Junge Literatur in Europa – ein Nachbericht

Auch dieses Jahr lud die Hans-Werner-Richter-Stiftung erneut talentierte Jungautoren zur Autorentagung „Junge Literatur in Europa“ ins Begegnungszentrum „Felix Hausdorff“ der Universität Greifswald ein. Auch wenn man aufgrund von Grippeerkrankungen und Terminüberschneidungen auf die Lesungen Mariana Lekys, Nuran David Calis‘ und Vladimir Vertlibs verzichten musste, zeigte sich Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, erfreut über die diesjährige Besetzung und das Wiedersehen mit ehemaligen Teilnehmern. So wolle man in der Tradition der von Hans Werner Richter organisierten Treffen der bedeutenden Gruppe 47 weder über ästhetische Grundfragen, noch politische Kontexte diskutieren, sondern lediglich „den Text zum Zentrum der Kritik“ machen.

Besonders am zweiten Tag zeigt sich die Tagung auch von "außerhalb" gut besucht.

Über drei Tage hinweg trugen die Künstler unter der Moderation von Literaturprofessoren, Lektoren oder Übersetzern halbstündige Auszüge aus ihren Prosawerken vor, die in einer anschließenden, ebenfalls halbstündigen Diskussion erörtert wurden. Das Publikum der Tagung variierte stark von Lesung zu Lesung. Waren bei den meisten Lesungen hauptsächlich die Autoren und ihre Moderatoren anwesend, so füllte sich der Saal bei den nordeuropäischen Schriftstellerinnen Leena Parkkinen, Asta Põldmäe und Amanda Svensson bis an die Grenzen seiner Kapazitäten mit Studierenden der Nordistik.  Bei den vorgetragenen Texten handelte es sich nicht nur um bereits veröffentlichte Werke, sondern teilweise auch um unvollendete Manuskripte, deren weiterer Verlauf noch nicht abzusehen war. Daher waren die anschließenden Diskussionen und „besonders auch die privaten Gespräche nach den öffentlichen Lesungen, in denen der Umgang untereinander offener war“ wertvolle Rückmeldungen auf das noch glühende Metall, wie Jan-Peter Bremer verriet. Die Auswahl der Künstler erwies sich sowohl auf inhaltlicher als auch darstellender Ebene als facetten- und abwechslungsreiche Konstellation. So fanden die Organisatoren eine ausgewogene Mischung zwischen „schwerer“, nachdenklicher Literatur und humorvollen Darstellungsweisen nicht minder tragischer Personen und zwischenmenschlicher Verhältnisse.

Melancholisch-Schwere und…

Reinhart Kaiser-Mühlecker im anschließenden Autorengespräch

In Andreas Schäfers Roman Wir Vier (2010) legt sich der Mord am ältesten Sohn bleiern über das alltägliche Leben einer vierköpfigen Familie. Dieser ist jedoch nur der Anstoß zu einer feinfühligen Darstellung der verschiedenen Haltungen der Verbliebenen zum Mörder, in denen sich auch die verschiedenen Bindungsebenen zum ältesten Sohn widerspiegeln. Ein intakteres aber kommunikativ ausbaufähigeres Familienleben zeigte Reinhard Kaiser-Mühlecker bei der Lesung aus einem noch namenlosen Manuskript auf. Hier projizierte er die eigenen Erfahrungen seines Zivildienstes in Bolivien und die Heimkehr zur Familie in die österreichische Provinz in ein literarisches Konstrukt, das über die nüchterne Beschreibung eines Bemerkens kultureller Unterschiede allerdings kaum hinausgeht. Den wohl ambitioniertesten Beitrag zum Thema „Familienschicksale“ steuerte Jen Petersen mit seiner Erzählung bei. In „Bis dass der Tod“ (2009) stürzt eine dem Wachkoma ähnliche Krankheit das intakte Leben von zwei Liebenden in den Abgrund. Entgegen aller Ratschläge lässt der Partner seine Geliebte nicht in ein Sanatorium einliefern, sondern beschließt, die Pflege seiner Frau in eigene Hände zu nehmen. In der vorgetragenen, deutlich von Cormac McCarthy (The Road) beeinflussten, Schlussszene stilisiert Petersen minutiös jedes Detail seiner Erzählung, vom Aussehen der handelnden Figuren bis hin zu deren karger Umgebung, die in einen modernen Epos über die Ambivalenz von Euthanasie alle Anwesenden sichtlich gefangen nahm.

