Einkaufen kostenlos

Geschrieben von | Veröffentlicht am 15. Dezember 2005 um 17:18 Uhr

Seit einem Monat gibt es einen ?Umsonstladen? in Greifswald

Ein Geschäft, in dem man Waren bekommt, ohne dafür zu bezahlen? Dieser Traum ist am 19. November in Greifswald wahr geworden. An diesem Tag hat in der Wolgaster Straße 2 der ?Umsonstladen? eröffnet.

?Ein Laden, in den Menschen die Dinge bringen, die sie nicht mehr brauchen und sich das mitnehmen, was sie brauchen können?, so fasst Markus Fugmann die Idee des Umsonstladens zusammen. Und das Konzept des Einunddreißigjährigen geht schon bei der Eröffnung auf.
Menschen jeden Alters drängen sich auf den 35 Quadratmetern und bringen Kisten mit Büchern, Haushaltsgeräte oder sogar Musikinstrumente vorbei. ?Alle Dinge müssen funktionstüchtig sein, denn wir haben keine Möglichkeit, sie zu reparieren?, erklärt Markus eine wichtige Regel des Ladens. Die beiden anderen: Jeder darf pro Tag nur drei Dinge mitnehmen und wird um eine Spende gebeten. ?Wir müssen schließlich die Miete bezahlen.? Man darf übrigens auch Dinge mitnehmen, ohne etwas da zu lassen.
Ansonsten bietet der Umsonstladen jede Menge Freiraum. ?Jeder soll sich mit seinen Ideen einbringen und kann sich hier ausprobieren.? Dies ist den Initiatoren wichtig. Die Belohnung für die bisher sechs ehrenamtlichen Mitarbeiter lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Spaß an Begegnungen. Einen praktischen Aspekt gibt es aber doch noch: ?Jeder Mitarbeiter besitzt ein Vorrecht auf die gebrachten Waren.?
Die Idee des Umsonstladens ist übrigens nicht neu. ?Ich bin in Hamburg darauf aufmerksam geworden. Dort ist ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe entstanden.? Dies strebt die Gruppe auch für Greifswald an. Dabei kann jeder mithelfen, der Interesse hat.


Der Umsonstladen hat geöffnet dienstags von 12 bis 15 Uhr sowie freitags von 15 bis 18 Uhr.
Wer Lust hat, sich im Umsonstladen zu engagieren, erreicht Markus Fugmann unter markus.fugmann@gmx.de.

Tür nach Polen

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 23:59 Uhr

moritz-Redakteure Kosa und Tremmel waren ein Wochenende in der Nachbarmetropole Szczecin (Stettin) zum Sightseeing, Shopping und Clubbing.

Magnet der Großstadt. Bedingungslos wirkt diese Kraft auf Menschen in Orten ohne Straßenbahn, gleich einem Naturgesetz: „Willste wat erleben, muss’de inne große Stadt.“ Stichworte: Sightseeing, Shopping, Clubbing. Uns Greifswalder würde es demzufolge ins nahe Stettin ziehen, oder?

Die polnische Grenzmetropole ist mit 420.000 Einwohnern etwas größer als Rostock. Die Trams der Stettiner Verkehrsbetriebe transportieren jedoch selten einen Greifswalder in Großstadtlaune. Es scheint, der deutsche Teil der Provinzbevölkerung meidet sein natürliches Oberzentrum.

Wir machen uns auf den Weg, um zu schauen, was die ehemalige Pommernhauptstadt ihren Umlandbewohnern bieten kann. Das Mecklenburg-Vorpommern-Ticket soll uns nach Szczecin Glowny bringen. Bevor wir jedoch im Stettiner Hauptbahnhof einrollen, müssen wir auf die DB-Bummelbahn dorthin warten. Nicht irgendwo. In Pasewalk. Neunzig Minuten lang. Eine Zeitspanne, die das Wort „umsteigen“ in seiner Bedeutung arg strapaziert. Die Fahrt Greifswald – Stettin dauert etwas mehr als drei Stunden.
Wir machen unseren Stadtrundgang. Suchen die Innenstadt und finden sie nicht. Lange Einkaufsboulevards mit Patisserien, Friseuren und Modeboutiquen lassen uns stets vergeblich hoffen, dass der Stadtkern um die Ecke ist. Doch um die Ecke wartet die nächste Ladenmeile. Die Sehenswürdigkeiten, das Schloss der Pommernherzöge, der gotische Dom, die Oderterrassen, sie alle liegen weit auseinander. Die im Krieg völlig zerstörte Altstadt ist in weiten Teilen eine Baustelle. Dazwischen Wohngebiete, Autotrassen, unaufregende Ladenzeilen. Stettin kommt nicht auf den Punkt. Wir grübeln jetzt ernsthaft, wie man die Stadt noch als Reiseziel verkaufen kann.
Bingo: „Bigos!“ Stettin ist doch das Tor zu Polen. Beschreiben wir, was polnisch ist. Fremdheitswahrnehmungen.

