Arvids Kolumne: Doctor Faustus

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:55 Uhr

Versuch eines Resumees

Als ich vor einigen Wochen einen Kommilitonen im Ruhrgebiet besuchte, machte ich bei einem Tagesauflug auch in Köln halt. Ich war nicht allein unterwegs. Mein Kommilitone hatte mein Eintreffen genutzt, um einem Gastprofessor aus Namibia und dessen junger Tochter „deutsche Sehenswürdigkeiten“ zu zeigen. So traten wir (vier) aus dem Hauptbahnhof und standen vor einem Bau, der in symbolischer und faktischer Dimension in unseren Landen kaum einen Vergleich findet: dem Kölner Dom.

Der schwarzgraue Wald aus Strebepfeilern und Fialtürmchen wuchs in scheinbar ungreifbarer Weise in die dichten Wolken. Dies war also das „realisierte Konzept, den Himmel auf Erden darzustellen“.
Es brannte mir unter den Fingernägeln, der jungen Afrikanerin von der Bildhaftigkeit der Architektur und der langwierigen Baugeschichte zu berichten, als wir in die gigantische Halle traten. Zunächst war sie von der übersteigerten Vertikalität und der Akustik auch recht angetan, aber bald wurde ihr wieder bewusst, dass sie für das trübe, verregnete Wetter dieses Tages falsch gekleidet war. Und als ich sie frierend im Westwerk des Baus stehen sah und sie offensichtlich keine Lust mehr hatte bis zum Chor vorzugehen, traf mich eine Erkenntnis wie ein Schlag: Sollte dieses dunkle und feuchtkalte Gemäuer wirklich ein Gleichnis für „die Hütte Gottes bei den Menschen“ sein? Ist es nicht vielmehr der „Riesenkerker“ von dem Heinrich Heine berichtet? Während er darin vorrangig ein „Instrument“ der katholischen Kirche sah, tat sich mir das Problem universeller auf.
Seit ich in Greifswald studiere, habe ich mich mit der Gestalt und der Wirkung des Kirchenbaus befasst. Hinter dem Begriff der „Kirche“ (Ekklesia) verbirgt sich eigentlich die „Gemeinde“, für die der Bau nur ein Ort der Zusammenkunft sein soll. Dass dies unter bestimmten Umständen durchaus funktioniert, zeigte sich zuletzt beim Kirchentag in Hannover, wo die riesigen Messehallen für lebendige Gottesdienste genutzt wurden.
Ein Kirchenbau besitzt Eigenschaften, die sich nur begrenzt mit dem Terminus „Funktion“ fassen lassen. Der Anspruch, eine transzendente Welt erahnbar zu machen, ist eine ihrer Grundeigenschaften. Doch dass dies allein durch die statische Dreidimensionalität erreicht wird, bezweifle ich nicht erst seit diesem Besuch in der Rheinmetropole.
Die Kirche war in ihrer „mittelalterlichen“ Ausprägung die Umsetzung eines „Gesamtkunstwerkes“, dass durch die bewegten Szenerien der Liturgie, die Gesänge und den Weihrauch alle Sinne ansprach. Für einen Bauern oder Bürger war der sonntägliche Besuch in der Kirche also ein „multimediales Ereignis“. Eine Podiumsdiskussion beim Kirchentag hatte mir nochmals deutlich gemacht, dass in heutiger Zeit eine Vielzahl von Orten diese Eigenschaften übernommen haben.
Neben dem Beispiel des Fußballstadions, bei dem auch Neubauten sehr schnell „identitätsstiftend“ werden können, hat meines Erachtens vor allem der Kinofilm – oder der sich möglicherweise daraus entwickelnden dreidimensionalen Projektion – den Anspruch auf dem Weg zur „neuen Kathedrale“ zu sein. Hier wird das Großereignis mit einem persönlichen Bezug zum Akteur verwoben. Mit der digitalen Technik ist man zunehmend in der Lage, auch visuell die Dimensionen zu erreichen, die bereits von 100 Jahren in der Orchestralmusik gegeben waren.
Die Möglichkeit der persönlichen Anteilnahme, die mit dem großen Massenereignis verbunden ist, findet sich auch in der biblischen Vorlage. Die Johannesoffenbarung stellt den globalen Schreckensszenarien das Bild der Himmlischen Stadt gegenüber – die hunderttausende von Orks oder Klon-Kriegern, die sich bei Meggido abschlachten, werden vergessen, wenn man die Passage aus Offb. 21, 2 bedenkt: „bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“ Kein „abstraktes Begriffspoem“ sondern der Nukeus des menschlichen Lebens wird hier angesprochen – ohne jeglichen „Schleier“: Das ist das Evangelium!
Wies dies nun in unseren Tagen ein Bau vermitteln kann, ist mir bis heute im Verborgen geblieben. Ich bleibe der „Wanderer über dem Nebelmeer“, der jedoch nie aufhört zu suchen…

