Stell dir vor: Arndt ist tot und keiner geht hin

Geschrieben von | Veröffentlicht am 29. Januar 2010 um 16:38 Uhr
Kategorien: Top-Themen, Universität

Ein Kommentar von Gabriel Kords

Nach der mehr als halbjährigen Debatte dürften die meisten Greifswalder Studenten inzwischen rudimentäre Kenntnisse über den Uni-Namenspatron erworben haben. Doch dass sich der Todestag des alten Arndt heute zum 150. Mal jährt, ist vermutlich den wenigsten geläufig. Das mag nicht weiter schlimm sein, und doch verwundert es, dass seitens der Universität und ihrer Institute heute offenbar keinerlei Anstalten gemacht wurden, des Patrons zu gedenken. Das zumindest erklärte der Pressesprecher Jan Meßerschmidt auf Nachfrage. Er könne das verstehen, fügte er noch hinzu, denn bestimmt wolle “niemand Öl ins Feuer gießen.”

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Arndt hat einen Platz auf dem Rubenowdenkmal - aber das war's auch schon.

Das klingt verständlich, denn schließlich scheint die Debatte nach der Urabstimmung und ihren zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten gerade endlich einmal etwas abzuklingen. Doch dass sich unter den in den letzten Wochen dann doch noch zahlreich hervorgetretenen Verteidigern des Namenspatrons offenbar niemand findet, der ihm heute gedenken will, verwundert schon ein wenig. Gerade heute böte sich Gelegenheit, einen würdevollen und differenzierten Einblick in Leben und Werk Arndts zu geben.

Wobei: Eine Ausnahme gibt es. Die Burschenschaft Markomannia veranstaltet heute Abend auf ihrem Verbindungshaus am Karl-Marx-Platz eine Lesung mit Texten des Dichters. Muss man ihr dafür am Ende noch dankbar sein? Nein, denn ganz unabhängig von der Frage nach politischen Einstellungen und Hintergründen der Verbindung ist unbestreitbar: Eine offizielle Repräsentationsfunktion aller Uni-Angehörigen kann und will die Burschenschaft gewiss nicht erfüllen.

Doch außer dieser Veranstaltung gab es heute nur eine kleine Anzeige auf der dritten Seite des Lokalteils der Ostsee-Zeitung. “Zur Erinnerung!” an Arndt hieß es da – unterzeichnet von “Professoren und Freunden der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald”.

Dass es – abgesehen von der Anzeige – heute offenbar ausschließlich einer Burschenschaft überlassen bleibt, des Uni-Namenspatrons zu gedenken, ist ein Armutszeugnis für alle, die sich Mühe geben, das Patronat Arndts über dieses Jahr hinaus zu erhalten. Die Universität als Ganzes muss sich angesichts dieses offensichtlichen Unwillens zur Identifikation oder auch nur zur Würdigung ihres Patrons in der Tat fragen lassen, ob sie seinen Namen noch tragen will.

Bild: gemeinfrei

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41 Kommentare zu “Stell dir vor: Arndt ist tot und keiner geht hin”

  1. Hurtz sagt:

    "Arndt hat einen Platz auf dem Rubenowdenkmal – aber das war's auch schon."

    Solche Kommentare sind an Arndts Todestag ziemlich unangebracht.

    • norrrberrrt sagt:

      Ach Gottchen, sollen wir jetzt alle ne Träne verdrücken für den hassverblendeten Mittelklasse- Dichter. Du musst auch anerkennen, dass es Leuten entweder am A*sch vorbei geht, dass Arndt nu schon vor 150 Jahren den Löffel abgegeben hat, bzw. einige Menschen sogar GERADE in seinem Tod einen Grund zum feiern sehen.
      Einen Tusch!!!

      • Klaus_Mm sagt:

        Den Tod eines Menschen als Grund für das Feiern zu sehen ist mehr als armselig.

        Gruß, Klaus

        • norrrberrrt sagt:

          Achso? Na ich erinner da nur mal an ein Lied, dass in Burschenschaftskreisen so gern gesungen wird: der Text, der die beschwingte Melodie begleitet enthält auf jeden Fall die Stellen "Es schwimmen zwei Leichen im Landwehrkanal" "…." "Es sind ja Rosa und Karl"…
          Schon klar, getrauert werden muss immer nur um das reaktionäre Pack.

