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Die Frage nach den Grundrechten (3)

Geschrieben von | Veröffentlicht am 23. Dezember 2012 um 22:15 Uhr

Das Landgericht Köln hat in seinem berühmten Urteil vom 7. Mai 2012 die religiöse Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung bewertet. moritz suchte in Greifswald nach verschiedenen Meinungen – diesmal von einem jüdischen Professor.

 

Das Landgericht Köln hat in seinem Urteil vom 7. Mai 2012 die Beschneidung als Körperverletzung bewertet.

Also warum spricht der moritz mit mir erst jetzt darüber? (lacht) Vielleicht hat es mit göttlicher Vorsehung zu tun (lacht weiter), da der jetzige Zeitpunkt eigentlich wunderbar zu diesem Thema passt. Zwischen dem 8. und 16. Dezember dieses Jahres findet nämlich das Hanukkah-Fest statt. An Hanukkah feiert das Judentum den Sieg der Makkabäer gegen die Seleukiden und die Neueinweihung des Tempels in Jerusalem, um 164 vor unserer Zeit, nach dessen Plünderung durch die Besetzer. Die Neueinweihung des Tempels ermöglichte es, dass Juden ihre Bräuche wieder ungehindert praktizieren konnten, welche die Besetzer zu unterbinden versuchten. Im ersten Buch der Makkabäer lesen wir, wie der Syrische König Antiochus Epiphanes die Beschneidung verbot. Auch wenn dieser Text für Juden nicht als biblisch gilt, bekommt man dennoch einen Eindruck davon, wie das Beschneidungsverbot aus der Sicht des jüdischen Kollektivgedächtnisses gesehen wird, nämlich als ein wichtiger Teil des Versuches, das Judentum insgesamt zu annullieren.

Wann haben Sie von diesem Urteil zum ersten Mal gehört?

Ziemlich sofort danach. Ich erinnere mich sehr gut daran Berichte darüber im Radio gehört zu haben. Und seitdem – natürlich – taucht das Thema innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinde immer wieder auf.

Wie empfinden Sie das Urteil?

Einerseits kann ich nicht sagen, dass ich sehr überrascht bin. In der letzten Zeit gab es in verschiedenen Ländern Versuche, die Beschneidung zu verbieten oder stark zu regeln. In San Francisco 2011 gab es sogar eine Volksabstimmung über ein Beschneidungsverbot, welches sich glücklicherweise nicht durchsetzte.

Andererseits aber ist es sehr überraschend, dass gerade in Deutschland solch ein Urteil gefällt werden konnte und obendrein die Mehrheit der Bevölkerung, laut der Umfrage, die ich gesehen habe, diesem Urteil zustimmte. Ich muss ehrlich sagen, dass diese ganze Geschichte sehr peinlich für Deutschland ist. Ich hätte gedacht oder gehofft, dass man hier wegen der Vergangenheit sensibler mit dem Thema umgehen würde. Ich frage mich, ob man wirklich aus dieser schwierigen Geschichte etwas gelernt hat. Und ich sage das nicht nur in Bezug auf das Judentum, sondern auch auf den Islam. Lassen Sie uns die Juden für einen Moment vergessen. Was sagt dieses Urteil den vier Millionen Muslimen, die hier leben? Es gibt keinen leichteren oder sichereren Weg, sich von ihnen weiter zu entfremden als diesen. Was das Judentum betrifft: unsere Zahlen sind natürlich viel niedriger, vielleicht gibt es 200.000 von uns hier. Aber wir sind symbolisch sehr wichtig. Was bedeutet es, wenn kaum 70 Jahre nach der Shoa ein existentielles Merkmal des Judentums verboten werden kann? Deswegen hat das Urteil so große Unsicherheit unter den Juden in Deutschland geweckt.

Um es zusammenzufassen: Im Oktober 2010 wurde vom damaligen Bundespräsidenten Wulff geäußert, dass das Judentum und inzwischen auch der Islam zu Deutschland gehören. Das Kölner Urteil hat ein riesengroßes Fragezeichnen hinter diese Aussage gestellt.

Obwohl das Urteil möglicherweise auch eine positive Folge hatte: es trägt vielleicht dazu bei, die jüdisch-muslimischen Beziehungen in Deutschland zu verbessern.

Hat Sie die öffentliche Debatte zu diesem Thema überrascht?

Ja, in einer Hinsicht: dass Beschneidung hier so negativ beurteilt wird. In den USA, wo ich aufgewachsen bin, werden Beschneidungen für Jungen normalerweise im Krankenhaus nach der Geburt angeboten.

Warum und wann findet eine Beschneidung im Judentum statt?

Beschneidung wird im Judentum als Berit Milah gekennzeichnet. Milah heißt Beschneidung, Berit Bund. Das heißt, die Beschneidung ist nicht nur Brauch, sondern markiert den Eintritt in die Gemeinschaft. Zum ersten und ausführlichsten Mal taucht  Berit Milah in der Bibel in Genesis 17,9-14 auf. Hier befiehlt Gott Abraham die Beschneidung für seine Söhne und für alle männlichen Angehörigen seines Haushalts am achten Tag des Lebens. Sie gilt gleichzeitig als der Bund selbst zwischen Gott und Mensch und als Zeichen für diesen Bund. Daneben dient die Berit Milah der Absonderung Israels: Auch wenn andere Völker oder Religionen, etwa der Islam, die Beschneidung durchführen, hat die Berit Milah im Judentum einen ganz besonderen Platz. Zum Beispiel selbst wenn der achte Tag nach der Geburt auf einen Sabbat oder sogar Yom Kippur, dem Versöhnungstag, fällt, findet die Berit Milah trotzdem statt. Da normalerweise am Sabbat keine Arbeit gemacht werden darf und der Versöhnungstag der wichtigste Tag des Jahres ist, zeigt dies ganz deutlich, wie wichtig und zentral dieser Brauch für das Judentum ist.

Im Falle der Konversion eines Mannes zum Judentum, erfolgt die Berit Milah auch, aber normalerweise nur durch die Entnahme eines Blutstropfens. Da die Berit Milah den Eingang in den Bund mit Gott darstellt, erfolgt dieses Verfahren selbst dann, wenn der Konvertit schon beschnitten ist.

Ist die Beschneidung religiöse Pflicht?

Ja, und könnte sogar als die Pflicht der Pflichten beschrieben werden: im Talmud wird gesagt: “Bedeutend ist die Beschneidung, da sie alle Gebote aufwiegt” (bNed 32a).

Könnte die Beschneidung aufgeschoben werden und der Junge sich im Jugendalter bewusst dafür entscheiden?

Aus gesundheitlichen Gründen wird die Berit Milah ohne Zweifel verschoben, wird aber sobald wie möglich vollzogen. Allerdings spielt es keine Rolle, ob der Junge in die Beschneidung einwilligen kann. Dies hat mit eben dem Charakter des Befehls Gottes zu tun: Jeder Vater im Judentum ist verpflichtet, seinen Sohn beschneiden zu lassen, nicht jeder Mann sich selbst.

Haben Sie einer Berit Milah schon beigewohnt?

Ja, mehrmals. Ich bin fast sicher, dass die erste meine eigene war, aber leider sind die Erinnerungen an diesen Zeitpunkt doch ziemlich dämmerig. Aber im Ernst: Ich habe mehreren beigewohnt. Es ist ein schöner Anlass: Normalerweise sind viele Leute (jüdisch und nicht jüdisch) dabei, es wird gut gegessen und gefeiert. Man hofft auf die Zukunft, dass genau “wie das Kind in das Bündnis eingetreten ist, so möge es auch in das Studium der Tora, unter den Hochzeitsbaldachin und zu guten Werken treten,” wie es im Talmud steht (bShabbat 137b).

Sind Sie von Freunden und Bekannten, auch aus den USA auf das Thema angesprochen worden?

Ja, man fragt besorgt: Was genau passiert in Deutschland? Wie wird versucht damit umzugehen? Ich versuche zu erklären, dass das Kölner Urteil nicht bindend für ganz Deutschland ist. Aber ehrlich gesagt, ich bin erst vor zwei Jahren hierher gekommen, mein Verständnis des deutschen Rechtssystems ist noch gering.

Teilen Sie die Meinung des Berliner Gemeinderabbiners Yitshak Ehrenberg, das Urteil tötet das Judentum in Deutschland?

Das Urteil selbst tötet das Judentum in Deutschland nicht, aber es bringt es, sozusagen, zum Bluten. Und wenn keine gesetzliche Regelung der Beschneidung folgt, wie sie etwa nun im Bundestag läuft, dann wird es ernste Folgen für das jüdische Leben hier haben. Dort, wo die Beschneidung nicht stattfinden kann, kann es kein richtiges jüdisches Leben geben. Im diesem Zusammenhang möchte ich betonen: das Judentum strebt danach, sich seiner Umwelt anzupassen. Es gibt sogar ein wichtiges Prinzip: das Gesetz des Landes ist das Gesetz für Juden. Also bei vielen anderen religiösen Vorschriften kann man sagen, okay, das ist etwas, das wir machen sollen, aber hier ist es nicht erlaubt. Aber bei einer so zentralen Pflicht wie der  Beschneidung ist das schwierig. Das Urteil ist deswegen für uns quasi als ob man den Christen sagen würde, die Taufe sei ein Strafakt.