Amüsant-Aufmerksame Literatur

Neben Erzählungen über die tragischen Abgründe des Lebens gab es auch humorvoll konotierte Auszüge zu hören. Patrick Hofmanns Roman Die letzte Sau (2009) beispielsweise thematisierte die Zwangsumsiedlungen ostdeutscher Gemeinden auf Grund geplanter Tagebauerweiterungen. Die von ihm inszenierte Familie sinniert jedoch nicht über die Unmenschlichkeit und Kurzsichtigkeit derartiger Baumaßnahmen, sondern plaudert in aufmerksam dokumentiertem Lausitzer Dialekt über Kriegs- und Nachkriegserlebnisse der Großeltern. Darüber hinaus wird die Familie, die das Schlachten einer Sau plant, weit mehr von der Ankunft der weiblichen Schlachterin als von den drohenden Abrissbaggern erschüttert.

Patrick Hofmann bei der multimedialen Vermittlung seines Romans "Die letzte Sau"

Auch der Protagonist aus Jan Peter Bremers unveröffentlichtem Manuskript Der Amerikanische Investor, ein erfolgloser Schriftsteller, taumelt zwischen den Extremen psychischer Unzurechnungsfähigkeit und pointierter Selbstironie. In seiner Wohnung liegend praktiziert der Schriftsteller eine literarische Chaostheorie, die sich anhand rhetorischer und in ihrem Ausmaß fast schon neurotischer Fragestellungen ins Unermessliche steigert; und doch steckt hinter allen witzigen Kopfkino-Trailern die Ungewissheit in der eigenen Existenz, die Konstruktion und Dekonstruktion des Selbst. An deutsche Popliteratur im Stile Benjamin von Stuckrad-Barres erinnerte schließlich die Lesung aus Amanada Svenssons Debütroman Hey Dolly (2008), dessen Übersetzung durch Studierende und Lehrende des Skandinavistikinstituts der Univserität Greifswald erarbeitet wurde. Unter Zuhilfenahme vieler Zitate der modernen Popkultur, die im anschließenden Gespräch durch Prof. Schiedermair amüsant näher beleuchtet wurden, und unerwarteter Anekdoten schildert Svensson die Identitätssuche einer jugendlichen und gelangweilten Schwedin, die in schwedischen Literaturzeitschriften für großes Aufsehen sorgte.

…und Grenzgängerinnen

Am eindringlichsten verkörperte dennoch Lucy Frickes Roman Ich habe Freunde mitgebracht (2010) die Synthese aus Tragödie und Komödie. In einer beklemmend-lakonischen und desillusionierten Ausdrucksweise porträtiert sie, wie sich vier Freunde Mitte 30 in ihren gescheiterten Lebensentwürfen wiederfinden und nun mit der Frage nach dem eigenen Zukunftsentwurf konfrontiert sind. In der kurzen Formel „war’s das schon?“ schlägt sich die bittere Tragik der vier Existenzen wie ein Vorschlaghammer nieder. Die Erzählweise der jungen Wahlberlinerin offenbart zwar mit jedem Komma einen neuen Abgrund ihrer Figuren, doch verbergen sich in einigen Nebensätzen treffend zynisch-sarkastische Beobachtungen und Paradoxien der modernen Gesellschaft. Einen außergewöhnlichen Kontrast zu den „deutschen“ Schreibarten bot die estnische Schriftstellerin Asta Põldmäe mit ihrer Kurzprosa Briefe an die Schwalben (2009). In einer sehr sensiblen und naturalistischen Sprache gibt sie die Gedanken und Emotionen einer unerwiderten Liebenden wieder, deren einzige Gesprächspartner die am Himmel kreisenden Schwalben sind. Ihre lyrisch-prosaische Grenzwanderung besticht durch einfühlsame Anspielungen auf estnische Symbolizismen und wirkt neben den Selbstverständlichkeiten moderner Prosawerke, wie beispielsweise von Fricke oder Svensson, beinahe wie ein anachronistisches Faszinosum, das von den Wundern vergangener Tage und Welten erzählt.