Eine Stadt bekommt Farbe

Zuerst: Kioske. Das sind kleine Hütten aus Holz oder Metall. Manchmal sind sie begehbar, meistens aber hockt ein Mütterchen hinter einem klappbaren Glasfensterchen. Hier bekommst du alles, was du schnell brauchst. Äpfel und Apfelplundertaschen, Rasierklingen und Nelken, Gazeta Wyborcza, Telefonkarten und Zigaretten. Die Kioske stehen an jeder Straßenecke. Noch in der weit entlegensten Plattenbausiedlung stehen gleich mehrere nebeneinander. Ein Metzger, ein Schreibwarenhändler, ein Friseur und ein stinknormaler Zeitungskiosk. Dieser Budenzauber wird durch rudimentären Straßenverkauf ergänzt: Bauern veräußern Zwiebeln und Kartoffeln aus der Pappkiste. Vor den großen Supermärkten stehen junge Verkäufer an einem Thekenwägelchen mit Sonnenschirm und bauen dir einen Hot Dog zusammen: Brötchen, Wurst, Weißkraut, Paprikaschnitzel und Senf.
Stettiner Fassaden. Der Zahn der Zeit nagt am Putz der Gründerzeithäuser. Aus den bröckligen Simsritzen wachsen Pappel- und Akazientriebe über die gusseisernen Balkone. Ihr Grün konkurriert mit dem Grau der Kabelbäume von Radio- und TV-Antennen. Vor 15 Jahren kamen kontinuierlich schwarze, weiße und graue Satellitenschüsseln dazu. An den Hausaufgängen pappen Werbeschilder für Tanz-, Fahr- und Sprachschulen. Mit der Reklame kam die bunte Farbe zurück. Sollten wir ausschließlich die Farbe der Stadtgebäude bestimmen, müsste ein passender Farbname erst erfunden werden. Nein, grau ist es nicht. Keine Plattenbauwüsten. Die Szenerie der Bürgerhäuser hat ihren eigenen Charme und eine Farbe, die entstünde, wenn Steine rosten könnten. Verwittertes Fassaden-Rot, -Gelb und -Weiß; im Schulmalkasten hieße eine solche Farbe vielleicht „Kombinat“.

Menschen zwischen Eleganz und Protz

Die Menschen. Farbe auch hier. Frauen schminken sich akzentuierter als bei uns daheim. Der Kleidungsstil ist wohltuend anders: adrette Kostüme, Röcke bis kurz über die Knie, Stiefel bis kurz darunter. Damit wir uns nicht falsch verstehen: das Outfit der Damen ist elegant und geschmackvoll. Dann gibt es Damen um die 40. Ab diesem Alter scheinen sich Pelzmäntel gesteigerter Beliebtheit zu erfreuen. Zwischen Eleganz und Protz schleicht feminine Neutralität: Nonnen, junge und alte, in schwarzer, grauer und weißer Ordenstracht unter schlichtem Kopftuch.
Bei den Jungs sind Kurzhaarschnitte bis hin zur Glatze recht en vogue. Ansonsten bleibt ihr Äußeres eher unauffällig. Wir sehen viele alte Leute, deren Kleiderordnung sich seit 25 Jahren wenig geändert zu haben scheint. Das schaut in etwa so aus wie beim jährlichen Rosa-Luxemburg-Gedenkmarsch in Berlin, Reihe eins.