Geschrieben von Arvid Hansmann

m.trifft … Edgar Michalowsky

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:45 Uhr

„Was Interview? – Immer!“ Mit diesen Worten stellte sich der erfolgreiche Badmintonspieler Edgar Michalowsky den neugierigen Fragen des moritz. Dass dafür das laufende Training unterbrochen wurde, sah der aktuelle Deutsche Meister im Doppel seiner Altersklasse jedoch ungern. Immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, treibt er seine Schützlinge an und gibt Tipps, dass individuelle Spiel zu verbessern. Als 30-facher Einzelmeister der DDR weiß er natürlich, wie „der sportliche Hase läuft“.
Die Liste seiner Erfolge allein von 1990 bis 2004 ist beeindruckend: 18mal Deutscher Meister der Altersklasse; 2003 Weltmeister im Herren – Doppel (Sofia); 2002 Einzeleuropameister (Dresden); 2000/01 Vizeeuropameister im Doppel (Newcastle) und im Einzel (Innsbruck)…


Alter… 55 Jahre.

Sternzeichen… Wassermann

Genaue Berufsbezeichnung… Gelernt habe ich Schweißer, und zu letzt als Verkäufer gearbeitet.

Lieblingsessen…Irgendwas mit Nudeln, wegen der Kohlehydrate (grinst).

Lieblings – CD…Die Musik von Peter Maffay finde ich gut. Der ist so etwa in meinem Alter.

Lieblingstier ist… a) zu Hause b) aus Stoff c) ein Braten Das ist wohl eher zu Hause. Haustiere hatten wir schon etliche. Die Kinder hatten die Tiere, um die sich meine Frau und ich dann immer kümmern mussten. Das zog sich über Generationen von Meerschweinchen…

Welche Menschen unserer Zeit oder der Geschichte bewundern Sie? Da kann ich keine konkrete Person nennen. Nur so viel, dass ich alle diejenigen bewundere, die trotz ihrer tagtäglichen Arbeit nach Feierabend noch ehrenamtlich tätig sind. Von diesen Menschen gibt es viel zu wenige.

Seit wann spielen Sie Badminton?
1960 bin ich in den Verein (BSV Einheit Greifswald, 1958 gegr.) eingetreten. Nebenbei habe ich aber noch Fußball gespielt.

Haben Sie ein sportliches Vorbild? Nein.

Welches Fach würden Sie gern in Greifswald studieren? Das gibt es nur eines: Sport.

Doppel-Matches oder Einzel, was ist Ihnen lieber? Im Doppel sind wir zur Zeit erfolgreicher.

Spielen Sie Doppel lieber mit Ihrer Frau oder Ihrem Bruder?
Wenn das Doppel zu Hause weitergeführt und ausgewertet wird, kann es schwierig werden. So spiele ich lieber mit meinem Bruder. Das ist auf die Dauer einfacher, als mit der eigenen Frau. (grinst)

Sind Sie ein guter Verlierer? Mittlerweile schon. Mit den Jahren lernt man damit umzugehen. Wenn der Gegner wirklich besser ist, muss man das achten. Aber über eigene Fehler ärgere ich mich schon.

