Autoren: Philipp Deichmann & Enzo Petzold

Seit gut zwei Monaten wird in deutschen Kinos wieder „gehitlert“. Doch die Verfilmung von Er ist wieder da offenbart im Gegensatz zur Romanvorlage mehr über Deutschlands Bevölkerung.

Wochenlang stand Timur Vermes 2012 erschienener Debütroman auf Platz 1 der Spiegelbestsellerliste. Auch das im Hitler-Duktus gelesene Hörbuch konnte an den Erfolg anknüpfen. Da wundert es wenig, dass rasch eine Verfilmung in die Wege geleitet wurde und seit Anfang Oktober Protagonist Adolf Hitler, dargestellt von Oliver Masucci, über die Kinoleinwände der Bundesrepublik geistert. Vor diesem Hintergrund, nachdem sich nun der erste Medienaufruhr gelegt hat, haben wir uns David Wnendts Film einmal genauer angeschaut.

Buch versus Film?

Eine Literaturverfilmung kann auf ganz unterschiedliche Arten umgesetzt werden. Oft gilt es, dem Anspruch einer mit der Buchvorlage möglichst übereinstimmemden Umsetzung gerecht zu werden: Ort, Charaktere und Handlung sollen möglichst detailgetreu und authentisch in bewegte Bilder verpackt werden. Leider bleibt trotzdem häufig etwas auf der Strecke, weswegen die Buchvorlage gemeinhin nicht selten als “besser” erachtet wird. Dass es aber auch manchmal ganz anders geht, beweist „Er ist wieder da“.

Deutschland 2014

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Anders als in Vermes Roman erwacht Adolf Hitler im Jahre 2014, drei Jahre später als in der Buchvorlage. Da Regisseur Wnendt die eigentliche Handlung durch dokumentarische Aufnahmen ohne Skript erweitert, verschwimmen die Grenzen zwischen Drehbuch und Realität. Der Zeitpunkt dieser Mockumentary ist gut gewählt: 2014, das ist das Jahr, in dem Deutschland seit 1990 das erste Mal wieder Fußballweltmeister wird. 2014 ist aber auch das Jahr, in dem Fremdenfeindlichkeit auf deutschem Boden erneut zu Hochkonjunktur aufläuft. Selbsternannte „Asylkritiker“, „Besorgte Bürger“ und „Patriotische Europäer“ entdecken ihr Versammlungsrecht und ziehen in großen Heerscharen voller Sorge, Frust und Angst vor einer drohenden Überfremdung auf die Straßen. Allen voran die schnellwachsende PEGIDA-Bewegung und deren Ableger schaffen es, relativ konstant trotz innerer Krisen und eines Vorsitzenden, der sich bereits an einer eigenen Hitler-Inszenierung versucht hat, weiter Anhänger zu mobilisieren. Parallel zu den Ressentiments gegenüber Sitte, Kultur und Religion der Menschen, die nach Deutschland kommen, steigen auch die Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und lassen düstere Erinnerungen an die ausländerfeindlichen Gewalttaten der 1990er Jahre aufkommen.

Gefeiert im ganzen Land

Und dann ist da auf einmal Hitler. Mitten in Berlin. Weshalb, das weiß niemand, aber er ist da und er ist unzufrieden mit dem Verlauf, den die Geschichte seit seinem vermeintlichen Ableben genommen hat. Mit diesen ersten Szenen aus der Ich-Perspektive Hitlers bleibt der Film sehr nah am Roman, entfernt sich in puncto Handlung und Erzählweise dann jedoch zusehends im weiteren Verlauf: Von niemandem für voll genommen und lediglich als Komiker abgetan, gelingt es Hitler dennoch schnell aufzusteigen. Zuerst ärmlich untergebracht bei einem Kioskinhaber, dann entdeckt und im ganzen Land präsentiert von einem Journalisten, weiter unterstützt von einem privaten TV-Sender und schließlich gefeiert in ganz Deutschland.