Bigos, Bordell und Benzin

Deutsche Menschen treffen wir auch. Stets an exponiertem Ort fallen sie uns ins Ohr. Zum Beispiel im „Best Restaurant“ Colorado, einem Panoramacaférestaurant, dass gleich einem hölzernen Krähennest an der Oderterrasse über den Anlegestellen für Kreuzfahrtdampfer hängt. Hier sitzen die deutsche Bigos- und die Bordellfraktion an getrennten Tischen. Rentnerpärchen auf Polen- oder Heimatentdeckungstour. Männerkegelvereine auf Erlebnisfahrt. Wir haben keine Chance, unser Küchenpolnisch zu testen. Die Bedienung spricht fließend Deutsch, die Speisekarte ist dreisprachig ausgewiesen. Gleiches Bild im Cafe 22, einem Panoramacafe auf der 22. Etage. In den unteren Etagen dieses „Wolkenkratzers“ wütet der Einkaufstrubel. Shopping in Stettin hat hier sein Zentrum, im Galaxy. Die riesige Mall bietet alles: Boutiquen, Hypermarkt, Eiscafés und sogar eine 15 Meter hohe Kletterwand für Alpinisten. Der riesige Supermarkt einer französischen Kette steht seinen Filialbauten im Mutterland in nichts nach. Es sei hier nur die riesige Frischfischtheke auf Eis erwähnt. Das Angebot ist erschlagend. An den endlosen Regalen für Bier und Wodka treffen wir wieder auf Deutsche. Quasi die dritte Kohorte, die Benzin- und Butterfraktion. Der Service ist beeindruckend. Jede Abteilung hat zwei junge Menschen, die Probierhäppchen parat halten und die Kundschaft beraten. Es kann in Stettin für junge Leute nicht sehr schwer sein, einen Nebenjob zu finden. Shopping in Stettin bietet ein Kontrastprogramm. Einerseits das bonusmeilenverdächtige Herumschieben des Einkaufswagens durch die Hallen der Einkaufstempel, andererseits die anheimelnde Atmosphäre über den Ladentheken der kleinen Geschäfte und Kioske.
Am Abend treffen wir uns mit polnischen Freunden zum Programmpunkt Clubbing. Wir haben uns einen ungünstigen Tag ausgesucht. Es ist Samstag vor dem ersten Advent. Clubs sind zahlreich, aber heute besonders überfüllt. In den beliebtesten Gewölbekellerdiskos sind alle Tische reserviert. Das junge Polen trifft sich heute offiziell ein letztes Mal zum Trinken und Tanzen, denn es gehört zum guten Ton in der Adventszeit, die Füße still zu halten. Jedenfalls offiziell und mit Augenzwinkern. Wir schaffen es, im Patio einen Tisch zu ergattern. Zwar hätten wir lieber das Rocker oder Pinokio unsicher gemacht, aber noch um zwei Uhr warten dort Menschentrauben auf Einlass. Die unerhörten Eintrittspreise können nicht schrecken. Etwa 10 Euro verlangt an diesem Karnevalssamstag das Rocker. Im Patio zahlen wir nur ein Viertel und steigen in den Keller hinab. Das gemütliche Ambiente, so erfahren wir, ist recht typisch. Es gibt mehrere Mauersteinkavernen, die miteinander verbunden sind. Ein Tresenraum, Räume mit langen Tafeln und Sitzbänken und schließlich das Tanzgewölbe. Gut, dass man nicht Tanzen muss, denn House Musik gehört zu unseren off-limits. Im Übrigen die beliebteste und häufigste Stilrichtung in Stettiner Clubs. Das nächste Mal, beschwören uns die Freunde, gehen wir ins Rocker.

Das nächste Mal wird alles besser

Jetzt sollen wir von Stettin erzählen, ob es uns gefallen hat. Unsere Höflichkeit hat Grenzen. Trotzdem bleibt die Gastfreundschaft der Freunde herzlich: „Kommt im Januar wieder, wenn Schnee liegt.“ Ein Skihang mit Schlepplift und Schneekanonen liegt am Stadtrand. „Und im Sommer müsst ihr auch kommen. Dann sind die Bäume grün und wir gehen in die Biergärten. Oder wir fahren mit dem Segelboot auf den Dabie-See hinaus, gleich hinter der Stadt, und campen wild auf einer der Inseln. Lagerfeuer und polnische Gitarrenmusik inklusive.“
Wenn das so ist, sagen wir am nächsten Morgen, wollen wir gern wiederkommen. Doch zunächst müssen wir in unsere Provinz zurück. Diesmal mit dem Wochenendticket in drei Stunden über Angermünde.

Geschrieben von Robert Tremmel

Kino Kong: Das achte Wunder der Welt

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 23:31 Uhr

Peter Jackson wagt Neuverfilmung eines Klassikers

Drehbuchautor Merian C. Cooper hatte einen bizarren Traum: Ein Riesenaffe zerstört New York. Aus dieser Idee entwickelte er zusammen mit dem Autoren Edgar Wallace die Geschichte von King Kong.

Der Protagonist des in schwarz-weiß gedrehten Kinowerkes ist der für seine Abenteuerfilme bekannte Regisseur Carl Denham. Durch merkwürdige Umstände erfährt er von dem auf einer einsamen Insel lebenden Riesenaffen und plant daraufhin seinen neuesten Film. Außer Denham ist sich kein Besatzungsmitglied der bevorstehenden Gefahren bewußt.