Gibt es Erfolge oder Titel, auf die Sie stolz sind beziehungsweise Ihnen mehr bedeuten? Die Titel nach der Wende sind schon höher zu bewerten. Man konnte Länder bereisen, in die das vorher nicht möglich war und sich mit internationalen Spielern messen. Und so ein Weltmeistertitel muss auch erst mal erkämpft werden.

Vollenden Sie den Satz: „Sport ist…“ auf jeden Fall kein Mord.

Welche Fähigkeit würden Sie gern beherrschen? Ich bin am Wasser groß geworden und von der Schifffahrt war ich schon immer begeistert, so dass ich in diesem Bereich wünschte mehr zu können.

Wie sah als Kind ihr Traumberuf aus? Kapitän, aus den schon genannten Gründen.

Sind Sie stolz auf sich? Nein.

Ihre Tochter spielt ebenfalls erfolgreich Badminton. Hat sie das „Michalowsky-Gen“? Ja.

Wie sieht ein typischer Tag bei Edgar Michalowsky aus? Auf die Woche bezogen, gehe ich dreimal die Woche zum Training. Ansonsten gebe ich die Hochschulsportkurse Dienstag Mittag und Abend, sowie Donnerstag.

Was verabscheuen Sie am meisten? Unehrlichkeit.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Greifswald? In Leutzin am Wasser bin ich sehr gern.

Geschrieben von Cornelia Leinhos

Kino: Eine lebendige Urschreitherapie

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:41 Uhr

Hollywood überraschend anders: „Garden State“

Andrew (Zach Braff) ist Mitte zwanzig und schlägt sich in Hollywood mit Gelegenheitsjobs durch, als er vom Tod seiner Mutter erfährt. Die Beerdigung ist der erste Grund seit vielen Jahren, wieder in seine alte Heimat New Jersey zurückzukehren.

Das distanzierte Verhältnis zu seinem Vater (Ian Holm), der gleichzeitig sein Psychiater ist, wird auch unter diesen Umständen nicht entlasteter. Auf dem Friedhof trifft er einen alten Kumpel (Peter Sarsgaard) wieder, der sich hier als Totengräber verdient, aber auch allerlei andere Mittel und Wege kennt, sich irgendwie über Wasser zu halten. Im Gegensatz zu diesem ist ein anderer ehemaliger Mitschüler Andrews durch die Erfindung eines lautlosen Klettverschlusses Millionär geworden. Von der Party, die er gerade an diesem Abend veranstaltet, zeigt sich Andrew wenig angetan. Stoisch nimmt er den Drogenrausch wahr und zeigt sich selbst von der Blondine wenig angetan, die sich zeitweilig lasziv auf seinem Schoß räkelt.
Anders sieht es aus, als er am nächsten Tag im Wartezimmer eines Neurologen die quirlige Samantha (Natalie Portman) kennen lernt. Der unkonventionelle Umgang, den beide bereits in den ersten Worten miteinander pflegen, eröffnet Andrew Perspektiven, aus seiner emotionslosen Routine auszubrechen…
Mit seinem grotesken Szenario hat es Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller Zach Braff geschafft, ein lebendiges Kleinod zu schaffen. Obwohl – oder gerade weil die Charaktere stark überzeichnet sind, gibt einem dieser Film die Möglichkeit, Parallelen zu seinem eigenen Umfeld zu ziehen. Die Dialoge und Reaktionen sind locker und häufig überraschend. Dies wird vor allem bei Natalie Portman deutlich, die zeigt, in welch ein enges Korsett sie George Lucas gepresst hat. Die flippig-spontane Expressivität die sie hier an den Tag legt, lässt einen die Kunstfigur der Padmé Amidala fast vergessen. Lediglich die häufigen übertriebenen Tränen machen hin und wieder deutlich, das auch dies nur Schauspielerei ist.
Auch wenn der Film in einem stereotypen Happy End ausläuft, das sicher so gewollt ist, bleibt einem das herrlich surreale Bild der drei jungen Menschen in Erinnerung, die in strömendem Regen, mit schwarzen Müllsäcken bekleidet auf einem verrosteten Kran stehend, aus volle Kehle in einen scheinbar unendlichen Abgrund schreien.