          • Ferdefried sagt:

            Bödsinn! Denkst du dir sowas aus?

          • norrrberrrt sagt:

            Gewiss!
            Leugne was du willst, ich weiß es leider besser. Und auf so nen makaberen Schwachsinn würde nicht mal ich kommen.

          • Klaus_Mm sagt:

            Ich verkehre nun relativ häufig in Burschenschaftskreisen – ein solches Lied allerdings kenne ich nicht.
            Ansonsten war und ist meine Feststellung genau so gemeint wie sie oben steht – die Zuordnung des oder der Toten wie auch des oder der Feiernden sind da ohne Relevanz.

            Gruß, Klaus

  2. Danke für den tollen Kommentar !

    Dass es nun gerade die deutsch-nationale Burschenschaft Markomannia ist, die heute Ernst Moritz Arndt in einer Lesung gedenkt, ist bezeichnend.

    Zum Statement des Pressesprechers ist vielleicht noch zu sagen, dass es auch in den letzten 20 Jahren keine Veranstaltung der Universität zum Todestag oder Geburtstag von Ernst Moritz Arndt gab. Dabei hätte man zum Beispiel den 240. Geburtstag von Ernst Moritz Arndt feiern können…

  3. velosoph sagt:

    Deswegen steht da oben "Kommentar". Bitte hier nochmal nachlesen, was der Unterschied zwischen Kommentar und Bericht ist.: http://de.wikipedia.org/wiki/Kommentar_(Journalishttp://de.wikipedia.org/wiki/Bericht

    Ansonsten ist das Wort Objektivität in Verbindung mit Journalismus meiner Meinung nach unbrauchbar. Aber das wird jetzt zu OT.

  4. norrrberrrt sagt:

    War die Anzeige tatsächlich mit "Professoren und Freunde der EMAU" unterschrieben?
    Das ist aber nicht ganz korrekt, es gibt ja unter dem Lehrpersonal so einige, die da nicht unterschrieben hätten, wie jeder weiß. Und wieder anderes wird es völlig wurst sein.
    Dass zudem nur männliche Professoren erwähnt sind, spricht außerdem für die Anzeigenschalter (vllt war es ja auch nur einer, möglicherweise mit multipler Persönlichkeit….hm)

    • Das ist auch keine Anzeige der Universität !!

      Es ist eine Anzeige einer Privatperson, der von ein paar Prof. und Dozenten Spenden dafür sammelte. Ich hab auch schon gehört, wer dahinter stehen könnte. Aber das ist ja letztlich egal. In keinem Fall sind es "alle" Professoren – nicht mal im Ansatz…

  5. Marco_Wagner sagt:

    Schöner Kommentar, zu dem ich aber trotzdem noch meinen Senf dazu geben will/ muss.

    Ich weiß nicht, wie viel Zeit jene Dozenten im Moment haben, die für Arndt als Patron sind. Wir als Arndt-AG sind sclichtweg zu klein und haben aufgrund dessen, dass wir mitten im Prüfungsstress sind, keine Zeit, eine Gedenkveranstaltung o.ä. zu organisieren.

    Ansonsten hast du vollkommen Recht. Das (fast) Ausbleiben des Gedenkens an Arndt ist ein Armutszeugnis.

  6. Jan_Peter sagt:

    Und kannst Du das auch begründen oder verlässt Du Dich in der Sache komplett auf Dein Hinterteil?

  7. Birkhahn sagt:

    Es ist tatsächlich schade, daß Arndt offenbar nur im kleinen Rahmen bzw von wenigen gedacht wird. Ist aber an anderen Unis nicht viel anders.

    Vielleicht hilft die zurückliegende Debatte ja einigen – und auch den leider in dieser Hinsicht nicht sehr mutigen Verantwortlichen der EMAUG – Arndt wieder als das zu entdecken, was er vorallem war: Ein geistiger Freiheitskämpfer gegen die Tyrannei und Vorreiter des Parlamentarismus und damit der Demokratie in Deutschland.

    P.S.: Ja, ja, ich weiß, daß Jabbusch et al., ihn gerne als Teufel in Menschengestalt ("Protonazi") darstellen möchten, es gibt aber zum Glück genug denkende Menschen, die das anders sehen – und das mit gutem Grund.