Fazit

Auch Nicht-Germanisten bot die diesjährige Tagung „Junge Literatur in Europa“ einen umfangreichen Einblick in die Gegenwartsliteratur, der abseits der Lesungen auch vertiefende und lockere Gespräche mit den Autoren ermöglichte. Diese und die Moderatoren zeigten sich gegenüber allen Formen von Kommentaren und Fragen zu ihren Büchern interessiert und aufmerksam, sodass jeder Hauch von Elitarität im Keim erstickt wurde. Auf der Prämisse, es werde lediglich über den Text diskutiert, ruhte sich der eine oder andere Autor allerdings ein wenig zu sehr aus. So sorgte die naive Frage eines Besuchers, der offenbar nicht der Eröffnungsrede beiwohnte, nach einer ästhetischen Innovation des Genres und der Kolonialisierung Südamerikas für nervöse Schnappatmung, große Augen und hilfesuchende Blicke. Verständlich, denn wer kann schon von einem Schriftsteller erwarten, sich darüber Gedanken zu machen? Und letztlich standen bei fast allen Diskussionen Fragen bezüglich der Textgenese und Schreibmotivation im Vordergrund, die selten den Text als solchen thematisierten. Vermutlich muss man sich hier aber damit zufrieden geben, dass die Autoren, wie Jan-Peter Bremer meinte, in den öffentlichen Diskussionen mit Kritik zurückhielten, um diese im Privaten etwas detaillierter zu äußern. Nichtsdestotrotz bietet „Junge Literatur in Europa“ eine in Greifswald einmalige Möglichkeit, sich thematisch breit gefächerter Gegenwartsliteratur zuzuwenden, und wenn’s nur zum Signieren des eigenen Exemplars ist.

Fotos: Felix Kremser; Startseite: Sabine Schmutzler via jugendfotos.de;

Fakultätsrat kippt Master-Hürde

Die Wege ins Master-Studium sind verschlungen, das Dickicht der Zulassungsbeschränkungen in Deutschland ist schwer zu durchdringen. In Greifswald kommt nun Licht ins Dunkel.

Dekan Professor Alexander Wöll bringt den Antrag in den Fakultätsrat.

Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät hat die Master-Sperre gestrichen. Bis jetzt mussten Studierende ihren Bachelor-Abschluss (BA) mit einer Mindestnote von 2,5 bestehen, um ein Master-Studium an der Greifswalder Uni aufnehmen zu können. Durch die Streichung der Zugangsnote als Voraussetzung, kann nunmehr jeder BA-Absolvent ein Masterstudiengang studieren. Die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät hat es im Oktober vorgemacht.

Keine Überlastung durch Aufhebung der Master-Hürde

Hinter dem Antrag zur Änderung der Prüfungsordnung für die Master-Studiengänge steckt der hochschulpolitische Referent des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) Franz Küntzel und der Präsident des Studierendenparlaments Erik von Malottki. Da beide nicht antragsberechtigt sind, brachte der Dekan der Philosophischen Fakultät Professor Alexander Wöll den Antrag in den Fakultätsrat ein.