Daniel Stein Kokin ist Juniorprofessor für Jüdische Literatur und Kultur an der Universität Greifswald

Es ist für mich persönlich nicht so interessant oder wichtig festzustellen, ob eine Aussage antisemitisch ist oder nicht. Das lasse ich gerne andere entscheiden, die sich um den Antisemitismus kümmern. Natürlich ist es aber nicht schön, wenn als Beispiel Marlene Rupprecht aus der SPD erklärt: „Wir hatten den Holocaust, also haben wir jahrhundertelang nichts zu kritisieren.”

Ich sehe das anders: Es ist durchaus erlaubt das Judentum oder jüdische Bräuche zu kritisieren. Man kann deshalb auch sagen: Ich bin gegen die rituelle Beschneidung. Aber dann muss man auch anerkennen, dass es einem wichtiger ist, eine angebliche „Körperverletzung“ zu verbieten als tolerant anderen Religionen gegenüber zu sein. Meinen die Gegner der Beschneidung das wirklich? Verstehen sie, was ihre Position tatsächlich bedeutet? Ebenso würde ich die Gegner der rituellen Beschneidung auffordern, sorgfältig darüber nachzudenken, warum ihnen dieses Thema eigentlich so wichtig ist. Ist es wirklich ein größeres Problem in Deutschland, dass einige jüdische und muslimische Eltern ihre Kinder beschneiden, als, sagen wir, dass Teenagers freien Zugang zu Zigaretten überall in diesem Lande haben? Man befürchtet, dass sich hinter den schön klingenden Forderungen zum Wohl des Kindes tiefsitzende Vorurteile gegen andere Kulturen verstecken.

Was halten Sie vom alternativen Berit Schalom, bei dem auf die Beschneidung verzichtet wird?

Berit Schalom, übersetzt Friedendsbund, ist eine jüdische Namensgebungszeremonie ohne Beschneidung, also „Berit ohne Schnitt“, wie der Titel eines vor Kurzem erschienenen Artikels in der Jüdischen Allgemeinen hieß. Natürlich ist es eine interessante Alternative, allerdings akzeptiert es bisher nur ein sehr kleiner Anteil des jüdischen Volkes. Gegen das Kölner Urteil haben sich sowohl die Reformer als auch die Orthodoxen, also fast das gesamte jüdische Spektrum in Deutschland, geäußert.

Spezifisch zum Berit Schalom habe ich zwei Bemerkungen: Erstens, es ist theoretisch möglich, dass das Judentum entscheiden wird, die Beschneidung symbolisch anstatt physisch durchzuführen. Früher gab es Tieropfer im Jerusalemer Tempel, heute stattdessen gibt es an ihrer Stelle Gebete. Die Opfer selbst tauchen heute nur symbolisch in der Liturgie auf. Man könnte sich sehr gut vorstellen, dass ähnliche Prozesse auch künftig passieren werden. Allerdings müssen sie intern erfolgen. Besonders an einem Ort wie Deutschland mit seiner Geschichte. Die Entscheidung des Gerichts gegen die Beschneidung und die Rufe einiger Politiker nach symbolischer Beschneidung als Ersatzritual bewirken innerhalb der jüdischen Gemeinde eher eine verstärkte Unterstützung der Berit Milah. Gerade wie zur Zeit der Makkabäer: im zweiten Buch der Makkabäer lesen wir über Mütter, die für die Beschneidung ihrer Söhne sogar den Märtyrertod in Kauf nahmen.

Und zweitens: Auch wenn ich so einen „Entbeschneidungsprozess“ – lassen Sie uns es so nennen –  für möglich halte, erwarte ich ihn sobald nicht – zumindest, was das normative, meistverbreitete Judentum betrifft. Das Judentum ist ganzheitlich, es lebt vom bräuchlichen Tun. Das Tun kann allegorisch erklärt und ausgelegt werden, aber bleibt immer fester Bestandteil. Und wenn es sich aber zur reinen Allegorie wandelt, also Allegorie anstatt Praxis, ist das immer ein Zeichen für die künftige Auflösung des Judentums. Es gab, gibt und wird immer Juden geben, die auf echte Beschneidung verzichten. Aber das Judentum selbst, also die Mehrheit der Juden, wird an der Beschneidung festhalten.

Wenn der Bundestag den aktuellen Regierungsentwurf verabschiedet, gibt es eine Straffreiheit für religiöse Knabenbeschneidung. Denken Sie, das Thema ist dann aus der Welt?

Natürlich nicht. Da die Beschneidung, vor allem die Berit Milah, immer diskutiert wurde und umstritten war, ist es schwierig sich vorzustellen, dass das in Zukunft nicht weiter der Fall sein sollte.

Ich denke, dass das Thema heutzutage so wichtig ist, weil es der individuellen Entfaltung des Menschen zu widersprechen scheint. Die moderne säkulare Gesellschaft basiert auf der Idee, auf dem Mythos könnte man sogar sagen, dass jeder Mensch über sein Schicksal, seine Identität für sich allein entscheidet. Das ist in vielerlei Hinsicht richtig und gut so! Aber darüber wird oft vergessen oder vernachlässigt, inwiefern wir unvermeidlich von den Umständen unseres Lebens, vor allem unserer Familiengeschichte geprägt sind. Unsere Individualität ist nicht so rein oder klar, wie wir uns das einreden wollen. Die überwiegende Mehrheit der Leute wählt nämlich ihre Kultur, Religion und Staatsangehörigkeit nicht aus. Das mag nicht so aufklärerisch oder rational klingen, aber ist tatsächlich so. Beschneidung spiegelt ganz deutlich die Grenze unserer Selbstbestimmung wieder und erinnert uns daran, dass jede Tradition, jede Identität immer von Eltern ihren Kindern überliefert wird. Während manche Leute, vor allem in Europa, auf solche Transmissionsverfahren weitgehend verzichtet haben, zeigt die Beschneidung unter Juden und Muslimen jedoch, dass sich andere Gruppen noch sehr aktiv um das Weiterleben ihrer spezifischen Identität kümmern. Kurz gesagt, was schlussendlich hier auf dem Spiel steht, ist inwiefern Eltern ihre Kinder prägen dürfen. Für manche in Deutschland lautet die Antwort: Nicht sehr viel. Aber eine Gesellschaft, die so entscheidet, hat keine Zukunft. Wie Thilo Sarazzin, nicht genau der Typ, den ich normalerweise gerne zitiere, es formuliert hat: Deutschland schafft sich ab.

Ein Interview von Daniel Focke; Foto und Grafik von Daniel Focke

 

Anmerkung: Der Kommentarbereich zu diesem Artikel musste leider geschlossen werden, da die Beteiligten mehr und mehr in Beleidigungen und Hetze gegenüber anderen verfallen sind und ein Wandel hin zu einer konstruktiven Diskussion nicht mehr absehbar war. Fragen und Anmerkungen bitte an web@moritz-medien.de. (Simon Voigt, Chefredaktion, 3. Februar 2013, 16:30 Uhr)

Welch ein Theater…

Geschrieben von | Veröffentlicht am 19. Dezember 2012 um 16:30 Uhr

An den Theatern in Mecklenburg-Vorpommern muss viel Geld gespart werden. Das Land ließ ein Konzept mit neun Modellen anfertigen, die Grundlage für die Diskussion sein sollen. Bis Ende des Jahres soll eine Entscheidung fallen.

Viele Zahlenspiele wurden in den letzten Monaten rund um die acht Theater in Mecklenburg-Vorpommern veranstaltet. Schon seit Längerem wird diskutiert, wie eine neue Theaterstruktur in Mecklenburg-Vorpommern aussehen könnte. Grund: Die Landeszuschüsse an Theatern und Orchestern wurde bei knapp 36 Millionen Euro pro Jahr bis 2020 eingefroren und viele der Einrichtungen rutschen immer weiter ins Defizit. Auch die Kommunen können die Theater nicht noch stärker unterstützen. Der Einsparbedarf wird auf rund 12 Millionen Euro im Jahre 2020 gegenüber 2011 geschätzt, vor allem wird dies durch steigende Personalausgaben bedingt.

Wie kann man dieser finanziellen Abwärtsspirale entgegenwirken? Die Metrum Managementberatung aus München hat vom Land den Auftrag bekommen, mögliche Modelle zu entwickeln unter der Prämisse, dass die Landeszuschüsse nicht erhöht werden. Im September stellte der Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) die neun erarbeiteten Modelle vor. Zudem konnten die Bürger Mecklenburg-Vorpommerns online über die Modelle abstimmen. Den wenigsten Zuspruch fanden die Konzepte, bei denen alles so bliebe wie bisher beziehungsweise nur durch Kooperationen Einsparungen vorgenommen würden. Für alle anderen Ideen entschieden sich zwischen 11,23 und 12,43 Prozent der Teilnehmer. Brodkorb wollte damit ein erstes Meinungsbild erhalten.

Auch einige Träger und Vertreter der Theater wurden auf einer Sitzung des Kulturausschusses des Landtags am 21. November zu den Modellen befragt. Dirk Löschner, der Intendant und Geschäftsführer des Theater Vorpommerns, bemängelt, dass nur wenige Vertreter eingeladen wurden sein und dass es nur eine einzige Anhörung gegeben habe: „Da hat man schon den Eindruck bekommen, als ob der Kulturausschuss das nicht sehr ernst nimmt.“ Die Ausschussvorsitzende Ulrike Berger (Bündnis 90/Die Grünen) hielt die Anhörung auf jeden Fall für sinnvoll und insofern erfolgreich, dass noch einmal viele Probleme deutlich geworden seien. Konkret habe sich gezeigt, dass „die meisten Sachverständigen eine Erhöhung der Landesmittel deutlich vor dem Jahr 2020 für notwendig halten.“ Eine Dynamisierung der Zuschüsse hält auch Löschner für essentiell, sonst seien die neuen Strukturen sofort wieder in ihrem Bestand gefährdet.