Viel Zuspruch, wenig Kritik

Es wird gelacht, gescherzt und zwischen Bier und Selfies fallen immer wieder Sätze wie „Je mehr Ausländer, desto niedriger der IQ“. Es dauert lange, bis zwischen den vielen Sympathiebekundungen ein älterer Herr deutliche Worte gegen Hitler findet:

„Wenn sich jemand in Bayreuth auf den Marktplatz stellt und Hitler nachahmt und das toleriert wird, dann ist das schlecht für Deutschland“.

Doch er bleibt in der Minderheit. Im Gedächtnis bleiben eher die pöbelnden Kneipenbesucher und Deutschlandfans, die sich nicht zu schade dafür sind, auf Geheiß des Protagonisten einen Punk zu verprügeln. Hitlers Beliebtheitswerte fallen urplötzlich, als die Erschießung eines Hundes ihm zum Verhängnis wird und sich für einen kurzen Moment die Fratze hinter dem bisher charismatisch wirkenden Protagonisten zeigt. Dennoch schafft er es mit einem neuen Buch, das direkt verfilmt wird, die Herzen der deutschen Zuschauer zurückzuerobern. Als Sawatzki bewusst wird, um wen es sich bei seiner Entdeckung tatsächlich handelt und was dieser scheinbare Komiker im Schilde führt, ist es bereits zu spät: Dem Aufstieg Hitlers steht nichts mehr im Wege.

Film im Film als selbstreferentieller Kunstgriff

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Die ganze Handlung wird im Buch, anders als im Film, aus der Perspektive Hitlers selbst und nicht in ständiger Begleitung seines Entdeckers und Filmemachers Fabian Sawatzki erzählt. Ihm dabei zuzuhören, ist vor allem im Hörbuch, das von Christoph Maria Herbst gesprochen wird, stellenweise sehr unterhaltsam. Die vielen Szenen ohne Skript der Sawatzki-Hitler-Odyssee durch Deutschland heben sich da am deutlichsten vom Buch ab. Hitlers Ideen erhalten großen Zuspruch und den Zuschauer beschleicht das Gefühl, dass viele der gezeigten (realen) Menschen in Hitler genau den Ansprechpartner finden, dem sie endlich ihre vorurteilbehafteten Ansichten anvertrauen können. Wnendt gelingt mit dieser selbstreferentiellen Metaebene des Films ein geschickter Kniff. Er verpasst dem Film zum einen eine völlig neue Perspektive, und verändert andererseits gekonnt die Zielrichtung: Entgegen der Erwartung ruht das Fadenkreuz der Satire hier nicht wie im Buch auf den Eliten aus Politik, Medien und Wirtschaft, sondern auf dem Zuschauer selbst. Damit trifft der Film mit seiner angepassten Handlung nicht nur den Nerv der Zeit, sondern entzieht sich auch dem direkten Vergleich von Buch und Film und mahnt gleichzeitig, den Film nicht als reine Unterhaltung zu verstehen. Zwischen den vielen Lachern über bloßgestellten Rassismus einfacher Gemüter wird auch die unterschwellige Warnung vor der deutschen Hörigkeit deutlich. So stellt Hitler zuversichtlich in der letzten Szene fest:

„Damit kann man arbeiten“.

Schauspielerisch ist Masuccis Hitler-Darstellung durchgehend sehr solide, dennoch wirkt er oftmals wie eine idealisierte Nachahmung des Originals, was oftmals allein dadurch zustande kommt, dass er seine Gesprächspartner hünenhaft überragt, ausgesprochen charismatisch auftritt und sich unbeeindruckt den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts unter Zuhilfenahme von Social-Media-Skills stellt.

Neben einer im Großen und Ganzen recht schnörkellosen Nebenhandlung inklusive Lovestory und Christoph Maria Herbst in der Rolle eines wichtigtuerischen Geschäftsführers, der dann doch sehr an Stromberg erinnert, bleibt so schließlich die Gewissheit, dass Hitlers Gedankengut wohl kaum 1945 verschwunden ist und fremdenfeindliche Ideen auch heute noch in erschreckend vielen Köpfen fest verankert sind.

 

Fotos: Filmplakat, Tagesspiegel Nr. 22 543, Dreharbeiten (Wikipedia)