Der Studiendekan der Philosophischen Fakultät Professor Patrick Donges erklärte: „Momentan sind die Master-Programme in der Philosophischen Fakultät noch längst nicht ausgelastet.“ Donges erteilte einem zukünftigen Überlastungsszenario eine klare Absage: „Das ist ein hypothetisches Problem. Meine Planungen erfolgen auf realistischen Zahlen. Aber notfalls mach ich auch ein Seminar mehr.“

Senkung des Standards schadet der Uni-Greifswald

Professor Philipp Harfst, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Politik- und Kommunikationswissenschaft, machte hingegen seine Bedenken gegen das „Absenken der Standards“ deutlich. Es schaffe ein Signal nach außen, das Greifswald nun jeden Studierenden nimmt und somit sein Niveau senke. Harfst widersprach Donges weiter: „Bei einer künftigen Überlastung wird es mit einem zusätzlichen Seminar nicht getan sein. Andere Dozenten haben vielleicht nicht diese Kapazität.“

Professor Patrick Donges verteidigt den Antrag.

Harfst erklärte zur Auslastung: „Der Markt bringt momentan nicht genügend BA-Absolventen hervor, denn auch an anderen Orten sind die Master-Programme noch nicht ausgelastet. Erst ab dem Wintersemester 2011/2012 kann man es genauer abschätzen.“ Ins selbe Horn stieß auch Ratsmitglied Professor Michael Soltau: „Das Aufheben der Zugangsnote wird zur Abwertung des Bachelor führen und den Master-Abschluss zum Regelstudium erheben.“ Harfst unterbreitete ein Kompromissvorschlag. Er sprach sich für fachspezifische Zugangskriterien aus. Da der Geschäftsführende Direktor kein ordentliches Fakultätsratsmitglied ist, fand sein Vorschlag keine Berücksichtigung.

AStA begrüßt die Aufhebung der Master-Sperre

Auch der Stellvertretende Senatsvorsitzende Thomas Schattschneider schaltete sich in die Debatte ein: „Es muss jedoch auch darauf geachtet werden, dass genügend Kapazitäten im Masterbereich vorgehalten werden, um allen Studieninteressierten auch einen Studienplatz zu ermöglichen. Sinnvoll wäre es jedoch gewesen, dass die an einem Masterstudienplatz Interessierten auch auf eine adäquate Bachelornote hingewiesen werden. Ein Absolvent mit 4,0 wird wohl kaum in der Regelstudienzeit seinen Master deutlich besser abschließen.“ Schattschneider sprach sich ebenfalls für einen Kompromiss aus.

Am Ende stimmte eine deutliche Mehrheit von 16 Mitgliedern dem Antrag von Dekan Wöll zu. Lediglich drei Ratsmitglieder enthielten sich der Stimme. Der AStA nahm die Streichung mit Freuden zur Kenntnis. „Der Beschluss zeigt, dass die Kritik der Studierenden am Bologna-Prozess durch die Fakultätsleitung und den Fakultätsrat ernst genommen wird und die Studierendenschaft ihren Teil zur Reform und Akzeptanz von Bologna beitragen kann“, sagte AStA-Vorsitzende Daniela Gleich.

Fotos: Marco Wagner (Wöll und Donges), Simon Voigt (Uni-Hauptgebäude), Maximilian Muehlens via jugendfotos.de (Uni-Abschluss)

Male Instrumenty – unbeschreiblich, abwechslungsreich, spannend

Maly Instrumenty aus Polen

Die Bühne im IKuWo gleicht an diesem Abend einem Instrumentenkinderzimmer. Ein Cello, Piano, Flügel, hier eine Gitarre, dort eine Balalaika, irgendwo ein Schlagzeug. Ein Becken, dass auf dem Synthesizer liegt. Und überall liegen Melodicas. Rechts auf der Bühne eine merkwürdige Konstruktion, die nicht ansatzweise nach einem Instrument aussieht. Das Besondere: Kaum ein Instrument, was die Bühne bevölkert, hat seine übliche Größe. Der Flügel misst bestenfalls eine Breite von 50 Zentimetern, das Becken einen Durchmesser von schätzungsweise drei Zentimetern. Wie wird man wohl auf diesen Instrumenten spielen können? Und was haben Gummiente und Gummischwein auf der Bühne zu suchen?