Gleich nach der Ankunft auf der Insel trifft die Expedition auf die dort lebenden Eingeborenen und stört bei einer Opferzeremonie für Kong. Natürlich bestehen die Einwohner der Insel auf einem neuen Opfer und machen es in der blonden Ann Darrow aus. Der übermächtige Kong tritt auf und nimmt sich des Opfers an. Was erst wie das natürliche Verhalten eines Raubtieres scheint, entwickelt sich zu einem Liebesverhältnis zwischen Affe und Mensch.

Verständlicherweise unternimmt die Schiffscrew einen Rettungsversuch und wird dabei in einige Abenteuer auf der Insel verwickelt. Ohne den geplanten Film endet die Reise. Dafür kann Denham aber der Weltöffentlichkeit den bisher unbekannten Riesenaffen als „King Kong“ präsentieren.

Welch ein Fehler: Als das Leben der von Kong geliebten Darrow bedroht scheint, befreit er sich und versetzt New York in Angst und Schrecken. Natürlich ist der Ausgang des Kampfes Natur gegen Mensch von vornherein klar: Kong stirbt. Aber nicht durch technische Errungenschaften oder menschliche Intelligenz, sondern durch das Gefühl der Liebe.

Der 1933 erschienene Kinofilm „King Kong und die weiße Frau“ nutzt die Möglichkeiten des Tonfilms konsequenter aus. Die Geräusche des Riesenaffen, vor allem aber die Schreie der jungen Schauspielerin Fay Wray untermalen die von Spezialeffekten strotzende Geschichte von der Schönen und dem Biest.

Wie eine Bild gewordene Kritik am Kapitalismus marschiert ein Dreißig-Meter-Affe durch Amerikas Sinnbild des Aufschwungs – eine Dämonisierung des außer Kontrolle geratenen Schwarzen. Ist unsere zivilisierte westliche Welt wirklich so zivilisiert, wie wir immer glauben? Immerhin schafft sie sich ihre sozialen Konfliktherde selbst, indem sie schwarze Bevölkerungsteile finanziell ausbeutet, politisch und sozial aber nicht integriert. Es mag jeder seine eigene Botschaft in „King Kong“ finden, doch eines scheint ziemlich deutlich: Der Sprung sozialer Konflikte von subtil zu subversiv ist nur ein kleiner.

Das Publikum belohnte dies mit einem für die 1930er Jahre unvorstellbaren Kassenerfolg und sicherte somit auch das Überleben des am Rande des Ruins stehenden Filmstudios RKO Pictures. Innerhalb kürzester Zeit wurde deshalb auch die Fortsetzung „Son of Kong“ in die Kinotheater gebracht, ohne aber den immensen Erfolg zu wiederholen.

Der Meilenstein der Filmgeschichte erzählt einen rein fürs Kino entwickelten Stoff. Auf literarischem Vorbild basierende Kinowerke müssen sich immer von diesem emanzipieren; dieses Problem hat die Figur des King Kong nicht. Deshalb konnten in den folgenden Jahrzehnten die unterschiedlichsten Interpretationen entstehen.
Auch Peter Jackson versuchte sich als Neunjähriger an einer solchen. Sein Vorhaben war aber aufgrund der beschränkten technischen Mittel zum Scheitern verurteilt. Vor einem Jahrzehnt versuchte sich der Neuseeländer erneut an seinem Lieblingsprojekt, wurde aber von Universal aufgrund der anstehenden Konkurrenz durch „Godzilla“ (1998/Regie: Roland Emmerich) zurückgepfiffen.

Nachdem aber die drei „Herr der Ringe“-Filme (2001-2003) kommerzielle und künstlerische Erfolge wurden, erhielt Jackson vollkommen freie Hand. Seine Neuverfilmung des Stoffes läuft ab dem 14. Dezember in den Kinos. Ob der nachwirkende Effekt des ersten „King Kong“-Films wiederholt werden kann, wird sich zeigen. Vor allem die mehr als doppelt so lange Laufzeit des Remakes ist trotz der wahrscheinlich gleichen Handlung überraschend.

