CD: Ganz beiläufig

Zuccheros „Fly“

Zu singen, was nötig ist, bedarf einer Stimme. Wenn darin eine leichte aufrichtige Prise Wehmut liegt, so verliert in der Musik zuweilen Geradliniges seine Süße nicht, sondern vermag sogar noch einiges dazu zu gewinnen.

Dem bärtigen Italiener mit der Sonnenbrille und dem Hut mag man dies nicht absprechen. Seit 35 Jahren bewegt sich Adelmo Fornaciari alias Zucchero im Musikgeschäft. Nach der Zusammenarbeit mit beispielsweise Miles Davis, B. B. King oder Paul Young drängt sich seit „Zu & Co“ die Frage auf, warum der Durchbruch in den USA noch aussteht. Mit dem schillernden Produzenten Don Was und interessanten Gästen hinter dem Mikrofon sieht der Erfolg des Neulings „Fly“, wenn auch sorgfältig vorbereitet, für ihn mehr als günstig aus. In „Quanti anni ho“ und „È delicato“ glänzt Zuccheros  stimmlicher Schmelz. Nicht als toskanischer Don Qujiote endete der Italiener  in aller Abgeschiedenheit vor seiner Windmühle, sondern meldet sich vielmehr als geistreicher Spaßvogel aus dem Tonstudio von Los Angeles zurück. Ein kleiner, feiner italienischer Satz prangt in der Hülle unter der Silberscheibe: Wie kann man fliegen, wenn man von Idioten umringt ist? Ist das nicht süß? Bedarf es der Worte mehr?

Geschrieben von Uwe Roßner

Das Fernsehen kommt!

Festmusik aus Sicht eines Chormitglieds

Montag, 16. 10. 2006, abends gegen zehn. Der Universitäts-Chor stand seit Stunden im unbeheizten Dom, probte, frierte, lutschte exzessiv Hustenbonbons, stand sich die Beine in den Bauch, sang sich die Stimmbänder wund. Dennoch schien es einfach nicht voran gehen zu wollen.

Es war die Generalprobe zum Jubiläumskonzert. Laut unserem Chorleiter würde dies ein sehr wichtiger Tag für den Chor werden. Alles musste stimmen, schließlich würden wir uns einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.

Proben als Passion

Die Chorproben begannen in den Semesterferien, als man eigentlich gerne noch ein paar Tage weggefahren wäre. Aber was tut man nicht alles für die gute Sache. Und wir hatten viel zu tun. Zum einen musste die über die Semesterferien wieder eingerostete Krönungsmesse von Mozart aufgefrischt werden. Zum anderen musste ein neu komponiertes Stück, die Croy-Cantate vom Kirchenmusikdirektor, Herrn Jochen  M. Modeß, einstudiert werden. Das schien zunächst eine interessante Sache zu werden. In diesem Stück wurde der universitätseigene Croy-Teppich quasi vertont. Die Noten hatten wir am Ende des letzten Semesters erhalten. Das Stück war damals noch gar nicht vollendet. Wir mussten als erste Aufgabe bei den Proben alle unsere Noten mit dem fertigen Stück abgleichen. Aufgrund der hohen Zahl der Mitwirkenden, der Solisten, dem Philharmonischen Orchester Vorpommern, dem Dom-Chor und uns, war das nicht einfach. Meist herrschte nur allgemeine Verwirrung. Wo sind wir jetzt? Wann kommt der Einsatz? Und wie wird sich das später wohl anhören?
Zusammenfassend kann man sagen: Es waren sehr kreative Proben, denn jede Woche wurden wir über die neuesten Änderungen am Stück in Kenntnis gesetzt. Und es waren verdammt viele Proben. Aber die Aussicht auf den großen Tag schien alles zu rechtfertigen.