Zusammenlegung bringt Stellenabbau mit sich

Wenige Tage nach der Anhörung traf sich der Koalitionsausschuss, um eine Entscheidung über die weitere Vorgehensweise zu treffen. Das Ergebnis: Sowohl das Modell der zwei Landesopern als auch das „Zwei-Staatstheater-Modell“ sind in der engeren Auswahl und sollen weiterentwickelt werden. Beiden Modellen gemeinsam ist die Aussicht auf Personalabbau durch Stellenkürzungen, eine mehrheitliche Trägerschaft des Landes sowie die Voraussetzung, dass in Rostock ein Theaterneubau vorgenommen wird.

Die Einrichtung von zwei Landesopern würde bedeuten, dass die Rostocker und Schweriner Sparten Konzert und Musiktheater miteinander fusionieren und eine Landesoper bilden. Die Zweite wird aus den jeweiligen Sparten des Theaters Vorpommerns sowie Neubrandenburg und Neustrelitz gebildet. Die übrigen Sparten wie Schauspiel und Ballett bleiben an allen Spielorten bestehen. Der Einspareffekt wird auf 9,8 Millionen Euro geschätzt, indem unter anderem rund 160 Arbeitsplätze abgebaut werden. Die restlichen 2,2 Millionen Euro müssten dann bei den anderen Sparten gekürzt werden.

Die zweite Lösungsmöglichkeit, die die Landesregierung anvisiert, ist der Aufbau von zwei Staatstheatern. Diese würden aus einer Fusion der Theater Schwerin und Rostock zum einen sowie des Theaters Vorpommern und der Theater- und Orchestergesellschaft Neubrandenburg/Neustrelitz hervorgehen. Der Personalabbau würde sich dabei in einer Größenordnung von ungefähr 220 Stellen bewegen, was zu der Einsparung von rund 13 Millionen Euro pro Jahr beitragen würde.

Distanzen werden zu groß

Trotz des großen Stellenabbaus könne ein gleichwertiges Programm angeboten werden, schreibt die Unternehmensberatung in ihrem Abschlussbericht. „Das halte ich für Zweckoptimismus“, kontert Löschner. Er rechnet hingegen damit, dass das Angebot ausgedünnt werde und die schon bestehenden Lücken im Spielplan sich noch vergrößern würden. „Es passiert sogar jetzt schon mal, dass wir an einem Freitag oder Samstag auch hier in Greifswald nichts anbieten können, weil wir keine Kapazitäten haben. Und das würde sich dann häufen“, so der Intendant Löschner.

Ein weiterer Kritikpunkt sind auch die großen Distanzen zwischen den einzelnen Theaterstandorten. Schon jetzt gebe es laut dem Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung Gerald Mertens so viele Programme, dass die Orchester am unteren Rand der Spielfähigkeit seien. Auch Löschner befürchtet, dass die zusätzlichen Reisedienste die Kapazitäten auffressen würden. Man müsste beispielsweise den Einsatz des Orchesters stark auf die einzelnen Standorte aufteilen.

Bei einer Fusion der Theater liegen die Spielorte in verschiedenen Landkreisen, wodurch man noch mehr von der Idee des Stadttheaters abkommt, was auch Berger kritisch sieht: „Die Theater sind für die jeweiligen Regionen sehr identitätsstiftend und deshalb gibt es eine große Verbundenheit der Menschen  mit ‚ihrem’ Theater.“ Durch den größeren Einzugsbereich könne das Angebot nicht mehr speziell auf eine Stadt und ihr Publikum zugeschnitten werden, gibt Löschner zu bedenken: „Man kann dann keine stadtrelevanten Themen mehr aufgreifen und muss sich an dem Gros der Abnehmerstädte orientieren.“

Bis Ende des Jahres will die Landesregierung eine Entscheidung gefällt haben. Brodkorb bleibt bei diesem Ziel nicht mal mehr ein Monat Zeit, um mit den Trägern der Theater zu sprechen. „Das halte ich für völlig unrealistisch“, konstatiert Löschner. Er selbst rechne mit mindestens einem halben Jahr, in dem man sich intensiv mit den Modellen auseinander setzen müsse, um auf ihrer Grundlage praktikable Betriebsmodelle für die jeweiligen Theater ausarbeiten zu können.

Ein Bericht von Katrin Haubold & Susanne Triesch; Portraitfoto von Katrin Haubold

Ein Licht an ihrer Seite

Geschrieben von | Veröffentlicht am 3. Dezember 2012 um 11:21 Uhr

Die Betreuungssituation für krebskranke Kinder und ihre Angehörigen in Mecklenburg-Vorpommern ist äußert schwierig. Daher entschloss sich Petra Abramowski zur Gründung des Vereins „Kinderhospiz Leuchtturm e.V.“

In ganz Mecklenburg-Vorpommern gibt es 23 Erwachsenenhospize. Diese Abteilungen sind selten für Kinder und Jugendliche geeignet. Deshalb entwickelte sich in Rostock der erste und einzige ambulante Kinderhospizdienst „OSKAR“ im Oktober 2007. Nun soll in Greifswald ein Kinderhospiz gebaut werden.

Im Unterschied zu einem Erwachsenenhospiz können sich betroffene Familien bereits nach der Diagnosestellung an ein Kinderhospiz wenden. Dort wird es den Familien erleichtert, sich um das erkrankte Kind zu kümmern und nicht den schweren Schritt zu gehen, ihr Kind in ein Pflegeheim zu geben. Das Hospiz kümmert sich besonders um die Entlastung der Eltern und Geschwister. Hierbei erhält die gesamte Familie professionelle Unterstützung durch Ärzte und Psychologen. Damit die nötigen finanziellen Mittel und die statistische Grundlage in Greifswald gesammelt werden können, soll ab 2014 ein ambulanter Kinderhospizdienst geleistet werden. Beim ambulanten Dienst wird die Hauptaufgabe von der Koordinatorin und den Familienhelfern geleistet.

Petra Abramowski ist gelernte Kinderkrankenschwester und arbeitete auf einer onkologischen Station in Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen ihres Berufs bekam sie die Möglichkeit zur Hospitation im Kinderhospiz Balthasar in Olpe. Nach ihrem Umzug in den Norden stellte sie fest, dass die Infrastruktur für Krebskranke nicht gut genug ausgeprägt ist, was sie zum Handeln ermutigte:  „Dann habe ich mir gedacht, dass etwas passieren muss und vielleicht ist es gerade deine Aufgabe hier oben etwas zu starten.“ Nach einigen Gesprächen mit dem Kinderhospizdienst in Rostock kam es zu der Idee, eins in Greifswald zu gründen. Der ambulante Kinderhospizdienst in Rostock sei mit der jetzigen Lage überfordert, da er eine viel zu große Fläche abdecken müsse. Die erste Anlaufstelle für Abramowski waren dabei Ämter und Behörden, von denen sie sich Unterstützung erhoffte. Sie bekam jedoch keine Hilfestellung. Trotz dieser Probleme kam es schließlich im August 2010 zur Gründung des Vereins Kinderhospiz Leuchtturm e.V. mit damals 13 Gründungsmitgliedern. Die Mitgliederzahl ist bis heute auf 50 Personen gestiegen, wovon zwei Drittel aktiv dabei sind. Die passiven Mitglieder helfen durch ihren Mitgliederbeitrag.

Schlechte Finanzlage

„Wir sind auf Spenden und auch auf die Mitgliederbeiträge angewiesen“, erklärt die Gründerin des Vereins. Die Mitglieder zahlen 30 Euro im Jahr. Aus den Beiträgen und den Spenden lässt sich kein stationäres Kinderhospiz finanzieren. Im Moment sei die finanzielle Lage eher mittelmäßig. Gerade in der Anfangszeit des Vereins musste viel Geld in Werbung investiert werden. Zudem müssen Büroräumlichkeiten und Aufenthaltsräume finanziert werden. Spenden kamen gerade zu Weihnachten von einigen Firmen, die Geld an den Verein spendeten anstatt ihren Mitarbeitern Weihnachtsgeschenke zu überreichen. „Das sind aber keine Großspenden“, so Abramowski. Des Weiteren kam es in den letzten Monaten zu Kranzspenden: Verstorbene haben vor ihrem Tod verfügt, dass sie keine Kränze auf den Gräbern wollen, sondern dass sie eine Spende an den Verein befürworten. Zusätzliche Gelder kommen aus der Bußgeldstelle. Dort hat sich der Verein einschreiben lassen, um Bußgelder zu erhalten. Das Jahr 2013 wird das sogenannte „Aufbaujahr“ des Vereins. Förderungen seitens des Landes und der Stadt sind gegenwärtig nicht vorhanden. Die Stadt schließt jedoch nicht aus, dass es zu einer künftigen Projektförderung kommen könne.