Geschrieben von Björn Buß & Joel Kaczmarek

Arvids Kolumne: „Das Volk, das im Finstern wandelt“

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 20:50 Uhr

Last Christmas I gave you my heart …“ – „Ich kann es nicht mehr hören! Dieser Weihnachtsmarkt macht einen noch fertig! Was soll dieser ganze Rummel überhaupt? Weihnachten ist doch das Fest der Liebe und der Besinnlichkeit…

Ja, genau! Das ist es, worauf es beim Weihnachtsfest ankommt. Dafür kann man doch locker auf den ganzen Ramsch und Kommerz verzichten. Und eigentlich auch auf die Geschichte, angefangen beim Weihnachtsmann. Der ist doch eh‘ nur ein PR-Produkt von CocaCola. Letztendlich auch die Sache mit dem Christkind. Das ist eigentlich nur ein Mythos, der durch die Kirche immer weiter tradiert worden ist. Ob nun die Maria eine Jungfrau war oder ob Ochs und Esel im Stall gestanden haben, das ist doch für das Fest an sich nicht von Belang. Moment! Die Weihnachtsgeschichte – ein Mythos? Nichts weiter als ein Konstrukt – ohne Anspruch auf Echtheit?
Wieso Echtheit? Was unterscheidet die phantastische Welt von „Narnia“, die sich hinter einem alten englischen Wandschrank auftut, von den aramäischen Dialogen im Mel-Gibson-Film „Die Passion Christi“? Es ist der Glaube! Der Glaube an eine Wissenschaft: die der Geschichte.
Wir haben uns ein Rezeptionsverhalten angewöhnt, das zwischen Termini wie „Fantasy“ oder „Historiendrama“ differenziert. Auch wenn man sich bewusst ist, dass ein Kinofilm immer einen Großteil an Fiktion, also an menschlicher Phantasie enthält, wird dennoch das, was „historische“ Quellen aufzeigen, mit anderen Augen gesehen. Es ist der Glaube an eine objektive Wahrheit, die sich auf eine der Vernunft entspringende Wissenschaft stützt.
Man mag den Interpretationsgehalt antiker oder mittelalterlicher Überlieferungen noch akzeptieren, doch dem, „was die Leute noch selbst erlebt haben“, glaubt man. Ich glaube meiner Oma, dass sie 1945, als sie auf einem überfüllten dänischen Transportschiff aus Hinterpommern floh, nach der tagelangen Reise im Hafen von Wismar vom Kapitän in die Speisekammer mitgenommen wurde, um sich etwas für den weiteren Weg mitzunehmen. Ich kann nicht wissen, ob es wirklich ein Stück Butter war, das sie in ihrer Bescheidenheit auswählte, aber ich glaube es.
Nun mag diese platte Differenzierung von Glauben und Wissen nicht dem Mysterium der „Fleischwerdung Gottes in Jesu Christi“ gerecht werden. Wenn zum einen der Zweifel am Wahrheitsgehalt der Wissenschaft zunimmt und zum anderen der Lebensbezug mythischer Stoffe zu elitär-allegorischen Schatten verkommt, ist die Sinnkrise perfekt.
Wird der partielle Waffenstillstand von 1914, wie er im Film „Merry Christmas“ thematisiert wird, bald von einigen Kreisen als „europäisches Gedankenspiel“ angesehen und wird es bald Leute geben, deren Oma ihnen felsenfest versichert, dass sie im Jahre 1932 „King Kong“ hat wirklich am Empire State Building hochklettern sehen?
Wer dies nun als Gedankenspielerei der Geisteswissenschaft abtut, die er von der Naturwissenschaft zu unterscheiden weiß, dem sei beispielsweise bewusst gemacht, dass sich deren Ergebnisse zwar in der universellen Sprache der Zahlen fassen lassen, aber der Mensch sich noch vom Computer unterscheidet, indem er nicht in Zahlen spricht. Um die vermeintlich objektiven Ergebnisse der Forschung kommunizierbar zu machen, brauchen wir eine menschliche Sprache und eine Sprache ist immer durch Abstraktionen und Allegorien gekennzeichnet, die jeder durchaus subjektiv interpretiert. Ob nun der mathematische Begriff der Ellipse mit einem „Eirund“ identisch ist, liegt im Ermessen des Betrachters.
Es liegt also an uns allen, sich in diesen Tagen wieder einmal klar zu machen, dass es Dinge gibt, die sich der Vorstellung eines rationalen Wissenschaftsbegriffs entziehen und zugleich weit mehr als ein „mythisches Hirngespinst“ sind. Und um diese Dinge lebendig zu halten ist die Ruhe und Besinnlichkeit der Weihnachtszeit ein Gut, das es zu wahren gilt. Vielleicht sind Schneechaos und Stromausfall zu den einzigen ultimativen Mitteln geworden, die freundschaftliche oder familiäre Gemeinschaft zu provozieren.
Wenn man dann den väterlichen Erzählungen lauscht, ist es nebensächlich, ob damals im Winter ’78/’79 der NVA-Major wirklich in überheblicher Feldherrnmanier in dem Dorf Alt Käbelich (zwischen Neubrandenburg und Woldegk) ankam, um nur wenig später ebenso in den Schneemassen zu scheitern, wie es die zuvor taten, die seinem Genius aus dem Weg zu gehen hatten. Dass ein sowjetischer Panzer noch bis zum Frühjahr in einem heute so unscheinbaren Straßengraben festgesessen haben soll, ist letztendlich nur Beiwerk, wenn man erfährt, dass sich unter diesen Umständen meine Eltern kennen lernten.
So wird man vielleicht einer zukünftigen Filialgeneration von dem lauten und bunten Rummel sowie dem Duft von Schmalzkuchen und gebrannten Mandeln erzählen können, den es „damals“ auf dem Weihnachtsmarkt gab. Und der Aussage, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, tut auch der Gedanke nicht Abbruch, dass die Geburt in Bethlehem nur zur Erfüllung alttestamentlicher Prophetie gedacht ist und dass die „drei Weisen aus dem Morgenland“ ihre Geschenke zunächst einem gewissen Brian überbrachten.