Die heiße Phase

Schon in den Ferien war ein jeder von unserem Chorleiter, Universitätsmusik-direktor Harald Braun gebeten worden, seine persönlichen Daten wie Name und Geburtstag ans BKA zu mailen. Für Sicherheitskontrollen während des festlichen Empfangs am Dienstagmorgen. Schließlich galt höchste Sicherheitsstufe. Greifswald erwartet ja auch nicht jeden Tag so hohen Besuch. Der Bundespräsident und sogar die schwedische Königin hatten sich angesagt! Schon da hat man sich ziemlich wichtig gefühlt.
Dass das Fernsehen ebenfalls erwartet wurde und das Ganze sogar live übertragen werden sollte potenzierte dieses Gefühl nur noch. Welches Ausmaß an Sicherheitsvorkehrungen ein jeder von uns über sich würde ergehen lassen müssen, drang aber erst kurz vor dem tatsächlichen Ereignis in unser Bewusstsein.
Zuerst erhielten wir am Ende der Generalprobe alle einen Organisationsteam-Ausweis. Und dann erklärte uns Harald Braun den Zeitplan für den Empfang. Da es schon um zehn losging, sollten wir alle spätestens gegen acht Uhr am Dom sein. Ausweiskontrolle, Taschenkontrolle, Bodycheck, Spürhunde, das ganze Programm. Wir sollten Zeit mitbringen.

Für zehn Sekunden

Das taten wir dann auch. Frühzeitiges Aufstehen um sechs, duschen, frisieren, stylen, dreimal vorm Spiegel drehen und los. Es war sogar zu früh, um sich irgendwo einen Kaffee zu kaufen! Aber: Es lohnt sich ja! Das Fernsehen kommt! Und die schwedische Königin! Da möchte man ja dabei sein. Also schnell zum Dom, den tollen Ausweis  griffbereit, doch… den wollte niemand sehen! Unsere Taschen wurden nicht gefilzt und abgetastet wurde auch niemand.
Nach zweistündigem Einsingen und Warten hinter der Bühne ging‘s dann los: Das Orchester begann zu spielen, alle erhoben sich, die Köpfe drehten sich erwartungsvoll zur Tür und da kamen sie dann. Die ganzen wichtigen Persönlichkeiten: Ihre Majestät Königin Sylvia, Bundespräsident Horst Köhler, unser Rektor Magnifizenz Westermann, der Kardinal, der Bischof und ganz viele andere.
Als der Chor dann einsetzte, zwischen zwei Reden das Gloria schmetternd, schwenkten die Kameras für zehn Sekunden über den Chor, aus weiter Ferne. Wofür hatte man sich nochmal so fein gemacht? Warum sagte Sylvia denn die ganze Zeit nichts und überhaupt! Aber zum Ärgern blieb gar keine Zeit.

Letzte Änderungen

Schnell fernsehfein zu den wichtigsten Vorlesungen eilen, was durchaus befremdete Blicke seitens der Kommilitonen hervorrief, was essen, noch die neue Aula besichtigen (aufgemalter Stuck…) und dann schon wieder fix zum Dom. Das so wichtige, repräsentative Konzert nahte!
Konzentriertes Einsingen, Noten zurecht suchen, den letzten Anti-Halsschmerz-Tee austrinken. Kurz vor Konzertbeginn teilte uns der Komponist Modeß noch die letzten, ultimativen, finalen Änderungen in der Cantate mit.
Aber bevor man sich so richtig aufregen konnte, hatte das Konzert auch schon begonnen. Die Brahmsche Ouvertüre und die Mozartsche Messe gelangen erwartungsgemäß gut. Nun kam die Probe aufs Exempel: Die Uraufführung der Croy-Cantate. Alles bezog Position, es sollte nämlich die räumliche Aufteilung des Teppichs dargestellt werden. Der Uni-Chor stand um das Publikum herum, als Teppichrand. Wir waren quasi die Troddeln. Was zur Folge hatte, dass man den Zuhörern direkt ins Ohr sang. Die Armen.
Jeder zählte eifrig Takte, versuchte, die Einsätze und die Töne zu treffen, deutlich zu artikulieren und den Takt zu halten. Es gab dennoch kleine Patzer, aber mit der entsprechenden Überzeugungskraft gesungen passte das ins Stück. Moderne Musik. Am Ende wurde viel applaudiert und Erleichterung machte sich breit. Wir hatten es geschafft! Das Konzert war vorbei. Man durfte die schmerzenden Beine wieder bewegen und Zufriedenheit durchströmte einen. 550 Jahre Uni Greifswald! Und wir waren dabei! Im Fernsehen! Und als Teppichtroddeln! Is dat schön!