Auf die Frage, wie sich das Projekt bis heute entwickelt hat, antwortet Abramowski, dass es bisher noch keinen genauen Standort für das stationäre Kinderhospiz gebe: „Wir hatten letztes Jahr eine junge Frau gehabt, die an der Uni Gesundheitsmanagement studiert hat. Sie hat eine Machbarkeitsstudie erstellt und dabei ist raus gekommen, dass es ganz schwer ist an Zahlen zu kommen.“ Diese Zahlen sind allerdings wichtig, um ein Konzept erstellen zu können, welches die Notwendigkeit eines Hospizes darstellt. Bei der Schaffung dieser faktischen Grundlage spielt der ambulante Kinderhospizdienst eine wesentliche Rolle, da dieser die erforderlichen Zahlen und Daten sammeln könnte. Abramowski versucht, schon jetzt zu helfen: „Ich betreue im Moment zwei Kinder ehrenamtlich. Das mache ich in meiner Freizeit. Das ist im Moment das Einzige, was läuft.“ Die derzeit betreuten Familien seien froh über die Unterstützung, da ohne diese auch alltägliche Beschäftigungen, wie beispielsweise ein Friseurbesuch, nicht möglich wären. Der Verein sei auch schon von Eltern angesprochen worden, die einen solchen Dienst gerne nutzen würden, wenn er zur Verfügung stünde.

Tabuthema in der Gesellschaft

Daher versucht der Verein auf Ehrenamtsmessen auf das Thema aufmerksam zu machen, welches immer noch ein Tabuthema  darstellt. „Kindertod und -krankheit hört keiner gerne. Das haben wir auf den Ehrenamtsmessen gesehen, dass gestandene Politiker aus dem Sozialministerium fröstelnd an uns vorbei gelaufen sind […] Die Thematik ist eine schwierige, aber wir können die Kinder nicht wegdiskutieren.“ Wie die Reaktionen von Politikern auf der Ehrenamtsmesse zeigt, sei das Thema Tod eines, das von der Gesellschaft eher verdrängt werde. „Früher war es Gang und Gebe, dass Verwandte in der Familie verstorben sind. Heute werden alle in Pflegeheime abgeschoben, um nur nicht damit in Berührung zu kommen“, lautet  ihre Erklärung. Der Tod von Kindern sei besonders schwer zu akzeptieren. Zurückzuführen ist dies auf den Aspekt, dass ein genauer Todeszeitpunkt meist nicht festgelegt werden kann, da es vom Krankheitsverlauf abhängt. Deshalb sei es gerade für betroffene Familien wichtig eine Anlaufstelle zu haben, die mit dieser Problematik vertraut ist. „Es wird großer Wert darauf gelegt, dass auch die Geschwisterkinder mal im Mittelpunkt stehen. Die stehen sonst immer im Abseits, weil der Fokus auf dem erkrankten Kind liegt“, so Abramowski. Zurzeit findet die Betreuung der pflegebedürftigen Kinder noch auf der onkologischen Station des Uniklinikums statt. Diese ist mit zehn Planbetten ausgestattet, jedoch ist die Anzahl der Erkrankten deutlich höher, sodass die Eltern meist auf sich allein gestellt sind, was die Pflege der Kinder angeht.

Für die Zukunft erhofft sich der Verein, dass sie ein großes Netz aus ehrenamtlichen Mitarbeitern in den verschiedenen Landkreisen aufbauen können. Der Kinderhospizdienst Greifswald soll die betroffenen Kinder auch in Uecker-Randow versorgen. „Es wäre natürlich wichtig, wenn wir uns bis darunter vernetzen könnten“, meint die Vereinsvorsitzende. Erschwert wird die Arbeit dadurch, dass der siebenköpfige Vorstand des Vereins in Vollzeit berufstätig ist.

Bleibt zu hoffen, dass die geplante Umsetzung ein Erfolg wird, so dass betroffene Familien mehr Unterstützung erfahren. Denn „der leuchtende Blick aus Kinderaugen ist, wie das Leuchten eines Leuchtturms. Beide weisen uns den Weg“, so Hans-Georg Abramowski.

Ein Bericht von Sarah Schnieder und Katharina Stegelmann

Die Frage nach den Grundrechten (2)

Geschrieben von | Veröffentlicht am 3. Dezember 2012 um 09:59 Uhr

Das Landgericht Köln hat in seinem berühmten Urteil vom 7. Mai 2012 die religiöse Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung bewertet. moritz suchte in Greifswald nach verschiedenen Meinungen – diesmal von einem Juristen.

Professor Sowada, wann haben Sie von diesem Urteil zum ersten Mal gehört?

Ich vermute, dass ich Ende Juni davon in einer Tageszeitung gelesen habe. Also mit Einsetzen der Diskussion in den Medien und der Öffentlichkeit.

Ein Schöffengericht des Landesgerichts hat das Urteil gefällt – wie läuft so etwas ab?

Nachdem in der ersten Instanz das Amtsgericht den Vorgang als straflos bewertete und den muslimischen Arzt freigesprochen hatte, legte die Staatsanwaltschaft gegen dieses Urteil Berufung ein. Zuständig war hierfür die Kleine Strafkammer am Landgericht, die mit einem Berufsrichter und  zwei ehrenamtlichen Laienrichtern, den sogenannten Schöffen, besetzt ist, die keine Juristen sind. Das Gericht stellte eine rechtswidrige Körperverletzung fest, sprach aber den Beschneider frei, da er sich – wie wir Juristen sagen – im unvermeidbaren Verbotsirrtum befand.

Wie kommt so etwas dann in die Öffentlichkeit?

Teilweise können Gerichte ihre Entscheidungen in juristische Datenbanken einstellen oder an Fachzeitschriften zur Veröffentlichung einsenden. Im vorliegenden Fall ist aber auch die Fachwelt aus den allgemeinen Medien auf das Kölner Urteil aufmerksam geworden. Das könnte in der Weise in Gang gekommen sein, dass das Gericht oder die Staatsanwaltschaft entweder an einen Journalisten oder an einen Rechtswissenschaftler herangetreten ist, der sich zuvor für die Strafbarkeit der Knabenbeschneidung eingesetzt hat. Die juristische Fachdiskussion ist im Jahre 2008 in Gang gekommen; sie wurde vor allem durch einen Beitrag des Strafrechtsprofessors Holm Putzke in der Festschrift für seinen akademischen Lehrer, Professor Rolf Dietrich Herzberg, ausgelöst.

Holm Putzke ist auch medial präsent; wissen Sie warum ihn das Thema so interessiert?

Meines Wissens ist das Interesse an dem Thema aus einem Gesprächskreis um Professor Herzberg hervorgegangen. Hierbei könnte auch der Umstand eine Rolle gespielt haben, dass die gesetzliche Entwicklung zu einer Stärkung der Kindesinteressen und einer strengeren Beurteilung elterlichen Handelns geführt hat. Vor dem Hintergrund dieser Strenge mag man die fortdauernde Duldung der Beschneidungspraxis als ungereimt ansehen.

Inwieweit ist die Beurteilung elterlichen Handelns verschärft worden?

Im Jahre 2000 wurde mit der Änderung des §1631 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches, das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung festgeschrieben und bestimmt, dass körperliche Züchtigungen durch die Eltern nicht mehr erlaubt sind.

Gab es vor dem Kölner Urteil kein juristisches Interesse an diesem Thema?

Das war doch recht überschaubar. Es wurden einige Fachaufsätze veröffentlicht. Aber es ist wie immer – wo kein Kläger, da auch kein Richter. Wenn die Eltern mit dem betroffenen Jungen im Kölner Fall nach der Komplikation wieder zu dem muslimischen Arzt gegangen wären, hätte dieser das Kind sicherlich gut behandelt und sich aber auch nicht selbst angezeigt. Es muss erst zu einem kultur-übergreifenden Zusammenwirken kommen, bei dem irgendjemand sagt, das geht doch aus Sicht des Kindeswohls nicht. Wenn die Beteiligten kein Problem damit haben, wer sollte es dann auch anzeigen? Es ziehen ja keine Staatsanwälte durch Köln, auf der Suche nach Beschneidungsopfern, das versteht sich.

Welche Wirkung hat das Urteil jetzt eigentlich, wenn doch Gerichte nicht an dieses gebunden sind?

Juristisch hat es bloß die Konsequenz, dass der Arzt in dem konkreten Fall freigesprochen wurde, es hat keine rechtlich verbindliche Leitwirkung. Jedes Gericht in Deutschland müsste für sich seinen Fall anhand der gleichen Rechtsnormen bewerten und könnte natürlich zu einem anderen Urteilsergebnis kommen. Obwohl also eine juristische Bindungswirkung für andere Fälle fehlt, kommt dem Urteil aber dennoch eine gewisse faktische Ausstrahlungswirkung zu. Zunächst einmal wird die Beschneidungsdiskussion aus dem Bereich einer rein akademischen Kontroverse in die Rechtswirklichkeit gehoben. Und in der öffentlichen Wahrnehmung entsteht der Eindruck, durch dieses einzelne Urteil habe sich die Rechtslage in Deutschland gewandelt im Sinne eines Umschwenkens der Rechtsprechung von einem ehemals straffreien Zustand in die Strafbarkeit. Die Richter konnten damals aber nur den ihnen vorgelegten Fall für sich entscheiden und nicht mit Blick auf die Konsequenzen Rücksicht nehmen oder die Konsequenzen scheuen.

Hat Sie die Debatte zu diesem Thema überrascht?

Mich hat das Urteil überrascht. Bislang wurde es geduldet und das war auch internationaler Standard. Mir ist auch kein Urteil bekannt, das die Knabenbeschneidung explizit erlaubt. Das Thema war ein weißer Fleck auf der juristischen Landkarte. In der momentanen Phase nach dem Urteilsspruch ist es eine rechtliche Grauzone.