Geschrieben von Arvid Hansmann

m.trifft… Anton Nekovar, Intendant des Theater Vorpommern

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 20:34 Uhr

Alter: 55 Jahre.

Sternzeichen: Stier.

Berufsbezeichnung:
Trouble-shooter, Intendant, Geschäftsführer, Regisseur, Schauspieler.

Lieblingsessen:
In netter Gesellschaft fast alles. Nie auf den Tisch kämen Innereien.

Lieblingsmusik:
Jeweils die Oper, die ich
gerade inszeniere.

…Weiterlesen »

Theater: Die Puppen tanzen

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 20:32 Uhr

Pünktlich zum ersten Advent präsentierte das Theater Vorpommern dieses Jahr sein Weihnachtsballett, den „Nussknacker“. Das von Tschaikowsky vertonte Märchen E. T. A. Hoffmanns gehört zu den meistaufgeführten Repertoirestücken der Welt. Vielleicht auch ein Grund, warum das Stück in der Inszenierung und Choreographie von Ralf Dörnen nach dreijähriger Pause wieder aufgenommen wurde.

Die Zuschauer konnten in einem nahezu ausverkauften Haus verfolgen, wie die kranke Klara an einem turbulenten Weihnachtsabend von ihrem Arzt, Dr. Drosselmeier, einen Nussknacker geschenkt bekommt. In den Träumen des Mädchens erwacht das Spielzeug zum Leben, rettet es vor dem garstigen Mäusekönig und seinem Gefolge und lässt für es seine Puppen zum Leben erwachen. Mit diesen feiern die beiden einen nächtlichen Ball. Am nächsten Morgen erwacht Klara mit dem hölzernen Nussknacker in ihren Armen und erinnert sich zufrieden an ein wunderbares Abenteuer im Reich der Spielzeuge.
Obwohl es sich um die zweite Wiederaufnahme des Balletts handelt, stehen nur zwei Tänzerinnen der alten Besetzung dieses Jahr mit auf der Bühne. Die übrigen zwölf Mitglieder der neuen, jungen und sehr internationalen Company wirken zum ersten Mal an der Greifswalder Inszenierung mit. Das Publikum zeigte sich begeistert von der Leistung dieses Ensembles und sah ihm kleinere Schwächen wohlwollend nach, so zum Beispiel, dass einige Passagen nicht vollkommen synchron getanzt wurden oder dass die Leichtigkeit mit der Zeit etwas nachließ und erahnbar wurde, dass hinter der Anmut des klassischen Balletts kräftezehrende Arbeit steckt.
Für eine so junge Company, die erst seit kurzer Zeit in dieser Formation zusammenarbeitet und in den letzen Wochen viele verschiedene Choreographien getanzt hat, war es auf jeden Fall eine sehr beeindruckende Leistung. Die Solisten Nao Omi (Klara) und Ion Beitia (Dr. Drosselmeier/Nussknacker) fielen mit ihrem Können besonders beim Höhepunkt des Stücks, dem technisch anspruchsvollen „Grand Pas de Deux“, auf.
Der wiederholte Szenenapplaus war Beweis genug dafür, dass die Tänzer die Zuschauer für sich gewonnen hatten. Ebenfalls mit viel Beifall bedacht wurden das philharmonische Orchester Vorpommern und sein Dirigent Koji Kawamoto, die mit einer guten Darbietung durch das Stück begleitet hatten.
Alles in allem ist der Greifswalder „Nussknacker“ eine rundum gelungene Inszenierung, die hervorragend in die Vorweihnachtszeit passt und an langen Abenden eine lohnende Alternative zum Glühweintrinken bietet.

