kopf. So erhofft sich Henningsen von seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Anstöße.

Seine Aufgabe wird, sobald alles steht, die wissenschaftliche Leitung des Kollegs sein. Die Koordination der am Kolleg angesiedelten Forschungsprojekte, stattfindenden Konferenzen usw. gehören ebenso dazu wie der Aufbau neuer Kontakte und die Einwerbung von Drittmitteln für Projekte. Zuversichtlich und energisch blickt er bei diesem Thema. Und man denkt auf einmal, dass er gar nicht scheitern kann.

Er verabschiedet sich vor der Poststelle. ?Post holen gehört auch zu meinen Aufgaben?, sagt er grinsend und verschwindet im Haus.

Geschrieben von Mirko Gründer

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