Der aktuelle Gesetzesentwurf bezieht sich auf das Sorgerecht der Eltern. Wurde aus Ihrer Sicht ein gangbarer Weg gefunden?

Erst einmal kommt die Religion als Rechtfertigungsgrund so nicht mehr vor. Sie ist der Anknüpfungspunkt gewesen, warum der Gesetzgeber überhaupt erst darüber nachgedacht hat. Nun wäre anzunehmen gewesen, dass der Gesetzgeber eine Beschneidung aus religiösen Gründen erlaubt. Inzwischen darf man das grundsätzlich aus allen Gründen. Es sollte so sicherlich der Eindruck einer religiösen Sonderregelung vermieden werden.

Was wäre aus Ihrer Sicht geschehen, wenn der Gesetzgeber sich für eine Strafbarkeit ausgesprochen hätte?

Vermutlich wäre die Zahl der Beschneidungen zurückgegangen, aber wohl nicht auf Null gesunken, was irgendwann ein Strafverfahren nach sich gezogen hätte. Dagegen würden dann die Betroffenen den Rechtsweg ausschöpfen und geltend machen, in ihrem Grundrecht auf Religionsfreiheit und in ihrem Erziehungsrecht beeinträchtigt zu sein. Und das würde ziemlich schnell zum Bundesverfassungsgericht kommen. Die umgekehrte Variante, die sich jetzt abzeichnet, ist ungleich problematischer. Denn wir haben zwar jemanden, der nachteilig betroffen ist – das ist das Kind. Das Kind hat diese Klagemöglichkeit nicht, oder nur vermittelt über die Eltern, welche diesen Schritt aber nicht gehen werden.

Würden Sie dem Urteil zustimmen?

Die Knabenbeschneidung erfüllt unzweifelhaft den Tatbestand einer Körperverletzung, die spannende Frage ist, ob es eine rechtswidrige Körperverletzung ist. Gewiss dürfen Eltern in medizinisch indizierte ärztliche Heileingriffe einwilligen. Um solche handelt es sich bei rein religiös motivierten Beschneidungen aber nicht, da ihnen jegliche Heilfunktion fehlt. Die oft genannten Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation für eine Beschneidung beziehen sich auf die HIV-Vermeidung. Sie können aber nicht als Argument für die Knabenbeschneidung herangezogen werden, da der sexuelle Übertragungsweg in diesem Alter noch gar nicht gegeben ist. Ein Aufschub wäre also bis zur Entscheidung des Jungen zu Beginn der Pubertät insoweit ohne Weiteres möglich. Nach meiner Einschätzung ist dieser Eingriff schwerer, als ich es früher wahrgenommen habe. Ich hielt es eher für einen „Sturm im Wasserglas“, wenn ich ehrlich bin. Und da würde ich heute sensibler herangehen. Aber ich halte es anderseits – im Gegensatz zur ganz eindeutig unzulässigen Genitalverstümmelung bei Mädchen – nicht für eine so evident schlimme Situation, dass ich sagen würde, es dürfe dort überhaupt kein Zugeständnis geben. Für die Entscheidung des Gesetzgebers spielen ganz sicher auch politische Überlegungen eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang ist der gesamte Fragenkreis einer gelingenden Integrationspolitik berührt. Aber ein schlechtes Gefühl bleibt, da der Preis für die Toleranz, die wir den religiösen Vorstellungen der Eltern entgegenbringen, nicht von Ihnen oder mir, sondern von den betroffenen Kindern zu zahlen ist. Und es sollte auch nicht übersehen werden, dass die Kinder keine politische Stimme haben, ihre Grundrechte zu artikulieren.

 Ein Interview von Daniel Focke

Gedenken und Handeln statt Vergessen

Geschrieben von | Veröffentlicht am 28. Oktober 2012 um 21:12 Uhr

„Das Problem heißt Rassismus“ – unter diesem Motto riefen 20 Jahre nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen Verbände und Vereine zu Gedenkveranstaltungen auf. Die größte war die Demonstration, zu der 6 000 Menschen kamen.

Das Sonnenblumenhaus

Immer mehr Menschen strömen auf den Bahnsteig der Rostocker S-Bahn am Hauptbahnhof. Das vorwiegend junge Publikum kommt zum Teil schon von der ersten Kundgebung auf dem Marktplatz oder ist gerade erst aus den verschiedensten Teilen der Republik mit Zug und Bus angereist. Eine neue Gedenktafel erinnert auf dem Markt an die Pogrome vor 20 Jahren. Es ist schon die zweite Tafel an dieser Stelle; die erste blieb nicht lange an der Wand. Sie wurde damals von den Mitgliedern der Gruppe „Söhne und Töchter der deportierten Juden“ ohne Genehmigung angebracht und deshalb wieder entfernt.

Die neue Tafel ist eine Kopie von vor 20 Jahren. Noch ist nicht klar, ob die Gedenktafel hängen bleiben darf. Heute sind Bahnsteig und vor allem die Waggons der Stadtbahn vollgestopft. Die Bahn kann den Fahrplan nicht einhalten, die Passanten reagieren verwundert auf den Ansturm. Manche sind sogar verärgert. So bleibt es zwei Stunden, denn die Demonstranten steigen hier bloß um. Sie wollen nach Rostock Lütten Klein.

Von dort soll die Demonstration nach Lichtenhagen starten. Das Ziel ist das Sonnenblumenhaus. Dieser Ort geriet vor 20 Jahren in die Schlagzeilen. In dem Außenbezirk der Hansestadt gab es damals neben der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber auch ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Beides lag direkt nebeneinander im Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee. Dann kochte das Fass über, im August 1992. In der Republik rumorte es, die große Politik in Bonn berateten über das Asylrecht. In Rostock redete damals niemand, aber einige Menschen handelten plötzlich.

Nun sind tausende nach Rostock gereist, um dieser Ausschreitungen oder eher: dieser Pogrome zu gedenken.

Die S-Bahn ist brechend voll. An den Zwischenhalten versuchen immer mehr Leute einzusteigen, doch am Ende müssen viele am Bahnsteig stehen bleiben. Ein Surfer mit seinem Brett wird wohl noch längere Zeit warten müssen, ehe er zum Strand kommt. Trotz der Enge ist eine friedliche Stimmung im Zug. Dann ist der Bahnhof Lütten Klein erreicht. Eine Passagierin aus dem Zug ist froh, als die Leute aussteigen. Was die Leute hier wollen, kann sie nicht nachvollziehen: „Manche Dinge muss man einfach ruhen lassen. Ich habe nur Angst, dass irgendetwas passiert und Sachen zerstört werden.“

Umstrittene Demonstration zum Gedenken

: Etwa 6000 Demonstranten sammelten sich auf der Wiese hinter dem Sonnenblumenhaus – dem zentralen Gedenkplatz der Woche – für eine Kundgebung.

Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen bereits massenweise Menschen und mit jedem Zug kommen mehr dazu. Die Demonstration scheint aber noch nicht loszugehen. Flugblätter und ganze Zeitungen werden verteilt. Es wird aufgerufen, auch zu anderen Orten zu kommen, an denen in den 90ern Übergriffe auf Ausländer stattgefunden haben. „Entlarvt die Anstifter der Brandstifter – Oktoberfest, Hoyerswerda, Lübeck, Rostock, Mölln, NSU“, prangt auf einem Transparent. Orte, deren Name plötzlich nicht mehr für sich selbst steht, sondern für Rechtsextremismus und Ausländerhass. Für viele war Rostock-Lichtenhagen der Höhepunkt der Ausländerfeindlichkeit in den 90er Jahren und vor allem ist es für viele noch heute ein Schandmal in der Geschichte der Stadt. Aber nicht alle wollen daran erinnert werden: Gerade unter den Bewohnern sind viele der Meinung: dass die Geschichte einfach ruhen sollte.

Nicht so für die über 6 000 Demonstranten. Sie stehen hier, um auf das Problem aufmerksam zu machen: „Das Problem heißt Rassismus“, lautet das Motto. Passend dazu liegen Transparente mit der Aufschrift „Rassismus tötet“ auf dem Boden. Es geht also nicht nur um eine Demonstration oder Gedenken, sondern im Mittelpunkt steht das eigentliche Problematik: der Rassismus. Dennoch hat die Veranstaltung zu Diskussionen in der Stadt geführt.

Die Politik erstellte ein buntes Programm, um der vier Tage zu gedenken. Die gesamte Woche über war etwas los in Rostock: von Filmabenden, über Diskussionen, bis hin zu Konzerten. Aber eine richtige Demonstration war nicht wirklich erwünscht. So rief am Ende zum größten Teil die linke Szene dazu auf – was allerdings zu Sorgenfalten bei Anwohnern und Sicherheitskräften führte. Der so genannte „schwarze Block“ war auch vertreten und der ein oder andere daraus wohl auch auf handgreifliche Auseinandersetzungen vorbereitet. Es blieb die Zeit über größtenteils ruhig und friedlich.

Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung und es geht über eine Autobahnbrücke in Richtung Stadtteil Rostock-Lichtenhagen. Lange dauert es, bis der letzte vom Bahnhofsvorplatz loslaufen kann. Von den Lautsprecherwagen schallt Musik und regelmäßig ertönen Redebeiträge gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Einige Redebeiträge sind eher belangloses Herumgerede und andere wiederum bringen die Lage auf den Punkt: Das Problem im Land wird klar benannt und es lautet Rassismus.