Geschrieben von Arvid Hansmann

Kino: A Hitchhiker’s Guide To The Galaxy

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:39 Uhr

Das ist nicht Arthur Dents (Martin Freeman) Tag: sein Haus wurde zerstört, sein Freund Ford Prefect – benannt nach einem 1949-er Modell, da er anfangs Autos für die herrschende Spezies auf der Erde hielt – ist ein Außerirdischer, und nun soll gar die ganze Erde einer intergalaktischen Hyperexpressroute weichen.
Mit Hilfe von Ford (einfach genial: Mos Def) und dessen unglaublichen Reiseführer gelingt es Arthur, sich auf ein Raumschiff zu retten. Doch nun beginnt der Ärger erst richtig, denn dieses gehört ausgerechnet den Vogonen, die gerade die Erde gesprengt haben und von intergalaktischen Anhaltern gar nicht begeistert sind.
Gemeinsam mit Zaphod Beeblebrox (Sam Rockwell), dem schizophrenen, egozentrischen Präsidenten der Galaxis, Marvin, dem manisch depressiven Roboter, und Trillian, dem einzigen weiteren Überlebenden der Erdzerstörung, machen sich Arthur und Ford auf die Suche nach der alles entscheidenden Frage nach Leben, Universum und allem.
Über 25 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen der irrwitzigen Geschichte – die wohl einzige Trilogie in fünf Teilen – wurde das erste von Douglas Adams‘ Kultbüchern nun endlich fürs Kino verfilmt. Neu ist lediglich die Figur des Space-Gurus Humma Kavala (John Malkovich), dessen verschnupfte Sekte die Ankunft des großen Taschentuchs erwartet.
Unter Regie von Garth Jennings und Mitarbeit von Douglas Adams selbst ist eine pädagogisch garantiert sinnfreie, aber zum Schreien komische Sci-Fi-Komödie entstanden, in der man lernt, dass die Antwort auf alles „42“ ist, welche Rolle Mäuse für die Existenz der Erde spielen und warum man im Weltraum niemals ohne sein Handtuch trampen sollte.

Geschrieben von Julia Mai

Theater: Harte Kost für Partypeople

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:37 Uhr

Ist der Samstagabend nicht fürs Feiern prädestiniert? Auf der Suche nach der ultimativen Saturday-Night-Stimmung werden so einige Termine angesetzt, manchmal in Gestalt eines Geburtstags, eines Abschieds oder auch nur so. Doch was ist, wenn während eines Fests ein ver- und zerstörtes Gemüt nach einem Ausweg schreit?

So geschehen am 4. Juni im TiP, dem Theater im Penguin. Zur Inszenierung kam der Stoff aus dem Film „Das Fest“ von Regisseur Thomas Vinterberg. Wer sich noch erinnert, welche schockierenden und immer noch tabuisierten Themen in diesem Dogma-Klassiker aufgegriffen wurden, wird sich vorstellen können, vor wie vielen Schwierigkeiten eine zur Umsetzung des Stoffes entschlossene Theatergruppe gestanden haben muss.
Sich inhaltlich deutlich am Film orientierend wird erneut der sexuelle Missbrauch an den Zwillingen Christian und Linda aufgetischt. Ankläger: Christian. Angeklagter: der eigene Vater. Dessen 60. Geburtstag will von der Familie gefeiert, vom Sohn zur Aufdeckung der Schandtaten genutzt werden. Ein Kampf beginnt, die heile Welt ist in Gestalt der versammelten Familienmitglieder numerisch über-, Christian, als verstörter Sonderling rhetorisch unterlegen. Erschwerend tritt die Bürde des Freitods der Schwester hinzu.
Als Zuschauer erlebt man nun den Weg eines jungen Mannes, der zwischen Schuld und Unschuld pendelt, nach der Befreiung von teils verdrängten, teils unverdrängten Traumata sucht. Innere Hindernisse müssen genauso umgestürzt werden wie die äußeren der vor Verlogenheit ächzenden Umwelt.
So schwierig es für Nichtbetroffene ist, sich in eine solche Situation hinein zu versetzen, so schwierig ist es auch, sie auf der Bühne darzustellen. Dem gesamten Ensemble muss daher ein Lob ausgesprochen werden, bestand es doch lediglich aus Laienschauspielern der Itzehoer Kaiser-Karl-Schule. Ihnen gelang der Spagat zwischen komischer Zurschaustellung einer pseudo-idyllischen Großfamilie und der Darstellung eines Einzelkämpfers gegen bis dato verschwiegene Abgründe seines Lebens. „Das Fest“ wurde kein Fest, obwohl es alle einlud – zum in sich Gehen.