Geschrieben von Antonia Garitz

Kino: Eine Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs

Jonathan Dayton und Valerie Faris‘ „Little Miss Sunshine“

Familie kann man das nicht wirklich nennen. Der Opa (Alan Arkin) kifft ständig und fliegt deshalb aus dem Altersheim. Der Sohn (Paul Dano) trotzt der Welt seit einem halben Jahr schweigend. Der Schwager (Steve Carell) überlebt einen Selbstmordversuch und muß nun rundum betreut werden. Die Hauptfigur Richard Hoover (Greg Kinnear) verspricht in Motivationskursen lebensverbessernden Erfolg. Dafür müssen Teilnehmer nur neun Stufen erklimmen. Sein eigenes und das familiäre Leben scheinen nicht verbesserungsfähig.

Einzig die siebenjährige, etwas pummelige Tochter Olive (wunderbar: Abigail Breslin) strahlt Optimismus aus. Positiv wirkt ihr Traum, am jährlichen Schönheitswettbewerb „Little Miss Sunshine“ teilzunehmen. Sie erhält eine Einladung und die ganze Familie – die keine mehr ist – macht sich auf den Weg nach Kalifornien. Große und kleine Katastrophen während der Fahrt stellen die Figuren auf eine harte Probe. Doch Olives kindlicher Optimismus darf nicht erschüttert werden, denn der Wettbewerb steht über den individuellen Interessen der Fahrgemeinschaft. Kämpferisch lösen die Einzelgänger ihre familiären Probleme und eine alte neue Gemeinschaft ist geschaffen. In ihrem Regiedebüt verzichten Jonathan Dayton und Valerie Faris auf große Emotionen. Leise Töne, kleine Gesten und wachsendes Vertrauen machen die Familie aus. Schonungslos stellt sich der Alltag der Hoovers dar und trotz der Einfachheit der filmischen Mittel überzeugt der Film. Die generationenübergreifend großartigen Darsteller sind das Aushängeschild dieser US-amerikanischen Independent-Produktion.

Geschrieben von Verena Lilge

Kino: Im Zeitalter der Unvernunft

Milos Formans „Goyas Geister“

Wenn man ein Historiengemälde schafft, besteht die Leistung weniger darin, nüchtern die Faktenlage zu dokumentieren, sondern zu versuchen, die einmalige „Aura“ der Geschichte einzufangen. Dies ist Milos Forman bereits 1984 mit „Amadeus“ gelungen. In „Goyas Geitser“ ist das Künstlergenie jedoch nicht Mittelpunkt, sondern vielmehr Chronist des Geschehens.

Wir sehen also weniger Francisco de Goya (Stellan Skarsgård), sondern das, was er selbst wahrnahm. Der lebensfrohe Maler, der zunächst seine künstlerische Freiheiten am spätbarocken Königshof ausleben kann, ohne jedoch seine Augen vor den sozialen Missständen zu verschließen, wandelt sich in Zeiten von Besatzung und Bürgerkrieg.  Seiner moralischen Aufrichtigkeit steht der schmierige Wendehals Lorenzo (Javier Bardem) gegenüber. Zunächst als ein Hauptverfechter der allgegenwärtigen Inquisition tätig, kehrt er nach dem Einmarsch der napoleonischen Truppen in Spanien durch eine überraschende 180°-Wendung mit „Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit“-Parolen als deren Hauptankläger zurück. Als tragische Gestalt tritt Goyas Muse Inés zutage, die unschuldig nach Folter und Kerkerhaft im Irrenhaus landet. Natalie Portman versteht es in ihrer Doppelrolle, sowohl die unschuldig gequälte Psyche der Inés als auch die kalkuliert eingesetzten Reize der Prostituierten Alicia eindringlich darzustellen.
Durch die präzise Kostümwahl und den Dreh an spanischen Originalschauplätze sowie die dezente Farbgebung und Ausleuchtung ist ein Historiendrama mit fast greifbaren Bildern entstanden. Zudem trägt die Darstellung vermeintlicher „Befreiungsarmeen“ erschreckend aktuelle Züge.