Zwischen Musik und Stimmengewirr tönen immer wieder verschiedenste Parolen aus den Kehlen der Tausenden von Demonstranten. „Rassismus raus aus den Köpfen!“, doch kaum ein Unbeteiligter hört es. Die große Straße führt vorbei an einem Einkaufszentrum mit Kino. Doch abgesehen von den Demonstranten und der Polizei wirkt heute alles wie ausgestorben. Die Rufe verhallen im Nichts. Erst nach etwa einer Stunde erreicht der Demonstrationszug wirklich bewohntes Gebiet und es geht durch die Straßen von Rostock-Lichtenhagen. Durch den Bezirk, wo das schreckliche Ereignis vor 20 Jahren stattgefunden hat.

Der Schrecken in Lichtenhagen

Am 22. August 1992 entlud sich die angestaute Aggression vieler Menschen in Rostock. Doch so plötzlich war es gar nicht. Zuerst gingen Warnungen an die entsprechenden Behörden und die Ostsee-Zeitung druckte unzensiert einen Aufruf zu den Gewalttaten, die sich vier Tage lang in Lichtenhagen abspielen sollten. In den ersten zwei Tagen fielen jene Menschen dem Hass zum Opfer, die vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber campieren mussten, weil die Stelle total überlaufen war. Etliche von ihnen schliefen auf der Wiese – teilweise unter den Balkonen des Gebäudes und manche ganz ohne jeglichen Schutz über dem Kopf. Jeden Tag aufs Neue wurden sie zurückgewiesen, da keine Plätze für eine Aufnahme vorhanden waren.

Trotz der Warnungen, die an die Behörden gerichtet worden waren, passierte nichts, bis am 22. August 1992 die ersten Angriffe stattfanden. Hunderte von Menschen strömten nach Lichtenhagen und beteiligten sich teilweise aktiv oder manche passiv an den Übergriffen. Aus der gesamten Republik reisten bekannte rechtsextreme Personen an. Gruppen mit derselben Gesinnung verteilten Flugblätter und so kamen immer mehr Bürger, die sich an den Pogromen beteiligten. Oder sie standen daneben und jubelten oder hielten die Polizei davon ab, an Ort und Stelle zu arbeiten. Die Polizei hatte neben der Behinderung durch die Bürger auch noch zu wenige Kräfte vor Ort, um einzugreifen, was ein Handeln ihrerseits immer mehr erschwerte.

Erst nach zwei Tagen schien sich die Lage etwas zu beruhigen, denn die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber wurde geräumt. Doch mit den Übergriffen war es noch nicht genug: an den darauf folgenden Tagen griffen die Bürger das Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter – nur einen Aufgang weiter – an und warfen Brandsätze durch die Fenster. Über 100 Menschen wurden in dem brennenden Haus eingeschlossen. Die beängstigenden Bilder des ZDF-Teams, das mit im Gebäude war, gingen um die Welt. Auch bei diesen Angriffen wurden die Polizei und die Feuerwehr an ihrer Arbeit gehindert. Für die eingeschlossenen war es Glück, dass sie in der Feuerfalle überlebten. Ein paar von den damals Betroffenen waren bei der diesjährigen Gedenkveranstaltungen dabei.

Krtik am Handeln der Politiker

Während der bunte Menschenzug 20 Jahre danach durch den Stadtteil zieht, wird es immer unverständlicher, wie das alles geschehen konnte. Vor allem aber bleibt die Frage stehen, wie bei solchen Taten einfach zugeschaut werden kann – damals wie heute. Die Einstellung mancher Bewohner ist an ihren Gesichtsaudrücken abzulesen, während tausende Demonstranten an ihren Häusern vorbeiziehen. „Lasst uns hier in Ruhe!“ oder „Zu diesem Thema möchte ich nichts sagen!“, hört man die Bewohner in verschiedene Kameras sagen. Das deutliche Desinteresse in dem Bezirk ist zu spüren. Hier scheint das Motto „Vergessen statt Gedenken“ vorzuherrschen. Doch die Demonstranten lassen sich nicht von ihren Gedanken abbringen, warum sie durch die Straßen ziehen. Trotz böser Blicke von den Balkonen geht es immer weiter bis auf die Wiese hinter dem Sonnenblumenhaus.

Dort ist bereits ein Zirkuszelt aufgebaut, in dem verschiedenste Veranstaltungen in der Woche stattfanden. Und auch eine Bühne steht bereit, wo einen Tag nach der Demonstration Bundespräsident Joachim Gauck eine Rede halten soll. Dies soll gleichzeitig der Abschluss der Gedenkwoche sein. Ein gepflanzter Baum soll zudem ein bleibendes Zeichen setzen. Genau genommen wurde es schon gesetzt, denn die Eiche steht bereits und wird von der Polizei bewacht. Aber warum muss dieser Baum überhaupt bewacht werden, wenn es doch ein Zeichen der Versöhnung und des Gedenkens sein soll?

Viele Menschen aus der linken Szene kritisieren, dass der ausgewählte Baum ausgerechnet eine „Deutsche Eiche“ sein muss. Hätte es nicht auch eine jede andere Baumsorte sein können, wo doch ausgerechnet Deutsche Bürger diese Übergriffe vor 20 Jahren begangen haben. Dabei lautet eine ihrer Parolen die sie den gesamten Tag schon rufen: „Nazis gehen über Leichen. Und was macht Deutschland? Es pflanzt Eichen.“

Die Demonstranten vermissen bei der Politik die eigentliche Beschäftigung mit dem Problem. Die Frage bleibt, ob es Wichtigeres gibt, als sich um eine Baumsorte zu streiten. Bei so etwas hat wohl jeder eine eigene Ansicht in dem vielen Hin und Her. Was allerdings Fakt ist: Der Baum stand nur noch wenige Tage vor dem Sonnenblumenhaus. Dann wurde er in einer Nachtaktion abgesägt.

Auf der Wiese findet eine Zwischenkundgebung statt, bevor die Demonstration auf der Mecklenburger Alle zum Ende kommt. Einige Redebeiträge mit Danksagungen an die vielen Teilnehmer folgen und es wird dazu aufgerufen, auch an den anderen Orten den Opfern zu gedenken und auf das Problem aufmerksam zu machen. Heute ist das zu Teilen gelungen – vielleicht weniger bei den Bürgern im Bezirk Rostock-Lichtenhagen, aber auf jeden Fall mit der medialen Aufmerksamkeit in der Republik. Langsam zieht es alle in Richtung Bahnhof und zu den Bussen. Die Demonstranten aus allen möglichen Regionen fahren wieder nach Hause. Aber das Motto bleibt: „Das Problem heißt Rassismus.“

Haben die Randalierer von damals gewonnen?
Auf den Tag genau 20 Jahre später stehen wir hier, unsicher, was wir empfinden sollen neben Abscheu gegenüber so viel Hass und Gewalt. Trauer, weil in einem demokratischen Land mit derart vielen Rechten für die einzelne Person immer noch das Gedankengut der damaligen Täter zu finden ist? Erleichterung, weil dieses Gedankengut langsam aber stetig auf dem Rückzug ist? Ungläubigkeit, auf Grund der zeitweiligen Kapitulation der Exekutive vor dem Pöbel? Oder doch Freude über die Lehren, die das ganze Land aus dieser Beinahe-Katastrophe gezogen hat?

Für mich bleibt die Frage: Haben die Randalierer von damals gewonnen? Wenn eine Frau vergewaltigt wird, und der Täter behauptet, das Opfer hätte es durch aufreizende Kleidung etc. herausgefordert, nimmt ihn niemand für voll. Warum aber zieht diese Masche dann, wenn ein paar Hohlraumdübel sich ihren Frust von der Seele prügeln und zündeln?

Voller Grauen schaute die Welt im Herbst 1992 auf ein neues altes Deutschland. Überhaupt schauten alle zu: Die Anwohner, die Polizei, die Medienvertreter – alle schauten zu, aber niemand schritt ein. Teilweise halfen die Medien sogar bei der Koordination der Ausschreitungen. So druckte die Ostseezeitung kommentarlos Drohungen rechtsgerichteter Jugendlicher gegen Asylsuchende ab. Die Bild hetze monatelang gegen die „Asylanten“ und auch seriösere Medien schmückten sich nicht gerade mit Ruhm. Dies war definitiv keine Sternstunde der Presse. Als Konsequenz der Ausschreitungen von Lichtenhagen, Mölln und auch Greifswald, wurde im Mai 1993 das Grundrecht auf Asyl extrem beschnitten.

Sind wirklich die Asylsuchenden schuld gewesen an dieser Eskalation? Ich denke nicht. Das Problem war – und ist immer noch – ein gesellschaftliches Problem: So lange wir als Gesellschaft nicht sicher stellen können, dass es kein zweites Lichtenhagen gibt, so lange muss der Gesetzgeber den einzigen Faktor, den er in dieser gesellschaftlichen Gleichung wirklich kontrollieren kann, streng limitieren – nämlich die Anzahl der Asylbewerber.

Somit sind wir alle gefordert, wenn es darum geht, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen. In dem Moment, in dem das kleine Grüppchen Nationalisten keine Duldung mehr erfährt von der Masse, in dem Moment verpufft seine Kraft und das Übel könnte sich in Luft auflösen. Insofern haben die Randalierer nicht gewonnen, sie haben der Welt nur ihr hässliches Gesicht gezeigt, so dass sie heutzutage umso leichter erkannt werden.