Geschrieben von Enrico Pohl

Buch: Ich war Saddams Sohn

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:35 Uhr

Latif Yahia hat eine besondere Geschichte. Gewiss, dies trifft auf viele Menschen zu, aber das Schicksal nur weniger hängt so eng zusammen mit der Familie eines der bekanntesten Häftlinge weltweit: Saddam Hussein.
In jungem Alter wird der ehemalige Klassenkamerad von Saddams ältestem Sohn Uday gedrängt, in einen besonderen Dienst zu treten. Seine äußerliche Ähnlichkeit zu Uday wird ihm hierbei zum Verhängnis. Durch kosmetische Operationen „angepasst“ wird er zu Udays Doppelgänger, einem Fidai, der ihn bei öffentlichen Auftritten ersetzen soll. Eine Odyssee führt ihn vom Luxusleben in einem der Präsidentpaläste über Einsätze im Iran-Irakischen Krieg bis hin in die berüchtigten Folterkammern Saddams – als Häftling wohlgemerkt.
Nun, nachdem das alte Regime im Irak zerschlagen wurde, wagte der Exil-Iraker mit seiner Geschichte den Schritt an die Öffentlichkeit.
Sehr persönlich, ergreifend, auch ihm unangenehme Situationen nicht aussparend, schützt diese Biografie durch deutliche Schilderungen brutaler Akte der Willkür vor aufkommender Vergangenheitsverklärung angesicht einer noch nicht konsolidierten Sicherheitslage im heutigen Irak.

Das Buch „Ich war Saddams Sohn von Latif Yahia ist im Goldmann-Verlag erschienen.

Geschrieben von Christin Püschel

Buch: Stefan Aust – Die vierte Gewalt

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:30 Uhr

„Es ist unmöglich, die Geschichte eines Menschen lückenlos zu rekonstruieren. Zu begrenzt sind Zeugenaussagen, zu begrenzt sind auch Selbstzeugnisse, etwa in Form von Berichten über ihre eigenen Taten. Jeder Zeuge, auch der sachlichste, gibt immer nur seine Sicht der Dinge wieder. Gefühle, Motivationen, innere Regungen entziehen sich ohnehin weitgehend der Berichterstattung. Grobe Verfehlungen werden von Beteiligten selbstverständlich nur ungern geschildert.“