In dem Moment, als die fünf Männer der Band Male Instrumenty die Bühne betreten und zu musizieren beginnen, wird es deutlich: Ente und Schwein sind Musikinstrumente. Und für die nächste Zeit wird die Bühne in eine Manege verwandelt, die fünfköpfige Orchesterbesatzung zu Artisten im musikalischen Zirkus. Das Zusammenspiel der unzähligen Instrumente ergibt Kompositionen, die durch viel Humor und kindliche Freude geprägt sind. Und so wird der Hörer recht schnell vom Erwachsensein verlassen und taucht ein in die weite, grenzenlose Welt und alle Sorgen, Probleme, die vorher bestanden, sind nicht nur in weite Ferne gerückt, sie existieren gar nicht mehr. Plötzlich ist man wieder so klein, wie die Instrumente auf der Bühne und man befindet sich in seinem unaufgeräumten Kinderzimmer. Nur dass die Eltern nicht da sind, die zur Ordnung mahnen.

Reise ins Reich der Phantasie

Die Stücke entführen den Zuschauer ans rauschende Meer, auf dem dröhnende Dampfer fahren, Delphine springen und Möwen schreien. Doch damit ist bei weitem noch nicht das letzte Wort gesprochen. Es gibt kaum eine Band, dessen Stücke beim Hörer so unterschiedliche und abweichende Emotionen, Gefühle und Gedanken erzeugen. Und es gibt kaum ein Orchester, dessen Musik sich so schwer beschreiben lässt, wie diese. Weil die Musik zu abwechslungsreich ist. Sie entführt zu Alice ins Wunderland, oder zu Charlie in die Schokoladenfabrik. Sie versetzt den Besucher in gemütliche Trance.

Der Zirkus? Welcher Zirkus? Ach so, der von vorhin… Der ist längst vergessen. Jetzt existiert eine andere Welt. Mit jedem neuen Lied wird eine andere Wirklichkeit konstruiert, die in sich stimmig wirkt und sich am Ende von selbst auflöst. Mit jedem musikalischen Experiment werden andere Sinne geschärft, andere Emotionen hervorgerufen. Obwohl die Musik außerordentlich ungewöhnlich ist und das Mittel der Entfremdung bis zur Ekstase gesteigert wird, wirkt dennoch alles vertraut und harmonisch. Das Chaos ist die Ordnung, welche die Musik, das Zusammenspiel der Instrumente zur Maxime setzt.

Fraglich bleibt indes, wie man die Musik einordnen soll. Es ist genau genommen gar nicht möglich, die Kompositionen in irgendein Genre zu pressen. Wer das versucht, oder es einfach nur oberflächlich als „Indie“ bezeichnet, foltert und quält das Kunstwerk der Kombo. Denn es ist ein anarchistischer Albatros, der keine Grenzen kennt und über die Welt fliegt, sie so sieht, wie sie ist: farbenfroh, lebendig, unendlich.

Großartiges Konzert eines fünfköpfigen Orchesters

Und so spielt es fraglos auch nicht die geringste Rolle, dass eine Gummiente ein Kinderspielzeug für die Badewanne ist. Wer sagt denn, dass eine Gummiente ein Kinderspielzeug ist? Eben. Warum nicht auch einmal als Instrument? Ein Eierschneider ist nicht nur zum zerschneiden hart gekochter Eier für das Frühstücksbrot zu verwenden. Man kann mit ihm genau so gut musizieren. Damit wird jede Komposition zu etwas ganz besonderem, die von den Spielern außerordentlich hohes musikalisches Können abverlangt. Jeder Tonanschlag, der die Unordnung der Stücke vervollständigt, muss wohl gesetzt sein. Ein Griff daneben, schon wirkt es nicht mehr stimmig. Besonders positiv hervorgehoben werden muss zudem die Tatsache, dass kaum ersichtlich wird, wo Improvisationen beginnen oder enden. Alles wirkt immer wie aus einem Guss.