Eine Reportage von Johannes Köpcke mit einem Kommentar von Erik Lohmann

Die Frage nach den Grundrechten (1)

Geschrieben von | Veröffentlicht am 28. Oktober 2012 um 21:07 Uhr

Das Landgericht Köln stellte im Mai in einem Urteil fest, dass es sich bei der religiösen Beschneidung um eine Körperverletzung handelt. moritz suchte in Greifswald nach verschiedenen Meinungen; den Anfang macht ein muslimischer Student:

 

Esam Al-Anwah (28), ist stellvertretender Vorsitzender des Islamischen Kulturzentrum Greifswald e.V.

Esam, hast Du die Debatte um das Beschneidungsurteil mitbekommen?
Ja, klar. Das kann ich nicht verstehen. Da soll eine Sache verboten werden, welche seit vielen Jahren gemacht wird. Wo ist da die Gerechtigkeit, wenn der Gesetzgeber kommt und unseren Glauben nicht mehr respektiert. Ein kleines Problem wird da groß geredet.

Habt ihr das Thema hier in der Moschee besprochen?
Nein, wir sind hier im islamischen Kulturzentrum, da machen wir uns keinen Kopf, da wir auch nur selbstorganisierte Studenten sind und keinen Imam haben. Uns interessiert das alles, aber als Thema wurde es bisher nicht angesprochen. Auch haben wir keine Familie und damit auch keine Kinder, deswegen ist es uns momentan nicht wichtig.

Wie siehst du die Diskussion?
Oft geht es bei der Beschneidung um die Sorge, dass nach der Entfernung der Vorhaut gesundheitliche Probleme auftreten. In den arabischen Ländern gibt es die Beschneidung seit über tausend Jahren. Wir haben niemals gehört, dass es nicht gut für die Kinder ist. Im Gegenteil, viele Studien haben gezeigt, dass es gut ist für die Gesundheit der Kinder und auch das HIV-Risiko ist niedriger; dies ist auch bestätigt durch die WHO, die Weltgesundheitsorganisation. Auch ist es wichtig für die Sauberkeit und Reinlichkeit. Ich sehe ein Problem darin, dass in Deutschland und auch in den westlichen Ländern von Freiheit gesprochen wird und auch von der Freiheit von Kindern. Und bei der Beschneidung soll das Kind nun gefragt werden ob es das will oder nicht. Letztendlich gibt es aber viele andere Dinge, welche die Eltern, aber auch der Staat früh bestimmen, ohne die Kinder zu fragen.

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TITEL Festmahl aus der Tonne

Geschrieben von | Veröffentlicht am 13. Juli 2012 um 19:20 Uhr

Man kennt es als Containern, Dumpstern oder Mülltauchen, doch was hat es mit diesem Trend auf sich und wie lässt es sich in Greifswald containern? Rumpel aus der Sesamstraße hat‘s vorgemacht und moritz nachgefragt.

Aus dem Müll auf den Tisch

Beim Containern handelt es sich allgemein gesehen um die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel. Dabei tendiert die Bewegung dazu, Mülltonnen von Supermarktketten zu durchforsten und die noch verwendbaren Lebensmittel herauszufischen. Der aus den USA kommende Trend ist auch in unserer Hansestadt angekommen. moritz wurde von Lias (Name von der Redaktion geändert), einer Dumpsterin, berichtet, dass es in Greifswald schätzungsweise zehn bis fünfzehn Gruppen gibt. Diese bestehen aus je vier bis fünf Personen und durchforsten immer zu später Stunde die Mülltonnen.

Doch wie genau fühlt man sich selbst, wenn man des Nachts Mülltonnen nach Essbarem durchwühlt? Sobald die Tonne geöffnet wird und einem ein säuerlicher Geruch in die Nase steigt, spürt man eine wachsende Spannung. Es ist alles noch dunkel. Erst wenn die Taschenlampen das Tonneninnere erleuchten, enthüllt sich das Geheimnis: Ein Berg voller Snacks an Obst- und Gemüsebeilagen gepaart mit Milchprodukten, die seit einem Tag abgelaufen sind, kommt zum Vorschein. Das große Wühlen beginnt, am Anfang ziemlich gehemmt und scheu, später wird die Tonne immer beherzter umgegraben. Mit einem Ohr immer nach verdächtigen Geräuschen lauschend, füllt man seine Supermarkttüten. Wenn alles gesichtet wurde, steigt man schnell auf sein Fahrrad und je nachdem, wie ergiebig die Beute war, heißt es ab zum nächsten Container oder nach Hause. Dort wird alles gesäubert, auf dem Tisch wie ein wahres Festmahl ausgebreitet und gerecht aufgeteilt, ein bisschen so wie Erntedank.

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TITEL Ohne BIO, ohne mich!

Geschrieben von | Veröffentlicht am 13. Juli 2012 um 19:14 Uhr

Inosinat, Guanylat, Maltodextrin – das sind typische Zutaten einer Tütensuppe. Dass es auch ohne Zusatzstoffe geht, zeigen Lebensmittelgemeinschaften wie NaMiKo. Ob frisches Brot oder selbstgemachtes Pesto, hungrig bleibt hier niemand.

Entschleunigen“ prangt in großen Buchstaben auf dem weißen Stofftransparent, das quer über das verwahrlost wirkende Haus gespannt ist. Rosafarbene Plastikblumen und in die Wand eingelassene Glas- und Keramikscheiben verschönern den Eingang. Kleine Käfer, die auf die steinernen Stufen gemalt wurden, führen zur Eingangstür hinein, die wohl einmal in einem kräftigen Blauton geleuchtet hat. In diesem renovierungsbedürftigen Haus befinden sich unter anderem die beiden Lagerräume der Nahrungsmittelkooperative, auch NaMiKo genannt.

NaMiKo ist neben dem Food Coop im Ikuwo die zweite Lebensmittelkooperative in Greifswald. Der Begriff „Food Coop“ wurde von dem englischen Wort ‚food cooperative‘ abgeleitet und bezeichnet Zusammenschlüsse von einigen Menschen, die ihr Essen direkt vom Erzeuger beziehen. Statt im Supermarkt Fertiggerichte mit fragwürdigem Inhalt oder überteuerte Bioprodukte zu kaufen, kümmern sich Food Cooper selbst um ihre Nahrungsmittelbeschaffung. Dabei gibt es unterschiedliche Möglichkeiten; die häufigsten Varianten sind Mitgliederläden, Bestellfoodcoops und Lagerfoodcoops. Bei einem Mitgliederladen wird von Food Coopern ein Laden mit angestelltem Personal betrieben, die die Ware verkaufen, wohingegen Bestell- und Lagerfoodcoops lediglich gemeinsam bestellen beziehungsweise ein gemeinsames Lager unterhalten.

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Derby in Greifswald!

Geschrieben von | Veröffentlicht am 13. Juli 2012 um 19:09 Uhr

Profifußball ist in Mecklenburg-Vorpommern rar gesät. Hansa Rostock musste gerade den Gang in die Dritte Liga antreten. Doch im Amateurbereich ist in unserem Bundesland einiges im Aufbau – auch in Greifswald.

Vor gut besuchter Tribüne verteidigen die Pommern ihr Tor vor dem Angriff des Greifswalder SV

Etwa 600 Fußballfreunde haben sich an einem windigen Samstagnachmittag im Volksstadion in Greifswald eingefunden. Das Derby zwischen dem Greifswalder SV und dem FC Pommern Greifswald soll vorerst das letzte Mal stattfinden – dies gilt zumindest für die Verbandsliga. Zwei kleine, verschiedene Welten treffen aufeinander. Solche Spiele haben immer einen individuellen Charakter. Die Vorzeichen könnten zudem nicht unterschiedlicher sein. Der noch junge Verein der Pommern steht als Aufsteiger fest und hat den Platz an der Sonne seit dem elften Spieltag verteidigen können. Die Saison 2011/12 offenbarte sich für die Mannschaft als eine erfolgreiche, nur durch wenige Tiefpunkte geprägte Zeit. FC Pommern-Trainer Eckart Märzke gesteht: „Wir sind im Pokal ausgeschieden. Das war eine traurige Angelegenheit.“

Der GSV hingegen bewegt sich im Niemandsland der Tabelle und hat weder mit den oberen noch unteren Plätzen etwas zu tun. Der frühzeitig gesicherte Klassenerhalt lässt auf eine erfolgreiche Saison schließen. Nico Loose, Mannschaftsleiter der 1. Mannschaft und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, sagt: „Den angestrebten Klassenerhalt haben wir mit dem Ende der Hinrunde erreicht.“ Die ausbaufähige Rückrunde ließ jedoch nur einen zweistelligen Tabellenplatz zu. Doch der mutmaßliche Unterschied der Vereine, der anhand der Platzierungen vorherrschen müsste, ist nicht zu erkennen. Es entwickelt sich ein sehr ausgeglichenes Spiel. Die Gastgeber des GSV halten sowohl auf dem Spielfeld als auch auf den Rängen mit. Die dort auffindbare rot-schwarze Dominanz ihrer Anhänger prägt die Atmosphäre.