Geschrieben von Arvid Hansmann

Eine sachliche Liebeserklärung

Studenten schreiben Reiseführer

Es begab sich zu einer Zeit, in der es keine professionellen Reiseführer über Greifswald gab, dass Christin Drühl und Robert Tremmel von diesem misslichen Umstand Kenntnis nahmen.

Sie waren Studenten an der Universität Greifswald, liebten die Stadt am Bodden sehr und wollten das Fehlen eines Reiseführers nicht länger hinnehmen. Zu viele Orte hier hielten sie für sehenswert, zu viele Lokale für besuchenswert und zu viele Panoramen für bewundernswert. Christin Drühl wollte diese ablichten, Robert Tremmel sie umschreiben. Und so kam es, dass Greifswald nach einem guten Jahr des Recherchierens, Interviewens, Fotografierens, Schreibens und Layoutens seinen ersten richtigen Reiseführer erhielt, seit 1973.
Das Werk an sich ist dabei sehr gelungen. Ein schönes Coverfoto mit der St. Marienkirche und dem Dom lockt den Reisenden ins Innere. Eine kurze, kompromisslose Einführung setzt ihm hier realistisch auseinander, welche lokalen Besonderheiten es gibt. Probleme wie Rechtsextremismus, Arbeitslosigkeit und große Plattenbauviertel bekommen ebenso genug Aufmerksamkeit wie angenehmere Aspekte: Koeppen, Plattdeutsch, Sanddorn. Anschließend findet man neben den üblichen Reiseführerseiten „Geschichtlicher Abriss“, „Sehenswürdigkeiten“ und „Gastronomie“ eine kleine, feine Palette, die diesen Reiseführer vom gewöhnlichen Reiseführer abhebt. Garniert sind die Texte mit wunderbaren Fotos Greifswalds. Man wünschte sich zwar bei vielen Motiven einen größeren Druck, damit sie besser zur Geltung kämen. Da das Format des Büchleins dies mit seinen 112 Seiten jedoch nicht zulässt, sieht man gerne darüber hinweg. Denn: Wo andere für sich in Anspruch nehmen, die Geheimsten aller Geheimtipps zu kennen, lächelt einem hier persönliche und bodenständige Ortskenntnis entgegen. In entspanntem Erzählton, man könnte sagen in studentischer Vertraulichkeit, breitet der Autor Greifswald behutsam vor einem aus. Er wird dabei aber nicht unsachlich.
Drei thematische Rundgänge durch die Stadt lassen den Leser beim Besuch typischer Orte Greifswalds einen historischen Zusammenhang erkennen. Bei diesen Stadtrundgängen sticht einer ganz besonders hervor: „Der rote Himmel: Backsteingotik in 180 Minuten“. Informativ und konsequent werden die Höhepunkte der Greifswalder Backsteinarchitektur vorgestellt, viele aus den reichen Zeiten der Hanse. Sogar unveröffentlichte wissenschaftliche Erkenntnisse flossen in diesen Teil mit ein. Wer sich für Architektur nicht so sehr begeistern kann, wird mindestens beim Rundgang „In 120 Minuten zu den malerischsten Sehenswürdigkeiten“ glücklich. Ganz nebenbei lernt der Reisende Greifswald dabei so kennen, wie es jemand sieht, der zumindest eine Zeit lang hier gelebt hat. Beim dritten und letzten Rundgang „Von Anatom bis Zypresse: Universitätsrundgang in 180 Minuten“ gibt es selbst für Langzeitstudenten vieles von ihrer Universität zu erkunden, von dessen Existenz sie bis dahin garantiert nichts gewusst haben.
Man muss nach der Lektüre des Reiseführers nicht lange überlegen, was ihm noch fehlt. Man weiß, dass es nicht viel sein kann. Die eine oder andere Ungenauigkeit oder das Fehlen des einen oder anderen kleinen Lokals werden mit der nächsten Auflage ausgebügelt. Selbst der Serviceteil glänzt durch annähernde Vollständigkeit und unterhaltsame Kurzbeschreibungen der Lokalitäten und Clubs. Was wünscht man sich also mehr von einem Reiseführer? Gar nichts!

Der „Reiseführer Universitäts- und Hansestadt Greifswald“ ist beim Hinstorff-Verlag erschienen und kostet 7,90 Euro.

Geschrieben von Stephan Kosa