Zurück von dem Abend bleibt die Erinnerung an ein großartiges Konzert eines fünfköpfigen Orchesters mit zum Teil winzigen, kaum augenscheinlichen Instrumenten, dessen Kompositionen ungeahnten Facettenreichtum und Abwechslung hervor riefen, das Publikum fesselten und dazu zwang, die begrenzte Welt ins Unendliche zu erweitern und ins Reich der Phantasie zu entführen. Ein Konzert des Kleininstrumenten-Orchesters Male Instrumenty zu besuchen, kann allen nur ans Herz gelegt werden, die genügend Offenheit entgegen bringen, sich auf absurde, groteske, zum Teil auch folkloristische, summa summarum unbeschreibliche musikalische Experimente einzulassen.

Fotos: Christine Fratzke

Zum Studium nach Polen

Judith Brandt berichtete von ihren zwei Semestern an der Universität Wroclaw.

Zwei Semester verbrachte Judith Brandt an der polnischen Universität Wroclaw (Breslau). „Ich wollte meine polnischen Sprachkenntnisse intensivieren“, begründete die 24-jährige Medizinstudentin ihre Entscheidung. Vor ihrem Studium wohnte Judith im sächsischen Görlitz an der polnischen Grenze und lernte daher ein wenig die Sprache. „Am Anfang war es mit der polnischen Sprache schwierig“, berichtete die Medizinstudentin, die in Wroclaw auf Polnisch und Englisch studiert hat. Sie geriet ins Schwärmen: „Wroclaw ist eine sehr schöne Stadt.“ Judith kam über das europäische Mobilitätsprogramm Erasmus nach Polen. Probleme hatte die Medizinstudentin mit der Anrechnung ihrer polnischen Prüfungsleistungen. Nur einige klinische Studien bekam sie angerechnet, „aber das Jahr mache ich doppelt.“ Dennoch findet sie, dass alle Studenten die Chance für einen Auslandsaufenthalt nutzen sollten.

Finanzielle Fördermöglichkeiten für einen Auslandsaufenthalt

Gesine Roth schwärmt über ihren studentischen Auslandsaufenthalt vor 42 Jahren: "Es waren die schönsten Jahre meiner Jugend."

Am Dienstag, dem 23. November, hatte das Akademische Auslandsamt ins IKuWo geladen, um über Studienmöglichkeiten in Polen zu informieren. Gesine Roth, Leiterin des Auslandsamtes, ging in ihrem Vortrag auf das Erasmusprogramm ein. Für dieses können sich Studenten, die ins Ausland wollen, bewerben. Erasmus ist ein auf ein oder zwei Semester angelegtes europäische Mobilitätsprogramm. Studenten erhalten ein monatliches Stipendium von 150 bis 180 Euro, um einen Teil ihres Lebensunterhaltes davon bestreiten zu können. Die Studiengebühren der ausländischen Hochschule werden übernommen. Voraussetzung ist, dass man mindestens schon zwei Semester in Greifswald eingeschrieben ist. Erasmus eigne sich auch für Praktika von mindestens drei Monaten. Die Studenten müssen sich die Praktikumsplätze selber suchen und erhalten ein monatliches Stipendium von etwa 250 Euro. Neben Erasmus kann man sich auch beim Deutschen Akademischen Auslanddienst (DAAD), der Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa oder bei verschiedenen Stiftungen für eine Auslandsförderung, nicht nur in Polen, bewerben. Eine Finanzierung über das Ausland-BAföG ist ebenfalls möglich.

Anschließend kam Roth direkt auf Polen zu sprechen. Grundlegende, polnische Sprachkenntnisse wären gut, sagte die Leiterin des Auslandsamts, „auch wenn es viele Kurse auf Englisch gibt.“ Zur Vorbereitung findet im Sommer ein kostenloser Sprachkurs statt. Über den Abschluss eines sogenannten „learning agreement“ sichert sich ein Student die Anrechnung von polnischen Prüfungsleistungen in Greifswald. Hilfreich ist es, wenn bereits Kontakte seitens der Uni Greifswald oder der jeweiligen Fakultät zur ausländischen Hochschule bestehen. Im gesamten Ostseeraum gebe es zwölf Hochschulkooperationen, berichtete Roth, in Polen sind es unter anderem Szczecin, Posznan und Wroclaw.