Der im Jahr 2004 gegründete Verein Greifswalder SV 04 e.V. resultiert aus einer Fusion. Die Trümmer des Vorgängervereins Greifswalder SC seien nach seiner Insolvenz vom Eisenbahner Sportverein aufgefangen worden. Um die fußballerischen Kräfte der Hansestadt zu bündeln, schlossen sich der GSC, der ESV, der SSV Grün-Schwarz Greifswald und der Greifswalder SV 98 zusammen. Der heutige GSV war geboren. Andreas Krause, langjähriger Fan und Unterstützer bei der Öffentlichkeitsarbeit, sagt: „Unsere Strukturen reichen somit weit in die Vergangenheit zurück.“

Derbyatmosphäre im Volksstadion

FC Pommern-Trainer Eckart Märzke

Doch diese auf Erfahrungen beruhenden Strukturen lassen die Spieler partiell im Stich und der tabellarische Unterschied wird irgendwann auf dem Platz deutlich – Pommern gelingt die überraschende Führung. In der Folgezeit gestaltet die Mannschaft ihr Spiel druckvoller. Doch die Führung währt nicht allzu lange. Der GSV gleicht aus. Mit einem leistungsgerechten Unentschieden geht es in die Kabinen. Auf den Rängen kehrt Ruhe ein, die nur durch ein paar kleine Leuchteffekte unterbrochen wird und somit Derbyatmosphäre aufkommen lässt. Der FC Pommern formulierte das Ziel, der Hansestadt wieder Oberligafußball zu bieten, bereits bei seiner Gründung vor zwei Jahren. Nun ist dieser Plan aufgegangen. Märzke sagt: „Wir hatten uns damals das Ziel gesetzt, innerhalb der nächsten drei Jahre aufzusteigen. Jetzt haben wir es schon früher geschafft und das ist natürlich super.“ Die auf der Basis von Sponsoren vor zwei Jahren vollzogene Gründung des FC Pommern Greifswald kann nun Resultate aufweisen und das Vorhaben Aufstieg als erfolgreich abhaken.

Die zweite Halbzeit beginnt. Einige anfeuernde Rufe der Unterstützer des GSV, die auf der Gegengerade versuchen, das Team nicht nur durch Bier trinken und Bratwurst essen zu unterstützen, schallen herüber. Es ist deutlich zu spüren, dass es auch für die Fans des fusionierten Vereins um etwas geht – und zwar nicht nur um das Sportliche. Loose bemerkt: „Eigentlich ging es um nichts. Der Greifswalder SV befand sich im Niemandsland und der FC Pommern war bereits aufgestiegen. Bei solchen Derbys geht es allein um das Prestige.“ Für die gegnerische Seite hat das Derby wohl eher den sportlichen Reiz. Eine stabile Fankultur befindet sich scheinbar noch im Aufbau. Mit dem sportlichen Erfolg der Mannschaft einhergehend dürfte aber ebenso mit mehr Zuschauern gerechnet werden. Der FC Pommern konnte die Zuschauerzahl in der Saison kontinuierlich steigern. Kamen am Anfang noch um die 100, so sind es inzwischen bereits um die 200 bis 300 Sympathisanten. Märzke sagt: „Wir müssen uns entwickeln. Wenn wir Leistung bringen, dann kann uns keiner ignorieren und wir werden anerkannt – ob nun geliebt oder gehasst. Für Neid und Hass muss man auch viel arbeiten.“

Stadtverwaltung ist gefordert

Auch für die Stadt wird es nun interessant. Die durchaus problematische Aufteilung der Trainingsplätze verlangt nicht zum ersten Mal eine gerechte Übereinkunft zwischen der Stadt und den hiesigen Fußballvereinen. Zudem bestünden Verträge, die nicht jedem der Betroffenen zusprechen. Trainer Märzke definiert seinen Standpunkt: „Für mich ist von Interesse, dass man als Oberliga-Mannschaft einen eigenen Platz zur Verfügung gestellt bekommt.“ Dabei beruft er sich auf die Trainingsflächengestaltung der Saison vor drei Jahren. Dem damaligen Oberligisten GSV wurde das Recht zuteil, das Stadion und die umliegenden Trainingsplätze uneingeschränkt nutzen zu können. Der FC Pommern strebe nun eine gleichberechtigte Behandlung an und damit einen eigenen Trainingsplatz für die kommende Saison. In den vergangenen zwei Jahren haben sich die beiden Mannschaften einen Trainingsplatz teilen müssen. Die Trainingsflächengestaltung habe die Stadt in der Hand. Märzke ist hinsichtlich der Durchsetzung gewünschter Gegebenheiten optimistisch: „In dieser Beziehung gibt es positive Signale!“

Der sportliche Erfolg soll heute ebenso nicht ausbleiben. Der FC weist deutlich mehr Ballbesitz auf, kommt jedoch kaum zu verwertbaren Chancen. Die Konter des GSV lassen zu wünschen übrig und offenbaren kleine Schwachstellen im Spielaufbau, die sich bald rächen sollten. Es kommt, wie es kommen muss: In der 85. Spielminute zeigt der Tabellenführer seine Klasse und erzielt die Führung. Kurze Zeit später folgt der dritte Treffer, da der Gastgeber nun völlig auf seine Offensive setzt. Die Spieler und Fans vom GSV werden schließlich für ihren Kampfgeist mit einem Anschlusstreffer belohnt. Mit Punkten verlassen jedoch nur die Favoriten den Platz.

Beide Vereine leisten ihren Teil zur Nachwuchsförderung – jeder auf seine Art. Während bei dem jungen FC Pommern noch einiges im Aufbau ist, hat der GSV eine große Jugendabteilung vorzuweisen, die bereits das eine oder andere Talent zum Vorschein brachte. Besonders stolz ist der Verein auf Toni Kroos: „Ein Spieler, der in Schönwalde auf dem Hinterhof gespielt hat. Hier wurde eine Jacke, da eine weitere aufgehängt und dann haben sie gebolzt. Und nun spielt er beim Champions-League-Finale“, berichtet Krause.

Konkurrenzkampf zwischen den Vereinen

Nach dem Abpfiff kommt es zu kleinen Rangeleien zwischen den beiden Fanlagern. Einige Anhänger des GSV rupfen die Fahne des FC Pommern vom Zaun. Die Spieler selbst nehmen sich der Sache an und holen sie zurück. Sowohl der GSV als auch der FC Pommern wollen sich von der in den Medien thematisierten und provozierten Konkurrenz distanzieren.

Nico Loose, Mannschaftsleiter GSV

Ein Derby mit vielen Toren und einer entsprechenden Atmosphäre geht zu Ende. Die beiden Vereine gehen nun wieder getrennte Wege. Der FC Pommern bestreitet diesen als Teil der Oberliga. Dabei soll laut Märzke schöner und erfolgreicher Fußball zur Sicherung der Klasse führen. Begrüßen würde man einen Platz im Mittelfeld der Tabelle. Der Greifswalder SV konzentriert sich weiterhin auf die Verbandsliga. Das Ziel für die kommende Saison könne der Verein noch nicht klar definieren. Die Sommerpause und damit einhergehende mögliche Wechsel einzelner Spieler wirken sich laut Loose auf die künftige Planung der Mannschaft aus. Mitte Juli beginnt die Vorbereitung – dann könne man die Zielsetzung präzise bestimmen. Möglicherweise treffen sich die beiden Greifswalder Klubs im Landespokal wieder. Dann heißt es ein weiteres Mal: Derby in Greifswald!

Eine Reportage von Natascha Gieseler und Johannes Köpcke mit Fotos von Johannes Köpcke

TITEL Baden im Bodden

Geschrieben von | Veröffentlicht am 21. Mai 2012 um 19:10 Uhr

Ein Vorteil der maritimen Lage Greifswalds ist, im Sommer kostenlosen Badespaß genießen zu können. Aber an welchen Strand soll man fahren? Um euch die Entscheidung zu erleichtern, hat moritz Boddenstrände unter die Lupe genommen.

Kartenmaterial von openstreetmap.org; CC by SA

Die Strände am Bodden lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Zum einen gibt es die bekannten, gepflegten Strände in Lubmin und Eldena, die im Sommer aber auch oft überlaufen sind. Zum anderen gibt es abgelegene Strände bei Wampen, Loissin und Vierow. Hier gibt es statt touristischer Angebote Ruhe, dafür aber auch ab und zu Seegrashaufen am Strand. Im folgenden werden euch die Strände von West nach Ost vorgestellt. Eine tabellarische Übersicht findet ihr auf der nächsten Seite.

Die Vorteile des Wampener Strands sind ganz klar seine Abgeschiedenheit und die relative Nähe zur Stadt. Wer per Rad den Weg am Rande des Naturschutzgebietes entlang gefunden hat, darf sich über einen knapp 300 Meter langen und zehn Meter breiten Strand freuen, der durch Naturbelassenheit besticht. Die Brandungszone wird von Kieseln gesäumt, der Spülsaum von Muscheln und Seegrashaufen. Einen Imbiss und Toiletten sucht man hier vergebens. Direkt an den Strand kommt man nur mit dem Rad oder zur Fuß, Autofahrer müssen im Ort parken und mehrere Hundert Meter laufen.

Wenn der Wind die Wellen auf den Strand in Eldena trägt, wirkt dieser auf den ersten Blick wie ein richtiger Ostseestrand. Er ist auf 600 Metern Länge und circa 50 Metern Breite mit schönem weißen Sand bedeckt, dazu gibt es einige Buden und Volleyballfelder. Geht man ins Wasser, wird jedoch sofort klar, dass man nur in der Dänischen Wiek ist. Der Grund ist immer schlammig, oft voller Seegras und dazu sehr lange sehr nah an der Wasseroberfläche. Der Strand in Eldena ist ein städtisches Strandbad und kostet in der Sommersaison tagsüber Eintritt.

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