Geschrieben von Sarah Riesner, katja Staack

Theater: Olsenbande macht Greifswald unsicher

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 20:27 Uhr

Sie sind Kult und jeder kennt sie: Der ewig-planende Egon, Benny, Kjeld und Nervensäge Yvonne, gejagt von Kommissar Hansen und seinem Assistenten. Nun bevölkern sie die Bühne im Theater Vorpommern in der Komödie von Peter Dehler „Die Olsenbande dreht durch“.

Groß war die Wiedersehensfreude, als der bekannte Chef der Bande aus dem obligatorischen Gefängnistor auf die Bühne trat. Das Haus war voll besetzt, dementsprechend laut der Jubel. Die Begeisterung sollte auch die folgenden zwei Stunden anhalten, denn Jung und Alt ließen sich von der witzigen Geschichte mitreißen. Wieder einmal ging es um einen genialen Coup. Das Publikum wurde Zeuge, wie die dreiköpfige Bande mit Witz und Geschick die Polizei an der Nase herumführte und dem Geschäftsmann Bang Johansen wichtige Dokumente stahl, um diese zu Geld zu machen. Nicht alle der spektakulären Pläne Egons wollten auf Anhieb gelingen, dennoch konnten sich die drei inklusive Yvonne schließlich über sieben Koffer Geld und auf eine bevorstehende Weltreise freuen.
Nicht nur das originelle Medley aus allen 13 Olsenbande-Filmen, sondern auch die originalgetreue und liebevolle Ausstaffierung der Figuren erfreute den Kenner. Eng an die Filmvorlagen angelehnt, ließen sich viele Details wiedererkennen, vom tippelnden Gang Bennys bis zur ewig nörgelnden Yvonne. Es folgte Witz auf Witz, zur Freude der anwesenden Kinder manchmal etwas zu überdreht, doch auch das erwachsene Kind hatte seinen Spaß. In jedem Fall passt das harmlos lustige Stück wunderbar in die Vorweihnachtszeit und ist besonders für Studenten zu empfehlen, da zwei ihrer Kommilitonen die Aufführung bereichern.

Geschrieben von Uta-Cacilia Nabert, Grit Preibisch

Theater: Zeitlos scharfsinnig

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 20:17 Uhr

Kurt Tucholsky liebt Deutschland, Kurt Tucholsky hasst „Deutschland“.
Kontrastreich war auch das Programm „Kurt Tucholsky: Drei Minuten Gehör“, das an einem Donnerstagabend im Theater auf der Probebühne dargeboten wurde.

Begleitet vom Pianisten und Antagonisten Thomas Bloch–Bonhoff, gab Sabine Kotzur mit Texten, Gedichten und Chansons die satirisch-humoristische, aber auch die vaterlandsmüde Seite Tucholskys wieder. Mit Chansons á la „Zieh Dich aus Petronella“ oder „Immer angelehnt“ beherrschte sie die Kunst des Flirtens und Kokettierens mit den anwesenden Männern im Publikum voll und ganz.
Mit fabelhaft sonorer Stimme und Berliner Schnauze trug sie Texte gegen die eitle Männlichkeit, gegen den Militarismus, gegen das Beamtentum und natürlich für die Liebe vor. Mal schlüpfte sie in die Rolle der Tochter, die einem Geliebten beichtet, mal in die Rolle des Arbeitsvermittlers, der dem Sohn eine Beamtenlaufbahn empfiehlt und dann nahm sie wieder die Rolle des selbstverliebten Mannes ein, der vor dem Spiegel posiert, um einer Zimmerpalme zu imponieren. Auch Szenen einer Ehe durften natürlich nicht fehlen. Wer „Rheinsberg“ kennt, weiß, wie gnadenlos Tucholsky Stärken und Schwächen einer Beziehung seziert.
Auch als überzeugter Pazifist war Tucholsky bekannt und prägte den berühmt gewordenen Satz „Soldaten sind Mörder“. Wie kein anderer kritisierte der bedeutendste Satiriker der Weimarer Republik die Missstände seiner Zeit. An diesem Abend fand auch dieser Aspekt Berücksichtigung im abwechslungsreichen Repertoire. Die Auswahl von Tucholskys Texten spiegelte die zwiespältige Seele des Dichters gelungen wider.
An seiner Hassliebe zu Deutschland ging er letztendlich zu Grunde: 1935 starb Tucholsky im schwedischen Exil nahe Gripsholm durch eigene Hand.

Geschrieben von Katarina Sass

Theater: Mythos einer Mörderin

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 20:04 Uhr

Wie wird aus Liebe Hass und aus Zuneigung Verachtung? Warum wird eine Frau zur Mörderin ihres Bruders und ihres eigenen Sohnes?