Universität Szczecin (Stettin) stellte sich vor

Magdalena Zobel stellte die Universität Szczecin vor.

Während der Informationsveranstaltung stellte Magdalena Zobel von der Universität Szczecin (Stettin) ihre Hochschule vor, an der 30.000 Studenten immatrikuliert sind. Egal ob Rechts-, Natur-, Geistes- oder Wirtschaftswissenschaften, die Uni bietet rund 50 Studiengänge an. Wer in Szczecin studieren möchte, bewirbt sich über das Auslandsamt Greifswald. „Erasmus-Studenten erhalten einen polnischen Sprachkurs mit zwei Semesterwochenstunden“, sagte Zobel. Die Studiengänge sind neben Polnisch auf Englisch und teilweise auch auf Deutsch.

Abschließend schwärmte Roth, die vor 42 Jahren in der Sowjetunion einen Teil ihres Studiums verbracht:. „Es war das schönste Jahr meiner Jugend. Man geht in die Welt, um weltoffen zu werden. Man hat nicht umsonst so viele Freunde in der Welt“, warb sie für einen Studienaufenthalt im Ausland. Wer sich für einen Auslandsaufenthalt näher interessiert, kann sich auf den Internetseiten des Auslandsamtes informieren oder direkt im Auslandsamt in der Domstraße 8 vorbeischauen. Mit der Vorbereitung sollte man so früh wie möglich beginnen.

Fotos: David Vössing

„Hinter dem Ruf nach Strafe“ – Vortrag über rechte Todesstrafen-Kampagnen

Eine Ankündigung von Luisa Pischtschan

Zeitnahe Erinnerungen an Morde, die durch Neonazis verursacht wurden, stehen in den vergangen Tagen im Raum der Öffentlichkeit. Der vor 20 Jahren getötete Amadeu Antonio aus Eberswalde oder auch der im Jahr 2000 in Greifswald umgebrachte Obdachlose Eckard Rütz sind nur wenige Beispiele für erstarkende Rechtsextremismus-Strukturen. Einem anderen Aspekt dieser Szene – Kampagnen gegen Sexualstraftäter – widmet sich ein Vortrag am kommenden Samstag, dem 27. November.

Der Flyer zur Veranstaltung.

„Hinter dem Ruf nach Strafe“ – so lautet der Titel der Veranstaltung, die um 20 Uhr im sozio-kulturellen Zentrum St. Spiritus beginnt. Im Fokus des Vortrags sollen Neonazi-Kampagnen stehen, bei denen beispielsweise eine „Todesstrafe für Kinderschänder“ gefordert wird. Mit Hilfe derartiger Aktionen versuchen Rechtsextreme ihre Strukturen zu festigen, sich volksnah zu präsentieren und somit Befürworter ihrer menschenverachtenden Einstellungen zu erreichen. Erst vor wenigen Wochen fanden von Rechtsextremen organisierte Demonstrationen statt, darunter auch in Ferdinandshof und Neustrelitz. Des Weiteren wird der privat organisierte Vortrag am Samstag die Rolle von Kampagnen gegen Sexualstraftäter im Hinblick auf die Neonazi-Szene in Mecklenburg-Vorpommern beleuchten. Derzeit sitzen im Landesparlament Mecklenburg-Vorpommern auch sechs Mitglieder der rechtsextremen NPD, die Kampagnen für eine „Todesstrafe für Kinderschänder“ unterstützen. Darüber hinaus wird es am Samstagmittag um 13 Uhr eine Demonstration gegen erstarkende Rechtsextremismus-Strukturen geben, Treffpunkt hierfür ist die Mensa am Wall.

Der Vortrag beginnt am 27. November im St. Spiritus, Lange Straße 49/51, um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Flyer: Veranstalter