Dies schrieb Stefan Aust einst selbst, am Anfang seines Werkes „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Oliver Gehrs macht in seinem Buch „Der Spiegel-Komplex“ deutlich, wie vorsichtig ein Stefan Aust ist, um sich selbst keine Blöße zu geben. So soll auch dieses Zitat nach Gehrs Meinung einzig der Vorbereitung des Lesers auf das kommende Buch „Mauss. Ein deutscher Agent“ gedient haben.
Unabhängig davon, was von diesem einzelnen Beispiel zu halten ist: Oliver Gehrs hat es sich mit seiner Hinterfragung der Person und Persönlichkeit Stefan Aust nicht leicht gemacht. Nur bekommt der Leser manchmal den Eindruck, Gehrs habe sich so sehr in seine Arbeit hinein gesteigert, dass er kaum noch aus ihr herauszufinden vermochte.
Doch ist seinem Schaffen damit kein Abbruch getan. „Der Spiegel-Komplex“ ist zweifelsohne mit Verve recherchiert, eine Ausleuchtung Stefan Austs, die es bis jetzt so nicht gab. Dies wohl auch ein wenig aus Angst vor dieser Ikone des neuen Journalismus. So musste sich Gehrs vor Beginn seiner Arbeit einen unangenehmen Anruf gefallen lassen: „Am Apparat war Gabor Steingart, der Berliner Büroleiter des Spiegel. Er fragte mich, ob es stimme, dass ich über Aust schreiben wolle, was ich bejahte. Daraufhin machte Steingart eine lange Pause und sagte dann quasi ins Ausatmen hinein: „Ich würde es nicht machen.“ Es war ein bisschen wie in dem Film Der Pate.“ Das spornte Gehrs dann doch eher an, was der Öffentlichkeit dieses Buch bescherte, in dem Stefan Aust wieder auf ein vernünftiges Maß geschrumpft wird: Dem eines talentierten Journalisten mit Gespühr für Macht und Schlagzeilen. Eine lichte Wunderfigur ist er so wenig wie jeder andere, der sich gerne als eine solche geriert.
Wundervoll chronologisch rollt Gehrs Austs Leben auf. Von der Schülerzeitung „Wir“ über die „Konkret“ und die „St. Pauli Nachrichten“ zum NDR bei „Panorama“ und schließlich, nachdem er dort seiner Streitbarkeit wegen übergangen wurde, hin zu den Privatsendern. Nachdem er dort „Spiegel-TV“ quotenfähig gemacht hatte, wurde er von Rudolf Augstein zum „Spiegel“ geholt. Da sitzt er heute noch und hat auch diese Redaktion gründlich umgekrempelt. Das ist es auch, was Gehrs an der ganzen Aust-Kiste zu reizen scheint. Die einflussnehmende Art des Machtmenschen Stefan Aust, der Mitarbeiter vor den Kopf stößt, wenn ihm ihre Arbeiten nicht zusagen. Der ohne Rücksicht auf Verluste stets eine autoritäre Redaktionsstruktur anstrebte, natürlich mit ihm an der Spitze.
Oliver Gehrs bringt es ganz einfach auf den Punkt: „Aust ist kein Historiker, sondern Journalist.“ Zum Glück für den Leser hat Gehrs sein Buch historischer geschrieben, als Aust sein Leben.

Das Buches „Der Spiegel-Komplex“ von Oliver Gehrs ist bei Droemer/Knaur erschienen.

Geschrieben von Stephan Kosa

Liebe, Tod und Labyrinth

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:25 Uhr

Was das Wetter betraf, konnten die Berliner Medienschaffenden des Deutschlandradio Kultur nicht klagen. Die Live-Sendung in der Reihe „Deutschlandrundfahrt“ aus dem Hof des St. Spiritus ging bei strahlend blauem Himmel und hochsommerlichen Temperaturen routiniert über die Bühne. Am Abend fanden sich so viele Gäste zur „Langen Hörspielnacht“ im Obergeschoß des Koeppenhauses ein, dass beinahe die Fensterbänke als Sitzgelegenheiten herhalten mußten.