Seit Jahrhunderten lebt der Mythos der Kindsmörderin Medea. Zahlreiche Autoren wie Euripides oder auch Christa Wolff ließen sich von dieser leidenschaftlichen Frauengestalt zu unterschiedlichsten Ausarbeitungen inspirieren, als Opern- und Filmstoff ist das Schicksal der Medea aufgegriffen worden.
Im Theater Vorpommern ist nun ein modernes Ballett von Ralf Dörnen zu erleben, in dem Medea ihren Weg durch die Irrungen des Lebens sucht. Für ihren Geliebten Jason wendet sie sich gegen ihre eigene Familie, wird kriminell und verlässt fluchtartig ihre Heimat.
Fortan führt sie ein Leben, das von Verzweiflung und Entwurzelung geprägt ist. Das Glück mit Jason und dem gemeinsamen Sohn währt nicht lange, denn Jason verlässt sie, um für sich den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Hasserfüllt entwickelt Medea einen grausamen Racheplan, der alle Beteiligten in tiefe Verzweiflung stürzt.
Zur Musik von Stephan Marc Schneider lassen die Mitglieder des Ballettensembles diese Geschichte mit tragischem Ausgang zum Leben erwachen. Dynamische Bewegungen sowie moderne Sprung- und Tanzkombinationen werden genutzt, um dem Zuschauer die Handlungen und Emotionen der Protagonisten zu erklären. Nicht immer will dies gelingen.
Theaterbesucher, die die Geschichte der Medea nicht kennen, haben sicherlich Mühe, der Handlung zu folgen. Begrenzt sind auch die Möglichkeiten eines Balletts, die vielschichtigen Motive und Gefühle der Handelnden, vor allem der Medea, ausschließlich durch Bewegung und Mimik auszudrücken.
Beeindruckend ist die Aufführung jedoch allemal, denn der Inhalt, die tänzerische Leistung, die musikalische Begleitung sowie die Kostüm- und Bühnengestaltung wissen in ihrer Gesamtheit zu überzeugen.

Geschrieben von Grit Preibisch

CD: Jan Vogler: Antonín Dvorák, Violoncellokonzert (Sony BMG)

Geschrieben von | Veröffentlicht am 12. Dezember 2005 um 20:00 Uhr

Neben den Slawischen Tänzen, der achten und der neunten Sinfonie („Aus der neuen Welt“) sowie der späten Oper „Rusalka“ zählt das Violoncellokonzert zu den wichtigsten Kompositionen des Tschechen Antonín Dvorák (1841–1904). Obwohl der Brahmsfreund das Cello aufgrund seiner klanglichen Qualitäten in der hohen wie tiefen Lage nicht überschwänglich schätzt, geriet das Werk zu seinem besten Instrumentalkonzert.

Der Solist Jan Vogler reiste für die Einspielung des Stücks mit David Robertson und dem New York Philharmonic Orchestra eigens nach New York – dem Ort, wo Dvorák 1894, kurz vor Abreise nach seinem dreijährigen, erfolgreichen USA-Aufenthalt, die Arbeit daran begann. Damit endet innerhalb des Gesamtoeuvres die „amerikanische“ Phase, in der Dvorák indirekt die Diskussion um die musikalische Identität des Landes anregend begleitet. Doch anstelle eines Hinweises auf jenen historischen Hintergrund betonen Jan Vogler als Solist und der Musikwissenschaftler Michael Beckermann die geheimnisvolle, wenn auch persönlich-tragische, Seite des Cellokonzerts. Was sich interpretatorisch als beflügelnd herausstellt, lässt wissenschaftlich Fragen offen.
Dem Hörer kommt bei dieser Aufnahme das pädagogisch wertvolle Konzept zugute. Anstelle von Taktzahlen in einer Partitur führen die angegebenen Spielzeiten durch das Werk und ermöglichen einen klareren Überblick über dessen dramatische Konzeption. Mit wunderbarem Strich gleitet Jan Vogler nach einem bedrückt grüblerischen Orchesterauftakt in das Werk und präsentiert eine insgesamt recht aufgewühlte Interpretation, die für sich selbst stehen kann.
Hingewiesen sei abschließend auf die Einspielungen von Pablo Casals und Mstilav Rostropovitsch. Letzterem gelingt unter dem Dirigat Herbert von Karajans eine anfangs bescheidene, in der Expressivität keinesfalls nachstehende Deutung, bei der Orchester und Solist wunderbar verschmelzen. Die Schaffung eines prahlerischen Virtuosenstücks lag Dvorák mit Konzert für Violoncello und Orchester fern.

Geschrieben von Uwe Roßner

Seite 1 von 612345Letzte »