    • Jan_Peter sagt:

      das "vorallem" ist… streitbar. (ich meine das nicht der Ortographie wegen)
      Und weitaus wünschenswerter wäre es überdies, dass die Debatte anregt, Arndt als Person mit zwei Seiten kritisch (aber "fair") zu reflektieren. Das ist (vgl. Text auf Uni-Seite) ja eigentlich im Moment nicht so sehr der Fall, sondern Schwarz-Weiß-Malerei steht auf der Tagesordnung.

      • Birkhahn sagt:

        Arndt, als Person, hatte sicherlich mehr als zwei Seiten. Diese waren – ebenso sicher – nicht alle sympathisch.

        Die Frage ist: Was bleibt? Und da kann man natürlich meinen, daß Antisemitismus und Franzosenhass überwiegen. Das hält aber mE bei einer Gesamtwürdigung nicht stand.

        P.S. OrtHographie?

        • Jan_Peter sagt:

          Also was überwiegt kann ich nicht beurteilen. Ich denke aber, dass es in (großen Teilen) der Gesellschaft quasi eine Art "Sperrklausel" bei Antisemitismus und Hass gegenüber einer Volksgruppe. Also dass diese Positionen nicht durch Positives "ausgeglichen" werden können. Das ist meine Interpretation der ganzen Debatte. Ob man das gutheißt ist zentraler Bestandteil der Diskussion, denke ich. Und ich persönlich halte diese Einstellung (der "Sperrklausel") nicht für das Schlechteste.

          Ich weiß, dass man dagegen halten könnte "Aber Luther……" – ich denke da liegt es einfach an Desinformation.

          P.S. Ja… peinlich ;-)

  8. Topps sagt:

    Schöner Beitrag zu diesem Tehma bei der Weltonline: http://www.welt.de/die-welt/kultur/article6023446

  9. Alani_Prinz sagt:

    Keine Ehrung ist auch eine Erklärung.

  10. CptSubtext sagt:

    Doch dass sich unter den in den letzten Wochen dann doch noch zahlreich hervorgetretenen Verteidigern des Namenspatrons offenbar niemand findet, der ihm heute gedenken will, verwundert schon ein wenig.

    In dem Artikel fehlt diverse Male das Wort "Öffentlich" Du sprichst von öffentlichen Gedenken, klammerst dabei aus das welche im Privaten Gedenken.

    Was ich hingegen ein Zitat "Armutszeugnis" finde ist wie die Leute im Kommentarbereich sogar an dem Todestag einer Person, über diese Person herziehen.

    • Jan_Peter sagt:

      Äh, wieso sollte man am Todestag einer Person, die man (logischerweise durch den Zeitabstand) nicht annähernd persönlich kennt, eine andere Meinung zu dieser Person haben bzw. seine Meinung nicht vertreten?

      • CptSubtext sagt:

        Eine Meinung "haben" oder "vertreten" ungleich "hemmungslos drüber herziehen".
        Das paßt mir ansich schon nicht, aber einige wenige instrumentalisieren den Todestag um noch extra nachzutreten. Es ist halt nichts mehr heilig.
        Ist ev. oben von mir irreführend formuliert.

    • norrrberrrt sagt:

      Hm, ist das wirklich so schwer einzusehen, Hurtz, dass es Menschen gibt, die ihren Kopf nicht nur zum Haare tragen haben und sich ne eigene Meinung bilden, statt einem verkommenen Idol blind hinterherzurennen?
      Sind nunmal nicht alle Freund von "Ein Volk, ein Dichter"… ich zieh über den senilen Hetzer her, wie ich will. Denn zum Glück ist das auch ein Teil der Freiheit, die ich in der Demokratie habe die ihr – seit der Urabstimmung – ja so vehement verteidigt. Also, auch einen Tag später nochmal ein Böllerschuss darauf, das Ernie ins Gras gebissen hat.

  11. Interessant ist, wie die OZ die Anzeige per Twitter (hier zu finden http://twitter.com/OZHGW/status/8328739863) groß ankündigte. Aus der angeblichen großen Anzeige ist dann allerdings eine normal große Anzeige geworden. Nach dem Tweet hatte ich was in der größe halbe Seite erwartet.

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