So zeigte sich Ruth Müllejans, Leiterin des Koeppenhauses, angesichts der Zuschauerzahl überrascht und bereitete die Hörer auf einen „langen Abend mit hartem Stoff“ vor.
Der Abend begann jedoch mit der Präsentation eines sehr kurzen Radioformats, der sogenannten „Wurfsendung“. Seit September 2004 streut Deutschlandradio Kultur 45-sekündige Soundschnipsel in das Programm mit ein, die literarische und radiophone Formen aufgreifen. Japanische Haikus mit Musik untermalt, Wort und Totschlag im Kurzkrimi, O-Ton-Collagen. „Trotz anfänglicher Skepsis hat sich inzwischen eine regelrechte Fangemeinde entwickelt“, berichtet Stefanie Hoster, Hörspielredakteurin bei Deutschlandradio Kultur.
Der lange und harte Stoff begann danach mit dem Hörspiel „Liebe“ der kroatischen Autorin Koraljka Mestrovic. Da wird der Sarg einer jungen Frau von ihrem Freund ausgegraben und geöffnet. Sie ist ihm förmlich unter seiner starken Liebe weggestorben. Nacheinander erzählen ein Polizist, der Freund, die Mutter der jungen Frau, die inzwischen Verstorbene und ein Arzt ihre Version der Geschichte. Schöne Hände, wortwörtlich tödliche Langeweile, Tee und Kuchen und psychosomatische Symptome. Und jeder hat seine ganz eigene Interpretation der Liebe.
Nicht weniger verstörend das zweite Hörspiel der Autorin aus Zagreb. „Die Hand“ einer Frau liegt „kurz unterhalb des Ellenbogens abgetrennt“ auf dem Tisch eines Pathologen. Und wieder gibt es einen Freund, der um eben diese Hand angehalten hat. Doch die dazugehörige junge Frau fühlte sich missverstanden, schwänzte die Hochzeit, flüchtete zur Maniküre. Und entschließt sich, ihre Hand zu verlieren.
Beide Hörspiele sind Teil einer Trilogie, das dritte Hörspiel „Dreams“ ist noch in Arbeit. Die Themen Liebe, Einsamkeit und Tod ziehen sich wie ein roter Faden durch beide Hörstücke. In „Liebe“ orakelt die Mutter den Tod ihrer Tochter aus der Hand des Freundes herbei, in „Die Hand“ attestiert eine Zigeunerin der jungen Frau, „keine Herzlinie“ zu haben.
Als letztes präsentierten die Berliner Radiomacher ein klassisches Stück in einem neuen Gewand, „Minotaurus – Eine Ballade“ von Friedrich Dürrenmatt. Der Schweizer Dramatiker nahm sich 1984 des griechischen Mythos an und schuf eine Ballade voll der Erfahrung des Labyrinths. „Das Hörspiel geht zum Teil an die Grenzen der Verständlichkeit“, warnte Stefanie Hoster vor. Nicht zu Unrecht, denn Dürrenmatts Text ging in Echo-Effekten und ekstatischer Musik beinahe unter. Die akustische Erfahrung klaustrophobischer Verzweiflung und körperlicher wie spiegelbildlicher Begegnung war dennoch eindrucksvoll.
Gegen Mitternacht war die inzwischen zweite Hörspielnacht im Koeppenhaus zu Ende. Stefanie Hoster, die kurz zuvor noch mit Ruth Müllejans ihren „guten Draht nach Greifswald“ beschwor, versprach den Zuhörern: „Wir kommen wieder!“

Geschrieben von Ulrich Kötter

CD: Maria Kliegel: Johann Sebastian Bach Cellosuiten (Naxos)

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:23 Uhr

Die Cellosuiten von Johann Sebastian Bach gehören zum Repertoire eines Cellisten. Allerdings fordert ihre allgemeine Bekanntheit von Musikern eine eigenständige Interpretation, die im internationalen Maßstab neben denen Pau (Pablo) Caslas und Mistlaw Rostropowitsch Bestand hat. Maria Kliegel präsentiert die Suiten dank sorgfältiger Quellenvergleiche spannungsreich und herzerfrischend mit einem gelösten und wunderbar warmen und runden Celloton. Bravo!

CD: Viktoria Tolstoy: My Swedish Heart (ACT)

Geschrieben von | Veröffentlicht am 17. Juni 2005 um 22:20 Uhr

Wunderbar! Viktoria Tolstoy macht mit ihren musikalischen Wurzeln ernst. Die Ur-Ur-Enkelin des russischen Schriftstellers Lew Tolstoy verbeugt sich würdevoll vor ihren schwedischen Jazzgrößen (Jan Johansson, Lars Guelin) und dankt Kollegen wie auch Freunden (Ale Möller, Jacob Karlzon, Ulf Wakenius) mit ihrem zweiten Album „My Swedish Heart“. Cooler Jazz für einen heißen Sommer – made in Sweden!

Geschrieben von Uwe Rosner

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